FILMDETAILS | Ich habe den englischen König bedient
Ich habe den englischen König bedient
Drama
| Slovakei / Tschechoslowakei 2006
WERBUNG
| Interview mit dem Regisseur Jirí Menzel
Wie würden Sie Ihren Film ICH HABE DEN ENGLISCHEN KÖNIG BEDIENT beschreiben?
Das ist eine sehr lange und komplizierte Geschichte, da Bohumil Hrabal in das kurze Buch eine Menge Episoden und kleine Geschichten eingebaut hat. All diese Details fügt er in das Schicksal des Kellners Jan Dítě, der im Laufe der Jahre zum Hotelier aufsteigt. Die Lebensgeschichte dieses Mannes reichert er mit allerlei Episoden an. Im Hintergrund dieses Lebens steht die Geschichte der Tschechoslowakei zwischen den Jahren 1925 und 1960. ICH HABE DEN ENGLISCHEN KÖNIG BEDIENT ist eigentlich ein Film über die Geschichte unseres Volkes und über den Charakter der Tschechen. Das habe ich zumindest aus diesem Buch herausgelesen. Ich mag Hrabal als Autor und es war eine interessante Aufgabe, den literarischen Stoff in einen Film zu übersetzen. Das Drehbuch fokussiert sich auf zwei Parallelgeschichten. Die erste folgt dem jungen und ambitionierten kleinwüchsigem Mann vor dem Krieg und während der deutschen Besatzung, der sich durch Liebe und Dummheit an die Seite der Besatzer katapultiert. Die zweite, mit der ersten verbundenen, behandelt nur eine kurze Periode in seinem späteren Leben, wenn er nach Jahren im Gefängnis Frieden und Einsamkeit sucht in einem Dorf, dessen deutsche Bewohner nach dem Krieg vertrieben wurden. Sein Friede wird nur kurz unterbrochen durch die Ankunft einer jungen Frau, die durch ihre Jugend und Vitalität Erinnerungen an seine amourösen Abenteuer in ihm weckt.
Über die Jahre hinweg hat sich zwischen Ihnen und Hrabal eine enge Verbindung entwickelt. Was interessiert Sie besonders an seinem Werk?
Das ist etwas, was ich nicht gut erklären kann. Hrabal war ein großer Autor und seit ich die ersten Zeilen von ihm gelesen habe, habe ich ihn verehrt. Als ich dann später als Absolvent der Filmhochschule, die Möglichkeit bekam, eine Erzählung von ihm zu verfilmen, habe ich selbstverständlich sofort zugesagt. Ich musste aber zunächst eine Form finden, Hrabals Art und Sprache für den Film adaptieren zu können. Ich habe einfach beschlossen, ihm zu dienen. Es gelang und so bekam ich weitere Angebote zur Verfilmung von seinen Werken. Das machte mich sehr glücklich. Selbstverständlich steckt in den Filmen auch ein Stück meiner Persönlichkeit, aber nicht bewusst oder gewollt.
Geht es in Ihrem Film auch um die Naivität eines Opportunisten?
Opportunismus ist das richtige Wort. Aber man sollte das nicht zu negativ sehen, denn wir sind doch mehr oder weniger alle Opportunisten. Deshalb klage ich auch nicht an. Es geht hauptsächlich um das tschechische Naturell, sich über die Jahrhunderte hinweg anzupassen, jedes Regime und jede Religion zu akzeptieren. Diese Überlebensstrategie hat unseren nationalen Charakter etwas beschädigt. Bei den Vorbereitungen habe ich mich bemüht, einen Blick von außen auf uns Tschechen zu werfen. Das hilft, die eigenen Schwächen zu überwinden. Und das ist auch die Essenz meines Filmes. ICH HABE DEN ENGLISCHEN KÖNIG BEDIENT ist eher ein Film über den tschechischen Charakter als über den Nationalsozialismus.
Als Jan das sudetendeutsche Mädchen Liza verteidigt, beweist er zum ersten Mal Zivilcourage. Die geht aber eigentlich in die „politisch falsche Richtung“.
Es ist typisch für Hrabals Schaffen, Sachverhalte und Zusammenhänge zu kontrastieren, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. So ist es im Leben. Oft verhält sich ein eigentlich feiger Mensch tapfer, ohne dass er es eigentlich wollte. Und ein scheinbar großer Held begeht auf einmal eine Dummheit.
Inwieweit gab es diese arischen Fortpflanzungslager wie im Film wirklich?
Diese Einrichtungen gab es wirklich. Die Geheimsache „Lebensborn“ galt als Lieblingsprojekt von Heinrich Himmler, der diese Heime zur arischen Fortpflanzung auch in den Nachbarländern Deutschlands aufbaute. Hrabal hat diesen Traum vom „Herrenmenschen“ nur ein wenig überhöht und in eine humorvolle Ebene, in die Absurdität transportiert.
Wie haben Sie mit Julia Jentsch die Rolle der Liza erarbeitet?
Sie hatte erst Bedenken, eine Nazi-Frau zu spielen. Ich habe ihr erklärt, dass Liza keine Nationalsozialistin ist, sondern ein Opfer, wie eine ganze Reihe ihrer Mitbürger, Opfer der Propaganda und der Gehirnwäsche. Als Beispiel aus unserer Geschichte habe ich die vielen jungen Leute angeführt, die nach dem Krieg zu begeisterten Kommunisten wurden. Sie sind auch der Massenhysterie verfallen. Es ging nicht darum, dass sie „Heil Hitler“ ruft und das Nazi-Abzeichen trägt. Liza ist kein schlechter Mensch. Der Mensch ist erst dann schlecht, wenn er schlecht handelt, aber nicht wenn er einer irrigen Theorie verfällt. Das ist meine Erfahrung. Und das hat sie verstanden und akzeptiert.
Was war für Sie der schwierigste Teil der Arbeit?
Das Schreiben des Drehbuchs, weil die literarische Vorlage mit ihren unterschiedlichen Geschichten, Szenenbeschreibungen und Anekdoten sehr umfangreich und beeindruckend ist. Hrabal hat damals den Roman sehr schnell als spontane Reaktion auf den emotionalen und sozialen Druck geschrieben, unter dem er in der „Normalisierungsperiode“ nach 1968 stand, als er als Autor Berufsverbot hatte. Die Schwierigkeit lag darin, das Wesentliche herauszufinden und den Inhalt auch für diejenigen verständlich zu machen, die das Buch nicht kennen. Deshalb musste ich eine klare Story-Line entwickeln und auf einige Nebenschauplätze verzichten, schweren Herzens eine Auswahl der interessantesten und wichtigsten Handlungsstränge treffen.
Der Film erzählt von einem kleinen Mann. Welche Rolle hat die Größe beim Casting gespielt?
Ursprünglich waren ein anderer Produzent und ein anderer Regisseur vorgesehen. Damals hatte man überlegt, einen kleinen Schauspieler zu suchen und dachte an David Bennent, der in Volker Schlöndorffs DIE BLECHTROMMEL den Sonderling Oskar Matzerath spielt. Das fand ich falsch. Wir haben das Problem einfach gelöst mit einem jungen Mann mit dem richtigen Charme und der nötigen Beweglichkeit, den wir mit größeren Schauspielern umgeben haben. Wichtig war es, ihn in der ersten Aufnahme mit jemanden zu zeigen, der einen Kopf größer ist. Dieser erste Eindruck bleibt hängen.
Welche Bedeutung hat das Hochwerfen von Münzen?
Da stütze ich mich auf das Buch. Es ist eine optisch ziemlich gut verfilmbare Parallele darüber, was es symbolisieren soll – reiche Leute, Geizhälse, die nur nach Geld gieren. Ich habe nur im Sinne der dramaturgischen Grundregeln das Motiv mehrmals wiederholt und variiert.
Wofür steht der Satz: „Gehst du in den Krieg? Tschechen gehen nicht in den Krieg!“?
Dieser Satz stammt von mir. Ich habe bei den Vorbereitungen viel gelesen: Erinnerungen von Menschen in der Politik, Churchills Erinnerungen, Aufzeichnungen der Geheimdienste zum damaligen tschechischen Geheimdienst, Dokumente über die Ereignisse zwischen Deutschen und Tschechen in den Jahren 1938 und 1939 und das Schicksal unseres damaligen Staatspräsidenten. Das alles beeinflusste mich. Am stärksten beschäftigte mich die Frage, warum haben wir Tschechen uns nicht verteidigt im Jahre 1938, als es um die Sudetengebiete ging? Und diese Frage stellte sich mir wieder, nachdem wir uns auch nicht beim Einfall der Russen verteidigt haben. Da ist etwas Merkwürdiges in unserer Geschichte. Wir haben die Republik im Jahr 1918 als Geschenk bekommen. Von den USA und den Siegern des Ersten Weltkrieges. Genauso haben wir die Republik geschenkt bekommen nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir waren zwar nicht im Krieg, aber wir waren auch nicht vollkommen auf der Seite der Alliierten, weil wir nicht am Krieg teilnahmen. Schließlich haben die Tschechen Waffen für die Wehrmacht produziert. Von einem reinen Gewissen kann man daher nicht reden. Wir haben uns immer gebückt und angepasst. Deswegen ist mir dieser Satz in das Drehbuch hineingerutscht. Es ist wahr, dass es Widerstand gab, es ist wahr, dass wir das Attentat auf Heydrich verübt haben, es ist wahr, dass viele Tausende Tschechen in ausländischen Armeen kämpften, in Frankreich, in England, in der Sowjetunion. Aber wahr ist auch, dass die erdrückende Mehrheit der Bevölkerung zu Hause auf ihrem Arsch saß und die Schnauze hielt. Genauso wie später bei der russischen Besatzung.
Hrabals Jan ist weit von der Figur des braven Schweijk in der tschechischen Nationalliteratur entfernt...
Der Schwejk ist ein großes Unglück, eine Ausrede für jeden Tschechen. Er steht für das Bestreben, sich durch Lächerlichkeit zum Helden zu machen und keine Verantwortung übernehmen zu müssen. Und das halte ich für grundfalsch. Wir haben immer unter dem Joch eines großen fremden Landes gelebt und dadurch den Sinn für die eigene Würde verloren. Und mit dem Sinn für die Würde ist der Sinn für die Verantwortung verbunden. Verantwortung für sich selbst und Verantwortung für die Gemeinschaft, in der ich lebe. Der Schwejk ist der Ausdruck dafür, dass wir uns ständig wie die Untertanen fühlen.
Lange zeichneten sich Filme über den Nationalsozialismus durch einen bestimmten Stil aus. Erst durch Roberto Benignis "Das Leben ist schön" wurde dieses Diktat aufgelockert. Gibt es für Sie bei diesem Thema Grenzen?
Das hängt mit dem Gefühl zusammen. Der Nationalsozialismus ist nicht das einzige Übel. Nicht die äußere Form, die Ideologie ist wichtig, sondern das, was man auf Grund dieser Ideologie dann macht. Brutalität, Gewalt, Genozid, das alles existiert heute noch. Der Nationalsozialismus ist und war keine Ausnahme. Wir sollten uns hüten, Schablonen wie Gut und Böse zu benutzen. Hinter jeder Ideologie steht ein Mensch aus Fleisch und Blut. Die Frage ist, inwieweit ist man moralisch gefestigt, sich einer inhumanen Ideologie zu widersetzen.
In der Literatur ist der „Schelmenroman“ eine feste Kategorie. Im Film gibt es eine entsprechende Kategorie nicht. Wie schafft man es, einen „Schelmenroman“ angemessen zu verfilmen?
Humor ist etwas sehr Wesentliches. Wenn der fehlt, fehlt das Wahrhaftige. Das wusste schon Shakespeare und das wussten auch andere große Autoren. Selbst in den ernsthaftesten Geschichten muss es immer etwas zum Lächeln, zum Lachen geben. Auch in der komischsten Geschichte sollte ein ernsthafter Kern sein. Dieser Grundsatz wird leider zu oft verletzt. Für mich sind die größten Filme aus Amerika die von Chaplin.