Schon in jungen Jahren verstand sich Rian Johnson, der Autor und Regisseur von BROTHERS BLOOM, als angehender Filmemacher und entwickelte früh eine eigene filmische Sichtweise, indem er seine Teenager-Jahre damit zubrachte, sich abwechselnd Filmklassiker einzuverleiben und mit seinen Freunden Amateurfilme zu drehen. Sein Langfilmdebüt BRICK („Brick“, 2005), ein moderner, aber mit Elementen klassischer Noir- und Detektiv-Geschichten durchzogener High-School Krimi, wurde beim Sundance Film Festival mit einem Spezialpreis der Jury für visionäres Kino ausgezeichnet. Mit BROTHERS BLOOM richtet erseinen einzigartigen und innovativen Blick nun auf ein weiteres legendäres Filmgenre.
Zu den vielen Filmen, die Johnsons grenzenlose Vorstellungskraft als Jugendlicher beflügelten, gehörten Komödien wie DER CLOU („The Sting“, 1973) und ZWEI HINREISSEND VERDORBENE SCHURKEN („Dirty Rotten Scoundrels“, 1988), Geschichten also über professionelle Schwindler, deren Leben davon bestimmt war, allen anderen immer einen Schritt voraus zu sein. „Ich wollte mich immer schon mal an dieser Art komödiantischer Streiche versuchen“, erklärt er seine Motivation. „Also entwickelte ich eine Geschichte über zwei Brüder und die Frau, die ihren Weg kreuzt. Aber schließlich wurde daraus auch ein Film übers Geschichtenerzählen und welche Rolle das in unserem Leben spielt.“
Inspiriert von den überlebensgroßen Charakteren, die er für BROTHERS BLOOM schuf, entschied sich Johnson, die Handlung seines Films vor großer Kulisse spielen zu lassen und seine Protagonisten an einige exotische Orte rund um die Welt zu schicken. „Das Reisen durch Europa wurde zu einem großen Abenteuer“, erinnert er sich. „Ich habe erst recht spät in meinem Leben angefangen zu reisen, deswegen hatte ich so eine leicht verklärte Vorstellung von Europa, die ich in diesem Film voll ausgelebt habe. Wir zeigen Dampfschiffe auf dem Atlantik, Züge in den ungarischen Bergen, Hafenansichten in Griechenland und dunkle Gassen in St. Petersburg. Das ist sehr romantisiert – und hat natürlich weniger mit dem echten Europa als mit der Fantasie eines Amerikaners zu tun.“
Dadurch, dass BRICK so gut angekommen war, konnte Johnson eine der mühsamsten Hürden bei der Entwicklung eines Films angenehmerweise umgehen. „Wir mussten BROTHERS BLOOM nie wirklich pitchen“, freut sich Ram Bergman, der beide Filme als Produzent verantwortete. „Dies ist Rian Johnsons nächster Film und handelt von zwei Trickbetrügern und ihren Abenteuern rund um die Welt – das reichte als Beschreibung vollkommen aus. Die Leute lasen das Skript, weil sie BRICK liebten. Und selbst wenn sie BRICK nicht liebten, schätzten sie Rians Talent und wollten mit ihm ins Geschäft kommen.“
Schon als er das Drehbuch zu Johnsons erstem Film las, war Bergman sich sicher, auf ein echtes Talent gestoßen zu sein. „Wie talentiert jemand wirklich ist, weiß man natürlich erst, wenn man tatsächlich mit ihm zusammengearbeitet hat. Aber ich hatte mich nicht getäuscht: Vom ersten Moment an hatte er alles im Griff und wusste genau, was er wollte. Es war der erste Film, bei dem ich das Gefühl hatte, dass meine Anwesenheit tatsächlich nicht nötig sei, weil der Regisseur über alles die Kontrolle hatte. Das Erstaunliche dabei ist allerdings, dass Rian auch noch der netteste Kerl der Welt ist. Diese Kombination ist wirklich selten!“
BROTHERS BLOOM ist eine Produktion von Endgame Films, der Firma hinter so prestigeträchtigen Filmen wie HOTEL RUANDA („Hotel Rwanda“, 2004) und I’M NOT THERE („I’m Not There“, 2007). „Wir hatten das große Glück, dass wir Rians Drehbuch sehr früh lesen konnten, und wir mochten es auf Anhieb“, sagt James Stern, der Gründer von Endgame. „Es war sofort klar, dass wir diesen Film machen wollen.“
„Was mir besonders gefiel, war der Erzählfluss des Films“, fügt Stern hinzu. „Er verändert sich ständig und hält jede Menge Überraschungen bereit. Er ist nicht nur charmant, witzig und unterhaltsam, sondern hat letztlich auch etwas zu sagen. Außerdem sind die Locations des Films natürlich außergewöhnlich und wunderschön, was ihn fast wie aus einer anderen Zeit erscheinen lässt, wie aus Hitchcocks Tagen. Aber der Hauptgrund für uns, diesen Film zu produzieren, waren natürlich die Geschichte, ihre Figuren und die fantastische Besetzung.“
Für Wendy Japhet, die bei Endgame die Produktionsabteilung leitet und entsprechend viele Drehbücher zu lesen bekommt, stach BROTHERS BLOOM aus verschiedenen Gründen aus der Masse heraus: „Die Intelligenz des Drehbuchs, die Einzigartigkeit der Komik und der allgemeine Optimismus der Geschichte haben mich wirklich umgehauen. Rian beschreibt seine Figuren mit großer Klarheit; man versteht genau, warum sie tun, was sie tun und was diese Reise für sie bedeutet.“
„Der Film hat eine ganz eigene Stimme und spielt in seiner eigenen Welt“, fährt Japhet fort, die als ausführende Produzentin unter anderem THE ITALIAN JOB („The Italian Job“, 2003) und TROUBLE OHNE PADDEL („Without a Paddle“, 2004) verantwortete. „Er hat unglaublich viel Humor und Wärme. Ich suche immer nach Filmen, die in mir echte Emotionen auslösen, und als ich dieses Drehbuch las, musste ich sowohl lachen als auch weinen. Ich konnte mir die unglaublich schöne Welt, in der diese exzentrischen Figuren sich bewegen, genau vorstellen. Und ich konnte mir auch gut vorstellen, dass meine Tochter ähnlich begeistert auf den Film reagieren würde, denn im Subtext handelt er auf ungewöhnliche Weise auch von weiblicher Selbstbestimmung, was mir ausgesprochen gut gefiel.“
BROTHERS BLOOM nicht unter dem Dach eines großen Studios entstehen zu lassen, war eine der ersten Entscheidungen, die Produzent Bergman traf. „Es gehört zu meinen Aufgaben, Rians Vision zu schützen“, führt er aus. „Diese Vision ist wirklich so einzigartig, dass man alles daran setzen möchte, ihm die Freiheit zu geben, sie umzusetzen. Sein Debüt funktionierte so gut, weil er seinen ganz eigenen Film umsetzen durfte. Er machte alles – schreiben, inszenieren, den Final Cut schneiden. Wir produzierten unabhängig, damit Rian alles nach seinen Vorstellungen machen konnte.“
Japhet, die auch schon im Studio-System gearbeitet hat, ist der Ansicht, dass eine unabhängige Firma wie Endgame ihr die Möglichkeit gibt, mit Filmemachern zu arbeiten, die einen ausgeprägten eigenen Standpunkt haben. „Rian ist ein gutes Beispiel für die Art von Regisseuren, die wir unterstützen und fördern wollen“, sagt sie. „Wir hatten dieses Mal richtig Glück, was das Timing angeht, denn als er das Drehbuch für seinen neuen Film fertig hatte, bekamen wir es gleich in die Finger.“
An verschiedenen osteuropäischen Locations zu drehen, wie es bei BROTHERS BLOOM der Fall war, kann durchaus zur Belastung für Schauspieler und Team werden, doch laut James Stern sorgte Bergman für eines der ruhigsten Sets, an denen er je war: „Ich liebe es, mit Ram zusammenzuarbeiten. Filme zu drehen ist nie einfach, und es ist Rian und Ram hoch anzurechnen, wie glatt dieser Dreh lief. Man muss leider ganz schön viele Filme drehen, bevor man mal auf derart professionelle Leute stößt.“
Für sein Regiedebüt hatte Johnson an einer High School in Südkalifornien einen klassischen Film noir geschaffen, inklusive eines Ermittlers in bester Hardboiled-Tradition und Femmes fatales. Auch bei BROTHERS BLOOM war es dem Regisseur wichtig, Genres miteinander zu verschmelzen und die komischen Abenteuer zweier moderner Glücksjäger in eine Welt des magischen Realismus zu verlegen. „Wir erschufen uns unsere eigene Welt, schließlich spielt der Film ja fast ausschließlich in den Szenarien, die der ältere Bruder Stephen sich ausdenkt“, erläutert Johnson. „Es ist eine magische Welt, in der alles ein wenig größer ist als in der Realität, und natürlich erhöht Stephen bewusst den Romantikfaktor, um Penelope rumzukriegen.“
„Stell dir vor, dass ein paar Wochen jeder Mensch, dem du begegnest, ein Schauspieler ist, der eine Rolle spielt in einem Spiel, in das dunicht eingeweiht bist. Du bist der Einzige, der das Drehbuch nicht kennt“, fährt er fort. „Es ist eine sehr verführerische Angelegenheit, sich von dieser Geschichte vollkommen um den Finger wickeln zu lassen. Aber das Publikum hat natürlich die einmalige Möglichkeit, Teil dieser Welt zu sein – und sie trotzdem zu durchschauen. Das gab uns viel Spielraum im filmischen Umgang mit dem Realismus oder eben dessen Fehlen.“
Schon in seiner Jugend hatte Johnson immer wieder mit Freunden und Familie Kurzfilme gedreht. „So habe ich die Pubertät überstanden“, erinnert sich Johnson. „In Familienurlauben haben mein Cousin, mein Bruder Aaron und ich uns immer zusammengetan und Familienfilme gedreht. Wir schnappten uns eine Videokamera und verbrachten den ganzen Urlaub damit, unsere kleinen Cousins und Cousinen dazu zu nötigen, die Rollen in unserem Film zu spielen. Im Laufe der Jahre haben wir sicher ein gutes Dutzend gedreht, denn wir haben wirklich jeden dieser Urlaube nur mit der Filmerei verbracht.“
„Ich bin die Filmerei nie aus rein professioneller Richtung und losgelöst von den Menschen in meinem Leben angegangen“, meint Johnson. „Auch heute noch will ich das Gefühl haben, als würde ich mir nur eben eine Kamera schnappen und mit meinen Freunden meinem Hobby nachgehen. Dieses Mal hatte ich allerdings ein größeres Budget als bei BRICK und drehte an all diesen besonderen Locations, deswegen war eine meiner Sorgen tatsächlich, ob es mir auch dieses Mal gelingen würde, immer noch dieses Gefühl zu haben.“
Zu den Versuchen, auch am Set von BROTHERS BLOOM eine spontane Atmosphäre zu schaffen, gehörte es, dass Johnson einen Teil seiner Alternativfamilie mitbrachte. „Alle Schauspieler aus BRICK, die ich wahnsinnig gern habe und die mittlerweile zu dieser Familie gehören, konnte ich in der Szene unterbringen, in der man die Brüder zum ersten Mal als erwachsene Männer sieht. Sie verkörpern die Mitspieler des vorangegangen Betrugs der beiden. Dass ich eigens für diese Szene das BRICK Ensemble mit dazu holen konnte, erschien mir ausgesprochen passend.“
Bergman beschreibt die Hierarchie an einem Filmset als Pyramide, an deren Spitze der Regisseur steht. „Rian gibt natürlich den Ton an. Die Leute respektieren ihn, denn er ist authentisch und weiß, was er will. Diese Kombination kommt gar nicht so oft vor. Für ihn macht es keinen Unterschied, ob er BLOOM dreht, BRICK oder im Alter von zehn Jahren ein Heimvideo. Er macht jeden zu einem Teil seines Teams. Jeder darf Ideen mit einbringen, aber die Entscheidungen trifft natürlich er. Trotzdem ist er ein absolut netter Kerl, ganz ohne großes Ego. Ich weiß, dass ich der glücklichste Mensch der Welt wäre, wenn ich jedes Jahr einen Film mit Rian drehen könnte.“
Johnson macht keinen Hehl daraus, dass dieser Film sein bisher größtes Projekt gewesen ist: „Es ist nun einmal ein großes, internationales Abenteuer und spielt in einer exzentrischen, lustigen Welt, die voller Details steckt. Das alles zum Leben zu erwecken, hat mir einiges abverlangt. Aber mir gefällt, wie trotz des Umfangs der Erzählung am Ende alle Fäden zusammenlaufen – wenn auch nicht unbedingt in der Weise, wie man es von einem Film über Trickbetrüger vielleicht erwarten würde.“
Ein Großteil des Charmes des Films verdankt sich Stephens und Blooms Fähigkeit, sich den Sinn für Humor und Spaß aus der Kindheit bewahrt zu haben, in der sie mit dem Kreieren ihrer aberwitzigen Geschichten begannen. „Ich wollte einen Film drehen, der wirklich gutherzig ist“, fasst der Regisseur zusammen. „Er handelt vom Leben als großer Geschichte, die es zu erzählen gilt. Wir haben nicht in der Hand, was das Leben uns zuteilwerden lässt, aber wir können kontrollieren, wie wir unsere eigene Geschichte gestalten. Und wenn man sie richtig erzählt, als wunderschönes Abenteuer, dann kann sie auch irgendwann Wirklichkeit werden.“
„Wir alle kommen in diese Branche, um Besonderes zu schaffen“, gibt Produzent Stern zu Protokoll. „Und dieses Mal durften wir tatsächlich an einem ganz besonderen Film teilhaben. Es ist durch und durch Rians Film. Er passt in keine Schublade, der Humor lässt sich nicht ohne weiteres einordnen und er hat eine wirklich einzigartige Sprache. Der Film ist tiefgründig und hat Herz, und ich bin mir sicher, dass die Leute über ihn noch in vielen Jahren sprechen werden.“