Wer das „Große Tor“ Edos, dem früheren Tokyo, passierte, fand sich im unwirklichen, glitzernden Kosmos des Yoshiwara-Vergnügungsviertel wieder, in dem sich auf 65.000 qm Bordell an Bordell reihte.
Yoshiwara ist nicht mit heutigen Rotlichtviertelen zu vergleichen. Es war vielmehr ein Ort des sozialen und kulturellen Austauschs, der von der Shogunat-Regierung offiziell anerkannt und unterstützt wurde. Hier vergnügte sich vor allem die reiche Oberschicht des Landes. Yoshiwara ähnelte in seinem Status durchaus dem heutigen Glücksspielmekka Las Vegas.
Die Salons von Yoshiwara waren das Zentrum des kulturellen Lebens der Edo-Zeit: Die Kurtisanen, die alle musisch und künstlerisch unterrichtet wurden, waren für Mode und kulturelle Trends verantwortlich.
Oiran: Über das Yoshiwara-Viertel herrschte die sogenannte 'Oiran', die höchste Klasse von Kurtisanen. Man sagt, ihre Dienste waren eine Frage der Würde und nicht durch Geld allein zu gewinnen. Eine 'Oiran' musste nicht nur hübsch sein. Sie musste in den Bereichen Musik und Tanz perfekt ausgebildet sein, die Spiele Go und Schach beherrschen, und wissen, wie man Blumengestecke herstellt und Teezeremonien abhält. Einer Oiran wurde aufgrund ihrer Ausnahmestellung sowohl Verehrung als auch Missgunst zuteil. Dennoch: Der Traum einer jeden Kurtisane, ob Oiran oder nicht, war es, eines Tages von einem reichen Kunden losgekauft zu werden.
Das Wort „Oiran“ tauchte erstmals in den späten 1720ern als Bezeichnung für die ranghöchsten Kurtisanen im Vergnügungsviertel von Yoshiwara auf. Scheinbar stellt das Wort eine Kurzform von „oira no nesama“ dar, was soviel heißt wie „unsere ältere Schwester“. So bezeichneten Bedienstete und „neue Mädchen“ diejenige Kurtisane, unter der sie arbeiteten. Ein anderer Ausspruch, der im Viertel
gebräuchlich war, lautet „Tausend Gaffer, hundert Freier, zehn Kunden und ein Liebhaber.“ Von den tausend Männern, die kamen, um die Frauen in ihren Käfigen der Bordelle zu beäugen, wurden hundert zu Freiern. Zehn von ihnen waren so vernarrt in ihre Eroberung, dass sie ihr glaubten, wenn sie sagte „Dich mag ich am liebsten von allen.“, und wurden zu Stammkunden. Aber es gab nur einen, den die
Kurtisane wirklich liebte.