FILMDETAILS | Ich habe den englischen König bedient
Ich habe den englischen König bedient
Drama
| Slovakei / Tschechoslowakei 2006
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| Langinhalt
Als das eiserne Gefängnistor hinter ihm geschlossen wird schubst es Jan Díte (Oldrich Kaiser) unsanft in die Freiheit. Es scheint, als wolle der ergraute Mann gar nicht gehen. Hier, an diesem so wenig luxuriösen Ort wäre er fast derjenige gewesen, der er immer sein wollte: ein echter Millionär. Und wie es dazu kam, erzählt das Aufblitzen der Erinnerung in seinen Augen: Jan Dítě ist außerhalb der Gefängnismauern wieder das, was er seit jeher war - ein einfacher, kleiner Mann und unfreiwilliger Schelm...
Tschechien in den 1920er Jahren. Der junge Jan Díte (Ivan Barnev) hat als gerissener Bahnhofs-Würstchenverkäufer seine eigene Masche, um an Geld zu kommen. Das Wechselgeld hat er nie schnell genug parat. Sein gutmütiger Kunde Walden (Marián Labuda) im abfahrenden Zug hat das Nachsehen. Geld scheint etwas Mächtiges zu sein. Schließlich bringt es Walden zur Weißglut, wenn er es nicht zurückbekommt. Schließlich gieren alle danach und sie bücken sich, wenn Jan Díte ihnen heimlich ein paar Münzen vor die Füße wirft. Er beschließt, Millionär zu werden – eine große Ambition für einen kleinwüchsigen Mann aus einer kleinen Stadt.
Als Provinzkellner poliert er Biergläser und serviert fleißig, was bei den Gästen gut ankommt, aber weniger bei den Kollegen. Oft kriegt er eine Kopfnuss, wenn er nur noch Augen für die holde Weiblichkeit hat, die ihn auch schon mal in Satin und Seide verführt. Sein Ehrgeiz und sein Erfolg sorgen für Neid bei den Kleinstadtbewohnern, sodass er sein Glück woanders versuchen muss. In der Nähe von Prag findet er Arbeit in einem Luxushotel. Hier geht die tschechische Crème de la Crème in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein und aus. Er begegnet einer Gesellschaft der Reichen und Schönen beim Tanz auf dem Vulkan, die Champagner schlürft als wäre es das letzte Mal und sich nicht um Moral schert, mit echten Dollarscheinen dicke Zigarren anzündet und exzessiv schlemmt und säuft. Der kleine Mann ist fasziniert von der Hemmungslosigkeit und Sorglosigkeit der dekadent-luxuriösen Existenz, für ihn eigentlich unerreichbar, was das Ganze noch verführerischer macht.
Um seinem Millionärs-Traum Stück für Stück näher zu kommen, nimmt er eine Arbeit in einem eleganten „Art Nouveau“-Etablissement in Prag an, wo er lernt, wie sich ein exklusiver Kellner kleiden und verhalten muss und vom Oberkellner Skrivanek (Martin Huba) ausgebildet wird, der scheinbar alle Sprachen spricht, sogar koreanisch. Eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Schließlich hat er schon den englischen König bedient. Und in diesem gehobenen Ambiente erlebt der geschickte Blondschopf einen großen Moment: Der Kaiser von Abessinien zeichnet ihn für seinen exzellenten Service mit einem Orden aus. Eigentlich war er jedoch gar nicht gemeint. Das sorgt bei den Kollegen für neuen Neid.
Das Leben wird nicht gerade einfacher, als er die Sudetendeutsche Liza (Julia Jentsch) kennenlernt und sich verliebt. Die glühende Verehrerin Hitlers verlangt Anstand, Ehre und arischen Rassennachweis. Als blonde Deutsche im Lodenkostüm ist sie im Prag der damaligen Zeit nicht gerade eine Symapthieträgerin und erst recht keine gute Partie. Seine Kollegen bedienen sie nicht und ihm schütten sie Suppe über den Kopf. Schließlich wird er entlassen. Mit heldenhafter Naivität verteidigt er seine Liebe und findet sich plötzlich auf der falschen Seite wieder – als Kollaborateur bei den verhassten Besatzungskräften. Die Nationalsozialisten sind einmarschiert. Während sein eigenes Land unter der Knute der Besatzer ächzt und seine Landsleute ins Gefängnis geworfen und hingerichtet werden, feiert er seine Hochzeit mit Liza. Beim Beischlaf schaut sie mit verklärten Augen auf das Bild des Führers an der Wand.
Nach Ausbruch des Krieges fallen deutsche Truppen in Polen ein und die pflichtbewusste Gattin entscheidet sich, dem Vaterland als Krankenschwester zu dienen. Den jungen Ehemann verschlägt es in das Luxushotel zurück, in dem er schon einmal gearbeitet hat. Nur ist es mittlerweile zu einer Einrichtung des so genannten „Lebensborn“ geworden, in der nach Heinrich Himmlers Vorstellung die „Herrenrasse“ geschaffen werden soll. Unter der Aufsicht von Experten wird die arische Befruchtung deutscher Frauen organisiert. Jan serviert im Frack nackten, blonden Damen Milch während die sich im Swimming-Pool vergnügen.
Liza kehrt aus Polen mit einer wertvollen Briefmarkensammlung zurück, Eigentum deportierter Juden und jetzt ihre Kriegsbeute für eine Zukunft im Luxus. Aber der Krieg dauert an, das SS-„Wissenschaftsinstitut“ wird in ein Militärkrankenhaus umgewandelt, wo nun beide arbeiten. Bei einem Flugzeugangriff versucht Liza, die wertvollen Briefmarken aus dem Flammen zu retten. Sie stirbt. Jan Díte macht die Briefmarkensammlung dagegen zum fünfzehnfachen Millionär. Er kauft das Militärkrankenhaus, in dem früher Arier gezüchtet wurden und in dem er einige Jahre zuvor noch Millionäre bedient hat. Er macht diesen für ihn so symbolträchtigen, ehemaligen Luxusort zum Hotel seiner Träume und tapeziert die Wände mit echtem Geld. Alle sollen sehen, wie reich er ist. Alle sollen sehen, wieviel Glück er damit hatte, Pech zu haben.
Doch nach drei Jahren wendet sich das Blatt mit der Machtübernahme durch die Kommunisten. Jan Dítes Traumhotel wird Volkseigentum. Der Kollaborateur landet dort, wo alle Millionäre ihr neues Zuhause finden: im Gefängnis. Aber der exquisite Kreis aus Federn rupfenden Lumpenträgern nimmt ihn nicht in seine Mitte auf. Fünfzehn Jahre später (ein Jahr für jede Million) bei seiner Entlassung sieht Jan sein unpolitisches Leben im Räderwerk der tschechisch-deutschen Geschichte eines knappen Jahrhunderts mit anderen Augen. Walden, der ums Wechselgeld geprellte Wurstkäufer von damals, ist in Jan Dítes Leben immer wieder auf- und abgetaucht. Es waren kleine Gesten, die die beiden Männer einmal um Welten trennten. Jetzt sind es die kleinen Gesten, die sie einvernehmlich verbinden. Es sind die kleine Gesten, die einen kleinen Mann groß machen können.