In den 60er Jahren gab es Flower Power, Studentenaufstände, die Grüne Revolution, die erste Landung auf dem Mond, die Beatlemania und Swinging London. Der Übergang in die „Ich-Dekade“, wie sie vonTom Wolfe genannt wurde, kündete vom Anbruch des Computer-Zeitalters, mit der Herstellung der Floppy-Disc und der Einführung des Mikroprozessors. Und Disco stand unmittelbar vor der Tür...
1971 war Großbritannien immer noch damit beschäftigt, die Sixties zu verdauen. Einkäufer kämpften mit der ungewohnten Einfachheit der neuen Währung, die auf das Dezimalsystem zurückgriff. Eineregelrechte Plage von Streiks zeichnete sich für die konservative Regierung unter Edward Heath ab. Zusätzliche Truppen wurden nach Nordirland entsandt, um der sich zunehmend verschlechternden Situation Einhalt geben zu können.An einem unscheinbaren Tag im September verbreitete sich die Nachricht von einem außerge- wöhnlichen Geheimnis.
Ein Amateurfunker, Robert Rowland, alarmierte Scotland Yard, dass er an seinem CB-Funkgerät einen Einbruch in einem Radius von 15 Kilometer im Herz von London aufgeschnappt habe, der gerade mitten im Gang sei. Rowland, der in der Wimpole Street lebte, hatte sein Funkgerät am Samstag, den 11. September, um Punkt 23 Uhr auf die Frequenz 27.15 Megahertz eingestellt, um Kontakt zu einem befreundeten Funker in Australien aufzunehmen. Er schnappte ein Gespräch zwischen Männern auf, die wie ein Team von Bankräubern und ihrem Ausguck auf einem nahe gelegenen Dach klangen. Er begann, die Konversationen aufzunehmen, während er der Polizei seinen Verdacht mitteilte.
Um zwei Uhr morgens beschloss ein leitender Beamter, den Bericht ernst zu nehmen und bestellte zur Funkaufspürung ausgerüstete Wagen, die die Herkunft der Gespräche ermitteln sollten. Als man dafür zuständige Postbeamte aus ihrem wohlverdienten Wochenende zusammengetrommelt hatte, war es bereits zu spät: Die Walkie-Talkie-Gespräche waren verstummt. Dennoch wurde die Suche intensiviert. Polizeibeamte kontrollierten 750 Banken im Londoner Stadt- gebiet. Vor allem die 150 Banken innerhalb eines Radius von einer Meile rund um die Wimpole Street wurden in Anschein genommen.
Am Sonntagnachmittag statteten sie auch der Lloyd’s Bank an der Ecke Baker Street und Marylebone Road einen Besuch ab. Sie konnten aber keinen Hinweis auf ein gewaltsames Eindringen entdecken. Die fast 35 Zentimeter dicken Türen des Tresorraums waren intakt und von einem Zeitschloss gesichert. Die Beamten konnten nicht wissen, dass sich die Einbrecher indiesem Moment noch in dem Tresorraum befanden.
Erst als die Bank ihre Türen am Montag wieder öffnete, wurde der Einbruch entdeckt. Der Inhalt einer Unmenge von Schließfächern war ausgeräumt worden. Es war der größte Bankraub in der Geschichte des Landes. Die Gang hatte einen 13 Meter langen Tunnel vom Keller von Le Sac, einem von der Bande angemieteten Laden für Lederwaren, gegraben – zwei Eingänge von der Bank entfernt.
Die Gangster buddelten sich unter dem benachbarten Chicken-Inn-Restaurant durch und setzten dann einen Brennschneider ein, um sich den Weg durch den ein Meter dicken Betonboden zu brennen. Der Boden war nicht an die Alarmanlage angeschlossen, weil man beim Bau davon ausgegangen war, dass er undurchdringbar sei. Acht Tonnen Geröll wurden bei dem Einbruch beiseite geschafft und hinter dem Laden abgeladen – wo man bei der Flucht auch denüberflüssigen Inhalt von 268 aufgebrochenen Schließfachboxen liegen ließ.
Der „Walkie-Talkie-Einbruch“, wie er fortan genannt wurde, war in seiner Durchführung einem anderen Raubzug verblüffend ähnlich: Der von dem legendären Baker-Street-Bewohner Sherlock Holmes in Sir Arthur Conan Doyles Kurzgeschichte „Der Bund der Rothaarigen“ aus dem Band „Die Abenteuer des Sherlock Holmes“. Im wahren Fall von 1971 blieben allerdings viele Fragen offen. Nur vier Männer wurden im Zusammenhang mit dem Verbrechen verurteilt, ein Großteil der Beute wurde nie sichergestellt. Das meiste Diebesgut, das die Polizei finden konnte, wurde nicht zurückgefordert.
Für BANK JOB-Produzent Steven Chasman bedeutete die Recherche der Geschichte, dass er tief in die wahren Hintergründe des Verbrechens eintauchen musste. „Wenn man normalerweise an Männer denkt, die eine Bank ausrauben, dann sind das Kriminelle, aber in diesem Fall... Ich würde nicht so weit gehen und sie als Heilige bezeichnen, aber diese Jungs hatten eigentlich nicht vor, eine Bank leerzuräumen und sie haben auch keine Gewalt angewandt – das sagen wir auch im Film. Wir haben lange und intensive Nachforschungen angestellt – der Film kam viele Jahre nicht aus dem Entwicklungsstadium heraus. Bis wir unsere Nase in die Sache steckten, gab es niemanden, der die Leute, die wirklich in den Einbruch involviert waren, aufstöbern konnte. Sie waren einfach nicht zu finden. Der Hälfte von ihnen hatte man neue Identitäten verpasst, sie waren abgetaucht. Die andere Hälfte, so ließen uns unsere Quellen wissen, hatten das Zeitliche gesegnet.“ Er fährt fort: „Schließlich habe ich ein paar der Überlebenden aufgetrieben. Wir sprachen mit ihnen und ließen ihre Informationen so authentisch wie möglich in unser Drehbuch einfließen. Einer der damals beteiligten Herren – ein echt netter Kerl, der sich mittlerweile in seinen Siebzigern befindet – erzählte mir, dass sie sich mit der Polizei recht gut verstanden haben, weil es sich nicht um ein gewalttätiges Verbrechen gehandelt hatte. Sie hatten keine Waffen verwendet, niemand war zusammengeschlagen worden. Und damals gab es in der Tat so manche Kontroverse über Polizeikorruption.“
„Worüber nie jemals ein Gedanke verschwendet wurde: Was stecken die Menschen alles in ihre Schließfächer?“, überlegt Chasman. „Manchmal sind es einfach nur persönliche Erinnerungsstücke. Aber ziemlich oft kommt es auch vor, dass man in Schließfächern Dinge deponiert, von denen man nicht will, dass andere Menschen davon wissen. Wenn solche Schließfächer ausgeräumt werden, meldet sich niemand, weil sich nicht schlüssig erklären lässt, woher all das Geld stammt, woher all die Juwelen kommen, warum da Schusswaffen in den Fächern waren.“
„Einige der beteiligten Jungs haben unsere Dreharbeiten besucht, aber wir haben ihre Namen und ihre Identitäten geheim gehalten. Sie leben mittlerweile ein anderes Leben. Sie sind Eltern, Großeltern, haben einen neuen Weg eingeschlagen. Tatsächlich gab es ein paar kleinere Problemchen zu bewältigen, weil einer der damals Beteiligten als Berater bei uns angestellt war und nicht mit all den Erinnerungen an damals umgehen konnte. Er hatte das verdrängt und wollte all das nicht noch einmal Revue passieren lassen, weshalb er auf halber Strecke seine Dienste niederlegte. Aber unsere Überredungskünste brachten ihn nach einiger Zeit wieder an Bord. Ein wirklich netter Kerl...
Ich habe den Eindruck, dass die Ereignisse durch ihre Echtheit eine zusätzliche Relevanz erhalten.“ „Natürlich ist das Thema der Medienmanipulation ein zeitloses Thema. Das erlebt man in unserer Welt jeden Tag. Wir lesen eine Zeitung und sind überzeugt, dass da nur Tatsachen stehen. Wir haben herausgefunden, dass wegen der damals angeblich erlassenen D-Notice (kurz für Defence Notice – ein Mittel der Selbstzensur in Großbritannien, mit dem dafür gesorgt wird, dass gewisse Informationen nicht durch die Medien an die Öffentlichkeit kommen) nur bis vier Tage nach dem Einbruch darüber zu lesen war und danach kein Wort mehr in den Medien erwähnt wurde, abgesehen von Randnotizen über die Anklageerhebungen. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Es kommt öfters vor, dass ich beim Taxifahren in London einen Fahrer erwische, der sich noch genau an den ‚Walkie-Talkie-Einbruch’ erinnern kann und weiß, was damals passiert ist. Sie kennen jemand von damals, der jemanden kannte, der seine Finger im Spiel hatte. Ich finde, das hat etwas Magisches. Wir haben es als unsere Aufgabe angesehen, diese Geschichte so echt und zugleich so zeitgemäß und modern wie möglich zu erzählen.“
Die Bedeutung der Lage der Bank war auch den Einbrechern durchaus bewusst. Es heißt, dass sie kurz vor ihrer Flucht folgende Nachricht auf die Innenseite einer Safewand geschrieben haben: „Mal sehen, ob Sherlock Holmes diesen Fall lösen kann.“