Mittwoch | 30. Mai 2012 | 19:30 Uhr
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  • Glaubensfrage

    Drama | USA 2008
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      • | Über die Produktion

      • Von den ersten Momenten bis zum packenden Schluss hängt in John Patrick Shanleys GLAUBENSFRAGE eine Stimmung der Unsicherheit in der Luft, die das Publikum in ein provozierendes Geheimnis hineinzieht. Zwei Nonnen, ein Priester und die Mutter eines Jungen – ebenso wie das Publikum selbst – werden mit ihren innersten Überzeugungen konfrontiert, als sie mit vorgefertigten Meinungen und Urteilen, Überzeugungen und Zweifeln ringen. In diesem Kampf des Willens stellt GLAUBENSFRAGE tief gehende Fragen über die Herausforderungen, die wir in einer Welt von weit reichenden Veränderungen und moralischen Zwangslagen bewältigen müssen.

        Es war das Wort „Zweifel”, das Shanley zu dem meistgefeierten Stück des letzten Jahrzehnts inspirierte und das dazu führte, dass er die Geschichte für ein Drehbuch adaptierte, das die Welt des Stücks noch erweitert und den Erzählfluss des Kinos dazu nutzt, die Auswirkung von Unsicherheit zu intensivieren.

        Als er mit dem Schreiben anfing, sah Shanley im Fernsehen viele politische Experten aus einander entgegengesetzten Lagern, die sich gegenseitig anschrien. „Ich fühlte mich von einer Gesellschaft umgeben, die sich vieler Dinge sehr sicher war. Jeder hatte eine fest gefügte Meinung, aber es gab keinen echten Austausch, und wenn jemand gesagt hätte ‘Ich weiß es nicht’, dann wäre das im Kolosseum der Medien sein sicherer Tod gewesen. In unserer Gesellschaft gibt es eine Maske der Sicherheit, die sich so sehr verhärtet, dass ein Riss entsteht – und dieser Riss ist der Zweifel”, erklärt Shanley.

        „Ich entschloss mich also zu einem Stück, das die Tatsache feierte, dass du nie etwas sicher wissen kannst. Ich wollte die Idee erkunden, dass Zweifel unbegrenzt ist, dass er Wachstum und Veränderung ermöglicht, wohingegen Sicherheit eine Sackgasse ist. Sobald sich jemand sicher ist, ist das Gespräch vorbei. Ich aber interessiere mich für das Gespräch, denn ein anderes Wort dafür lautet ‘Leben’. Wir müssen mit einem gewissen Maß an Ungewissheit leben. Sie ist das Schweigen im Geplapper unserer Zeit.”
        Für Shanley bestand die größte Herausforderung darin, nicht nur das Thema, sondern auch den Mechanismus des Zweifels mit der Geschichte zu verzahnen. Zu diesem Zweck enthüllte er Fakten und Wahrheiten, die das Publikum zunächst für eindeutig hält, bis es feststellen muss, dass es die losen Enden selbst zusammenfügen muss.

        Shanleys unerschütterliche Maxime war es, den Zuschauer nie zu einer eindeutigen Schlussfolgerung zu führen. „Es war mir immer wichtig, dass auch das Publikum seine Zweifel behält. Ich sage ihm nicht, was richtig und was falsch ist. Ich wollte, dass es etwas denkt und fühlt, anstatt ihm zu sagen, was es denken und fühlen soll.”

        Zunächst wusste Shanley nur, dass er über den Zweifel und die Notwendigkeit, sich mit Glaubensfragen auseinanderzusetzen, schreiben wollte. Danach dachte er über den möglichen Schauplatz für eine derartige Geschichte nach. „Ich wollte eine bedeutungsschwere und scheinbar unlösbare Situation aus meiner persönlichen Sicht zeigen. Das führte mich zu dem Motiv eines Pfarrers, den man beschuldigt, ein Mitglied seiner Gemeinde missbraucht zu haben. Ich interessierte mich nicht für die Skandale der Kirche, sondern suchte nach einer Situation, die die Menschen polarisiert, in der die meisten Leute ohne Zögern eine Person verdammen würden – und dann wollte ich dem Publikum diese Vermutungen in einem anderen Licht präsentieren.”

        Sobald er sich entschieden hatte, die Streitthemen von Prinzip und Mitgefühl an einer konfessionellen Schule anzusiedeln, bekam sein Stück eine starke persönliche Prägung. Denn Shanley hatte seine eigene Kindheit an einer streng katholischen Schule in einer überwiegend irisch-katholischen Arbeitergegend in der Bronx verbracht. „Ich kannte solche Leute. Die Figur der Schwester Aloysius geht definitiv auf Nonnen zurück, die ich selbst erlebte, und ich habe durchaus Mitgefühl für sie. Wie sie bin ich traurig über die Tatsache, dass bestimmte Dinge aus der Welt verschwunden sind – zum Beispiel Stille oder Schüler, die Plato lesen.”

        Shanley weckte noch weitere geschichtsträchtige Erinnerungen, indem er die Auseinandersetzung zwischen Schwester Aloysius und Pater Flynn in der spannungsreichen Atmosphäre des Jahres 1964 ansiedelte, unmittelbar nach dem Kennedy-Attentat und an einem Wendepunkt der Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre. „Das war eine Schlüsselperiode, in der man den bislang unangefochtenen Glauben an die sozialen Hierarchien und an das Establishment – wie das Militär und die organisierte Religion – in Frage zu stellen begann.”

        Es war auch eine Zeit gravierender Veränderungen in der katholischen Kirche. Das 1962 von Papst Johannes XXIII. einberufene Zweite Vatikanische Konzil leitete eine Reihe von bedeutenden Reformen ein, die die Kirche moderner und vielfältiger und damit für die sich wandelnde Gesellschaft zugänglicher machen sollten. Mitte der 60er Jahre hatte die Kirche ein ganz anderes Gesicht: Nonnen mussten keinen Habit mehr tragen, und der Kontakt zwischen den Priestern und den Gemeindemitgliedern war viel weniger formell.
        „Ich wollte etwas von dieser verlorenen Zeit einfangen,” so Shanley. „1964 in der Bronx sahst du noch Nonnen in ihrer traditionellen Tracht. Du hattest keine Ahnung, dass sie sie in wenigen Jahren nicht mehr tragen und diese Zeit für immer vorbei sein würde. Für mich ist Pater Flynn insofern ein Produkt der frühen 60er Jahre, da er einerseits die bestehenden Institutionen in Frage stellt, während er andererseits noch in diesem System arbeitet. Er möchte, dass die Kirche, die er liebt, in der sich verändernden Welt überlebensfähig bleibt.”

        Die Rassismusthematik wurde durch die Figur des Donald Miller in die Geschichte eingeführt, den schwarzen Jungen, dessen ungewöhnlich enge Beziehung zu Pater Flynn Schwester Aloysius’ Kreuzzug auslöst. Shanley erinnert sich lebhaft daran, wie er in den frühen spannungsgeladenen Zeiten der Rassenintegration eine Schule besuchte, an der es nur einen schwarzen Schüler gab. „Wenn er der Einzige ist, dann fällt er dir auch auf. Und du fragst dich: Wie fühlt es sich an, in seiner Haut zu stecken? Auf diese Weise sah ich mich und meinen sozialen Kontext auf viel komplexere Weise, und ich begann, diese Dinge viel tiefer zu hinterfragen als bisher.”

        Im Verlauf der Handlung vermeidet es Shanley, für einen seiner Charaktere Partei zu ergreifen. Er gibt zu, dass er sich sowohl mit Zügen von Pater Flynn als auch mit Anteilen von Schwester Aloysius identifiziert. „Ich habe die Tendenz, jeder meiner Figuren zuzustimmen, solange sie spricht. Aber das ist nun mal meine Lebenserfahrung. Menschen sind widersprüchlich, paradox und geheimnisvoll, und so bleiben sie auch.”

        Diese Entwicklung führt zum entscheidenden Moment in der Geschichte, in dem Schwester Aloysius schließlich zugibt, dass sie – zum ersten Mal – Zweifel hat. Ihre Selbstsicherheit ist durch ihr wachsendes Mitleid, ihr Einfühlungsvermögen in die Nöte von Donald Miller, seiner Mutter, der anderen Schüler und von Schwester James ausgehöhlt worden. Indem sie zweifelt, findet sie in die Gemeinschaft der anderen zurück und wird dadurch menschlicher; sie wandelt sich. Und das Publikum muss diese Erkenntnis mit dem in Einklang bringen, was es im Lauf der Geschichte geglaubt und gefühlt hat. Für Shanleys Vision von GLAUBENSFRAGE war das essenziell: „Über hundert Jahre lang neigten Filmemacher dazu, eine Frage zu stellen und sie am Ende des Films zu beantworten. Am Ende von GLAUBENSFRAGE sollte das Publikum keine Antwort bekommen, sondern sagen: ‘Was für eine schöne Frage!’ Auf diese Weise wird es die Geschichte des Zuschauers.”

        Shanleys Stück feierte seine Weltpremiere auf einer Off-Broadway-Bühne im Herbst 2004 und wurde dann von einer Lawine begeisterter Besprechungen auf den Broadway getragen. 2005 hatte das Stück Premiere am Walter Kerr Theater, wo es in 25 Previews und 525 Vorstellungen lief. Darauf folgten eine ausgedehnte landesweite Tournee und zahlreiche internationale Produktionen.

        Nachdem sein Stück die Theaterzuschauer auf der ganzen Welt bewegte und berührte, kam Shanley zu der Überzeugung, dass die Wirkung beim Filmpublikum die gleiche sein müsse. Der Autor schrieb seit 20 Jahren Drehbücher und hatte für die romantische Komödie MONDSÜCHTIG einen Oscar® gewonnen. Doch die Adaption von GLAUBENSFRAGE sollte zu seiner schwierigsten Drehbucharbeit überhaupt werden. Die Herausforderung bestand darin, sein Stück völlig neu zu konzipieren, damit es auf der Leinwand zu einem anderen Werk werden konnte. Es musste dynamischer werden, mehr auf die Instinkte der Zuschauer zielen und die Umgebung der pulsierenden, jungen Arbeitergegenden im New York der 60er Jahre einbeziehen.

        „Diese Geschichte begann mit den Erinnerungen an meine Jugend in der Bronx; daraus wurde ein Theaterstück, und ich nutzte die Bühne und all ihre Hilfsmittel, um sie in diesem Medium zu erzählen. Als Film hat sie einen grundlegend anderen Charakter,” so Shanley. „Der Film gibt ihr Konturen – du hast echte Luft, echte Gebäude; alles um dich herum ist real. Und das verleiht der Geschichte eine Authentizität, mit der die Schauspieler ein neues Niveau ihrer Arbeit erreichen. Das Theater ist sehr organisiert, während das echte Leben unorganisiert abläuft. Ein Teil des Arbeitsprozesses bestand darin, die Geschichte in ihre Einzelteile zu zerlegen und sie an meine ursprünglichen Erinnerungen anzugleichen.”


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