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  • Unter Kontrolle

    Thriller, Science Fiction | USA 2008
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      • | Über die Produktion

      • Mit dem packenden Thriller „Surveillance“ (Unter Kontrolle) folgt Jennifer Lynch der Tradition von „Rashômon“ (Rashomon) des großen Regisseurs Akira Kurosawa – damit stellt die Regisseurin, die mit ihrer ganz persönlichen Handschrift oft überrascht, endlich wieder einen neuen Kinofilm vor. Mit Anleihen an den japanischen Meister gestaltet sie eine atemberaubend detailfreudige Story, die aus der Sicht dreier Zeugen erzählt wird. Doch – typisch Jennifer Lynch – nichts ist so, wie man glaubt, nicht einmal am Ende.

        Über den Film und seine Entstehung sagt Lynch: „Vor allem fasziniert mich die Vorstellung, dass die einzelnen Zeugen den Vorfall unterschiedlich wahrnehmen: Jeder hat sein eigenes Leben und sieht die Ereignisse von seinem individuellen Standpunkt aus. Und diese Erfahrungen unterscheiden sich total von denen der anderen. Unsere Geschichte spielt auf einer Straße, die von A nach B führt. Dort sind drei verschiedene Gruppen unterwegs. Alle werden in die Ereignisse hineingezogen. Alle kommen schließlich in die sehr missliche Lage, diese Ereignisse schildern zu müssen. Jeder lügt, gibt aber auch etwas Wahres preis. Weil sie sich schämen, haben sie tief verborgene Gründe für ihre Lügen. Während wir uns also in der Zeit zurückarbeiten, merken wir, dass sie lügen, aber wir lernen sie dabei auch besser kennen.“

        Die drei Gruppen der Hauptfiguren könnten unterschiedlicher nicht sein: Die Polizisten Jack Bennett und Jim Conrad sind fanatische Beamte, die laut Lynch die berühmte Reality-Serie „Cops“ anschauen, dabei ein Bier trinken und ihre Dienstwaffen streicheln würden. Diese Cops träumen von Heldentaten, haben aber in ihrer Karriere einige unangenehme Entscheidungen treffen müssen, von denen niemand etwas wissen darf.

        Die Junkies Bobbi und Johnny suchen ausschließlich ihr Vergnügen und verhalten sich weitgehend so, wie wir es erwarten würden. Doch durch Bobbis Aussage wird deutlich, dass sie bereit wäre, jedem alles zu verzeihen – nur sich selbst nicht. Egal, was ihr zugestoßen ist – in jedem Fall ist sie überzeugt, dass sie es auch verdient hat, vor allem die schlimmen Erfahrungen.

        Die kleine Stephanie beobachtet und empfindet wie ein Kind. Sie bewertet und urteilt nicht, wie es die Erwachsenen tun. Stephanie erkennt das Kind in Bobbi, und deshalb sieht Bobbi die Kleine als einen Hoffnungsschimmer. Bobbi will Stephanie retten, um sich selbst zu retten – daraus ergibt sich eine starke Bindung zwischen den beiden.
        „Jeder lügt, alle lecken sie ihre offenen Wunden“, erklärt Lynch. „Vor allem das Kind ermöglicht ihnen, die Ereignisse so zu sehen, wie sie sie sehen wollen. Die Perspektive ergibt sich aus dem Gefühl, mit dem man seinem Gegenüber begegnet. Im Grunde hören wir einfach nicht mehr auf das Kind in uns. Denn Kinder nehmen Dinge wahr, deren Bedeutung wir vergessen haben. Wir sind in unserem Ego gefangen, während die Kinder die Details wahrnehmen.“

        Mit „Unter Kontrolle“ kehrt Lynch nach über zehn Jahren auf den Regiestuhl zurück – ihr gefeiertes und oft kritisiertes Spielfilmregiedebüt war „Boxing Helena“ (Boxing Helena).

        „Mein nächstes Projekt sollte ,Unter Kontrolle‘ sein, weil ich die Figuren, diesen Irrsinn, besonders mag“, sagt Lynch. „Eine gute, runde Geschichte, die das Wesen des Menschen erforscht – das fasziniert mich. Kent Harper, mit dem ich einige Kurzfilme produziert habe, zeigte mir ein Skript, in dem es um übernatürliche Vorfälle geht – daraus entwickelten sich andere Ideen. Doch in unserer ersten Drehbuchfassung war das Übernatürliche noch enthalten – in Verbindung mit dem Element des Voyeurismus: Wie ist das, andere Leute zu beobachten? Dann merkte ich: Wenn man es mit Leuten zu tun hat, die sich gegenseitig umbringen und innerlich tot sind, weil ihnen so übel mitgespielt wurde, dann ist es doch viel interessanter, nach den Gründen dieser Taten zu fragen statt danach, wie diese Taten erscheinen. ,Unter Kontrolle‘ lehrt uns das Fürchten, denn wir alle bräuchten nur ganz wenige falsche Entscheidungen zu treffen, und schon würden wir uns selbst und anderen ähnlich wehtun.

        Über die Entwicklung der Handlung sagt Lynch: „Nach dem Zwiebelprinzip legten wir also eine Schale nach der anderen frei, wir geben der Story ihre eigene Stimme. Und die ist unüberhörbar, vor allem am Ende. Das Ende mag ich besonders. Es geht um Licht und Finsternis. Licht und Finsternis sind das eine, das Böse das andere. Was ich als finster wahrnahm, empfand mein Dad (Filmemacher David Lynch) überraschenderweise als böse. In dieser Hinsicht hat er mich total infrage gestellt. Er rief mich mitten in der Nacht an und warf mir vor, dass ich das Drehbuch nicht so enden lassen darf!! Natürlich darf ich das. Es ist genau das richtige Ende für diese Geschichte. Alles läuft auf die Frage hinaus: Wenn wir die Wahrheit sagen – bringt uns das die Rettung?“

        Der Film entstand mit kleinem Budget und engem Drehplan auf den weiten Ebenen um den Ort Regina in der kanadischen Provinz Saskatchewan. Lynch berichtet: „Ich drehe gern sehr schnell – das liegt mir. Ich will die Dynamik in Gang halten. Alles bewegt sich vorwärts. Mal läuft es schneller, mal langsamer, aber alles unterliegt einem stetigen Rhythmus – da noch einen Drehplan draufsetzen zu wollen, ist fast lächerlich. Ich beiße mich durch. Ich würdige den Beitrag jedes Mitwirkenden als Teil des Ganzen. Wir haben dem Wind, den Zecken und dem Regen die Stirn geboten. Dem ganzen Wahnsinn.“

        Lynch arbeitete eng mit ihrem Produzentenpartner Marco Mehlitz zusammen, in dessen umfangreicher Filmografie „Undiscovered“ (Newcomer – Tausche Ruhm gegen Liebe), „The Final Cut“ (The Final Cut – Dein Tod ist erst der Anfang) und „Bowling for Columbine“ (Bowling for Columbine) zu finden sind.
        „Marco Mehlitz ist einfach unglaublich“, sagt Lynch über ihren Produzenten. „Er ist nicht nur vom Intellekt und seinen Fähigkeiten her einer der besten Produzenten, die ich je erlebt habe, sondern auch der zugänglichste und – verzeihen Sie den Ausdruck – menschlichste Produzent. Es will schon etwas heißen, wenn jemand weiterhin genau zuhört, auch wenn er in diesem Moment bereits schwerwiegende Entscheidungen treffen muss. Er redet nicht nur mit mir, sondern er hört auch genau zu – das ist wirklich unbezahlbar. Wenn er am Set erscheint und sagt: ,So sieht die Situation jetzt aus‘, dann hat er bereits alle Alternativen von A bis Z abgeklopft. Das ist eine große Begabung. Dadurch darf ich mich sicher fühlen und kann mich ganz auf meine Arbeit konzentrieren. Seine wunderbare Karriere besteht aus interessanten Entscheidungen – er hat ein Auge für Geschichten. Und es gelingt ihm immer wieder, die richtigen Leute zusammenzubringen. Meine schönsten Erlebnisse verdanke ich Marcos einnehmender Persönlichkeit, seinem Können. Unsere Beziehung ist äußerst vital. Leider kann ich nicht behaupten, dass ich Marco ausgesucht habe – eher hat sich Marco das Projekt ausgesucht, und ich war zufällig involviert! Ich glaube, ich möchte nie mehr mit einem anderen Produzenten arbeiten! Selbst in den schwierigsten Situationen war ich dankbar, weil ich Marco an meiner Seite wusste.“
        Mehlitz ist seit langem auf das Management und die Co-Produktion von Filmprojekten spezialisiert. Er ist Chief Executive Officer/Geschäftsführer und Mitbegründer von Lago Films mit Büros in Berlin und im Potsdamer Studio Babelsberg. Seine nordamerikanische Filmfirma See Films hat ihren Sitz in Los Angeles.

        Mehlitz kam auf die Idee, Lynchs Projekt in der flachen Landschaft der kanadischen Provinz Saskatchewan anzusiedeln. Und Mehlitz war es auch, der diesen typisch amerikanischen Film mit globalem kreativem Input auf die Beine stellte.
        „Die Geldmittel fanden wir ausschließlich in den USA, es handelt sich also um einen amerikanischen Independent-Film“, erklärt Mehlitz. „Das kreative Team besteht aus einem deutschen Produzenten, einem kanadischen Team und Schauspielern aus Großbritannien. Jen hat als Filmemacherin eine unverkennbar amerikanische Handschrift, doch sie gestaltet eine Story über das Menschsein an sich.

        Ich bin sehr stolz auf unser multinationales Team. Ich mache alles mit Jen zusammen. Wir sind ein Team, das hervorragend funktioniert. Am Set geben die Mitarbeiter und Darsteller kreativen Input, den wir jederzeit begrüßen. So arbeite ich gern, und Jen geht es genauso. Als Team kamen wir nach Kanada, und dort haben wir uns nach Mitarbeitern für die Crew umgesehen. Wir waren uns von Anfang an sehr nah – und so haben wir es auch mit allen gehalten, die dann zu uns stießen.“

        So entwickelte sich eine Kameradschaft am Set, die Schauspieler und Crew-Mitglieder einschloss, wie Julia Ormond, Darstellerin der FBI-Agentin Elizabeth Anderson, bereits am ersten Drehtag erleben konnte: „Jens Energie ist körperlich spürbar. Man merkt das am Engagement der Mitarbeiter – das wirkt sich auf den Set aus. So entsteht eine mystische Atmosphäre, die sich auf die Leinwand überträgt. Jen wirkt ungeheuer stark, sie hat die Energie eines aufsteigenden Phönix.

        Diese Frau wurde von einer wankelmütigen Branche in die Mangel genommen, einer Branche, die sie bewusst missverstanden und untergebuttert hat. Es hat lange gedauert, bis sie sich davon befreit hat, aber ich spüre, dass dieser Film irgendwie ihre Antwort darauf ist. Jetzt haben wir alle das Gefühl, dass sie sich mit diesem Film an die Spitze katapultieren wird – und wir halten uns alle an ihr fest, weil wir dabeisein wollen. Denn eine gewöhnliche Regisseurin ist sie ganz und gar nicht. Sie ist kein Kopfmensch, viel mehr ,das Tier an sich‘, wie sie gerne sagt. Die kommerziellen Aspekte des Films interessieren uns nicht so sehr wie die kongeniale Umsetzung der Story, die sie erzählen will. Schon seit langem war ich von keinem Projekt mehr so begeistert wie von diesem.“

        Zu Lynchs hochkarätiger Besetzung gehören so berühmte Namen wie Ormond und Bill Pullman, der renommierte Charakterdarsteller Michael Ironside, die brillanten Komiker French Stewart und Cheri Oteri, die Newcomerin Ryan Simpkins und Lynchs Co-Autor Kent Harper.

        „Ach, die Schauspieler und das Team“, seufzt Lynch. „Ich habe unglaubliches Glück, in dieser Runde arbeiten zu dürfen. Man träumt von etwas, und dann entsteht daraus ein gigantisches Projekt – mindestens zehnmal am Tag kneife ich mir in den Arm und frage mich: Ist das wirklich mein Leben? Ich drehe mich auf unserer Straße um, schaue sie alle an und grinse innerlich wie äußerlich, weil das so toll ist.“

        Die Arbeit mit den Darstellern bestand vor allem darin, sie mit in den kreativen Prozess einzubinden – Lynch forderte sie oft auf, zu improvisieren und so ihre Figuren weiterzuentwickeln.

        „Es geht um Beobachtung“, sagt Lynch. „Sowohl im Film als auch bei der Arbeit mit den Schauspielern. Ich beobachte andere dabei, wie sie mich beobachten. Es geht um die Überprüfung meines Verhaltens und des Verhaltens der anderen. Man verhält sich anders, wenn andere dabei sind – eine natürliche Abwehrreaktion. So etwas finde ich äußerst spannend. Ich habe mir diese Filmfiguren zwar ausgedacht, aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem diejenigen, die dazustoßen, um die Figuren zum Leben zu erwecken, sie besser kennen als ich. Ich muss also eine Menge von ihnen lernen, wenn sie in die Haut dieser Figuren schlüpfen. Als Regisseurin muss ich letztlich irgendwann den Schlussstrich ziehen, aber oft sind die Gedanken, die sich die Schauspieler über ihre Rollen gemacht haben, unschätzbar wertvoll.“

        Lynch fährt fort: „Julia Ormand war die große Überraschung – es ist das reine Vergnügen, mit ihr zu arbeiten. Sie ist eine Dame, eine Frau und sehr menschlich. Wie sie sich in diesen Film einbringt, begeistert mich, denn sie zeigt eine hervorragende Leistung. Und sie entdeckt Fähigkeiten in sich, von denen sie noch gar nichts wusste. Natürlich fallen den Darstellern bestimmte Rollen leichter als andere, aber auf diese Aufgabe hat sie regelrecht gewartet. Was sie hier leistet, ist ein echtes Geschenk für die Produktion.“

        „Ich bin ein großer Fan von Bill Pullman“, berichtet Lynch weiter. „Er gehört zu den echten Spitzentalenten, die wir haben. Und er schreckt vor nichts zurück – er macht es sich wirklich nicht leicht. Fast hätte er damals in ,Boxing Helena‘ mitgespielt, und bin ich sehr stolz darauf, dass er diesmal dabei ist.“

        „Von Pell James hatte ich bereits gehört, ich kannte ihre Filme. Doch hier zeigt sie eine ganz neue Seite von sich. Pell hat eine wunderbare Ausstrahlung, die mir schon an dem Tag auffiel, als ich sie kennenlernte – sie hatte ihr neugeborenes Baby an der Brust, als wir über ihre Rolle sprachen.“

        „Ryan Simpkins hat sich ihre Kindlichkeit bewahrt – das ist heute in der Branche eine große Seltenheit. Deshalb ist sie die perfekte Besetzung für Stephanie. Ryan ist ein Kind, aber ein Kind, das schauspielern kann. Sie ist von Natur aus unerschrocken und total unschuldig – genau das muss sie in ihrer Rolle ausdrücken. In ihrer Unschuld liegt eine Weisheit, die den Erwachsenen fehlt, weil sie ihrem Ego die Herrschaft überlassen. Unsere verlorene Unschuld ist unsere tapferste Eigenschaft. Stephanie repräsentiert das Kind in uns allen, das wir beiseite geschubst haben – daher ist sie die Mutigste von allen.“
        „Cheri Oteri. Cheri Oteri. Wow. Vor ein paar Tagen fuhren wir zufällig im selben Wagen vom Set nach Hause. Da hatte ich Gelegenheit, ihr zu sagen, dass sie mit ihrer Darstellung auf eine universelle Wahrheit gestoßen ist – ich war von diesem Moment völlig gefangen, völlig überwältigt von den Emotionen, die sie ausdrückt. Ich war derart hingerissen, dass mir jemand in die Rippen knuffen musste, damit ich endlich ,Cut‘ rief. Ich habe ihr gesagt, dass sie etwas ganz Großes leistet. Sie bringt eine ungeheure Begabung mit. Ich freue mich, dass der Damm jetzt gebrochen ist. Ob sie komisch ist? Ja. Ist sie eine Schauspielerin, die Leistungen vollbringt, wie sie noch niemand gesehen hat? Durchaus.“

        „Mein Gott, French Stewart! French Stewart ist der Cop. Als wir uns kennenlernten, WAR er einfach einer der beiden Cops – die Rolle ist wie für ihn geschrieben, und ich traute sie ihm natürlich zu. Aber darüber hinaus hat er das gewisse Etwas, mit dem er jeden Tag eine Perle kreiert. Er ist sehr angenehm im Umgang. Jeden meiner Vorschläge nimmt er in sich auf und setzt ihn in zehnfacher Potenz um. Ich hoffe, dass er auf seine Leistung genauso stolz ist wie ich.“

        „Vielleicht überrascht es manche, dass ich Komiker in diesen Rollen besetzt habe“, gibt Lynch zu.
        „Ich kann das am besten mit der Geburt meines Kindes vergleichen: Die Schmerzen waren entsetzlich – aber dennoch habe ich die ganze Zeit gelacht. Die Wehen lösen das in mir aus. Doch wenn man etwas vollbringt, wirkt das sehr befreiend. Gleichzeitig muss ich mich immer wieder infrage stellen, denn ich bin eben nicht allwissend. Aber ich weiß genau, welches Gefühl die Figuren und die Story ausdrücken sollen. Und die Schauspieler sind dabei die besten Mitarbeiter. Denn genau das sind sie, sie sind durchaus keine Marionetten, sondern Mitarbeiter, die zur Verbesserung der Geschichte beitragen. Komische Menschen wirken sehr real und gleichzeitig unendlich traurig – mit einem Wort: menschlich. Das Bedürfnis, andere zum Lachen zu bringen, ihnen Freude zu bereiten, empfinde ich als unbändige, wahrhaftige Kraft. Am liebsten wären wir alle die Person, die die Wahrheit sagt. Doch die Wahrheit ist komisch.“

        „Ich finde Drehorte an sich wunderbar“, fährt Lynch fort. „Am Set fühle ich mich in meinem Leben mit Abstand am wohlsten. Zwischen dem Erwachen am Morgen und dem Schlafengehen erschaffen wir etwas, was es vorher noch nicht gab. Und zwar in Teamarbeit. Das ist reine Magie. Wir tun so, als ob. Aber gleichzeitig ist das Knochenarbeit. Mich erinnert das an meine Kindheit, an meine Lebensträume. Eine Geschichte zu erzählen, sie sichtbar, greifbar zu machen, ist ein Reifungsprozess. Es gibt nichts Schöneres, als mit kreativen Leuten zusammenzuarbeiten. Alle sind sie Rädchen in einem Uhrwerk: Wenn wir nicht alle gemeinsam funktionieren, wird die Zeit falsch angezeigt. Diesmal läuft die Uhr auf die Sekunde genau.“

        Wenn Lynch über ihr Publikum spricht, klingen Erfahrungen mit Konflikten durch, aber auch großer Respekt.

        „Auf jeden Fall drehe ich meine Filme für mich selbst“, gibt sie zu. „Das habe ich über das Filmemachen gelernt: Das Schönste an diesem Beruf ist das Drehen, die Arbeit am Set. Es geht um meine Vorstellungen, um meine kreative Vision, die ich mit den anderen gemeinsam umsetzen will. Das erfüllt mich mit Freude. Wenn ich dann über die Zuschauer nachdenke, überlege ich mir, wie der Film aus meiner Sicht aufgenommen und beurteilt werden sollte. Man darf sich nicht völlig vom Publikum abhängig machen, aber man will es auch nicht von oben herab belehren. Die Leute sind clever, keine Idioten. Wenn ich ihnen eine Geschichte erzähle, muss ich ihr gerecht werden – sie richtet sich an ein cleveres Publikum. Wenn ich die Zuschauer anspreche, muss ich integer sein. Als ob man mit dem Liebsten nachts im Bett liegt und ihm mit geschlossenen Augen eine Spukgeschichte erzählt. Wenn ich dem Publikum jedes einzelne Detail dieser Story erklären müsste, dann würden alle Aspekte, die mir dabei am Herzen liegen, einfach verpuffen. Dieses Risiko muss ich eingehen. Das trifft vor allem auf einen Kinofilm zu, denn wenn er fertig ist und ich sage: ,Hier habt ihr ihn‘, dann wird er sofort beurteilt. Ich befinde mich also in einer sehr prekären Situation. In Bezug auf die Zuschauer denke ich daher: ,Hoffentlich nehmen sie das, was ich ihnen präsentiere, auf eine Art wahr, die ihnen Freude macht.‘ Mehr kann ich nicht tun. Wenn mir jemand ,Unter Kontrolle‘ zeigen würde, würde ich darauf abfahren. Aber ich bin in jedem Fall dankbar für diese Chance – sogar wenn die Leute nicht darauf abfahren. Unser Film ist eine Achterbahnfahrt, ein Jahrmarktsvergnügen – wir haben natürlich keine Heilmethode für den Krebs erfunden. Kaufen Sie sich Ihr Popcorn und Ihre Cola, legen Sie noch eine Tüte Bonbons drauf, und nehmen Sie Platz. Lassen Sie sich in dunkle Gefilde entführen, in die Sie sich selten freiwillig wagen; lachen Sie über die komischen Szenen – denn so ist das Leben. In diesem Film gibt es Szenen, die Sie – hoppla! – absolut nicht erwartet haben!“

        „Deswegen wollte ich diesen Film drehen“, grinst Lynch abschließend. „Vom Konzept her und während der gesamten Entwicklung konnte ich mir nichts Schöneres vorstellen, als ihn zum Leben zu erwecken.“

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