Schon immer waren Menschen von der möglichen Existenz außerirdischen Lebens fasziniert. Science-Fiction-Literatur und -Filme dienten nicht nur der Unterhaltung, sondern boten auch Diskussionsgrundlagen bezüglich unserer Hoffnungen bzw. Ängste in punkto extraterrestrischer Daseinsformen. Die diversen Spekulationen haben unser kollektives Gedächtnis immer wieder in Bann geschlagen und gleichzeitig die Wissenschaft dazu inspiriert, neue Technologien zu entwickeln, um noch tiefer ins All vorzudringen. Alles nur, um die eine Frage zu klären: Sind wir wirklich alleine?
Einer der originellsten und innovativsten Filme zum Thema ist sicherlich der Sci-Fi-Klassiker THE DAY THE EARTH STOOD STILL („Der Tag, an dem die Erde stillstand“, 1951), der Generationen von Sci-Fi-Fans, Schriftstellern und Filmemachern beeinflusst hat. Der vom legendären Regisseur Robert Wise inszenierte Film erzählt die Geschichte des wohlwollenden, menschenähnlichen Aliens Klaatu, der als Abgesandter einer außerirdischen Macht in Begleitung eines riesigen Roboters und Leibwächters namens Gort in der US-Hauptstadt Washington landet. Er überbringt den Menschen die eindringliche Mahnung, Frieden zu halten, anderenfalls werde das Roboterheer seines Staates die Erde besetzen. Um dessen technische Überlegenheit zu demonstrieren, lässt er alle Maschinen der Erde einen Tag lang stillstehen. Während seiner Mission freundet er sich mit einer Witwe und deren Sohn an. Durch sie lernt er Humanität und Nächstenliebe – und entwickelt die Hoffnung, dass sich die Menschheit ihrer guten Seiten besinnt.
Der Film war zu seiner Zeit revolutionär – nicht nur in Sachen Gestaltung der Aliens, der Raumschiffe und Roboter, sondern auch durch die mutige Abweichung von der damals gängigen Haltung gegenüber den eskalierenden Spannungen des frühen Kalten Krieges. „Das war insofern bemerkenswert“, so Produzent Erwin Stoff, „weil die amerikanischen Sci-Fi-Filme der 50er stets vom gespannten Verhältnis zwischen West und Ost geprägt waren. Die „Anderen“, die „Außerirdischen“ waren lediglich eine Metapher für „Kommunismus“, den man mehr als alles fürchtete und bekämpfte. Es gab ein klares Feindbild. Bei THE DAY THE EARTH STOOD STILL war das anders. Hier wurden Schuld und Verantwortung beiden Seiten gleichermaßen zugeschoben. Nicht nur die „Anderen“ galt es zu fürchten, sondern auch uns selbst – mit all der Zerstörungskraft, zu der wir selbst fähig sind“.
Ein anderer Aspekt, der diesen Film von anderen unterschied, war die Erzählperspektive. „Es war höchst innovativ, die Story vom Standpunkt des Außerirdischen aus zu erzählen“, führt Stoff weiter aus. „Es gibt viele Filme über Aliens, aber ganz wenige, in denen wir als Aliens gesehen werden“.
Die Idee, ein Remake von THE DAY THE EARTH STOOD STILL zu machen, kam Stoff, der Reeves seit über 20 Jahren managt, als man gemeinsam den Erfolg von SPEED („Speed“, 1994) feierte. Während eines Meetings in den 20th Century Fox Studios sah Stoff das Poster des Robert-Wise-Klassikers an der Wand und sagte: „Vergessen wir mal das Projekt, das wir besprechen wollten. Wir sollten eine Neuverfilmung von THE DAY THE EARTH STOOD STILL realisieren – mit Keanu als Klaatu. Ich fand die Idee großartig. Aber irgendwie sprang niemand darauf an. Dann kam mir zwölf Jahre später das Schicksal zur Hilfe. Mir wurde ein Drehbuch zu genau diesem Film angeboten ...“.
In ihrem Film haben Drehbuchautor David Scarpa und Regisseur Scott Derrickson den Ansatz, den Subtext verändert. In ihrer Version besteht das Problem unseres Planeten nicht mehr in den Aggressionen der Völker untereinander, sondern im rücksichtslosen Umgang der Menschheit mit den Ressourcen der Natur, mit der Zerstörung von Flora und Fauna im Allgemeinen. Derrickson präzisiert: „Ich bin ein riesiger Fan des Originals. Der Film war innovativ, originell und progressiv – sei es nun in punkto Spezial-Effekte oder auch des Kommentars auf den Kalten Krieg. Nicht zu vergessen natürlich der originelle Blickwinkel – wir betrachten uns selbst durch die Augen von Außerirdischen. Ein wahrhaft grandioser Film, aber die meisten heutigen Kinogänger kennen ihn nicht. Ich finde, dass die Leute diese Geschichte kennen sollten. Ich sah in einem Remake also die Gelegenheit, den Film mit einem neuen Ansatz zu erzählen und die Themen und Konflikte, die uns heute angehen, in den Vordergrund zu stellen“.
„Damit will ich jedoch keineswegs sagen, dass der Ansatz von Robert Wise irgendwie an Aktualität verloren hat – seine Behauptung, dass der Mensch selbst der größte Feind des Menschen ist, hat immer noch Bestand“, glaubt Derrickson. „Aber wie wir uns zerstören, wie wir uns das Leben selbst schwer machen, das hat sich verändert. Dass wir an unserer Natur Raubbau betreiben, daran besteht kein Zweifel. Die Herausforderungen denen wir uns heute stellen müssen sind genauso gewaltig und beunruhigend wie die zur Zeit der Originalverfilmung und wenn wir bei der Lösung dieser Probleme scheitern sind die Konsequenzen genauso gefährlich wie damals vor Ende des Kalten Krieges“.
„Indem wir diesen Klassiker neu verfilmten, konnten wir etwas höchst Aktuelles, höchst Brisantes thematisieren“, sagt Reeves. „Wir können davon erzählen, was unsere Erde heute bedroht. Unser Film spiegelt ganz aktuelle, ganz zeitgemäße Ängste wider. Wir halten quasi den Verantwortlichen, sprich uns allen, den Spiegel vor. Wir zeigen, wie wir mit der Natur umgehen, und dass es höchste Zeit ist zu handeln, wenn wir nicht wollen, dass unsere Erde untergeht“.
Für Derrickson ist dieses Projekt quasi die Krönung eines Treffens mit Robert Wise, das auf dem Filmfestival in Indiana stattfand, wo er selbst als Filmstudent einen Kurzfilm präsentierte und der legendäre Regisseur geehrt wurde. Bei einem gemeinsamen Dinner, das vom Leiter des Filmfestivals arrangiert wurde, fragte der junge Regisseur den zweifachen Oscar® Preisträger, ob er „einen Rat für einen jungen Filmemacher hätte“. „Er antwortete mir, dass ich, falls ich an Genre-Filmen interessiert sei, als erstes einen Horrorfilm inszenieren sollte. Hier könne man am besten zeigen, ob man Talent fürs Regieführen besaß“. Derrickson: „Ich beherzigte diesen Rat und drehte als Debüt (den erfolgreichen Horror-Film) THE EXORCISM OF EMILY ROSE („Der Exorzismus von Emily Rose“, 2005)“. Derrickson weiter: „Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich eines Tages hier sitzen würde und über ein Remake von THE DAY THE EARTH STOOD STILL sprechen würde“.
„Ich habe mich nicht zuletzt deshalb so in dieses Projekt reingehängt und Keanu dazu gedrängt mitzumachen, weil mich THE EXORCISM OF EMILY ROSE förmlich vom Hocker gehauen hat“, gesteht Stoff. „Mir gefiel auch dieses Thrillerelement, das in DER TAG, AN DEM DIE ERDE STILLSTAND zu finden ist, diese Gefahr, die von Klaatu ausgeht. Man weiß nie, was er als nächstes tun wird. Man weiß nie, wie weit er gehen wird. Scott ist ein begnadeter Geschichtenerzähler, er ist meisterlich darin, Spannung und Gefahr zu erzeugen“.
Als Repräsentant einer Gruppe ferner Zivilisationen, die selbst schwer unter Klimawechsel und ökologischen Problemen zu leiden hatten, reist Klaatu auf unseren Planeten, um dessen Bevölkerung auszurotten. Die Menschheit hat nach Ansicht der Auftraggeber der Außerirdischen das Recht verwirkt, weiterzuleben, ist sie doch für die ökologischen Schäden auf der Erde verantwortlich. „Die Situation hat sich derart zugespitzt“, erläutert Reeves, „dass das Ende der Welt, aufgrund der rücksichtslosen Verschmutzung durch ihre Bewohner, kurz bevor steht. Klaatu ist nun zur Erde gereist, um zu herauszufinden, ob die Menschheit in der Lage ist, ihre Vorgehensweise zu ändern, oder ob man, um die Welt zu retten, das ‚Problem’ beseitigen muss“.
Klaatu verfolgt die Absicht, vor den Vereinten Nationen mit den Führern der Welt zu sprechen. Als ihm dies jedoch verweigert wird, kommt er zu dem Schluss, dass die Menschheit nicht lernfähig ist und deshalb ausgelöscht werden muss. Regisseur
Derrickson erläutert: „Klaatu hat schon eine recht schlechte Meinung von den Menschen, als er hier ankommt. Er hat bereits gesehen wie wir unsere Welt offenen Auges ruinieren und auch wenig Willen zeigen, unser Vorgehen diesbezüglich zu ändern. Und seine ersten Erfahrungen hier auf unserem Planeten tragen nicht gerade dazu bei, seine Meinung zu ändern“.
Trotz all seiner Vorurteile, die er den Menschen gegenüber besitzt, tritt Klaatu seine Mission mit geradezu gespenstischem Gleichmut an. „Da war diese eine Szene, in der mich Keanu sehr beeindruckt hat“, erinnert sich Oscar® Preisträgerin Kathy Bates (MISERY, [„Misery“, 1990]), die die US-Verteidigungsministerin spielt. „Ich weiß nicht, was passiert ist, aber seine Augen wurden plötzlich einfach schwarz. Es war ein magischer Moment und ich habe es selbst gesehen. Für ein paar Augenblicke verwandelte er sich tatsächlich in diese außerirdische Kreatur. Ich werde es nie vergessen“.
„Ich wollte diesen Charakter möglichst glaubhaft verkörpern, spürbar werden lassen, wie er alles um sich herum genauestens studiert“, sagt Reeves. „Es scheint ein immenser Druck auf meiner Figur zu lasten. Er ist ein Alien, gefangen in einem menschlichen Körper. Da fühlt er sich natürlich nicht wohl. Aber im Verlauf des Films lernt er die Menschen kennen, er erfährt, was es bedeutet ‚menschlich’ zu sein, was es bedeutet, Hoffnung zu haben“.
„Für mich als Regisseur war es höchst spannend, dabei zuzusehen, wie Keanu Klaatu spielt, wie er sich als Klaatu verändert“, verrät Derrickson. „Wir hatten natürlich darüber geredet, wie Klaatu sein sollte, aber Keanu arbeitete die Figur weitestgehend selbst aus. Während wir drehten, merkte ich, dass er die Szenen, die etwas später im Film kamen, etwas anders gespielt hat als für die früheren. Ich machte mir darüber keine allzu großen Gedanken und erst im Schneideraum merkte ich, wie er sein Spiel verändert hatte, um das ‚Reifen‘ Klaatus zum Menschen darzustellen. Aller außerirdischen Intelligenz zum Trotz wird er zum Menschen, fast unmerklich, aber dennoch sichtbar. So ein nuanciertes Spiel ist extrem schwierig und Keanu hat das großartig gemacht“.
Stoff wollte auch unbedingt ein Remake von THE DAY THE EARTH STOOD STILL machen, weil er in Keanu Reeves den idealen Schauspieler sieht, Klaatu zu verkörpern. „Ich weiß, dass Keanu ein brillanter Schauspieler ist und ehrlich gesagt, ich wüsste niemanden, der Klaatu sonst hätte spielen können“, sagt Stoff. „Ich wusste von Anfang an, dass Keanu der ideale Mann für die Rolle sein würde. Er hat die einzigartige Fähigkeit, in der Darstellung eines Charakters Zynismus und Optimismus zu vereinen. Das sind zwei sehr wichtige Aspekte für diesen Part“.
Reeves arbeitete eng mit Stoff, Derrickson und Scarpa zusammen. Dabei stand besonders Klaatus Beziehung zu Helen Benson und ihrem verschlossenen Sohn im Vordergrund. „Keanu hat viel zum Gelingen dieses Films beigetragen, nicht nur durch sein Spiel, sondern schon von einem viel früheren Stadium an“, sagt Derrickson. „Er verbrachte im Vorfeld zu den Dreharbeiten Wochen mit David und mir und wir gingen das Drehbuch Zeile für Zeile durch. Er war sehr diszipliniert – und das nicht nur in Bezug auf seine Rolle sondern in Bezug auf den gesamten Film“.
„Es war eine tolle Erfahrung für mich, mit Scott, David und den anderen Produzenten am Film zu arbeiten“, sagt Reeves. „Es war eine echte Zusammenarbeit und unsere zentralen Fragen lauteten: Was versuchen wir zu sagen? Und: Wie wollen wir das sagen? Es gefiel mir sehr, dass wir mitten in diesem großen Action-Abenteuer über ein Alien, das auf die Erde kommt, die persönlichen Beziehungen der einzelnen Figuren untereinander entwickelten, die wirklich authentisch sind und die Story beeinflussen“.
„Erst als Klaatu näher mit Leuten in Kontakt kommt, beginnt er zu sehen, dass es auf der Erde durchaus Menschlichkeit gibt“, sagt Derrickson. „Und zur selben Zeit überkommen ihn, weil er ja in einem menschlichen Körper steckt, menschliche Gefühle. So lernt Klaatu im Verlauf der Geschichte mehr über uns als er geplant hatte“.
Klaatus „Menschwerdung“ wird vor allem durch Dr. Helen Benson ausgelöst, ihres Zeichens renommierte Astrobiologin, die einem hastig zusammengestellten Expertenteam zugeteilt wird, als sich die Ankunft des Aliens auf der Erde ankündigt. „Als Astrobiologin erforscht Helen die Charakteristika von Lebensformen, die man eventuell in anderen Welten finden könnte“, erläutert Seth Shostak, Chef-Astronom des SETI-Instituts in Mountainview, Kalifornien und gleichzeitig Astrobiologieberater des Films. „Das heißt natürlich nicht, dass Astrobiologen sich nur mit außerirdischen Lebensformen beschäftigen, die vor einem stehen und mit einem reden könnten. Astrobiologen studieren kleinste Organismen, Einzeller etwa, die unter extremsten Bedingungen hier auf unserer Erde überleben. So erhofft man sich Informationen über Daseinsformen, die unter noch viel unwirtlicheren Bedingungen, etwa im Marssand oder auf den Jupitermonden überleben könnten“.
„Weil Helens Job so speziell ist, brauchten wir jemanden, der uns möglichst einfach aber auch korrekt erklären konnte, wie der Arbeitsalltag eines Astrobiologen aussieht“, erklärt Derrickson Shostaks Mitarbeit an seinem Film. „Seth hat uns nicht nur Helens Arbeitsaufgaben erklärt, er hat auch das ganze Skript auf seine wissenschaftliche Richtigkeit hin überprüft. So ergibt nun die Story unseres Films sowohl in wissenschaftlicher als auch in rationaler Hinsicht Sinn“.
Helen ist der erste Mensch, mit dem Klaatu in Kontakt tritt, wenn er aus seinem Raumschiff tritt. „Helen ist die Person, die den Zuschauer in den Film hineinführt“, erklärt Derrickson. „Sie hat im Verlauf des Films einige schwere moralische Entscheidungen zu treffen. Als Wissenschaftlerin fühlt sie sich für die ganze Situation wesentlich verantwortlicher als ein normaler Mensch, denn sie hat sich ihr Berufsleben lang mit der Möglichkeit außerirdischen Lebens beschäftigt. Aber ich glaube, dass sie auch in ihren wildesten Träumen nie gedacht hätte, mit außerirdischem Leben in Kontakt zu kommen – geschweige denn mit so einem klugen und kommunikativen Alien wie Klaatu“.
Als dann die US-Außenministerin Regina Jackson aller wissenschaftlichen Vorgehensweise zum Trotz Klaatu zu geheimem Regierungseigentum erklärt, ihn in eine Hochsicherheitseinrichtung einsperren und dort unter Drogen setzen und befragen lässt, ist Helen zutiefst betroffen. Obwohl sie weiß, welche Gefahr von ihm ausgeht, fühlt sie mit Klaatu. „Und genau diese positiven Gefühle, die Helen ihm entgegenbringt“, sagt Reeves, „beeindrucken Klaatu und bringen ihn dazu, über die Menschheit nachzudenken. Durch ihre Anstrengungen ihm zur Flucht zu verhelfen, zeigt sie ihm, dass Menschen durchaus in der Lage sind, sich zu verändern und er lernt eine ganze Menge über diese Spezies, die er ja beurteilen soll“. Er erkennt, dass doch noch Gutes in der Weltbevölkerung steckt und dass sie durchaus das Potenzial dazu besitzt, sich zu ändern“.
„Ich finde, dass meine Helen eine ganz andere ist als die, die Patricia Neal im Original gespielt hat“, erklärt Jennifer Connelly. „Sie fühlt sich berufen, sie fühlt sich stärker zu Klaatu hingezogen und ist so für die Geschichte viel wichtiger. Sie lehrt den Außerirdischen schließlich, dass es noch Humanität gibt“. Die Filmemacher waren überzeugt, dass die Oscar® gekürte Schauspielerin ideal für den Part sein würde. „Wir brauchten jemanden, der zu gleichen Teilen Intelligenz und Mitgefühl in die Rolle der Helen einbringen könnte und Jennifer war da zweifellos eine perfekte Wahl“, sagt Stoff. „Jennifer ist schlichtweg unfähig, etwas falsch zu spielen“, sagt Derrickson. „Das kann sie einfach nicht. Sie geht stets voll in ihren Rollen auf und deshalb wollte ich sie unbedingt in meinem Film haben“.
Auch Connellys Kollegen sind für sie voll des Lobes. Um sie zu beschreiben, benutzen sie dieselben Adjektive, die auch für Reeves gelten: bedacht, diszipliniert, fleißig und kooperativ. „So wie sie mit Leib und Seele Helen Benson spielt, man müsste schon ein Eisklotz sein, wenn man von ihr nicht gerührt wäre“, lacht Reeves und fügt schmunzelnd hinzu: „Nicht einmal Klaatu hat da eine Chance ...“.
Während Helen sich plötzlich durch die Ankunft Klaatus mit einer globalen Katastrophe konfrontiert sieht, wird das Alien Zeuge eines ganz persönlichen Dramas, das sich zwischen der Wissenschaftlerin und ihrem rebellischen, elfjährigen Stiefsohn Jacob abspielt. Der Tod von Helens Mann, Jacobs Vater, hat die beiden in eine tiefe Krise gestürzt und entzweit. Jeder der beiden erinnert den anderen an den verlorenen Gatten, den verlorenen Vater – und je mehr Helen Jacob zu trösten versucht, desto mehr entfernt er sich von ihr. Dieser Mutter-Sohn-Konflikt repräsentiert im Kleinen den Zustand der Welt im Großen, im Allgemeinen. „Ihre Zwistigkeiten kulminieren tagtäglich und die Krise scheint unausweichlich. Es muss also dringend etwas passieren, das die Situation entschärft“, so Connelly.
Klaatu tritt nun als Katalysator für ihren Zwist auf den Plan. Er weiß ihr zerbrochenes Verhältnis zu kitten. „Das Verhältnis von Klaatu zu Helens Sohn Bobby war im Original zweifelsohne Dreh- und Angelpunkt des Films. Bobby hatte den größten Einfluss auf das Alien“, sagt Derrickson. „Diesen Aspekt der Geschichte wollten wir unbedingt beibehalten, ihn aber heutigen Familienverhältnissen anpassen“.
In der neuen Version des Films will Jacob nichts mit der neuen Bekanntschaft seiner Mutter zu tun haben. Er weiß nicht, dass Klaatu ein Alien ist und glaubt, dass er als Helens neuer Freund die Position seines Vaters übernehmen soll. „Jacob ist keinesfalls immer ein netter Kerl“, sagt Jaden Smith: „Er weiß nicht genau, was in ihm vorgeht, und er versteht auch diesen Typen, der mit seiner Mutter rumhängt, nicht. Jacob ist ein ganz anderer Mensch als ich und deshalb war es für mich schwer, ihn zu spielen“.
„Einer der tollen Aspekte dieser Neuverfilmung war die Möglichkeit, den Part des Jacob anders zu besetzen“, sagt Stoff. „Wir mussten uns an keinerlei ethnische Regeln halten. Wir fanden, dass Jaden, einmal abgesehen davon, dass er ein talentierter Darsteller ist, ein sehr typisches Kind unserer Zeit ist – genauso wie Billy Gray prototypisch für die 1950er stand“. Für Derrickson hat Jaden großartige Schauspielinstinkte: „Im Gegensatz zu anderen Kinderdarstellern kann er sich vollkommen in
einer Szene verlieren und bringt Ideen ein, die man so nicht erwartet. Er macht Vorschläge, die weit über das Drehbuch hinausgehen und versteht es, eine Realität in die von ihm dargestellte Person einzubringen, dass man als Regisseur immer wieder nur staunen kann. Er besitzt ein unglaubliches Gespür für seinen Beruf und bringt dieses Talent gerne in den kreativen Prozess mit ein“. Smith verstand es vorzüglich, neben Reeves zu bestehen. Unter Derricksons Anleitung nähern sich der Junge und das Alien vorsichtig einander an. Der Junge lässt langsam die Mauern um sich herum fallen und Klaatu ist berührt von der Unschuld und dem Leid dieses Kindes. „Jaden musste wirklich ganz tief in eine schwierige, höchst emotionale Rolle einsteigen und hat das vorzüglich gemeistert,“ sagt Reeves. Die beiden sind schon alte Bekannte, denn der kleine Karate-Enthusiast hatte seine Mutter, die Schauspielerin Jada Pinkett Smith, regelmäßig am „Matrix“-Set besucht, wo sie neben Reeves gespielt hatte.
Als Klaatu dann seine ganze außerirdische Stärke gegenüber einer Polizeieinheit demonstriert, erschreckt das Jacob weit weniger als der Gedanke, alleine gelassen zu werden. Denn seitdem sein Vater ihn „verlassen“ hat, ist er überzeugt, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bevor Helen ihn „verlassen“ wird. Die wiederum sieht in Jacob so viel von dessen Vater, dass sie es fast nicht ertragen kann.
„Scott, Jaden und ich unterhielten uns ausführlich darüber, wie der Konflikt zwischen Helen und Jacob auszusehen hatte“, erzählt Connelly. „Warum kommen sie nicht miteinander aus? Warum übernehmen sie keine Verantwortung? Wie nähern sie sich schließlich einander an? All das genau auszudrücken, zu spielen, ist höchst kompliziert. Jaden ist jedoch so interessiert und begabt, dass er einfach diesen Charakter schuf, um den es sich zu kämpfen lohnt. Ich glaube, dass das Verhältnis zwischen Helen und Jacob Basis des Films ist“. Der schwelende Streit zwischen Helen und Jacob ist für Klaatu zunächst Beweis dafür, dass die Menschen ihren Planeten genauso behandeln wie sie sich gegenseitig behandeln. Das heißt, es geht eher um Macht und Gleichgültigkeit als um Freundlichkeit und Fürsorge. Aber dann wird er Zeuge, wie sich Helen und Jacob einander annähren, sich allmählich versöhnen und das gibt ihm den Glauben an die Menschheit zurück.
„Diese Annäherung von Jacob und Helen hat großen Einfluss auf Klaatus Handeln“, sagt Reeves. „Er sieht, dass Menschen sich durchaus bessern, zum Guten verändern können und er beginnt daran zu zweifeln, ob es richtig ist, seine Mission, die Menschheit auszurotten, zu starten. Er bemerkt, dass die Menschen gar nicht so schlecht, so böse sind, wie er dachte. Und vielleicht lohnt es sogar, sie zu verschonen“.
Und während die Uhr tickt, versucht Helen Klaatu mit allen Mitteln daran zu hindern, den „Prozess“ in Gang zu setzen. So stellt sie ihm ihren Kollegen Professor Barnhardt vor, einen Nobelpreisträger, der als Physiker die Basis des Altruismus erforscht. „Ich glaube, dass dieser Barnhardt klüger und gütiger ist, als die meisten Menschen die ich kenne“, sagt John Cleese. „Er ist getrieben von dem Gedanken, wie Menschen sich bessern können, wie sie ein friedlicheres, intelligenteres Leben miteinander führen könnten“.
Barnhardt bekommt ein paar Antworten auf seine komplexen Fragen, als Klaatu an einer komplizierten Formel, die der Professor auf einer Tafel notiert hat, einige Verbesserungen vornimmt. „Barnhardt erkennt sofort, dass Klaatu viel mehr weiß als er – und es gibt auf der Welt nicht viele Menschen, die auf diesem Gebiert so viel wissen wie der Professor“, sagt Cleese. „Ich hatte da freilich ganz andere Probleme. Ich hatte keine Ahnung, was diese Formel bedeutete, musste sie mir also einfach einprägen. Zahl für Zahl. Ganz wie ich damals für A FISH CALLED WANDA („Ein Fisch namens Wanda“, 1988) phonetisch Russisch lernte und überhaupt nicht wusste, was ich da sagte“.
Im richtigen Leben beschäftigen Cleese andere weltbewegende Dinge. „Ich interessiere mich eigentlich nicht dafür, ob es außerirdisches Leben gibt“, sagt er. „Ich fände es viel spannender zu wissen, warum wir hier auf unserem Planeten sind. Was ist der Grund dafür? Gibt es dafür irgendwelche Regeln? Und – vor allem – wo bekommt man ordentlichen Kaviar zu einem vernünftigen Preis?“
Als Barnhardt klar wird, worin Klaatus Mission eigentlich besteht, versucht er das Alien davon zu überzeugen, der Menschheit doch noch eine Chance zu geben: Cleese fährt fort: „Der Professor hat diese wunderbare Zeile, die er an Klaatu richten darf: ‚Beurteile uns nicht nach dem, was wir verdient hätten, sondern nach dem Potenzial, das wir besitzen.’ Ich glaube, wir Menschen verfügen über ein unglaubliches Potenzial. Aber wir wachsen in einer trivialen, banal orientierten Welt auf. Alles ist nur aufs Geldverdienen ausgerichtet und wir versuchen, so viel wie nur möglich zu verdienen. Auch wenn wir es dann niemals ausgeben können. Ehrlich gesagt ist das alles andere als klug“.
„Barnhardt war ein besonders schwieriger Part, weil er eine entscheidende Funktion für den Verlauf der Story besitzt“, sagt Stoff. „Aber er hat auch nur einen einzigen Auftritt, in dem er vieles klarzustellen hat. Ich hatte John Cleese ein- oder zweimal getroffen und wusste, dass er einen scharfen und beeindruckenden Verstand besitzt. Ich wusste, dass er es schaffen würde, diese schwierige Rolle glaubwürdig und auf ganz unerwartete Art mit Leben zu füllen. Und genau das passierte dann“.
Und während Barnhardt sich bemüht, Klaatu davon zu überzeugen, dass die Menschheit durchaus rettungswürdig ist, setzt die Verteidigungsministerin Regina Jackson alles daran, die Welt vor einer Alien-Attacke zu schützen. „Regina ist eine taffe Frau. Sie hat hart gearbeitet, um dorthin zu kommen, wo sie ist“, sagt Kathy Bates, die in DER TAG, AN DEM DIE ERDE STILLSTAND das erste Mal in einem Science-Fiction-Film mitspielt. „Sie geht davon aus, dass Klaatu nicht in Frieden kommt, weil seine Verbündeten die amerikanischen Abwehrsatelliten ausgeschaltet haben, damit er in US-Luftraum eindringen konnte. Also richtet sie sich von Beginn an auf Kampf ein. Gleichzeitig versucht sie aber, die schwierige Situation zu kontrollieren, so gut es geht“.
„Eine der größten Herausforderungen für mich bestand darin, bei der Zeile ‚Ich bin die Außenministerin’ keine Miene zu verziehen“, erinnert sich Bates. „Unsere diesbezüglichen Berater waren in Sachen Protokoll, Wortwahl und Etikette überaus hilfreich und konnten mir all meine Fragen beantworten. Ich konnte mich so in eine militärische Welt einfinden, die mir vollkommen fremd ist. Ohne all diese Fachleute wäre ich rettungslos verloren gewesen. Sie haben mich wirklich vorzüglich unterstützt. „Innerhalb von nur zwei Wochen mussten alle Szenen mit Kathy Bates abgedreht sein, weil sie dann schon wieder andere Verpflichtungen hatte. Zudem war die Zusammenarbeit zwischen Bates und Derrickson durchaus auch etwas unorthodox: „Kathy Bates ist eine Wucht. Ich habe noch nie mit einer Schauspielerin ihres Kalibers kooperiert“, lacht Derrickson. „Sie ist sehr, sehr direkt. Und manchmal trieb sich mich richtig in die Enge. Ich gab ihr irgendwelche abstrakten Anweisungen und sie schaute mich fragend an. Dann sagte sie: ‚Mach’s mal vor’. Und dann musste ich mich hinstellen und der Oscar® Preisträgerin zeigen, was ich meinte. Es war ein wenig einschüchternd. Aber dann verstand sie immer sofort, was ich meinte und sagte: ‚Okay, alles klar, jetzt hab ich’s kapiert.’“
„Wenn man nicht den Luxus besitzt, sich ordentlich für eine Rolle vorbereiten zu können, muss man so ökonomisch wie nur möglich vorgehen“, erklärt Bates. „Bevor ich also etwas falsch machte oder nicht verstand, hab’ ich Scott gebeten, mir vorzumachen was er will. Viele Schauspieler machen großes Aufheben um ihre Zeilen, wollen alles im Drehbuch finden und erläutert bekommen. Ich bin da anders. Ich hab’s nicht so mit dem Lesen und den Worten. Für mich ist es der Ton, den man treffen, das Spiel, das überzeugen muss. Hierin liegt für mich das Wesen der Schauspielerei“.
Als Jackson feststellt, dass die Militärattacken gegen Klaatu die Situation nur verschlimmern, gestattet sie Helen, es bei dem Außerirdischen noch einmal mit Worten und Überzeugungskraft zu versuchen. Auf dieser überlebenswichtigen, heiklen Mission wird die Astrobiologin von einem gewissen Dr. Michael Granier begleitet. Er wird von Jon Hamm, bekannt als Werbefachmann aus der hoch gelobten TV-Serie „Mad Men“ gespielt.
„Michael sitzt irgendwie zwischen allen Fronten“, erläutert Hamm, der den Einsatzleiter des Wissenschaftsteams spielt, das als erstes in New York mit Klaatu Kontakt aufnimmt. „Er ist mit Herz und Seele Wissenschaftler und glaubt nur, was sich wissenschaftlich beweisen lässt. Er ist fasziniert von dem Gedanken, ein Alien zu studieren, sich mit ihm auseinandersetzen zu können“. Auf der anderen Seite ist er von der Regierung abgestellt, die Gefahr, die von diesem Wesen ausgeht, abzuschätzen. „Und da muss er sagen, ‚Nein, nein, wir können dieses Ding nicht kontrollieren, wir müssen es vernichten, töten ...’“
Abgesehen davon, dass Hamm sich selbst als Mathematik- und Physik-verrückt bezeichnet, fand er es recht schwierig, die ihm auferlegte Wissenschaftssprache vor dem Weltuntergangsszenario glaubhaft rüberzubringen. „Wenn man am Rande des Abgrunds steht, kommen einem all diese sattsam bekannten Phrasen überaus lächerlich und unglaubwürdig vor, selbst wenn man sonst ein Fan von ihnen ist“, gibt er zu. „Es fällt einem wirklich schwer, gewisse Sätze zu sprechen, auch dann noch, wenn man sie schon zum sechsten oder siebenten Mal wiederholen muss“.
Und so kommt es dann zwischen Klaatu und Jacob, Helen und Michael zur finalen, alles entscheidenden Konfrontation, bei der die Welt im wortwörtlichen Sinn zum Stillstand kommt. Nun ist es jedoch vielleicht wirklich schon zu spät, das Ende der Welt wie wir sie kennen aufzuhalten – sogar für das Alien, der diesen „Prozess“ auslöste und letztendlich doch noch seinen Glauben an die Menschheit findet. „Klaatu kennt die schlimmsten und die besten Seiten der Menschen. Nun, nachdem er sich noch einmal genau mit der menschlichen Spezies beschäftigt hat, glaubt er, dass sie sich doch noch zum Besseren wenden kann“, sagt Derrickson. „Aber manchmal setzt dieser Umdenkungsprozess erst ein, nachdem man schlimmes Leid erfahren musste“.
Trotz seines mitleidlosen und präzisen Blicks auf die Menschen von heute besitzt auch die moderne Filmfassung von THE DAY THE EARTH STOOD STILL denselben Optimismus wie das Original aus dem Jahre 1951. „Leute wollen Filme sehen, die zeigen, dass wir uns nicht auf dem direkten Weg in die Apokalypse befinden, sondern dass es durchaus noch Hoffnung gibt, dass wir durchaus noch die Möglichkeit haben, unser Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen“, sagt Stoff. „Wir wollten ganz nahe an
der optimistischen Aussage von Robert Wises Film bleiben, dass der Mensch mit seinen Aufgaben, seien die nun existenzieller oder ökologischer Natur, durchaus wächst“.
„Ich glaube, dass dieser Film, den Menschen im Kern sehr positiv sieht“, sagt Reeves. „In dem Moment, in dem wir mit dem Rücken zur Wand stehen, rücken wir auch zusammen. Der Film zeigt, wie schlecht wir uns tatsächlich benehmen und auch wie wir letztendlich in der Lage sind, zusammen Gutes zu tun“.
„Wir stellen vielleicht als Spezies eine Gefahr dar, wenn es darum geht, wie wir einander und unsere Welt behandeln“, sagt Derrickson, „aber das heißt noch nicht, dass wir zum Untergang verdammt sind. Es heißt nur, dass wir uns immer wieder von neuem überlegen müssen, wie wir miteinander umgehen und wie wir unsere Umwelt behandeln“.
„Ich hoffe, dass dieser Film die Leute davon überzeugt, dass dies ‚unser‘ Planet ist“, sagt Bates. „Wir passen doch nur für kurze Zeit auf ihn auf und müssen ihn für kommende Generationen hegen und pflegen. Bis jetzt waren wir nicht sehr gut darin. Es ist also wichtig, dass wir endlich einen ordentlichen Job machen“.
Jon Hamm ist der Meinung: „Der Auftrag, ein verantwortungsbewusster Hüter unserer Erde zu sein, ist nicht amerikanisch oder europäisch, nicht asiatisch oder kanadisch, auch nicht schwarz und nicht weiß – diese Aufgabe ist ausschließlich menschlich. Wir sind alle gleichermaßen gefragt“.
„Wenn unser Film die Zuschauer dazu anregt, über die Umwelt und wie wir mit ihr umgehen nachzu-denken, dann haben wir viel erreicht“, sagt Derrickson. „Was ich mir aber wirklich wünsche ist, dass sich die Leute zwei Stunden lang richtig gut unterhalten. Ich will, dass sie für ihr Eintrittsgeld am Samstagabend voll auf ihre Kosten kommen, einen Science-Fiction-Thriller erleben, der sie interessiert, berührt, und bewegt“.