Als es an die Besetzung des Films ging, hätte Shanley ohne weiteres einige der renommierten Schauspieler anheuern können, die in der Bühneninszenierung auftraten, aber er wollte von Neuem beginnen: mit Darstellern, die eine frische und – auch für ihn – unerwartete Sicht auf die Rollen mitbrachten. „Ich wollte nie einfach nur die Theatererfahrung im Film rekonstruieren, und ebenso wenig hatte ich Lust, die herausragende Arbeit von Theaterregisseur Doug Hughes zu übernehmen und sie als mein eigenes Werk auszugeben. Ich wollte etwas Neues schaffen und ein sehr kreatives, intelligentes Ensemble von Filmschauspielern mit großartigem Einfühlungsvermögen für ihre Rollen zusammenstellen.”
Schon früh bei der Entwicklung des Drehbuchs stellte er sich Meryl Streep in der Rolle der Schwester Aloysius vor. Er wusste, dass er eine Schauspielerin von enormem Talent und großer Subtilität benötigte, die über das Klischee der diktatorischen, herzlosen Nonne hinausgehen konnte – jemand, der dem Zuschauer Stück für Stück einen Einblick in die Leidenschaften und letztlich in die Zweifel an ihrer Wahrheitssuche und sogar an ihrem Glauben vermittelt. Von Streep erwartete er eine Leistung, die all das, was Schwester Aloysius faszinierend und komplex macht, im Detail zeigen und würdigen würde – sogar in ihrer Selbstgerechtigkeit und -gewissheit.
„Eigentlich liebe ich Schwester Aloysius”, meint Shanley. „Meines Erachtens hat sie in vielfacher Hinsicht Recht, auch wenn manche ihrer Kämpfe sinnlos sind, wie zum Beispiel ihr Versuch, den Füllfederhalter statt des Kugelschreibers durchzusetzen. Sie kämpft Schlachten, die sie verlieren wird, wie wir alle wissen, denn diese Veränderungen haben bereits in unserer Kultur Einzug gehalten, aber trotzdem hat ihr Verhalten etwas Heldenhaftes. Ich stimme mit ihr überein, dass durch diese Veränderungen auch schöne Dinge verloren gehen. Es ist zudem wichtig zu verstehen, dass Schwester Aloysius im Zweiten Weltkrieg Nonne wurde und sie sich als Teilnehmerin an der Schlacht zwischen Gut und Böse sah, was damals eine weit verbreitete Sichtweise war, die aber in den 60er Jahren ihre Gültigkeit verlor. Diese Haltung passte perfekt in das Jahr 1944, aber 1964 und insbesondere jetzt kann sie überaus steif und veraltet wirken. Aber ist sie das auch? Ich bin mir nicht sicher.”
Streep, so Shanley, bot in dieser Rolle außergewöhnliche Überraschungen und zeigte Seiten von Schwester Aloysius, die nicht einmal er erwartet hatte. „Meryl hat als Schauspielerin etwas Prometeushaftes. Sie bietet so viele verschiedene Schattierungen und trifft so viele faszinierende Entscheidungen, die alle durch die Parameter der Rolle gerechtfertigt sind. Ich hatte keine Ahnung, wie packend es sein würde, mit ihr zu arbeiten. Ihr Herz, ihre Seele und ihre Imagination sind weit offen. Sie ist wie eine sechsspurige Autobahn. Wenn du mit ihr drehst, ist es, als würdest du den Blitz in einer Flasche einfangen. Denn jede Einstellung ist völlig anders. Und doch hat jede davon ihre Berechtigung und entsteht aus der Tiefe und Wahrheit ihrer Figur.”
Streep war begeistert davon, wie Shanley die Handlung in seiner Drehbuchadaption erweitert hatte: „Diese Geschichte ist ein lebendiger Organismus, und John nutzte die Gelegenheit, sie einerseits auszubauen und andererseits zu verdichten, bis sie ihre stärkste Form angenommen hatte. Das Erstaunliche dabei ist die Art, wie er das Drehbuch auf unterschiedliche Weise öffnete, indem er Charaktere und Szenen hinzufügte – insbesondere mit den Kindern, die eine so zentrale Rolle spielen und zum Dreh- und Angelpunkt aller Ereignisse werden. Aus meiner Sicht war das erstaunlich und mutig zugleich. Dadurch, dass die Geschichte konkreter wurde, wurde sie auch wahrhaftiger, so dass sie das Publikum auf der ganzen Welt anspricht, denn jetzt ist sie erfüllt von Dingen, die wir aus unserer eigenen Familie, unserem Beruf und überhaupt aus unserem ganzen Umfeld kennen.”
Die Schauspielerin fühlte sich aber hauptsächlich zu der Geschichte hingezogen, weil diese jeden Zuschauer auf eine persönliche Weise anrührt. „Die Menschen sehen diese Geschichte durch das Prisma ihrer eigenen Vorurteile und Erfahrungen sowie ihrer emotionalen Beziehung zu Institutionen, ob irdisch oder überirdisch. Für mich handelt sie von den Eigenschaften der Gnade und davon, wie wir diese Eigenschaften in zwischenmenschlichen Dingen verstehen und wahrnehmen.”
Ungeachtet der Diskussionen, die diese Geschichte anstößt, war Streep auch von Shanleys Bereitschaft beeindruckt, manchmal gar nichts zu sagen und den Film mit ausdrucksvollen Momenten absoluten Schweigens zu durchsetzen – Momenten voll spiritueller Reflexion oder emotionaler Schocks. „Manchmal sagt es am meisten aus, wenn gar nichts gesagt wird, wenn der Moment gefüllt ist von Möglichkeiten, Bedrohungen, aber auch von Gnade – und John versteht dieses Schweigen.”
Bei der Vorbereitung auf die Rolle arbeitete Streep eng mit den Nonnen des College of Mount St. Vincent zusammen, was für sie ein besonderes Vergnügen war: „Die Disziplin, die Reinheit und die scharfe Intelligenz dieser Frauen fand ich faszinierend, und sie haben mir sehr geholfen.”
Sie lernte von ihnen auch viel über eine andere Realität, die in GLAUBENSFRAGE geschildert wird – die Kluft zwischen der Macht der Priester, die die Autorität in Kirchenangelegenheiten besitzen, und der Macht der Nonnen, die ihren Einfluss auf kompliziertere und subtilere Weise auszuüben versuchen. „Sie vermittelten mir nicht nur einen Eindruck von ihren Fähigkeiten, sondern auch von der Hierarchie in der Kirche, in der sie hinter den Priestern nur die zweite Geige spielen, wogegen einige aufbegehren. All das war für die Darstellung der Schwester Aloysius sehr wertvoll. Und all das treibt auch die Handlung voran.”
Streep studierte die Figur der Schwester Aloysius aus allen denkbaren Blickwinkeln, um sie so porträtieren zu können. „Ich wollte durch den Habit sehen, um herauszufinden, wer sie ist. Woher kommt sie? Warum verbrachte sie ihr Leben im Orden? Was sind ihre Geheimnisse? Was gibt es Schönes in ihrer Hintergrundgeschichte? Was ist schrecklich? Das herauszufinden ist eben mein Job.”
Dieser Job bekam durch Shanleys Arbeit mit den Schauspielern noch eine weitere Dimension. „John war sehr offen für neue Einfälle”, so Streep. „Und er sagte mit größter Zufriedenheit: ‘So habe ich das noch nie gesehen.’ Das bemerkte er ziemlich häufig, und wir fühlten uns wunderbar frei – genau das, was du als Schauspieler willst.”
Nachdem er Streep als Schwester Aloysius besetzt hatte, gab es für Shanley nur eine kleine Anzahl von Schauspielern, die die Energie besaßen, ihr in der direkten Konfrontation am Höhepunkt des Geschehens die Stirn zu bieten. „Phil war der einzige Schauspieler, der mir einfiel, der Meryl in jeder Szene zum Schwitzen bringen konnte”, so Shanley. „Und als sie dann ihre große Szene drehten, war das ein erbitterter Kampf, ein Duell der Gladiatoren, überlebensgroß und packend zu beobachten. Das bescherte mir eine der
elektrisierendsten Wochen meines Lebens.”
Shanley denkt, dass beide eine entscheidende Eigenschaft gemeinsam haben, die auch für die Interpretation der Rollen essenziell war: „Beide eröffnen dir in ihrer Darstellung einen ganz weiten Blick, aber trotzdem siehst du nicht auf den Grund. Du kannst diesen letzten Knoten im Garn nicht lösen, die letzte Tür nicht öffnen – das ist ebenso unglaublich quälend wie faszinierend.”
Für Streep war die Wahl Hoffmans besonders interessant, da sie in einer Theaterinszenierung von „The Seagull” schon Mutter und Sohn gespielt haben. „In dieser Geschichte sind wir Gegner, dennoch ist unser Verhältnis viel komplizierter, und Phil bringt dabei all diese psychologischen Ebenen und menschlichen Nuancen ein. So viele Leute wollen die Rolle darauf reduzieren, wer Recht und wer Unrecht hat, aber du kannst Phil nie auf so etwas festlegen, denn er hat ein leidenschaftliches Interesse daran, alle Widersprüche herauszuarbeiten.”
Shanley fiel auf, dass beide eine aufgeladene Yin- und Yang-Atmosphäre schufen, wenn sie zusammen am Set waren. „Das Set war wie der Ring für zwei Preisboxer. Wenn sie nicht drehten, saßen sie mit hängenden Köpfen in ihren jeweiligen Ecken, während sie sich in einem privaten Universum voll innerer Qualen aufhielten und auf die folgende Szene vorbereiteten. Sobald der Ring frei für die nächste Runde war, stiegen sie hinein, und die Mauern erzitterten.”
Hoffman hat das Stück mehrere Male als Zuschauer genossen und war fasziniert von dem fein gesponnenen Netz an Themen: „Ich mag es sehr, dass es in der Geschichte keine absoluten Größen gibt, abgesehen von den Leidenschaften der Beteiligten. Ich liebe die Auseinandersetzung zwischen Altem und Neuem, während religiöse, ethische, politische und Geschlechterthemen eine große Rolle spielen. Das ist etwas Erstaunliches und Seltenes.”
Dennoch war er sprachlos, als er das Angebot für die Rolle erhielt. „Als John Shanley mich anrief, war ich sehr überrascht, denn ich hatte mich nicht in diesem Part gesehen. Aber ich wusste, dass es sich um ein anspruchsvolles, interessantes Stück handelte, und wenn John mir dieses Angebot machte, dann musste er dafür einen guten Grund haben. Es war also eines dieser Male, wo du ‘Ja’ sagst, weil es sich richtig anfühlt, und erst dann findest du heraus, worum es in der Rolle wirklich geht.”
Sobald Hoffman anfing, unter die Oberfläche des Pater Flynn zu schauen, entwickelte er eine noch stärkere Faszination für die Figur und die Art, wie sie sich sowohl öffnet als auch versteckt. „Ich würde ihn zunächst als modernen Denker beschreiben. Er sieht den Glauben, die Religion und viele Dinge im Leben auf eine Weise, die den Status quo der Kirche herausfordert.”
Diese Modernität ist Schwester Aloysius bereits ein Dorn im Auge, noch bevor sie Grund hat, Flynn irgendeines Vergehens zu bezichtigen, und macht sie zu natürlichen Feinden. Dennoch haben beide laut Hoffman auch viel Gemeinsames: „In vielfacher Hinsicht ähneln sie sich. Sie sind starke Individuen, die die Dinge auf ihre eigene Weise sehen. Für sie ist er eine Bedrohung ihrer Lebensart, ihrer Identität und ihrer Sicht der Kirche. Für ihn ist sie eine Bedrohung für die Form, wie er mit den Gemeindemitgliedern umgehen will. Und keiner von ihnen ist der Typ, der nachgibt.”
Allerdings gibt es zwischen beiden einen entscheidenden Unterschied. „Schwester Aloysius kann nicht wirklich in der Welt des Zweifels und der Grautöne leben. Sie braucht wahr und falsch, und sie braucht verlässliche Größen“, so Hoffman. „Pater Flynn dagegen versucht, in der Welt des Unbekannten zu existieren, was nicht leicht ist.”
Hoffman kam zu seinen eigenen Schlussfolgerungen bezüglich Pater Flynns Schuld oder Unschuld, aber er teilte sie weder mit Streep noch Adams. Wie Shanley zieht er es vor, das Publikum entscheiden zu lassen. „Eine der wunderbaren Eigenschaften dieser Geschichte ist es, dass du zu jedem Zeitpunkt für jeden der Charaktere Mitgefühl entwickelst, und die Leute werden bei Pater Flynn geteilter Meinung sein. Das bleibt ein ungelöstes Rätsel. Es ist nicht notwendig, immer eine Antwort zu bieten.”
Für seine weiteren Vorbereitungen verbrachte Hoffman nach den Szenen viel Zeit in einer katholischen Kirche, um die Pflichten eines Gemeindepfarrers kennen zu lernen. „Viel von dem, was ich wissen wollte, betraf die physischen, logistischen Handlungen des Priesters. Ebenso wichtig war es für mich, die Geschichte der Kirche und die damaligen Entwicklungen kennen zu lernen. Aber im Grunde“, beeilt er sich hinzuzufügen, „dreht sich die Handlung überhaupt nicht um die Kirche, sondern um Menschen im Allgemeinen. Charaktere wie Pater Flynn und Schwester Aloysius sind in jedem Milieu vorstellbar.”
Der Katalysator, der die beunruhigenden Zweifel an Pater Flynn auslöst, ist Schwester James, die idealistische junge Lehrerin, die zunächst mit Schwester Aloysius ihre vagen Sorgen über die ungewöhnlichen privaten Treffen zwischen Donald Miller und dem Pater teilt. Dennoch ist sie nicht sicher, ob ihre Beobachtungen einen echten Hintergrund haben. So lebt sie mit immensen Schuldgefühlen, da sie sich für die daraus folgenden Ereignisse verantwortlich fühlt. Als sich der Kampf zwischen Pater Flynn und Schwester Aloysius zuspitzt, nimmt Schwester James die Rolle des Publikums ein, da sie beide Seiten abwägt, während sie herauszufinden versucht, ob es überhaupt eine Entscheidung geben kann.
„Schwester James lernt etwas von jedem Beteiligten der Geschichte”, so Shanley, „und die Beteiligten lernen wiederum etwas von ihr. Niemand hat Recht. Niemand hat Unrecht. Jeder muss sich verändern, und jeder verändert sich, auch Schwester James.”
Schwester James wird gespielt von Amy Adams, die für ihre aufsehenerregende Rolle in JUNIKÄFER (2005) eine Oscar®-Nominierung erhielt. Danach spielte sie die Hauptrolle in Disneys Blockbuster VERWÜNSCHT (2007). Die Lektüre von Shanleys Drehbuch bewegte Adams dazu, sich leidenschaftlich um die Rolle zu bemühen. „Ich kannte das Stück und war einfach begeistert, wie es für die Leinwand adaptiert worden war. Außerdem verliebte ich mich in die Figur, und so hatte ich das große Bedürfnis, sie zu spielen. Deshalb kämpfte ich wirklich um die Rolle.”
Adams war von Schwester James’ Anständigkeit und ihrer tiefgreifenden inneren Entwicklung sehr bewegt. „Sie ist jemand, der sich nach seinem Herzen, seiner Seele und seinem Glauben richtet.
Sie glaubt an menschliche Güte. Aber die Ereignisse um Pater Flynn erschüttern ihren Realitätssinn und ihr Selbstgefühl. Dadurch stellt sie die Dinge in Frage, und sie begreift, wie ein kleiner Funke des Zweifels alles verändern kann. Sie verliert zwar nicht ihren Glauben, aber ihre bisherige Sicht der Dinge. Ihre Unterrichtsmethodik, ihr Selbstgefühl, ihr Gottesverständnis wandeln sich für immer. Sie begreift, dass das, was für eine Person wahr ist, nicht unbedingt für eine andere Person wahr sein muss. Und von da an lebt sie mit einem erneuerten und vertieften Glaubensverständnis.”
Bei den Dreharbeiten spiegelten sich in der Nervosität von Schwester James Adams’ reale Ängste vor der Zusammenarbeit mit Meryl Streep und Philipp Seymour Hoffman wider. „Ich hatte hier mit zwei enorm talentierten und sehr ehrfurchteinflößenden Schauspielern zu tun, was sehr einschüchternd war.”, so Adams. „Und ich nutzte das für meine Interpretation der Figur der Schwester James. Sie will beiden gefallen und hofft, von beiden zu lernen. Genau das Gleiche galt für mich.”
Die Spannungen, die sich in dem Trio aufbauen, eskalieren in einer „Tee-Szene”, in der Schwester Aloysius Pater Flynn zum ersten Mal mit ihren unappetitlichen Beschuldigungen konfrontiert, während sich Schwester James vor Betroffenheit und Schuldgefühlen windet – eine Szene, an die sich Adams lebhaft erinnert: „Es war so unangenehm und peinlich, dass mir vor lauter Anspannung übel war – ich hoffe, die Szene wirkt auf den Zuschauer genauso unangenehm und eindringlich.”
Streep – die mit Adams gleich danach Nora Ephrons Julie & Julia drehte – war auch angetan vom Talent ihrer Kollegin. „Es gibt sehr wenige Leute, die wirklich Unschuld vermitteln und die Eigenschaften ‚frisch gefallenen Schnees’ haben. Sie kann das Gefühl eines Mädchens vermitteln, das wirklich an etwas glaubt. Und deshalb hat sie es auch so weit geschafft. Amy hat eine große Karriere vor sich.”
Adams wurde auch stark beeinflusst von Schwester Peggy, auf die ihre Figur ursprünglich zurückgeht. Die Schauspielerin stellte fest, dass sie nicht Schwester Peggy werden, sondern ihren grundlegenden Charakter verstehen wollte. „Ich war nicht daran interessiert, ihre Manierismen zu kopieren oder sie nachzuahmen. Aber ihr Geist hat auf mich sehr großen Eindruck gemacht. Sie steckt so voller Leben und hat stets ein freches Blinzeln im Auge, so dass man noch immer das Mädchen in ihr erkennen kann. Dieser Eigenschaft wollte ich gerecht werden.”
Sie fühlte sich schon allein durch das Tragen der Nonnentracht verwandelt: „Du findest dich in einem sehr interessanten Universum wieder, wenn du die Schwesternhaube trägst. Du siehst nicht viel in den Randbereichen, damit wird dein Blick fokussiert. Und du verlierst jedes Gefühl von Eitelkeit – etwas, was auch Schwester James nicht hat. Bei ihr geht es nur um die Seele, und das war eine sehr belebende Erfahrung.” Aber es war auch eine Herausforderung, wie Adams zugibt. „Jemanden zu spielen, der sich die Glaubensfrage stellt, klingt einfach, aber in Wirklichkeit wirbelt das deine Welt durcheinander.”
Für Adams und den Rest der Besetzung war es eine unschätzbare Hilfe, dass Shanley gegenüber diesem Lernprozess sehr aufgeschlossen war. „John hatte keine vorgefertigte Meinung.”, so die Schauspielerin. „Das machte er von vornherein klar. Er sagte: ‘Ich brauche nichts von euch, was ich schon mal gesehen habe.’ Er war ganz offen dafür, durch unseren Beitrag etwas Neues über das Stück zu erfahren. Er zwang mich auch nie, meine Rolle rational zu analysieren. Bei ihm war alles sehr emotional, und das hat sehr zur Wahrhaftigkeit des Ganzen beigetragen.”
Das überraschendste Stück im Puzzle von GLAUBENSFRAGE ist Mrs. Miller, Donalds Mutter, die auf Veranlassung von Schwester Aloysius nach St. Nicholas kommt. Indem sie auf etwas beharrt, das aus ihrer Sicht für das Überleben ihres Sohnes notwendig ist, verblüfft sie sogar die Direktorin. „Mrs. Miller verkörpert den schrecklichen, schwierigen Handel, den die Leute manchmal eingehen, damit ihre Kinder und auch sie selbst überleben können.”, so Shanley.
Als es darum ging, diese Rolle zu besetzen, war der Regisseur von Viola Davis’ Vorsprechen eingenommen – der Tony-preisgekrönten Schauspielerin, die für die ANTWONE FISHER STORY (2002) für einen Independent Spirit Award nominiert worden war. „Ich muss sagen, ich halte sie für eine der talentiertesten Schauspielerinnen, die ich je gesehen habe.”, so Shanley.
Obwohl Mrs. Miller nur eine einzige, lange Szene hat, ist ihre Konfrontation mit Schwester Aloysius so etwas wie die Feuerprobe der Geschichte. Daraus entspinnen sich emotionale Verwicklungen und Zweifelsmomente, die die Schwester weit mehr verändern, als sie das erwartet. „Das ist eine sehr menschliche Szene, die sich in jeder Epoche so abspielen könnte.”, so Davis über dieses Aufeinandertreffen. „Mrs. Miller ist in erster Linie eine Mutter, die ihr Kind zu retten versucht. Sie wird ihren Jungen nicht einfach beiseitestoßen und sagen ‘Er ist schwul, aber ich kann das sowieso nicht verstehen, deshalb mische ich mich nicht ein.‘ Nein, sie hat sich entschlossen, ihn zu lieben und zu akzeptieren, obwohl sie nicht weiß, was er durchmacht. In vielfacher Hinsicht hat sie mehr Mut als jeder andere Charakter in der Geschichte.”
„Ihr Alltag ist die Hölle.”, so Davis weiter. „Sie muss zusehen, wie ihr Sohn von seinem Vater verprügelt wird, sie schuftet sich ab, um für seine katholische Schule bezahlen zu können. Und der einzige Quell ihres Glücks ist die Liebe zu ihrem Kind. Als sie dann Schwester Aloysius’ Anruf bekommt, weiß und fürchtet sie, dass sich damit selbst dieses bisschen Glück auflösen könnte.”
Obwohl sie die Motive ihrer Figur als zeitlos betrachtet, meint Davis auch, dass Mrs. Miller durch die kulturellen Realitäten des Jahres 1964 gelähmt ist. „Sie weiß, dass ihr Sohn als schwarzer, schwuler, junger Mann nicht viele Optionen hat. Welche Wahlmöglichkeiten standen einem Schwarzen damals schon offen – noch dazu, wenn er mit seiner eigenen Sexualität nicht klarkam? Sie kämpft gegen riesige Hindernisse an: die Tatsache, dass sein Vater ihn hasst, dass ihn keine andere Schule aufnehmen will und dass er gemobbt und verprügelt wird. Deshalb betrachtet sie Schwester Aloysius als große Bedrohung. Alles, was sie von ihr hört, ist: ‘Ich werde Ihren Sohn zerstören.’ Sie hält sie für jemanden, der bereit ist, ein Leben kaputtzumachen, nur um Recht zu behalten.”
Davis weiß, dass im Jahr 2008 eine solche Konfrontation zwischen Lehrer und Elternteil ganz anders ablaufen würde. Mrs. Miller dagegen kann unter den gegebenen Umständen nichts anderes tun, als der Direktorin von den Härten ihres menschlichen Kampfes zu erzählen. „Heutzutage würde sie Schwester Aloysius wahrscheinlich nur beschimpfen, aber jene Zeiten verlangten ganz spezifische Handlungsweisen, die ich in meine Interpretation einbrachte. Da die Schwester nicht nur eine Nonne, sondern auch eine Weiße ist, begreift Mrs. Miller, dass sie anders vorgehen muss, um einen Platz in ihrem Herzen zu bekommen und ihren Standpunkt zu vermitteln. Letztlich bettelt sie, so gut sie es kann, um das Leben ihres Sohnes.”
Als Schwester Aloysius Mrs. Miller mit ihrer rigiden Überzeugung konfrontiert, wird die Mutter laut Davis zur Verkörperung der Zweifel, die die Nonne quälen. „Mrs. Miller zweifelt viel, wie man hoffentlich erkennen kann – ob sie das Beste für ihren Sohn tut oder ob sie ihn auf eine Weise schädigt, die sie nicht verstehen kann. Schwester Aloysius bringt sie in eine schreckliche Lage. Mrs. Miller will nur, dass ihr Sohn dieses Schuljahr schafft, damit er eine Chance bekommt, das Leben zu führen, das er verdient. Wie soll sie also auf Schwester Aloysius’ Verdacht reagieren, wenn es keine Belege für ein Fehlverhalten gibt?”
Davis hegt keine negativen Gefühle gegenüber Schwester Aloysius – im Gegenteil, sie ist von ihrer inneren Reise fasziniert. „Schwester Aloysius hat ihr ganzes Leben in dem Glauben verbracht, dass es eine richtige und eine falsche Vorgehensweise gibt. Sie kennt kein anderes Leben und hält daran fest, denn ohne dieses Leben wäre es für sie, als müsste sie sterben. Deshalb bricht sie meiner Meinung nach am Ende zusammen. Das ist alles zu viel für sie. Dabei ist nichts Schlimmes daran, Zweifel zu fühlen und ins Unbekannte einzutauchen. Denn genau dadurch wächst du innerlich.”
Der Schlüssel für Davis war es, die Worte Shanleys mit all der Verwirrung, Verzweiflung und Verletzlichkeit zu füllen, die eine echte Mutter in Todesangst um ihren Sohn empfinden würde. „Ich wollte sie nicht als Sprachrohr für soziale Themen gebrauchen, sondern sie ganz und gar wirklichkeitsnah gestalten und sie wirklich entdecken.” Zu diesem Zweck sprach Davis mit vielen Menschen über Mrs. Millers Dilemma, um von ihnen authentische Reaktionen zu bekommen. „Ich fragte verschiedene Mütter, was sie unter ähnlichen Umständen tun würden, um ihre Kinder zu retten, und ich machte dabei viele überraschende Entdeckungen.”
Der Außendreh verlieh Davis’ Darstellung noch weitere Nuancen. „Es war so kalt, dass ich innerlich ein wenig zumachte, mich stärker zusammennahm. Hinzu kam, dass wir in einer Sozialwohnungssiedlung drehten und überall waren Leute. Das half mir, Mrs. Millers Verzweiflung und ihre Hoffnung auf ein vertrauliches Gespräch mit Schwester Aloysius zu vermitteln.”
Mit Meryl Streep zusammenzuarbeiten war ein Nervenkitzel für Davis: „Ich fürchtete mich, war hin und weg vor Ehrfurcht. Aber Meryl hätte nicht zauberhafter sein können. Sie ist eine so fantastische Schauspielerin, und ich wollte wirklich versuchen, ihr das Wasser zu reichen. Sie hat Schwester Aloysius so menschlich dargestellt, dass ich davon tief bewegt war. Sie war keine rücksichtslose Hardlinerin – man konnte die Verletzlichkeit dieser Frau wirklich sehen.”
Streep wiederum meint, dass Davis ihr den Atem raubte: „Mrs. Miller entspricht in keiner Weise den Erwartungen der Schwester, und für mich war Viola perfekt für diese Rolle. Ihre Interpretation war grandios umgesetzt und eine wirkliche Offenbarung. Das machte es mir schwer, denn ich sah, wie ungeschützt und verzweifelt die Lage dieser Mutter war, und ich empfand für sie großes Mitgefühl.”
Die wichtigste Inspiration für Viola Davis waren indes Shanleys Einblicke in die Persönlichkeit von Mrs. Miller und die der anderen Charaktere. „Die ganze Kraft und Wirkung dieser Geschichte war in seinem Kopf. Nur er konnte sie wirklich zum Leben erwecken, denn er kennt jede einzelne dieser Figuren. Er kannte Mrs. Miller. Ich habe sie mir nur vorgestellt.”