Mittwoch | 30. Mai 2012 | 19:30 Uhr
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    Drama | USA 2008
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      • | Produktion: Die Kinoadaption

      • Als das Stück an den Broadway wechselte, bemerkte Shanley, dass die Reaktionen auf GLAUBENSFRAGE umso intensiver ausfielen, je größer das Publikum war. „Die unterschiedlichen Reaktionen, die die Leute jeden Abend zeigten, schufen eine Art Energiefeld. Offenbar hatten sie leidenschaftliche Empfindungen zum Thema ‘Selbstsicherheit’ und ihre Konsequenzen, und sie spürten das Bedürfnis, darüber zu sprechen. Und genau damals begriff ich, dass ich daraus einen Film machen möchte.”

        Die Übertragung ins Medium Kino erlaubte ihm, viele Elemente aus- und einzubauen, die im Stück keinen Platz fanden: das Leben der Nonnen, die Kinder im Unterricht, die Welt der Bronx, die am Scheitelpunkt großer Veränderungen stand. „Ich wollte ein echtes Gefühl von Gemeinschaft erzeugen, denn ich wusste: Wenn wir mit diesen Familien und ihren Kindern Zeit verbrächten, dann würden wir auch sehen, welche negativen Konsequenzen die kircheninternen Vorgänge auf die Außenwelt hatten. Letztlich hinterlässt der Konflikt zwischen Flynn und Aloysius eine tiefere Wirkung, da wir sehen und wissen, wer den Preis ihres Kampfs bezahlt. Der Film erlaubte mir, diesen Aspekt der Geschichte ausführlich zu behandeln, was mir zu meinem Leidwesen im Stück unmöglich gewesen war.”

        Für Shanley war es auch wichtig, das Gefühl der spirituellen Hingabe der Nonnen einzufangen, umso mehr, als ihr Leben für Außenstehende so geheimnisvoll erscheint und oft missverstanden wird. „Mit dem Film hatte ich die Chance, das Reich der Nonnen, die Tradition und Schönheit ihrer Welt wirklich zu vermitteln. Ich wollte die Stille ihres Lebens für die Struktur des Films nutzen. Denn sie erinnert uns in dieser Welt des Lärms daran, dass Ruhe und Schweigen große Bedeutung haben können.

        Diese Momente der Stille haben auch eine dramaturgische Funktion, denn das Publikum kann über das Gesagte nachdenken und sich auf die Worte der Charaktere konzentrieren,” so Shanley weiter. „Flynn zum Beispiel kennt genau die Wirkung seiner Reden, denn jede Woche predigt er vor der Gemeinde. Und er nutzt diese Momente, um Wandel, Wachstum und Offenheit zu propagieren. Seine sparsam eingesetzten, präzisen Worte und seine überlegte Vortragsweise stecken voller Bedeutung. Und wenn die Gemeindemitglieder zuhören, dann konnte ich zeigen, wie seine Worte die anderen Protagonisten beeinflussen und den Zuschauern gleichzeitig Raum geben, sich ihre eigenen Gedanken zu machen und über ihre Gefühle nachzudenken.”

        Für die Adaption gab es ein alles bestimmendes Ziel: Sie sollte ein Gefühl von Energie und Dringlichkeit vermitteln und die tief in der Geschichte verankerten Themen an die Oberfläche bringen. „Flynn und Aloysius sind dynamische, scharfsinnige und wortgewandte Menschen und sie fürchten sich nicht davor, ihre Worte als Waffen einzusetzen. Vieles vom Drama dieser Geschichte liegt in den Dialogen – vor allem bei der Konfrontation zwischen Flynn und Aloysius. Ich musste einen Weg finden, damit das auch filmisch funktionierte”, so Shanley. „Zunächst schrieb ich eine halbe Fassung, die ich wieder verwarf, denn mir gelang es nicht, die Geschichte in einen Film zu übertragen. Einige Zeit lang fühlte ich mich deshalb furchtbar.”

        Dann kam der kreative Durchbruch. Er ereignete sich, als Shanley die Szene von Pater Flynns „Kissenpredigt” schrieb – über eine Frau, die auf Geheiß ihres Priesters verstreute Kissenfedern einzusammeln versucht. „Statt Pater Flynn einfach sprechen zu lassen, verlagerte ich das Geschehen in die Bilder seiner Geschichte. Man konnte die Federn herumfliegen sehen, und das fand ich sehr befreiend”, so Shanley. „Mit diesem Gefühl für Räumlichkeit im Hinterkopf begann ich, den Rest des Drehbuchs zu schreiben. Das half mir, über die Worte der Charaktere hinauszugehen und mich auf ihre physische Realität zu konzentrieren. In einem Film kannst du die Beziehung zwischen den Menschen und ihrer natürlichen Umgebung erforschen. Elemente wie eine verlöschende Glühbirne, Jalousien, die zurechtgezogen werden, oder eine Serviette, die vom Wind davongeblasen wird, bekamen für mich und die Charaktere in der Filmadaption große Bedeutung. Sobald ich diesen Übergang gefunden hatte, hatte ich wieder Hoffnung.

        Die andere Offenbarung für mich – nicht nur beim Drehbuchschreiben, sondern auch bei der Regie,” so Shanley, „war, dass ich die Konventionen eines Genres nutzen konnte – in diesem Falle des Krimis –,um die Handlung voranzutreiben. Der Film beginnt mit einer einfachen Frage: ‘Hat er’s getan oder nicht?’ Obwohl ich diese Frage nie aus dem Blick verloren habe, war ich von Anfang an entschlossen, sie nicht zu beantworten – was offenkundig die Konventionen des Genres verrät.

        Während es also eine enorme Herausforderung war, den Film mit dem Schwerpunkt auf Krimi- und Spannungselementen zu strukturieren, profitierte ich auch von der unerwarteten Freiheit, kein schlüssiges Ende liefern zu müssen. Das Publikum würde selbst entscheiden. Das verschaffte mir als Filmemacher eine enorme Befriedigung.”
        Beim Schreiben dachte Shanley immer auch an die Kameraarbeit und fügte daher viele visuelle Elemente in das Drehbuch ein. „Ich wollte zum Beispiel, dass Schwester Aloysius ein großes visuelles Entree bekommt, so dass auch das Publikum sofort in diesen Kampf eintritt. Wir sehen deshalb am Anfang, wie sich Schwester Aloysius und der Priester als zwei einander ebenbürtige Gegner gegenüberstehen.“

        Eine der zahlreichen neuen Szenen, die Shanley hinzufügte, kommt nach dem Höhepunkt der Geschichte, als Pater Flynn seine Abschiedspredigt hält. „In einem Film willst du einen klaren Moment, in dem sich der Kreis der Handlung schließt. So finden wir uns wieder in der Kathedrale bei Pater Flynns Predigt – nur diesmal geht es um das Lebewohl – und wir sehen, wie sehr sich die Situation für alle Beteiligten verändert hat. Und jeder Zuschauer muss seine eigenen Schlüsse ziehen, was eigentlich mit den Figuren dieser Geschichte passiert ist.”

        Nachdem er das Drehbuch beendet hatte, freute sich Shanley darauf, für den Dreh an die Orte seiner Kindheit zurückzukehren und auch die Nonnen und Nachbarn von damals an der Produktion zu beteiligen. Er sagt: „Wir suchten nicht nur die Orte auf, sondern auch die Menschen. Kinder, die ich von früher kannte, spielen jetzt im Film die Eltern der Gemeinde. Dabei kamen sehr viele Erinnerungen hoch.”

        Shanley hatte das Stück ursprünglich den Barmherzigen Schwestern gewidmet, dem Nonnenorden, der seine ehemalige Schule St. Anthony’s in der Bronx leitete – das Vorbild für
        St. Nicholas – und er wollte auch, dass sie im Film eine wichtige Rolle spielten. Im Gegensatz zum Klischee des rebellischen katholischen Schuljungen, der in Angst und Schrecken vor den Nonnen lebt, empfindet Shanley immer noch große Zuneigung und Bewunderung für die Lehrerinnen seiner Jugend. „Viele Nonnen, die ich damals kannte, haben mich enorm geprägt. Und ich wollte meinen Respekt für sie und ihren selbstlosen Einsatz für Hilfsbedürftige, insbesondere für Kinder, vermitteln.”

        Eine Nonne, die für die Produktion eine überaus wichtige Rolle spielte, war Schwester Mary Margaret McEntee – auch bekannt als Schwester Peggy –, von der Shanley in St. Anthony’s unterrichtet wurde, als er ein naseweiser Erstklässler und sie eine mädchenhafte 21-jährige mit ihrem ersten Lehrauftrag war. Schwester Peggy machte auf den jungen Shanley einen solchen Eindruck, dass er sich von ihr zur Figur der Schwester James inspirieren ließ, und er holte sie mit Vergnügen als Beraterin an Bord. „Sie ist sehr kenntnisreich und sprüht vor Energie; auf diese Weise hat sie zur Produktion etwas Einzigartiges beigetragen,” so Shanley. „Sie hat uns bei allem geholfen, egal ob sie Meryl zeigte, wie man den Rosenkranz trägt oder wie man eine Schwesternhaube richtig aufsetzt. Die Barmherzigen Schwestern haben uns enorm unterstützt. Sie sind besondere und wunderbare Menschen.”

        Schwester Peggy arbeitete eng mit Streep, Adams und Hoffman zusammen, beantwortete Fragen zur Schwesterntracht, zu den Ritualen und Traditionen und – noch wichtiger – sie inspirierte die Schauspieler und die Crew mit ihrem Geist und ihren Erinnerungen. So ließ sie die Filmemacher großzügig an ihren Reminiszenzen an den Unterricht in St. Anthony’s teilhaben. „Ich habe meine Lehrtätigkeit ganz und gar geliebt,” so die Schwester. „Alles war uniform und streng – aber gleichzeitig auch sehr friedlich.”
        Ihre Erinnerungen an die plötzlichen Veränderungen, die die Kirche in den frühen 60er Jahren erlebte, trugen dazu bei, dass die Beteiligten die angespannte Atmosphäre in der fiktiven Schule

        St. Nicholas verstanden, wo zwei Generationen um die beste Methode ringen, wie man Kindern Werte und Glauben in einer Zeit großer sozialer und religiöser Unruhen beibringen kann.

        „Ich hatte immer das Gefühl, dass Johannes XXIII. eine wunderschöne Vision hatte”, so Schwester Peggy. „Er wollte die Fenster öffnen und frische Luft hereinlassen. Natürlich war es sehr schwer, sie wieder zu schließen, nachdem man sie geöffnet hatte. Deshalb hatten viele Leute gemischte Gefühle: Einige liebten die Veränderungen, während andere in ihren vertrauten Bahnen bleiben wollten und den Wandel ablehnten. Die liturgischen Veränderungen im Gottesdienst waren dabei am deutlichsten spürbar. Der Priester wandte den Menschen nicht länger seinen Rücken zu, sondern drehte sich zu ihnen hin. Der Altar wurde herabgesetzt und man involvierte die Laien stärker. Für mich war die Botschaft des Zweiten Vatikanischen Konzils eine wunderschöne Einladung, die Menschen mehr einzubeziehen. Manchmal vergessen wir das.”

        Schwester Peggy erinnerte sich auch an die jungen Priester mit ihren neuen Perspektiven, die in den 60er Jahren auftauchten. „Ich sah viele junge Priester, die von dem Wandel der Zeiten bewegt waren und offener und freundlicher wurden – ganz ähnlich wie Pater Flynn.”

        Was die Unterschiede zwischen den Methoden der angstvollen, absolutistischen Schwester Aloysius und der gütigen, offenherzigen Schwester James angeht, so zögert Schwester Peggy, Partei zu ergreifen, ungeachtet aller Ähnlichkeiten zur Letzteren. „Jede will sich selbst treu bleiben, so wie sie ausgebildet und vom Leben geformt wurde. Schwester James wurde zur Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils geprägt, als die Kirche den Menschen gegenüber sensibler und weniger autoritär agierte. Schwester Aloysius dagegen machte ihre entscheidende Entwicklung durch, als die Kirche strenger war und fest definierten Regeln und Richtlinien folgte. Persönlich mag ich Schwester Aloysius, wahrscheinlich weil ich im wirklichen Leben Schwester James war. Sie ist sehr hart, aber auch zutiefst gütig. Sie empfindet es als ihre grundlegende und absolute Pflicht, ihre Schüler zu schützen und auf jede Bedrohung zu achten.”

        Letzten Endes gibt Schwester Peggy zu, dass John Patrick Shanleys Leistungen sie mit Stolz erfüllen: „Ich brachte ihm das Lesen und Schreiben bei. Deshalb bin ich sehr glücklich, dass einer meiner Schüler mit Worten so viel erreicht hat.”

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