Ich hatte «Lady Chatterley’s Lover» schon gelesen, als ich die zweite Fassung des Buches entdeckte, «John Thomas and Lady Jane», die mich sofort packte. Ich hatte zwischenzeitlich mit Pierre Trividic an einem Drehbuch gearbeitet, welches einige Gemeinsamkeiten mit diesem Buch aufwies. Das Projekt kam aber ins Stocken. «John Thomas and Lady Jane» war wie das Wiederfinden einer älteren Idee. Was Pierre Trividic und mir nicht gelang, hatte Lawrence mit Glanz geschafft, besonders was die Liebesszenen betrifft. Diese erreichen eine unglaubliche Wahrhaftigkeit in der Beschreibung ihrer Intimität.
Wie haben Sie die zwei Schauspieler ausgewählt, welche die Liebhaber spielen?
Ich musste die Körpergestalt der Figuren berücksichtigen – als Ausdruck eines sozialen Unterschieds, der permanent im Bild präsent sein musste. Marina Hands war mir schon früher als junge, eigenwillige Schauspielerin aufgefallen und ich hatte beim Schreiben sogar ab und zu an sie gedacht. Als wir uns dann trafen, passierte etwas sehr Seltenes: eine «Liebe auf den ersten Blick» – sowohl zwischen uns beiden als auch zwischen ihr und dem Projekt. Es war unabdingbar, dass die Schauspielerin, welche Constance verkörpern würde, sich mit dem Film voll und ganz identifiziert. Sehr schnell wurde klar, dass Marina Constance war. Sie hat etwas Romantisches und ist gleichzeitig tapfer und wagemutig. Für Parkins Rolle wollte ich ein unbekanntes Gesicht, weil es mir wichtig war, dass er für die Zuschauer auf der Leinwand eine ähnliche Wirkung hat wie auf Constance im Film. Sein Körper musste kräftig sein und einen direkten Kontakt mit der Natur herstellen. Sarah Teper, die für das Casting verantwortlich war, empfahl mir Jean-Louis Coulloc’h. Sie kannte ihn vom Theater. Jean-Louis hatte sehr wenig Erfahrung im Umgang mit einer Filmkamera und es war nicht immer einfach für ihn. Da wir den Film aber chronologisch drehten, passte dies ganz gut zur Geschichte: Jean-Louis öffnete sich, während Parkin aufblühte. Das war sehr schön.
Das Buch gilt als skandalös. Von diesem Bild weicht Ihre Adaptation aber ab.
Ja. Das Buch selbst ist aber eigentlich auch weit davon entfernt. Lawrence schrieb damals gegen seinen Zeitgeist und gegen den Puritanismus Englands. Für ihn war Sexualität ein wesentlicher Teil der Liebe – also nichts Beschämendes, das man verstecken muss. In den 1920er Jahren galten Lawrences sorgfältige Beschreibungen der physischen Liebesszenen als obszön. Und heute bleibt nur noch dieser Aspekt in Erinnerung. 80 Jahre sind inzwischen aber vergangen, wir kennen die Psychoanalyse, Sex ist keine Schande mehr. Im Gegenteil, Sex wird mit voller Wucht verkauft. Meiner Meinung nach wäre heute nicht Provozierendes daran, den Roman als einfache Sex-Affäre zwischen einer Aristokratin und einem Wildhüter zu verfilmen. In dieser Hinsicht habe ich eher den Eindruck, dass meine Umsetzung des Buches meinem eigenen Zeitgeist gegenüber gestellt wird. Heute wird das Begehren im Kino nur auf zwei verschiedene Weisen dargestellt. Entweder auf eine altmodische Art: Wenn zwei Liebhaber im Bett sind, wechselt der Film abrupt seinen Charakter, durch Musik, Überblendungen, Ellipse. Oder auf eine so genannte moderne Art, die Sex und Emotionen völlig voneinander trennt.
Als Erstes empfindet Constance aber ganz klar Begierde gegenüber Parkin. Sie sieht seinen Körper und bleibt stehen. Ursprünglich ist es also ein Geschlechtstrieb, der das Paar animiert.
Damit wir uns richtig verstehen: Ich habe nichts gegen Lust – im Gegenteil. Mich stört aber, wenn Lust als alleiniger Trieb betrachtet oder dargestellt wird. Für mich ist dies eine Gegenwahrheit. Begierte steht nie alleine. Auch bei Lawrence ist der einfachste Ausdruck von Lust immer mit etwas Anderem verbunden. Als Constance Parkin zum ersten Mal mit nacktem Oberkörper sieht, ist ihre Begierde stark mit der Entdeckung verbunden, dass es in dieser Welt doch noch nackte Körper gibt. Auf eine Art möchte Constance sich sogar dieses Körpers bemächtigen – und frei sein inmitten des Walds. Ihre Begierde ist kein einfacher Trieb. Lawrences Buch ist ehrlich und modern in seiner Konzeption des Körpers als wichtigste Instanz – gegen Klassenunterschiede und Identitäten, die einsperren statt zu befreien. Der Körper wird aber nicht den Gedanken und Gefühlen entgegengesetzt. Als Parkin Constance anschaut, die auf der Schwelle zu seiner Hütte eingeschlafen ist, sieht er nicht seine «Herrin» oder ein einfaches Objekt seiner Lust. Er sieht eine Frau, so alleine wie er. LADY CHATTERLEY erzählt die Begegnung zweier einsamer Menschen, die in ihren Identitäten gefangen sind und ihre Freiheit langsam wieder gewinnen.
Wenn sie zusammen sind, scheinen LADY CHATTERLEY und Parkin die Gegenwart einfach zu erleben. Schritt für Schritt werden sie vertraulicher in ihrem Umgang.
Ja. Dieses reine Erleben der Gegenwart ist sehr verwirrend. Man weiss nie, was zwischen ihnen passieren wird, weil sie das selber jeweils nicht wissen. Aufgrund des Klassenunterschieds ist ihre Beziehung eigentlich unvorstellbar. Nur in einer reinen Gegenwart ist sie überhaupt möglich. Gleichzeitig verändern sich die zwei Figuren bei jeder ihrer Begegnungen. Die erschütternden Gefühle, die sie zusammen erleben, wirken weit über diese Begegnungen hinaus. Am Anfang hat man das Gefühl, dass sich zwischen den beiden Liebenden nichts aufbaut: Ihre Beziehung begrenzt sich auf eine blosse Summierung von gegenwärtig Erlebtem. Bei jeder Begegnung müssen sie sich neu vertrauen und sich gegenseitig überzeugen, dass sie zusammen gehören.
Gesellschaftlich dominiert sie ihn – körperlich ist es aber eher er, der sie beherrscht.
Ja, es ist ganz klar eine gekreuzte Herrschaft – auf der sozialen und auf der physischen Ebene. In einem Bereich dominiert der Eine, im anderen der Andere. Das Buch wirkt so sauber wie ein Laborexperiment. Von diesen zwei Aspekten wurde damals in den Reaktionen aber nur einer aufgenommen: jener des sozialen Unterschieds. Dies war zu jener Zeit skandalös. Heute ist dieser Aspekt viel weniger wichtig. Auf eine Art hat Lawrence gewonnen.
Es gibt sechs Sexszene im Film. Hatten Sie nicht Angst, sich zu wiederholen?
Nein. Ich hatte natürlich Angst davor, dass sie nicht funktionieren würden. Zum Drehen waren es sehr schwierige Szenen. Jede ist aber ein wichtiger Teil der Erzählung. Sie führen die Geschichte weiter. Jedes Mal erlebt Constance etwas Neues. Es ist also nicht möglich, sich zu wiederholen. Natürlich wurde jede dieser Szenen auch filmisch entsprechend bearbeitet. Die erste und die dritte sind in Echtzeit gedreht – wie die anderen gemeinsamen Einstellungen mit den beiden. Ich wollte einen Eindruck der Gegenwärtigkeit wiedergeben, als ob sich die Szene direkt vor uns abspielen würde. Für die drei letzten Liebesszenen war dies nicht mehr nötig. Ich wollte mich da ganz bewusst auf einen Aspekt der jeweiligen Erfahrung konzentrieren, die jedes Mal ganz anders ist. Alle sechs Szenen gestalten den Film rhythmisch. Kontinuierlich befreien sich die beiden Hauptfiguren.
Wie sind Sie als Regisseurin an diese Szenen herangegangen?
Marina, Jean-Louis und ich haben vor dem Dreh sehr viel miteinander gearbeitet und alle gemeinsamen Szenen genauestens analysiert. Wir haben einen Weg gefunden, der beiden Darstellern erlaubte, den Körper des Anderen kennen zu lernen und eine gemeinsame Körpersprache zu entdecken. Sexszenen machen bei Dreharbeiten immer Angst. Es war uns deshalb wichtig, diesen Szenen bereits im Vorfeld ihren sakralen Charakter zu nehmen. Was die Inszenierung angeht, hatte ich mich entschieden, diese Einstellungen sehr dokumentarisch zu drehen. Ich hatte sehr klare Vorstellungen vom Ablauf jeder Szene. Für den Standort der Kamera konnten wir – (Kameramann) Julien Hirsch und ich – uns dadurch sehr kurzfristig entscheiden. Es ging ganz einfach darum, den besten Blickwinkel zu finden, um die Szene so wiederzugeben, wie ich sie mir vorgestellt hatte.
Wie erklären Sie sich, dass die Szene, in welcher die zwei nackten Liebhaber sich gegenseitig mit Blumen schmücken, so zärtlich geworden ist? Sie hätte schnell ins Lächerliche kippen können...
Ich denke, dass Anmut und Lächerlichkeit nie weit entfernt voneinander sind. Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Szene für Lawrence entscheidend war – wie eine perfekte Verschmelzung des Werks und seines Autors. Wenn ich sie lese, bin ich überwältigt. Ich hätte alles gegeben, um sie drehen zu dürfen. Blumen und Körper – zwei zentrale Elemente des Buches – vereinigen sich in dieser Einstellung. Auf dem ersten Blick scheint sie ganz simpel zu sein. Mit der Zeit entdeckt man in ihr aber immer wieder neue Facetten. Es ist extrem spannend. Die Situation zeigt schön, wie «ein Paar sein» auch heissen kann, manchmal zusammen kindisch zu sein. Die Szene stellt aber auch alles auf den Kopf: Die Körper der Figuren werden zu Landschaften und die Blumen zu Figuren. Ausserdem akzeptiert Constance in dieser Szene zum ersten Mal, seit sie sexuell nicht mehr passiv ist, dass Parkin die Führung wieder übernimmt. Sie entscheidet sich aktiv, in seinen Händen passiv zu sein. Parkin gestaltet sie, einer Skulptur oder eine Malerei gleich. Zwei Körper, eine Kamera und einige Blumen kristallisieren in einer einzigen Szene einen ganzen Film heraus.
Natur und Jahreszeiten sind mit Constances Sinnerweckung verbunden. Prägt die Natur Constance oder umgekehrt?
Mir gefällt es sehr, wie im Buch Geschichte und Jahreszeiten verbunden sind. Die Verknüpfung ist simpel: Herbst gleicht Melancholie, Winter Depression, im Frühling wecken sich die Sinne, um im Sommer die Erfüllung in der Liebe zu erreichen. Die Natur begleitet also Constance in ihrer Entwicklung. Am Anfang denkt man, die Natur präge Constances Stimmung. Doch mit Constances Öffnung wird dies immer unklarer. Was, wenn die Natur lediglich Constances innere Landschaft widerspiegelt? Man weiss nicht mehr, was was verursacht – das ist unglaublich schön.
Ihr letzter Film hiess «L’âge des possibles». In LADY CHATTERLEY stehen alle Türen wieder ganz offen...
In LADY CHATTERLEY sind die unbegrenzten Möglichkeiten mit der Idee verbunden, dass man Einfluss auf sein eigenes Leben nehmen kann. Heutzutage gilt oft die Aussage, dass man machtlos vor einer Maschine steht. Ich habe das Gefühl, dass dies nur halb wahr ist. Es tut also gut festzustellen und zu wiederholen, dass man in den Verlauf seines eigenen Lebens eingreifen kann – als Ort der möglichen Veränderungen. In LADY CHATTERLEY ist klar, dass die Verwandlung der Figuren ihre Umwelt auch beeinflusst. Zusammen erfinden sie ein neues Leben. Ein Satz des französischen Philosoph Gilles Deleuze hat mich sehr geprägt: «Das System wünscht sich unsere Trauer und wir müssen fröhlich sein, um zu widerstehen» («Le système nous veut triste et il nous faut arriver à être joyeux pour lui résister»). Heutzutage will die Politik, dass wir traurig und ängstlich bleiben, damit unsere Widerstandskraft stumpf bleibt. Trauer und Resignation erdrücken uns und berauben uns unsererer Handlungsfähigkeit.