Drama
| Belgien / Deutschland / Frankreich / Großbritannien / Luxemburg 2007
WERBUNG
| Anmerkungen von Sam Garbarski
Die Entstehung des Projekts
Ich war begeistert von der Idee meines Freundes und Drehbuchautors Phillip Blasband, eine Art politisch unkorrekte romantische Tragikomödie zu drehen. Beim Entwickeln der Geschichte wurde uns dann ziemlich schnell bewusst, dass die Finanzierung dieses Projekts äußerst schwierig werden würde. Und so war es auch – es hat sehr, sehr lange gedauert. Tatsächlich war das Drehbuch schon fertig, bevor wir anfingen, meinen ersten Spielfilm DER TANGO DER RASHEVSKIS zu schreiben. Es ist immer dasselbe: Alle sind auf der Suche nach einem originellen Drehbuch, aber wenn jemand tatsächlich mal eine gute Idee hat, dann bekommen sie plötzlich kalte Füße.
Nach ich-weiß-nicht-wie-vielen Versuchen fragte mich mein Produzent Sébastien Delloye eines Tages: „Könntest du dir vorstellen, auf Englisch zu drehen?“ Sébastien war gerade vom Filmfestival in Rotterdam zurückgekommen, wo er sich mit einem englischen Produzenten getroffen hatte, der unsere Idee sehr mochte und vorschlug, den Film auf Englisch zu realisieren. Die Umarbeitung des Drehbuchs gestaltete sich sehr harmonisch und bot uns die Chance, ein paar neue Ideen einzubauen. Wir trafen Martin Herron, einen englischen Drehbuchautor, der fantastische Arbeit geleistet hat: Schließlich haben Sébastien Delloye und ich noch letzte Veränderungen vorgenommen, damit das Resultat exakt unseren Vorstellungen entsprach.
Der Ort der Handlung
Es war eine wunderbare Fügung des Zufalls, dass wir die Geschichte plötzlich in England ansiedeln mussten. Heute könnte ich sie mir nirgendwo anders mehr vorstellen. Hier passt alles perfekt: der soziokulturelle Hintergrund, die Freundinnen mit ihren Teekränzchen – und vor allem die tragische Vorgeschichte. Denn in England kann dich eine Krankheit, deren Kosten nicht von der Krankenkasse übernommen werden, tatsächlich in drei bis vier Monaten ruinieren. England ist also das Land, in dem Maggies Geschichte geboren werden musste.
Recherche im Rotlichtmilieu
Im Zuge der Drehvorbereitungen haben wir einige verruchte Orte inspiziert. Eines Abends stand ich mit Sébastien Delloye vor einem Sexclub, als ein Freund von ihm vorbeikam und fragte: „Was macht ihr denn hier?“ – „Wir schauen uns potenzielle Drehorte für einen Film an.“ – „Ja, klar“, grinste der Freund, „das mache ich auch!“ Er hat uns natürlich kein Wort geglaubt. Mit meiner Szenenbildnerin Véronique Sacrez habe ich mir verschiedene Etablissements von innen angesehen, damit wir möglichst authentisch arbeiten konnten. Sie hatte immer einen kleinen Fotoapparat dabei, mit dem sie heimlich Aufnahmen geschossen hat. Das war natürlich streng verboten. Einmal ist ihr die Besitzerin eines Sexclubs nachgelaufen – ich glaube, sie hätte Véronique umgebracht, wenn sie sie geschnappt hätte. Aber wir konnten zum Glück rechtzeitig fliehen.
Eine wunderbare Frau
Maggie ist eine einfache, gute und großzügige Frau. Sie hat keine nennenswerte Bildung genossen, und Gelegenheit zum Reisen hatte sie auch nicht. Sie hat ihren ersten Freund geheiratet und ist ihm treu geblieben, sogar über seinen Tod hinaus. Maggie hätte sich nicht einmal in ihren kühnsten Fantasien ausmalen können, dass ein solcher Job, wie der, um den sie sich im Sexshop bewirbt, überhaupt existiert! Sie nimmt ihn an, weil sie einfach keinen anderen Ausweg sieht – und weil sie ein bisschen naiv ist.
Ihre Entscheidung ist völlig unschuldig. In ihren Augen macht sie bloß ihre Arbeit, um Geld für die medizinische Behandlung ihres Enkelsohns Olly zu verdienen. Wegen ihrer Vereinbarung mit Miki, dem Besitzer des Ladens, kommt sie später nicht mehr aus der Nummer raus. Und weil sie der Typ ist, der sich bemüht, alles so gut wie möglich zu machen, ist sie schließlich auch erfolgreich. Was Maggie tut, ist ein echtes Opfer von einer wunderbaren Frau. Ich schätze, die meisten Menschen halten einen Sexclub nicht unbedingt für den passendsten Ort, um sich zu verlieben. Aber warum sollten zwei Menschen die Liebe nicht auch mal an einem Ort finden, wo keiner sie jemals vermuten würde?
Maggie bei der Arbeit
In IRINA PALM wollte ich die bisweilen tragikomische Seite des täglichen Lebens zeigen – und nicht etwa eine Reportage über die hässlichen Aspekte der Sex-Branche drehen. Nachdem Maggie einen vollkommen reinen und ehrlichen Charakter hat, beschloss ich, sie auch bei der Arbeit möglichst dezent und mit viel Feingefühl zu filmen. Vulgarität hatte hier keinen Platz: Es wäre zu billig gewesen, irgendwelche Penisse auf der Leinwand zu zeigen. Stattdessen konzentrierte ich mich darauf, Maggies Geschichte nur mit ihrem Gesichtsausdruck und mit ihrer starken Körpersprache zu erzählen. Dabei haben wir eine Menge verschiedener Möglichkeiten ausprobiert – erst mit meiner kleinen Kamera während der Proben mit Marianne, anschließend mit Christophe, dem Kameramann.
Die Besetzung von Marianne Faithfull
Während eines Fluges las ich in einem Artikel, Marianne Faithfull würde gerade MARIE ANTOINETTE mit Sofia Coppola in Paris drehen. Nach der Landung rief ich sofort den Produzenten an, und er stimmte mir zu, dass es eine interessante Idee wäre, Maggie mit Marianne zu besetzen. Ich rief Nathanièle Esther an, meine französische Casting-Agentin, und sie war sofort Feuer und Flamme. Noch am selben Tag fand sie heraus, dass Sofia mit Mariannes Arbeit sehr zufrieden war. Sie machte Mariannes Agenten ausfindig und schickte ihm am nächsten Tag das Drehbuch. 24 Stunden später rief er uns zurück und erzählte, dass Marianne das Drehbuch sehr gefallen hätte und uns unbedingt treffen wollte. Als mein Produzent Sébastien und ich Marianne dann tatsächlich kennen lernten, spürten wir sofort, dass sie eine wundervolle Maggie sein könnte.
Die Arbeit mit Marianne Faithfull
Marianne hat keine klassische Schauspielausbildung absolviert, aber sie ist eine echte Künstlerin und zeigte vom ersten Moment an absolute Präsenz. Marianne hat mir von Anfang an erlaubt, sie in die Maggie zu verwandeln, die ich mir vorgestellt hatte. Sie hat zwar schwer geschluckt, als ich mit Maggies Klamotten ankam – vor allem, als ich ihr die klobigen Kreppsohlenstiefel aufgezwungen habe. Aber Marianne hat sofort verstanden, warum mir das wichtig war. Sogar wenn sie eine Textzeile oder meine Interpretation einer Szene nicht mochte, hat sie sich trotzdem meinen Wünschen gefügt. Sie ist sehr professionell und eine Vollblutschauspielerin.
Die Arbeit mit Miki Manojlovic
Miki hatte ich von Anfang an im Hinterkopf. Schon als wir in Frankreich versucht hatten, das Projekt zu finanzieren, hatte ich mich mit ihm getroffen. Er mochte das Drehbuch sehr, aber ich fürchte, er hat nicht so recht daran geglaubt, dass dieser Film je zustande kommen würde. Trotzdem habe ich ihn regelmäßig angerufen, um ihn über den aktuellen Stand unserer Bemühungen zu informieren, und jedes Mal zeigte er dasselbe freundliche Interesse und dieselbe Begeisterung.
Miki lebt in Belgrad, und er hasst Flugzeuge. Er ist 26 Stunden lang mit dem Zug zu einem einstündigen Treffen mit Marianne und mir nach Paris gereist. Aber als ich sah, wie die beiden sich anschauten, wusste ich, dass ich mein Traum-Paar gefunden hatte. Dann fuhr Miki direkt nach Belgrad zurück, wieder 26 Stunden lang mit dem Zug. Ich liebe ihn aus vielen Gründen – und einer davon ist mit Sicherheit dieses Erlebnis. Er ist ein ganz großartiger Schauspieler, und die Arbeit mit ihm macht sehr viel Spaß.
Bilder und Musik
Ich stelle immer wieder fest, dass der Kern der Story auch die Art und Weise vorgibt, in der ich eine Geschichte erzähle. In diesem Fall haben wir zu 90 Prozent „normale“ Linsen mit 40 oder 50 mm Brennweite und großen Blenden verwendet, um das Gefühl zu vermitteln, dass wir ganz nah bei Maggie sind. Die Kamera wurde während des gesamten Films behutsam auf der Schulter getragen, so dass wir Maggies Herzschlag spüren konnten. Das Filmnegativ wurde schließlich leicht unterbelichtet und ohne Bleichbad entwickelt, um Bilder mit entsättigten Farben, weichen Kontrasten und lebendigen Schwarztönen zu bekommen – sozusagen eine Mischung aus Härte und Poesie.
Die Musik hatte ebenfalls einen enormen Einfluss auf den Rhythmus des Films und die Bilder, mit denen ich die Geschichte erzähle: Die Filmmusik war schon vor den Dreharbeiten fertig, und wir haben viele Kamerabewegungen mit der Musik in unseren Kopfhörern gemacht. John Stargasm von GHINZU, der die Filmmusik mit seiner Band komponierte und einspielte, hat großartige Arbeit geleistet.
Koproduktion von fünf Ländern
Wir haben in England, Deutschland und Luxemburg gedreht – logischerweise mit einer internationalen Crew. Aber das passt zu mir: Ich bin polnischer Abstammung, in Deutschland aufgewachsen, lebe in Belgien und habe einen Film auf Englisch gedreht. Mein Regieassistent ist Grieche, wuchs ebenfalls in Deutschland auf und lebt in Paris.
Mein Skriptgirl ist Engländerin, hat aber schwedische Vorfahren. Mein Kameramann ist Belgier, lebt jedoch in Frankreich. Meine Szenenbildnerin stammt aus Italien, lebt aber in Luxemburg. Es war eine schöne Mischung! Die Geschichte spielt in England, also haben wir alle Außenaufnahmen dort gemacht. Die Innenaufnahmen sind in Luxemburg und Deutschland entstanden – doch weil meine Crew so einen großartigen Job gemacht hat, gibt es kein einziges Detail, das diese Tatsache verraten würde.
Weltpremiere mit Geburtstagstorte
Der 13. Februar 2007 war ein ganz besonderer Tag für mich: Ich konnte nicht nur meinen 59. Geburtstag feiern, sondern auch die Uraufführung von IRINA PALM im Rahmen des Berlinale-Wettbewerbs. Dass diese Weltpremiere ein so überwältigender Erfolg werden würde, hätte ich nie zu hoffen gewagt. Nachdem die Zuschauer im Berlinale-Palast schon rund eine Viertelstunde lang begeistert applaudiert hatten, dachte ich, es wäre jetzt vielleicht doch langsam Zeit zu gehen.
Aber just in diesem Augenblick kam plötzlich eine Hostess mit einer Geburtstagstorte auf die Bühne – eine gelungene Überraschung von Festivalchef Dieter Kosslick, denn niemand von uns hatte vorher davon gewusst! Als daraufhin spontan der ganze Saal „Happy Birthday“ sang, war das für mich ein extrem ergreifender Moment. Sehr gefreut habe ich mich natürlich auch über den Riesenjubel bei der Pressekonferenz zu IRINA PALM und über die vielen euphorischen Rezensionen in den internationalen Medien.
Nun hoffe ich, dass der Film beim „normalen“ Kinopublikum genauso gut ankommt wie bei der Presse!