Drehbuchautor Kelley Sane schrieb das Drehbuch zu „Rendition“ nach einer lebhaften Diskussion mit seinem Freund Mark Martin über das wenig bekannte, als „extraordinary rendition“ (Überstellung in die Rechtlosigkeit) bezeichnete Verfahren der US-Regierung, die die Entführung von Nicht-Amerikanern erlaubt, wenn diese als Bedrohung der nationalen Sicherheit gelten. Diese Häftlinge werden dann in geheimen Gefängnissen außerhalb der USA verhört.
Dazu Sane: „Mark Martin hat unseren Film auch co-produziert – wir diskutierten über den nahe liegenden Rechtsmissbrauch, der doch offensichtlich dem amerikanischen Ideal widerspricht. Mark schlug vor, ich sollte darüber ein Drehbuch schreiben. Das musste ich mir zunächst gründlich überlegen, denn als potenzieller Zuschauer fand ich es nicht unbedingt interessant zu sehen, wie jemand verhaftet und gefoltert wird. Doch als ich länger darüber nachdachte, berührte mich der Gedanke an die Familien der Verschwundenen, die ja keine Ahnung haben, was passiert. In unserem Land verschwinden jedes Jahr Tausende aus verschiedenen Gründen, und ich stellte mir das Leid vor, wenn man nicht weiß, wo der Verwandte abgeblieben ist.“
Produzent Steve Golin las bereits eine frühe Fassung des Drehbuchs. „David Kanter und Keith Redman sind Mitarbeiter in meiner Firma Anonymous Content. Sie entdeckten mit Mark Martin das Skript – auch er arbeitete damals für mich“, sagt Golin. „Etwa ein Jahr lang haben wir es entwickelt – als echte Teamarbeit. Mich beeindruckte vor allem, dass Kelly Sane den vorwurfsvoll erhobenen Zeigefinger vermeidet. Es geht vielmehr um die Auswirkungen der ,extraordinary rendition‘ auf die Betroffenen.“
„Im Grunde werden zwei Seiten der Story beleuchtet“, fährt Golin fort. „Wahrscheinlich akzeptiert eine große Mehrheit die Anwendung von Gewalt bei Verhören, um an Informationen zu kommen, wenn eine unmittelbare Gefahr für Tausende von Menschen besteht. Andererseits hat die Regierung der Vereinigten Staaten im Laufe ihrer Geschichte die Bürgerrechte eingeschränkt – im Krieg, im Ausnahmezustand. Wenn wir uns also dieses Themas annehmen, dann wollen wir das Bewusstsein dafür schärfen, dass die Genfer Konvention aus gutem Grund besteht, dass Gesetze eingehalten werden müssen, denn langfristig funktioniert die Gesellschaft nur auf dieser Grundlage. Wenn wir diese Rechte verwerfen, führt unser Weg, glaube ich, steil abwärts.“
Bei der Suche nach einem Regisseur dachte Golin sofort an Gavin Hood, dessen „Tsotsi“ (Tsotsi; 2005) als Bester fremdsprachiger Film mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. „Tsotsi“ zeigt sechs Tage im Leben eines skrupellosen jungen Bandenführers in der Township Soweto bei Johannesburg – er muss für ein Baby sorgen, das er bei einem Autodiebstahl aus Versehen gekidnappt hat.
„Gavin stammt aus Südafrika, hat also schon viele interessante politische Situationen erlebt“, sagt Golin. „Er wuchs im Gegensatz zu vielen Amerikanern in einer politisierten Umgebung auf. Deshalb war ich überzeugt, dass er sehr sensibel mit diesem Stoff umgehen würde. Er hat die Erfahrung gemacht, dass Freunde spurlos verschwanden. Für mich war klar, dass er mit dieser Story etwas anfangen kann.“
Zufällig suchte Hood gerade nach einem besonderen Stoff, mit dem er nach „Tsotsi“ sein amerikanisches Debüt geben wollte.
„Bei der Auswahl meiner Projekte orientiere ich mich an zwei Aspekten, die einen großen Film ausmachen“, sagt Hood. „Zunächst soll er spannende Unterhaltung bieten. Aber ich finde auch, dass große Filme uns anschließend zu Diskussionen anregen sollten. Nach solchen Filmen führt man intensive Gespräche, man debattiert, streitet sich sogar mit seinem Partner, mit seinen Freunden. Das war das Tolle am Drehbuch zu ,Rendition‘: Ein guter Thriller, den man gar nicht aus der Hand legen kann – ständig fragte ich mich: ,Was passiert wohl als Nächstes?‘ Gleichzeitig stellt er aber auch tiefschürfende, schwierige Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Nach der Lektüre dachte ich tagelang darüber nach: ,Wie soll ich das einordnen, wie stehe ich selbst dazu?‘ Eine mitreißende Story, die mich ins Grübeln gebracht hat.“
Produzent Bill Todman, Jr. war glücklich, als Hood an Bord kam: „Gavin hat ein Gespür für das Geschichtenerzählen, er braucht keine Tricks. ,Tsotsi‘ lief mit Untertiteln, und man konnte buchstäblich den Ton abdrehen und die Geschichte trotzdem verstehen. Er bot sich als Regisseur ganz von selbst an – es gelingt ihm, all diese verschachtelten Storys auf einen Nenner zu bringen.“
Zunächst nahmen sich die Filmemacher die vielschichtigen Erzählstränge im Drehbuch vor. Dazu Hood: „Alle Elemente sollen stets ausgewogen sein, jede Nebenhandlung braucht ihren eigenen Spannungsbogen, denn im Grunde drehen wir vier oder fünf Kurzfilme und verflechten sie zu einer Handlung. Mich reizte vor allem die Frage, wie ich den maximalen emotionalen Eindruck innerhalb kürzester Zeit erreichen kann, um die Zuschauer auf Trab zu halten. Von der Erzählstruktur her ist das eine sehr schwierige Aufgabe, aber auch eine sehr spannende – man hat jedenfalls keine Zeit, Fett anzusetzen.“
Jake Gyllenhaal spielt den CIA-Analytiker Douglas Freeman. Er sagt: „So einen Film habe ich noch nie gemacht. Der Dreh in Marokko kam mir wie ein ganz eigener Film vor, obwohl es ja nur ein kleiner Teil des Ganzen war. Ich bin sehr gespannt auf den fertigen Film, in dem Gavin die verschiedenen Teilstücke zusammensetzt.“
Vor Drehbeginn überarbeitete Hood das Skript zusammen mit Drehbuchautor Kelley Sane: „Beim ersten Lesen fand ich, dass Kelly die Struktur brillant gestaltet hat. Am Ende gibt es eine verblüffende Wendung, die uns total überrascht.
Alle Figuren sind wunderbar entwickelt, stellen uns die verschiedenen Aspekte der Story vor. Ich habe mit Kelley also nicht an der Story gearbeitet – die war ihm bereits bestens gelungen. Es ging eher um den Rhythmus, um das Tempo – das ist die Aufgabe des Regisseurs: Wir suchten nach den emotionalen Spannungsbögen der Handlungsstränge und überlegten, ob und wie sie zur Balance der Gesamthandlung beitragen. Außerdem ging es um die Ausgewogenheit in rechtlicher Hinsicht. Argumentieren wir für die Notwendigkeit der Folter und bieten wir Argumente gegen die Folter? Werden diese Argumente im Film ausgewogen präsentiert? Denn eines wollen Kelley und ich gewiss nicht: den Zuschauern vorschreiben, was sie denken sollen.“
Als das Drehbuch abgeschlossen war, machten sich die Filmemacher auf die Suche nach Darstellern, die die Figuren verkörpern konnten, und versammelten schließlich einige der renommiertesten Schauspieler der Kinoszene.
Die Rolle der Isabella El-Ibrahimi, die herausfinden muss, was hinter dem unerklärlichen Verschwinden ihres Mannes steckt, boten die Filmemacher Reese Witherspoon an, die 2006 als June Carter Cash in „Walk the Line“ (Walk the Line) den Oscar gewonnen hat.
„Reese wirkt wie eine typisch amerikanische Frau“, sagt Produzent Steve Golin. „Daher kann sich wohl jeder mit ihr identifizieren… wenn Reese so etwas erleben muss, dann kann das uns allen passieren.“
Auch Witherspoon fühlte sich sofort von dem Stoff angesprochen: „Mir gefällt, wie die einzelnen Nebenhandlungen alle in ähnliche Situationen münden, aber durchaus nicht so, wie wir es in anderen aktuellen Filmen mit vielen verflochtenen Storys erlebt haben. Interessanterweise handelt jede individuelle Geschichte von Isolation. Es geht also nicht um Kontaktaufnahme, sondern darum, wie wir in der Welt ganz auf uns allein angewiesen sind. Außerdem fühlte ich mich von der Isabella-Rolle angesprochen, weil ich wirklich sehr neugierig darauf war, wie man in Amerika in einer Muslim-Familie lebt. Über bestimmte Religionen gibt es eine Menge vorgefasster Meinungen, viel Angst wird auf dieser Schiene transportiert. Ich möchte gern ein wenig von dieser Angst zerstreuen.“
„Reese arbeitet unglaublich diszipliniert und kommt immer vollständig vorbereitet an den Set“, sagt Regisseur Gavin Hood. „Sie weiß genau, wohin sie will. Für uns ergab sich nur das Problem, dass ich noch nie mit einer berühmten Schauspielerin ihres Kalibers gearbeitet habe – ich hatte also keine Erfahrung mit all den Paparazzi, die sie ständig umschwärmen!“
Witherspoon bereitete sich auf ihre Rolle vor, indem sie sich mit amerikanischen Muslimen traf. „Ich habe mich auch in den Internet-Gemeinden umgeschaut und Bücher gelesen“, fügt sie hinzu. „Mich fasziniert immer wieder, welch unterschiedliche Menschen in unserem Land leben, wie viele Religionen es gibt. Das ist das Wunderbare an Amerika: Die Menschen dürfen ihren Glauben vorurteilslos leben. Aber nach dem 11. September ist es für manche Familien eindeutig schwieriger geworden.“
Jake Gyllenhaal wurde mit Ang Lees „Brokeback Mountain“ (Brokeback Mountain) für den Oscar nominiert – hier stellt er den CIA-Analytiker Douglas Freeman dar. „Jake spielt einen jungen Mann, der ein ausgeprägtes Gefühl für Recht und Unrecht hat – doch dann gerät er in eine außergewöhnliche Situation, und plötzlich werden seine Werte auf den Kopf gestellt“, sagt Produzent Steve Golin.
Dazu Gavin Hood: „Jake spielt eine sehr schwierige Rolle, denn Douglas fungiert im Film als moralischer Gradmesser. Ähnlich wie der Zuschauer beobachtet er das Geschehen. Er ist die einzige Person, die zum Thema Rendition keine eindeutige Meinung hat. Wir wissen nicht, in welche Richtung er tendiert oder was genau er empfindet, während er die Ereignisse des Films miterlebt. Jake meistert das wunderbar – er weiß genau, dass er als Schauspieler in diesem Fall sehr wenig tun und sagen, aber umso mehr aufnehmen und gefühlsmäßig verarbeiten muss.“
Gyllenhaal freute sich auf die Rolle, die sich deutlich von allen seinen bisherigen Filmen abhebt. „Douglas gerät mitten zwischen die Fronten – nicht nur emotional, sondern auch wortwörtlich, körperlich, und er hat kein Ventil dafür. Diese Art Spannung ist für einen Schauspieler richtig anregend“, sagt er. „Viele meiner Altersgenossen sind auf der Suche – nach Identität, nach einem Lebenssinn. So findet Douglas seinen Weg: Als wir ihn kennenlernen, wirkt er resigniert und apathisch. Doch dann wird er blitzartig mit einer erschreckenden Realität konfrontiert – entsetzt muss er sich darüber klar werden, was Menschlichkeit für ihn bedeutet. Am Ende des Films gerät er in eine Situation, die er überhaupt nicht vorausgesehen hat, die er schließlich aber als ungeheure Befreiung empfindet – und das gilt auch für mich als Schauspieler.“
Schauspieler Omar Metwally übernahm die Schlüsselrolle des Anwar El-Ibrahimi, der als Terrorist verdächtigt, verschleppt und in ein geheimes Gefängnis gesteckt wird.
„Omar ist ein äußerst intelligenter, emotional sehr ausgeglichener Schauspieler“, sagt Gavin Hood. „Seine Rolle ist in mancher Hinsicht schwieriger als die etlicher Kollegen, weil er seine Szenen oft ganz allein bestreiten muss. Ich schätze mich glücklich, bei diesem Part auf einen Darsteller mit Omars Fähigkeiten setzen zu können.“
„In mehreren Szenen ist Anwar völlig allein“, sagt Metwally. „Diese Sequenzen halte ich für sehr wichtig, denn Folter ist eine Erfahrung, die isoliert. Das hat mich an dieser Figur interessiert. Eine unglaubliche Rolle, von der Schauspieler träumen, denn diesem Mann wird eine menschliche Grenzerfahrung aufgezwungen.“
Die zweifache Oscar-Preisträgerin Meryl Streep spielt Corrine Whitman, Leiterin der Anti-Terror-Einheit bei der CIA. Gavin Hood genoss die Chance, mit der legendären Schauspielerin zu arbeiten. „Ich weiß: Das klingt speichelleckerisch, aber es stimmt“, sagt er. „Sie ist eine Ikone, und ich kann dazu nur sagen: Sie ist ein Vollblut-Profi, absolut diszipliniert, und sie behandelt jedermann sehr zuvorkommend. Wenn wir zur Aufnahme bereit sind, dann ist sie es auch.“
Reese Witherspoon fügt hinzu: „Mit Meryl arbeiten zu dürfen – wow! Ich hatte zuvor bereits das Glück, sie privat kennenzulernen, wusste also, wie nett sie ist. Sie ist wirklich äußerst sympathisch, immer freundlich, sehr begabt, aber auch eine wunderbare Mutter, und sie ist total bodenständig.“
Zur internationalen Besetzung zählen außerdem die Amerikaner Peter Sarsgaard und Alan Arkin (der mit „Little Miss Sunshine“ kürzlich den Oscar gewann), der Israeli Igal Naor; die Marokkanerin Zineb Oukach und der Algerier Moa Khouas.
Die „extraordinary rendition“ lieferte täglich Gesprächsstoff am Set – unter den Schauspielern ebenso wie unter den Filmemachern und der internationalen Crew. Das umstrittene Thema wurde immer wieder heiß diskutiert.
„Als ich erstmals von der ,extraordinary rendition‘ erfuhr, wollte ich diese Vorfälle überhaupt nicht glauben“, sagt Reese Witherspoon. „Es wirkt so völlig untypisch für Amerikaner, Leute ohne ordentliches Verfahren zu inhaftieren, ohne die Möglichkeit, einem Richter vorgeführt zu werden und einen fairen Prozess zu bekommen. Es ist schockierend, dass die Menschen, die eine derartige Folter erdulden mussten, keinerlei Chance zur Regressklage bekommen. Ich bin wirklich stolz darauf, an einem Projekt mitzuwirken, das diese Praxis ans Licht der Öffentlichkeit bringen will.“
„Gleichzeitig handelt es sich dabei um ein kompliziertes Problem“, fügt Witherspoon hinzu. „Ich bin Schauspielerin. Ich kann mir nicht vorstellen, was es bedeutet, die Verantwortung für die nationale Sicherheit zu übernehmen. Die Medaille hat immer zwei Seiten, und hoffentlich beleuchtet unser Film beide Seiten des Problems.“
„Wir im Westen, vor allem in Amerika, stecken in dem Dilemma, dass wir Folter verabscheuen“, sagt Gavin Hood. „So etwas tut man einfach nicht. Doch letztlich läuft das nach dem Motto: ,Na ja, wenn es denn sein muss, dann sollte man es nicht an die große Glocke hängen.‘ Und daraus entsteht das Konzept, die Folter einfach auszulagern: ,Wenn in jenen Ländern sowieso gefoltert wird, dann können die das doch übernehmen.‘ Moralisch gesehen ist das eine faule Ausrede. Wenn man den Handlungsort verschiebt, bedeutet das doch nicht, dass man nichts mehr damit zu tun hat. Die nächste Frage: Ist die Folter effektiv? Das fragen sich sehr viele Militäranwälte, FBI-Agenten, CIA-Agenten… nicht nur ich allein. Sehr viele Leute, die direkt an solchen Verfahren teilgenommen haben, merken, dass sie als Resultat häufig unbrauchbare Informationen bekommen. Das liegt daran, dass die Folteropfer in ihrer wahnsinnigen Angst alles tun, damit die Folter aufhört. Sie sagen alles, was die Folterer hören wollen, nur damit sie aufhören.“
Executive Producer Bill Todman, Jr. fragt sich: „Wenn eine Person von unserer Regierung derart behandelt, dann wieder auf freien Fuß gesetzt wird und in New York ein weiteres Gebäude in die Luft jagt, ist das recht oder unrecht? Wenn eine Regierung jemanden entführt und so behandelt und Verhörmethoden anwendet, wie sie in den Vereinigten Staaten undenkbar sind, und der Betreffende ist unschuldig… ist das recht oder unrecht? Ich habe dazu keine eindeutige Meinung.“
„Unser Land will seine Existenz sichern und für all das kämpfen, was wir uns ursprünglich auf die Fahnen geschrieben haben – deshalb glaube ich, dass wir unseren Umgang mit diesen Problemen in gewisser Weise ändern müssen“, sagt Peter Sarsgaard. „Die Frage ist eben nur, wie sehr. Und wenn wir dabei Kompromisse machen, verwandeln wir uns dann in ein Land, das wir nicht sein wollen? Ist es nötig, einen Mann zu opfern, wenn dadurch 7000 gerettet werden? Ich halte das für falsch, aber das Argument ist schon bestechend. Unsere Regierung könnte sich dazu entschließen, die Rendition nicht mehr anzuwenden. Aber wenn die Rendition verschwindet, kommt dafür etwas anderes, auf andere Art. Damit werden wir lange Zeit leben müssen.“
Dazu Igal Naor: „In meiner Heimat Israel wird über diese Frage ständig debattiert, weil wir uns in einer Art Kriegszustand befinden, und wir müssen Dinge tun, die in einer anderen Situation nicht zu ertragen wären. Ich war Soldat, mein Sohn war Soldat und meine Töchter sind Soldatinnen. Ich kann dazu nur sagen: Wenn wir unser Leben verteidigen, wenn wir die Verantwortung für unschuldige Zivilisten übernehmen, dann müssen wir manchmal sehr unschöne und unmenschliche Dinge tun. Das ist ein großes Problem, und ich weiß nicht, ob ich wirklich eine Lösung dafür habe. Ich weiß nur, dass ich viele Lösungen ablehne, wie ich sie in der Welt miterlebe, darunter das Rendition-Konzept und nicht wenige Dinge, die in meinem Land passieren. Jeder muss sich selbst prüfen und entscheiden, wie menschlich er bleibt, wenn er gezwungen ist, sich, seine Familie oder sein Land auf grausame Art zu verteidigen.“
Eine Schlüsselfunktion bei diesem Projekt kommt dem Kameramann zu – bei der Auswahl gingen die Filmemacher deshalb sehr sorgfältig vor. Denn er muss nicht nur technische Meisterschaft mitbringen, sondern auch eng mit Gavin Hood zusammenarbeiten, um das komplizierte Geflecht der Einzelgeschichten zu einem Ganzen zu kombinieren. All diese Anforderungen erfüllt der Oscar-Preisträger Dion Beebe.
„Als ich Dion Beebe kennenlernte, merkte ich sofort, dass ich einen wunderbaren Mitarbeiter gefunden hatte“, sagt Hood. „Er ist nicht nur unerschütterlich, sondern hat auch ein unbestechliches Auge. Vor allem zeigt er tiefes Verständnis für die Story.“
Produzent Bill Todman jr. sieht das ähnlich: „Dion ist der beste der derzeit aktiven Kameraleute. Er ist unglaublich ruhig und locker, dabei aber sehr gut organisiert. Er liefert intensive Bilder, zeigt erstaunliche Fähigkeiten beim Ausleuchten, beim Umsetzen der Erzählstruktur.“
Sobald er an Bord kam, merkte Beebe, dass er in Gavin Hood einen sehr dankbaren Partner gefunden hatte: „Wir erlebten eine hektische Vorbereitungsphase – wir hatten kaum sechs Wochen Zeit. Also mussten wir uns schnell zusammenraufen, als Filmemacher eine gemeinsame Sprache finden. Das hat richtig Spaß gemacht. Gavin ist ein leidenschaftlicher Filmemacher, bringt viel Talent mit – die Zusammenarbeit lief prächtig.“
Schon früh mussten Hood und Beebe entscheiden, wie sie die Schauplätze Washington/DC und Nordafrika gegeneinander absetzen. Hood erklärt: „Ich bringe Erfahrungen als Fotograf mit und tendiere zu sorgfältig komponierten, eher statischen Einstellungen – oft zögere ich also, Kamerafahrten einzusetzen. Dion hat mir ungeheuer geholfen, diese Abneigung zu überwinden, aber er bringt auch Verständnis für meinen Anspruch auf, manchmal einfach innezuhalten und dem Zuschauer die Gelegenheit zu geben, einen Schauspieler genau zu beobachten.“
Dazu Beebe: „Wir wollten möglichst wenig Tricks oder verschiedene Drehstile einsetzen, weil wir ständig den Schauplatz wechseln. Die Unterschiede entstehen also eher aus den Bildkompositionen, aus der Verwendung der Kamerafahrten.“
Hood stimmt ihm zu: „Washington/DC wirkt eher förmlich – klassisch komponiert, oft eher statisch strukturiert: vertikale und horizontale Linien. Die Schauplätze in Marokko bestehen aus lauter Bögen und Rundungen, die sehr organisch zu unseren eher fließenden und chaotischen Bildern passen.“
Beebe bestätigt: „In Marokko schweben überall irgendwelche Partikel durch die Luft, man spürt buchstäblich, wie durch die Fenster mehr Licht einfällt – das habe ich mir zunutze gemacht. Washington/DC wirkt dagegen sauberer, kühler, durchkomponierter, die Kamera ist eher statisch.“
Während der Motivsuche in Washington/DC fanden die Filmemacher den Look der Stadt zu konventionell. Zunächst wollte Beebe Aufnahmen der berühmten Wahrzeichen überhaupt vermeiden. Hood erinnert sich: „Wir fuhren durch die Stadt, schauten uns die berühmten Gebäude aus allen erdenklichen Positionen an, um sie möglicherweise ganz aus unseren Einstellungen herauszuhalten. Doch dann schauten wir aus einem Gebäude durch eine Glasscheibe auf das Capitol. Es handelt sich um ein modernes Gebäude mit einer Glasfassade, mit senkrechten Säulen und Fensterstrukturen. Dadurch entstand optisch ein Nebeneinander des alten Washington mit seinen traditionellen, überkommenen Werten und dem neuen Washington, das sich über das alte stülpen möchte.“
Auch die Motivsuche für die Szenen, die in einem Land der Dritten Welt spielen, war keine leichte Aufgabe. Im Film wird der Name des Landes nicht genannt – es könnte irgendwo im Nahen Osten oder in Nordafrika liegen. Seit dem 11. September ist es sehr schwierig, in diesen Ländern zu drehen. Für amerikanische Teams gilt Marokko als eines der sichersten Länder.
„Als ich das Skript las, war mir sofort klar, dass wir letztlich in Marokko drehen würden“, sagt Produzent Steve Golin. „Vor zwei Jahren haben wir dort ,Babel‘ gedreht und merkten, wie freundlich wir als Filmcrew empfangen wurden. Der König und seine Familie unterstützen Filmarbeiten äußerst zuvorkommend.“
Gavin Hood stimmt ihm zu. „In Marokko spürt man nicht nur eine unbändige Energie, sondern das Land hat als Filmschauplatz bereits eine lange Geschichte – ein Grund mehr, dort zu drehen. Die Filmcrews und alle Mitarbeiter in der Filmbranche bringen also eine Menge Erfahrung mit.“
Marrakesch in Marokko ist nicht nur ein sicherer Drehort, sondern besticht vor allem durch seine unverwechselbare Optik.
„Auf Motivsuche in Marrakesch staunte ich über die vielfältigen Farben und die Dynamik dieser uralten Stadt mit ihren wunderbaren Gassen. Man kann die Kamera praktisch überall hinstellen und bekommt tolle Bilder. Für Filmemacher ist das ein Traum“, sagt Hood.
Marokko ist auch berühmt für seine alte Handwerkertradition – von Teppichen über Lampen bis zu Mosaiken und Keramik.
Dazu Hood: „Ich habe den Eindruck, dass das Leben in Marokko, vor allem in Marrakesch, aus Handarbeit besteht. Die Menschen machen Dinge mit ihren Händen: Metallarbeiten, Holzschnitzereien. Alle Mitwirkende an unserem Film, ob der Bautrupp oder die Requisiteure, die Kostümabteilung oder Regieassistenten, bringen das Gespür der Handwerker mit. Sie kennen sich in dieser visuell berauschenden Welt aus.“
Dennoch ergaben sich durch die Dreharbeiten in Marokko einige Probleme, wie Executive Producer Marcus Viscidi berichtet: „Zunächst dauert schon die Reise von L.A. nach Marrakesch etwa 18 Stunden. Alles, was wir vor Ort brauchten, haben wir also von vornherein mitgenommen. Wenn bei einem Film Waffen, Spezialeffekte oder Pyrotechnik eingesetzt werden, sollte man das Material vorher langfristig beschaffen. Denn alles muss den Zoll passieren, und in der Welt nach dem 11. September ist es generell schwierig, Waffen zu transportieren, besonders natürlich, wenn man sie in den Nahen Osten oder nach Afrika einführen will. In Marokko muss man Monate im Voraus planen und die Genehmigung des Königs einholen. Man muss eine Liste vorlegen, von der man dann nicht mehr abweichen darf. Wenn wir also im letzten Moment merken, dass wir statt 40 Schusswaffen 50 brauchen, haben wir Pech: Die fehlenden zehn Waffen bekommen wir keinesfalls.“
An den Dreharbeiten in Marokko waren nicht nur Amerikaner und Marokkaner beteiligt, sondern ein wirklich internationales Team: Zur „Rendition“-Crew gehörten Südafrikaner, Briten, Italiener, Israelis, Ägypter, Algerier, Australier und Sudanesen.
„Ich finde es toll, am Set mit Südafrikanern, Marokkanern, Amerikanern und Briten zusammenzuarbeiten“, sagt Jake Gyllenhaal. „Wir begegnen uns sehr offen. Das liegt wahrscheinlich an Gavin Hood. Jeder Set wird eben vom Regisseur geprägt.“
„Ich bin ganz überwältigt vom Dreh in Marokko mit der internationalen Besetzung und Crew“, fügt Darsteller Igal Naor hinzu. „Ich als Israeli fühle mich hier frei und sehr wohl – ich habe vor nichts und niemandem Angst – als ob ich in London oder Paris wäre. Das ist toll. Viele der Muslime sind meine Freunde geworden, und nach zwei Wochen fragten wir uns: ,Was können wir zusammen unternehmen, was würde Spaß machen?‘ Man muss sich nur klar machen, wie ähnlich wir uns sind. Das Judentum und der Islam haben weitreichende Gemeinsamkeiten. Und darüber bin ich sehr glücklich. Auch in Israel habe ich viele arabische und palästinensische Freunde. Warum kann das nicht überall so sein?“
Und Gavin Hood fügt hinzu: „Besonders schön war es, dass wir bei unserem Film mit Leuten aus aller Welt zusammengearbeitet haben – denn in der Story geht es ja um den Kampf der Kulturen in unserer sehr angespannten Gegenwart. Es war wunderbar, die Diskussionen der Mitarbeiter über die Themen des Films mitzuerleben, denn ich konnte beobachten, wie sich die Leute veränderten, wie sie Verständnis füreinander entwickelten und die Gemeinschaft des Teams genossen. Hoffentlich begreifen wir durch diesen Film, dass wir alle Menschen mit emotionalen Problemen und Bedürfnissen sind. Mich frustriert immer wieder, wenn Leute vor allem die Unterschiede der Menschen betonen – wir reden zu wenig über unsere Gemeinsamkeiten.“