Drama
| Belgien / Deutschland / Frankreich / Großbritannien / Luxemburg 2007
WERBUNG
| Anmerkungen von Marianne Faithfull
Maggies Charakter
Maggie ist eine ganz gewöhnliche Frau, die ein ziemlich graues, tristes, langweiliges Leben geführt hat. Eine, die von anderen Leuten als Fußabstreifer benutzt wird. Eine, die ihrem Sohn die Wäsche bügelt und stets versucht, sich so unauffällig wie möglich zu verhalten. Ich glaube nicht, dass sie eine glückliche Ehe hatte. Jetzt ist sie Witwe. Und einsam. Ich fürchte, es gibt viele Menschen, denen es ähnlich geht wie ihr.
Eine große Reise
In IRINA PALM begibt sich Maggie auf eine große emotionale Reise: Sie verwandelt sich von einer unausgefüllten, unfertigen Person in eine selbstsichere Frau, die erkannt hat, was im Leben wichtig ist. Zu Anfang ist Maggie eine unglaublich weltfremde Frau, die sehr früh geheiratet und noch nicht richtig gelebt hat. Wegen ihres kranken Enkelsohnes verkauft sie sogar ihr Haus. Sie nimmt es freiwillig auf sich, das ganze Geld für die medizinische Behandlung des kleinen Jungen aufzutreiben. Die arme Frau musste sich mit vielen
Dingen abfinden, ohne zu wissen, warum. Aber an dem Tag, als sie zufällig das „Sexy World“ betritt, nimmt ihr Leben eine unerwartete Wendung – und weist ihr schließlich sogar den Weg zur Liebe.
Gemeinsamkeiten mit Maggie
Ich muss sagen, dass ich mit der Maggie, wie wir sie am Anfang des Films kennen lernen, nicht viel gemein habe. Allerdings verbindet uns ein sehr wichtiges Charakteristikum: die Liebe zu einem Sohn und einem Enkel. Ich liebe meinen Sohn sehr. Wie Maggie habe ich ihn bekommen, als ich 18 war. Und ich vergöttere meine Enkel, die jetzt 13 und 10 Jahre alt sind. Die Liebe zu ihrem Sohn und ihrem Enkel ist der Antrieb für alles, was Maggie tut. Sie ist der Schlüssel zu ihrem Verhalten – und der einzige Grund dafür, warum sie den Job im Sexclub überhaupt annimmt.
Was die Leute denken
Maggie hat große Angst davor, dass irgendjemand hinter das Geheimnis ihres Jobs kommen könnte. Sie macht sich ständig Sorgen darüber, was die anderen denken. Das zu überwinden, ist ein Teil ihrer Reise. Am Ende des Films pfeift sie auf Klatsch und Vorurteile. Maggie lernt, dass es nicht wichtig ist, was die Leute sagen. Was wirklich zählt, ist das, was du selbst über dich denkst. Ich wusste das schon immer – wegen meiner Eltern, die extrem unkonventionell und cool waren. Trotzdem gab es Phasen in meinem Leben, in denen ich mich ziemlich aufgeregt habe über das Bild, das die Leute von mir hatten. Eine Zeit lang war ich todunglücklich, aber ich bin darüber hinweggekommen.
Eine Auszeit von mir selbst
Die Rolle hat mich gereizt, weil Maggie so völlig anders ist als ich. Ich selbst hatte ein fantastisches Leben, habe unglaubliche Menschen kennen gelernt und die verrücktesten Sachen getrieben. Im Gegensatz zu Maggie wurde ich nie unterdrückt, und man kann mich wohl kaum als konventionell oder konformistisch bezeichnen. Nie wäre ich so geduldig wie sie; nie würde ich mir all den Mist gefallen lassen, den sie sich gefallen lässt. Die Verwandlung in Maggie war also durchaus eine Herausforderung für mich. Aber ich fand es sehr interessant, mich in einen solchen Menschen hineinzuversetzen. Denn gerade das liebe ich an der Schauspielerei: jemand anderes zu werden. Es ist auf die Dauer langweilig und ermüdend, Marianne Faithfull zu sein. Das war ich lange genug! Dank der Schauspielerei kann ich mir eine Auszeit von mir selbst gönnen.
Verwandlung in Maggie
Es gibt nicht eine einzige Minute im Film, in der ich Marianne Faithfull bin. Was Sie sehen, ist immer Maggie – und das haben wir Regisseur Sam Garbarski zu verdanken: Er traute mir zu, dass ich mich in diese Filmfigur verwandeln könnte. Und er half mir sehr dabei. Zuallererst musste ich meine eigenen Erfahrungen unterdrücken und innerlich wieder so rein werden wie eine blank gewischte Tafel. Dann fing ich an, mich mal so richtig gehen zu lassen: Ich habe ordentlich Pfunde zugelegt und mir keine Gedanken mehr über mein Äußeres gemacht. Als Nächstes habe ich mit Sam Maggies Körpersprache entwickelt – ihre Art zu laufen, sich zu bewegen, zu sitzen oder zu liegen. Denn obwohl es Dialoge im Film gibt, erfahren wir doch auch in stummen Szenen eine Menge über Maggie: Vieles muss in ihrem Gesicht zum Ausdruck kommen, vor allem in ihren Augen, aber auch in ihrer Körperhaltung. All das läuft auf einer sehr subtilen Ebene ab. Maggies gesamte emotionale Reise wird eigentlich nur in feinen Nuancen erzählt.
Eine neue Welt für mich
Vor der Lektüre des Drehbuchs wusste ich nichts über diese Variante des Sexgeschäfts. Ich war auch noch nie in einem Sexclub. Und ich würde es nicht wagen, mir ein Urteil über diese Branche anzumaßen. Wahrscheinlich muss man die Sache ein bisschen pragmatisch sehen – es heißt schließlich nicht ohne Grund „das älteste Gewerbe der Welt“. Aber ich schätze, für Frauen, die dort arbeiten müssen, ist es alles andere als ein Vergnügen. Ich weiß ja nicht, was Männer, die solche Etablissements frequentieren, sich in ihrer Fantasie vorstellen, aber für eine Frau dürfte es der Horror sein: ein knallharter Job, um Kohle ranzuschaffen. Und sonst gar nichts.
Kein Porno
Als ich das Drehbuch bekam, lag ein Brief von Regisseur Sam Garbarski bei, in dem er erklärte, dass er keineswegs die Absicht hätte, einen Porno zu drehen, und dass man in seinem Film keinen einzigen Penis sehen würde. Somit war vom ersten Moment an klar, dass es für meinen Sohn keinen Grund gäbe, sich zu schämen, wenn ich in diesem Film mitspielen würde. Bei den Dreharbeiten haben wir in den Sexclub-Szenen mit Plastik-Dildos gearbeitet. Das hat mir sehr geholfen, Maggies Ekel auszudrücken – denn ich finde die Dinger wirklich absolut widerwärtig!
Dekoration und Arbeitskleidung
Mit ihrer Dekoration versucht Maggie, in dieser seltsamen Welt, in der sie sich eigentlich völlig deplatziert fühlt, ein bisschen Normalität einkehren zu lassen: Sie richtet sich ihre schreckliche kleine Sexclub-Kabine so ein, dass sie damit zurechtkommt. Dabei hilft ihr auch die Schürze. Dieses Kleidungsstück ist überhaupt ein faszinierendes englisches Phänomen: Bei uns tragen alle Frauen solche geblümten Kittel, nicht nur in der Arbeiterklasse, auch in höheren Schichten. Sobald sie Fenster putzen oder ähnliche Dinge verrichten müssen, schlüpfen sie – zack! – rein in ihre Schürze. Und seien wir ehrlich: Für den Job, den Maggie da machen muss, ist diese Arbeitskleidung eine ziemlich gute Idee!
Maggies Motivation
Maggie tut das alles nur, um mit dem verdienten Geld ihren Enkel zu retten. Sie packt die Gelegenheit beim Schopf und überwindet ihren Ekel. Ich habe keine Ahnung, ob ich persönlich das auch könnte! Ich bewundere Maggie für ihren Mut. Ich mag sie sehr. Und besonders großartig finde ich, dass sie es schafft, sich selbst zu befreien. Dass sie endlich sagen kann: Schluss! Aus! Genug!
Arbeit mit Miki Manojlovic
Ich finde Miki Manojlovic sehr sexy. Und es war natürlich für die Gestaltung meiner Rolle sehr hilfreich, dass es zwischen uns beiden wirklich geknistert hat. Miki ist ein ganz großartiger Schauspieler. Alle Darsteller in IRINA PALM sind toll, bis hinein in die kleinsten Rollen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man automatisch besser wird, wenn man mit guten Kollegen arbeitet – denn dann muss man sich selbst auch mehr anstrengen!
Meine Karriere als Schauspielerin
Wenn ich nicht mit 17 bereits als Rocksängerin entdeckt und auf Tour geschickt worden wäre, dann wäre ich garantiert auf die Theaterakademie gegangen und eine richtige Schauspielerin geworden. Denn das wollte ich immer tun. Ich denke, dass ich inzwischen tatsächlich zur Darstellerin gereift bin. Es hat nur ein bisschen länger gedauert. Patrice Chéreau hat mich mit INTIMACY wieder zu meiner Liebe zum Kino zurückgeführt.
Danach kam die Rolle der Kaiserin Maria Theresia in Sofia Coppolas MARIE ANTOINETTE – eine sehr schöne Erfahrung. Und jetzt die Maggie in IRINA PALM – eine ganz und gar wunderbare Erfahrung! Ich hatte zwar schon zuvor immer wieder tolle Rollen gespielt, sowohl auf der Bühne als auch auf der Leinwand, aber hier musste ich zum ersten Mal einen Film allein auf meinen Schultern tragen. IRINA PALM ist sozusagen das Sahnehäubchen auf meiner Schauspiel-Karriere. Und die begeisterten Reaktionen nach der Weltpremiere bei den Berliner Filmfestspielen waren für mich die schönste Belohnung, die ich mir wünschen konnte.
Zukunftspläne
Ich liebe es, Konzerte zu geben. Wenn ich meine Lieder öffentlich vortrage, kann ich wirklich eine Verbindung zu den Menschen aufbauen. Darum spiele ich auch nicht in großen Hallen: weil ich meinem Publikum nahe sein möchte. Ich glaube nicht, dass es fair wäre, meine Karriere als Sängerin einfach zu beenden – weder gegenüber mir noch gegenüber meinen Fans, die ich liebe. Aber natürlich will ich auch die Schauspielerei nicht aufgeben. Und warum sollte ich nicht beides weiter verfolgen?
Im kommenden Jahr habe ich viel zu tun, weil ich durch meine letztjährige Krebserkrankung eine Menge aufholen muss: Ich werde ausgiebig touren und am Ende des Jahres eine neue Platte aufnehmen. Aber danach würde ich liebend gern wieder einen großartigen Film drehen!