Donnerstag | 31. Mai 2012 | 13:23 Uhr
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    Drama, Kriegsfilm | USA 2006
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      • | Die zwei Seiten der Medaille

      • „Diese Männer haben ihr Leben gegeben, um ihre Heimat zu verteidigen: Ihre Vorgesetzten glaubten, damit die Invasion der japanischen Hauptinseln zu verzögern“, sagt Clint Eastwood, der mit der Arbeit an „Letters From Iwo Jima“ kurz nach Abschluss der Dreharbeiten zum filmischen Pendant „Flags of Our Fathers“ (Flags of Our Fathers) begann. „Ich halte es für wichtig, dass die Zuschauer – nicht nur in Japan, sondern überall – erfahren, was für Menschen das waren.“

        Mit den zwei Filmen möchte Eastwood eine komplette Darstellung beider Seiten des Konflikts präsentieren, indem er sich auf eine Hand voll Einzelschicksale konzentriert und die Schlacht durch das Prisma ihrer individuellen Erfahrungen reflektiert. „In den Kriegsfilmen meiner Jugend war die Welt meist klar in die Guten und die Bösen aufgeteilt“, stellt Eastwood fest. „Das hat aber mit dem wirklichen Leben, mit dem wahren Krieg nichts zu tun. In meinen Filmen geht es nicht um Sieg oder Niederlage. Es geht um das, was der Krieg in den Menschen anrichtet, es geht um jene, die viel zu früh sterben müssen.“

        Bei der Vorbereitung von „Flags of Our Fathers“ studierte der Filmemacher die Unterlagen über die geografischen und historischen Umstände, unter denen der Zweite Weltkrieg im Pazifik ausgefochten wurde. „Dabei begann ich mich sehr für die einzigartigen Verteidigungsmaßnahmen zu interessieren, die General Kuribayashi auf der Insel durchführte“, berichtet Eastwood. „Die amerikanischen Streitkräfte konnten nicht begreifen, wie die Japaner das ungeheure Bombardement durch die Navy und das Air Corps der Navy aushalten konnten.“

        Weil Kuribayashi angesichts der gewaltigen amerikanischen Armada eine praktisch zum Scheitern verurteilte Aufgabe zu bewältigen hatte, benutzte er bei seiner Verteidigungsstrategie buchstäblich den schwarzen vulkanischen Boden der Insel selbst – indem er ein Wabensystem aus 5000 Höhlen und Maschinengewehrnestern mit Tunneln von fast 30 Kilometer Länge verband: So konnten die zahlenmäßig weit unterlegenen japanischen Truppen die Amerikaner ins Visier nehmen. Sein Befehl: Jeder einzelne seiner Männer musste zehn Feinde töten, bevor er selbst fiel. Der General persönlich lehnte den Krieg gegen Amerika ab, denn er schätzte dieses Land sehr. Aber dennoch kämpfte er leidenschaftlich und mit Überzeugung. „Ich fragte mich, was für ein Mensch das war, der diese Insel auf derart grausame, aber auch sehr clevere Art verteidigte“, sagt Eastwood. „Indem er Tunnel graben ließ und alles unter die Erde verlegte, wich er von den damals üblichen japanischen Verteidigungsstrategien ab. Meistens wandte man die Brückenkopf-Verteidigung an und setzte eine Menge Artillerie von See her ein. Aber in dieser speziellen Schlacht war das unpraktisch. Bei den eigenen Truppen stieß er mit seiner Methode der Inselverteidigung auf großen Widerstand. Viele seiner Offizierskollegen hielten ihn für verrückt, als er die Tunnel graben ließ.“

        Um mehr über die Persönlichkeit hinter dieser Strategie zu erfahren, ließ Eastwood eine Reihe japanischer Bücher übersetzen. Er stieß auf eine Briefsammlung von General Kuribayashi selbst: „Bildbriefe des Kommandeurs“ von Tadamichi Kuribayashi, herausgegeben von Tsuyuko Yoshida im Verlag Shogakukan-Bunko. „Er schrieb diese Briefe an seine Frau, seine Tochter und seinen Sohn“, erklärt Eastwood. „Viele schickte er aus den USA, wo er Ende der 20er- und Anfang der 30er-Jahre als Gesandter tätig war. Er war ein sehr sensibler Mann, ein Familienmensch, der seine Lieben sehr vermisste. Diese Briefe geben ein gutes Charakterbild ab.“

        Als Drehbuchautorin Iris Yamashita, eine japanischstämmige Amerikanerin der zweiten Generation, dieses Buch später las, war sie von der Persönlichkeit des Generals ebenso stark beeindruckt. „Ich las die Briefe und hatte den gleichen Eindruck wie Clint, als sie ihn zu dem Film inspirierten“, berichtet sie. „Es war kaum zu fassen, dass dieser warmherzige, liebevolle Vater der verantwortliche japanische General auf Iwo Jima war. Die Briefe enthalten Kritzeleien, Karikaturen, sind von einer humorvollen Stimmung geprägt. Man merkt deutlich, wie sehr er seinen Sohn liebt und vermisst.“

        „General Kuribayashi war ein ganz außergewöhnlicher Mann“, fährt Eastwood fort. „Alle Quellen schildern ihn als sehr fantasievollen, schöpferischen und einfallsreichen Menschen.“

        Bei den Nachforschungen über die jungen Männer unter Kuribayashis Befehl wurden auch ihre Gesichter und Stimmen lebendig. „Die jungen zwangsrekrutierten Soldaten auf der Insel ähnelten den Amerikanern sehr“, sagt Eastwood. „Sie hatten sicher kein großes Interesse, in diesem Krieg zu kämpfen. Man schickte sie dort hin und sagte ihnen gleich, dass sie keine Pläne für die Rückkehr machten sollten. So etwas könnte man keinem Amerikaner direkt ins Gesicht sagen. Die meisten ziehen in den Kampf und denken: ,Klar wird das gefährlich, ich könnte dabei draufgehen, aber ich habe auch die Chance, wieder nach Hause zu kommen und ein normales Leben zu führen.“

        Im Falle der jungen Japaner war das nicht so. „Sie wussten, dass sie diese Insel höchstwahrscheinlich nicht mehr verlassen würden“, sagt Eastwood. „Ich persönlich habe große Schwierigkeiten, mich in diese Mentalität hineinzudenken. Aber ich versuche sie zu begreifen, und ich las so viel wie möglich über sie und ihre Erfahrungen.“

        Auch Yamashita setzte sich mit den schriftlichen Quellen der japanischen Verteidiger auseinander und lernte dadurch etliche der Männer sehr gut kennen, die das Schicksal 1945 auf die Insel verschlagen hatte. „Die Erzählstruktur ergab sich wie von selbst“, erinnert sie sich. „So als ob die Figuren darum bettelten, ihre Geschichte erzählen zu dürfen.“

        Yamashita wurde von Eastwoods Mitarbeiter Paul Haggis zu dem Projekt hinzugezogen. Haggis hatte zuvor „Million Dollar Baby“ (Million Dollar Baby) geschrieben und war an „Flags of Our Fathers“, dem filmischen Pendant zu „Letters From Iwo Jima“, als Co-Autor beteiligt. (Diesmal wird er im Vorspann nicht nur neben Yamashita als Co-Autor der Story genannt, sondern auch als Executive Producer.) Haggis erinnert sich, wie begeistert Eastwood von dem Doppelfilm-Projekt war: „Immer wenn er von den beiden Projekten sprach, leuchtete sein Gesicht auf. Er kniet sich gern in die Vorbereitungsarbeit hinein, erforscht gern historische Hintergründe. Er begeistert sich für geschichtliche Details, entdeckt dabei Einzelheiten, die uns unbekannt waren, vor allem in Bezug auf die japanische Perspektive: viele Dinge, die vor der Schlacht auf der Insel passiert sind, auch persönliche Eigenarten und komische Situationen.“

        „Paul hat Iris Yamashita als Autorin des Drehbuchs engagiert“, erklärt Eastwood. „Sie lieferte ein Skript, das den Persönlichkeiten der Männer, um die es uns geht, gerecht wird, aber sie bringt sie uns auch menschlich näher.“

        Yamashita gab sich größte Mühe, die Geschichte absolut authentisch zu erzählen. „Mir war durchaus bewusst, dass ich mich zwischen den tatsächlichen Ereignissen und den politischen Implikationen der Geschichte auf schmalem Grat bewege“, erklärt sie.

        Eastwood und Produzent Robert Lorenz flogen mit Yamashitas Drehbuch nach Tokio. „Wir diskutierten Iris’ Skript mit etlichen Iwo-Jima-Experten, um uns die präzise Darstellung der behandelten historischen Ereignisse bestätigen zu lassen“, erinnert sich Lorenz. „Durch Vermittlung von William Ireton [President & Representative Director von Warner Entertainment Japan] lernten Clint und ich den Enkel von General Kuribayashi, den Sohn von Baron Nishi und den Leiter der Veteranenvereinigung von Iwo Jima kennen. Alle reagierten enthusiastisch auf das Projekt, kommentierten selbst das Geschehen und lieferten auch detaillierte Informationen, die die Story noch authentischer machen.“

        Die fertige englische Fassung des Skripts wurde dann an mehrere japanische Übersetzer geschickt, und die jeweils besten Passagen der Übersetzungen fügte man schließlich zu einem japanischen Drehbuch zusammen. „,Letters‘ ist als Projekt sehr innovativ“, freut sich Yamashita. „Der Film ist Teil eines Konzepts, das es noch nie gab. Ich möchte den Figuren in der Story ein Denkmal setzen, wie es ohne diese Geschichte nicht möglich wäre.“

        Bei seinem ersten Besuch in Japan bat Eastwood den Gouverneur von Tokio, Shintaro Ishihara, um Dreherlaubnis für Iwo Jima, das verwaltungstechnisch zum Stadtbezirk Tokio gehört, auch wenn die Insel 1100 Kilometer entfernt liegt. Gouverneur Ishihara hat sich vor seiner politischen Laufbahn als Schauspieler, Regisseur und preisgekrönter Romanautor profiliert. Er unterstützte Eastwoods Doppelprojekt „Letters From Iwo Jima“ und „Flags of Our Fathers“ mit großem Engagement.

        „Ihm gefiel die Idee, vor Ort zu drehen – aber wir sollten die Gebiete mit geweihtem Boden nicht betreten“, berichtet Eastwood. „Ihm hätte wohl nicht gefallen, was wir an Pyrotechnik für den Dreh auf der Insel vorgesehen hatten. Deshalb verlegten wir die Aufnahmen an die Strände auf Island, wo auch ,Flags‘ entstand.“

        Als Eastwood dann doch die Insel selbst besuchte, war der erfahrene Filmemacher tief bewegt. „Das war ein schönes Erlebnis“, erinnert er sich. „Es hat mich stark bewegt, über die Insel zu gehen, wo im Krieg auf beiden Seiten so viele Mütter ihre Söhne verloren haben.“

        Monate später kehrte er mit einem kleinen Team und Schauspieler Ken Watanabe noch einmal auf die Insel zurück, um in den Höhlen, auf den Stränden und an weiteren Schauplätzen zu drehen, zum Beispiel am Fuß des kahlen Wahrzeichens der Insel, des mächtigen Mount Suribachi, auf dem die Amerikaner die Flagge hissten. Dort entstand das berühmte Foto, wie in „Flags of Our Fathers“ dargestellt.

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