D.H. Lawrence schrieb drei Fassungen von LADY CHATTERLEY. Erst die dritte betrachtete er als definitiv. Er publizierte sie einige Monate vor seinem Tod unter dem Namen «Lady Chatterley’s Lover».
Dass drei Fassungen desselben Buches existieren, ist an sich nichts Ungewöhnliches. Nur Lawrences Art und Weise, diese zu schreiben, gilt als Ausnahme in der Literaturgeschichte. Denn bei jedem Manuskript begann er wieder ganz von vorne. Auf die früheren Fassungen griff er nicht zurück. Im Grunde genommen bleibt die Geschichte also ähnlich, gewisse Situationen kommen aber jeweils anders oder gar nicht vor. Nie sind zwei Textabschnitte identisch. Ausserdem entwickelten sich die vier zentralen Figuren – Lady Chatterley, ihr Mann Clifford, der Wildhüter und Mrs Bolton – in gewisser Weise zwischen den Fassungen. Der Wildhüter trägt jeweils nicht einmal mehr den gleichen Namen. Alle drei Fassungen sind also eigenständig und doch kohärent.
Ich habe «Lady Chatterley’s Lover» erst spät entdeckt und betrachtete das Buch als unverfilmbar.
Die dritte Fassung der Geschichte ist stilistisch schwer und erscheint in dieser Hinsicht veraltet. Es gibt sehr viele Dialoge. Lawrence versuchte, die subversiven Elemente dieser dritten Fassung vor der Zensur zu schützen, indem er die Figuren selbst die These seines Romans ausdrücken liess. Als ich erfuhr, dass zwei frühere Fassungen des Buches existierten, kaufte ich die zweite: «John Thomas and Lady Jane». Diese zweite Fassung ist simpler und direkter. Sie konzentriert sich stärker auf die Beziehung zwischen Constance und Parkin. Ausserdem ist die Natur noch präsenter – nicht nur als blosse Metapher der unstandesgemässen Liebe zwischen Lady Chatterley und dem Wildhüter, sondern auch als Begleitung dieser Liebe im Lauf ihrer Entwicklung. Das ist für mich das Schönste an dieser Fassung: Liebe und Verwandlung werden eins.