Drama,
Komödie,
Romanze
| Großbritannien / USA 2008
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| Produktion: Die Arbeit mit den Schauspielern
Da es seine erste Filmrolle war und er aus Harrow im Nordwesten von London kommt, war Patel einigermaßen nervös, jemanden zu spielen, der in den Slums von Mumbai aufgewachsen ist. Er fühlte sich unter enormem Druck, den Akzent richtig zu treffen, und kam schon einige Zeit vor dem geplanten Drehstart an, um die Atmosphäre der Schauplätze, die Eigenheiten des Verhaltens und den Klang der Stimmen auf sich wirken zu lassen.
„Ich musste sehr emotionale und physische Szenen spielen, die sehr viel von mir verlangten,“ erzählt er, „aber Danny findet immer einen Weg, um einen in die richtige Stimmung für eine Szene zu bringen. So hat er mir zum Beispiel im Fernsehstudio, bei der letzten Frage von „Wer wird Millionär?“, als ich gerade das Geld gewonnen hatte und mich wieder an Latika erinnern sollte – das Mädchen, das ich liebe –, einfach Fotos von ihr und den anderen Kindern auf den Bildschirm geklebt: Auf diese Weise war es ganz leicht, mich wieder an sie zu erinnern und ein Lächeln in mein Gesicht zu zaubern. Danny improvisiert gern am Set. Er ermutigt uns immer, unterschiedliche Dinge auszuprobieren. Er nimmt einen Take auf, und wenn er damit zufrieden ist, macht er neue Vorschläge: ‚Stell Dir vor, Du fühlst jetzt dies oder das, dieses oder jenes ist dir zugestoßen, spiel die Szene jetzt mal aus einer ganz anderen Perspektive, sodass sie sich auf andere Weise entfaltet.‘ Das macht das Endprodukt um Einiges vielschichtiger.“
Sich in die indische Kultur hineinzuversetzen und zugleich eine Hauptrolle zu übernehmen, war eine sehr intensive Erfahrung für Patel. Nachdem er bei einem früheren Besuch in Indien anlässlich einer Hochzeitsfeier in der Familie böse von einer Mücke gestochen worden war, war er auch jetzt auf das Schlimmste gefasst, doch es kam ganz anders: „Es war unglaublich, es war, als hätte ich einen verborgenen Teil von mir selbst gefunden. Für mich als Brite mit asiatischem Hintergrund, der in London aufgewachsen ist, war es ein wunderbares Gefühl, mit meinen Wurzeln in Berührung zu kommen. Natürlich werden auch in London indische Festivals gefeiert, und auch zuhause begehen wir das Diwali-Fest, aber das in Indien selbst zu erleben, ist etwas völlig anderes.“
Auf die Frage nach seinem schönsten Moment während der Dreharbeiten lächelt Patel: „In den Szenen auf der Polizeiwache mit Irrfan Khan (der Polizeiinspektor) und Saurabh Shukla (der Polizeisergeant) habe ich unglaublich viel gelernt, weil sie einen ganz anderen Schauspielstil haben. Kurz vorher hatte ich Mira Nairs „The Namesake“ gesehen und empfand wegen seiner tollen Leistung tiefe Ehrfurcht vor Irrfan. Saurabh hingegen brachte mich auf dem Set immer zum Lachen, zum Beispiel in dieser Szene, in der er mich verhört, ohrfeigt und schlägt. Er hat immer Dialoge improvisiert und mich damit zum Lachen gebracht, ich schrie vor Schmerz und lachte doch innerlich.“
Obwohl Jamal und Salim im Film Brüder sind, wurden sie ganz bewusst gegensätzlich angelegt, damit Boyle dem Publikum zeigen kann, in welchem Maße ihre unterschiedlichen Entscheidungen sie auf ganz verschiedene Lebenswege führen. Beide Jungen waren in sehr jungen Jahren extremer Gewalt ausgesetzt und reagierten doch auf ganz eigene Weise auf das Trauma, ihre Mutter sterben zu sehen: Während Jamal innerlich Güte bewahrt, entscheidet sich Salim für den Weg der Gewalt.
Madhur Mittal war ursprünglich für den mittleren Salim vorgesehen, doch Boyle hatte das Gefühl, dass er die Reife und den Ernst hatte, um den älteren Salim zu spielen. Nach einem schweren Fahrradunfall mit einem Rikscha-Fahrer war seine Mitwirkung im Film allerdings gefährdet: „Er krachte in mich hinein, ich stürzte und hatte eine schlimme Wunde am Kinn, die mit zwölf Stichen genäht werden musste“, lacht Mittal, „doch letztlich half mir das, mich in meine Figur einzufühlen. Schließlich ist Salim ja tatsächlich so ein harter Kerl.“
Mittals Begeisterung für seine Rolle hatte vor allem damit zu tun, dass Salim zwar eine aggressive, eigennützige Persönlichkeit, aber auch eine verborgene mitfühlende Seite hat. Die offenbart sich erst dann, wenn er unter großem Druck steht, der sich bald entladen wird: „Das ist eine Traumrolle für jeden Schauspieler“, gibt Mittal zu. „Jeder hasst diesen Typen, aber offensichtlich hat er auch weichere Seiten, die er versteckt, um sich keine Blöße zu geben. Sein Verhältnis zu seinem jüngeren Bruder ist faszinierend. Sie sind völlig gegensätzlich, und trotzdem gibt es etwas, das sie verbindet, schließlich sind sie Brüder, sie haben dieselbe Mutter, durch ihre Adern fließt dasselbe Blut. Sie lieben sich ehrlich, aber sie nerven sich auch unglaublich, weil Jamal in Salims Augen viel zu gutherzig ist und umgekehrt Salim in Jamals Augen viel zu böse. Sie hassen sich, aber ihre Liebe ist stärker – alles in allem also ein ganz normales Verhältnis unter Brüdern.“
Da Latika zwar Jamals große Liebe ist, aber trotzdem nur sehr wenig Zeit mit ihm zusammen vor der Kamera steht, musste für die Rolle jemand gefunden werden, „für den man auf Knien um die ganze Erde kriechen würde“, wie Beaufoy es beschrieb: „Freida Pinto verbindet in genau richtiger Mischung unglaubliche Schönheit mit einem tiefen Gefühl von Traurigkeit, das ebenso zu ihrer Rolle gehört.“
Bei seiner Recherche für das Skript fiel Beaufoy auf, dass unglaublich viele indische Frauen, insbesondere in den Slums, alle Entscheidungen den Männern überlassen: „Da solche Passivität nicht für ein Drama taugt, habe ich versucht, Latika zu einer aktiveren Figur zu machen. Doch Indien hat sehr schnell wieder die Oberhand gewonnen, und sie wurde doch zu einer jungen Frau, die den Launen mächtiger Männer ausgeliefert ist, genauso wie es hier eben ist.“
Die Casting-Agentin und Co-Regisseurin Loveleen Tandan erzählte Pintos Agentin von der Suche nach einer weiblichen Hauptrolle: „Meine Agentin dachte, dass das für mich eine gute Gelegenheit wäre, und in ihrem Büro hatte ich auch sofort das Gefühl, dass sie sehr warmherzig und nett ist. Als sie dann den Namen Danny Boyle erwähnte, dachte ich nur noch ‚„Trainspotting“? Wow!‛ Ich kannte den Film richtig gut, weil wir ihn in einem Filmkurs auf dem College ausführlich behandelt hatten, und war völlig begeistert!“
Während des Castings musste Pinto sechs Monate warten, bevor sie endlich erfuhr, dass sie die Rolle tatsächlich bekommen hatte: „Das war wie eine Achterbahnfahrt! Einen Monat nach dem Treffen mit Loveleen kam Danny Boyle zum Screentest, ich war schrecklich nervös, weil ich noch nie zuvor einem Regisseur direkt gegenüber gestanden hatte. Dann musste ich noch mehrere Male vorsprechen und dachte, dass sie sich nicht sicher sind, ob ich gut genug bin. Als mir mein Agent nach sechs Monaten sagte ‚Du bist drin, Mädchen!‛ war ich überglücklich, doch glauben konnte ich es erst, als ich meinen Vertrag unterzeichnet hatte.“
Pinto genoss den Prozess der langsamen Annäherung an ihre Figur, bei dem Danny Boyle sie immer wieder dazu ermutigte, neue Ansätze auszutesten, nicht zuletzt auch, um zu verstehen, woher Latika ihre Stärken bezieht: „Danny wollte, dass ich so viel wie möglich ausprobiere. Er hat mir aber auch beigebracht, die Gefühle zu verinnerlichen, statt wild herumzugrimassieren, wie wir das in Indien oft tun.“ Trotz der großen Intensität der Szenen, in denen sie immer wieder auch Schmerz und Leid zeigen musste, war sie überrascht, als ein Passant dachte, sie sei tatsächlich in Not: „Diese Schlägertypen zerrten mich ins Auto, ich schreie ‚Jamal, Jamal!‛, ich flehe um Hilfe, aber niemand reagiert, also schieben sie mich endgültig ins Auto, und da kommt dieser Typ und fragt, ob ich okay sei. Ich erklärte ihm, dass wir drehen, und war sehr glücklich, dass ich offensichtlich glaubwürdig war.“
Um das Publikum zu überzeugen, dass es sich bei den drei verschiedenen Schauspielern jeweils um denselben Menschen handelt, spielten physische und charakterliche Eigenheiten, die über alle Alterstufen beibehalten wurden, eine entscheidende Rolle. Boyle forderte die Darsteller auf, sich gegenseitig zu beobachten und bei den Proben auch mal in andere Alterstufen ihrer Figur zu schlüpfen, um möglichst viele Verbindungen zu schaffen: „Sie sollten sich in jede der Alterstufen hineinversetzen, um den Eindruck vermitteln zu können, dass sie dieselbe Person sind. Wir wollten nicht mit Prothesen und Make-up arbeiten, stattdessen sollten sie ganz natürlich ineinanderwachsen. Als wir die 18-jährigen Darsteller gefunden hatten, haben wir uns die jüngeren noch mal angeschaut, um die auszusuchen, die ihnen möglichst ähnlich sahen. Natürlich bleibt vieles dem Abstraktionsvermögen des Publikums überlassen, da muss man mit Stil herangehen und mit Selbstvertrauen. Wenn die Kinder mit einer gewissen Dreistigkeit in diese Schuhe schlüpfen, dann akzeptiert das Publikum das auch.“
„Es bringt einige Probleme, wenn Kinder, Teenager und Erwachsene ein und denselben Menschen spielen“, erklärt Beaufoy. „Die Friseure und Make-up-Leute haben mit sehr subtilen Mitteln gearbeitet, hier ein Ohr ein bisschen angelegt, dort mit den Frisuren experimentiert. In einer Szene ist der Kopf des jüngeren Jamal von hinten zu sehen, und es gibt diese sanfte Blende auf den fünf Jahre älteren Jamal. Da beide Darsteller diese leicht abstehenden Ohren haben, wird auf unterbewusste Weise die Idee unterstützt, dass es sich um denselben Menschen handelt.“ Tanay Chheda, der den 13-jährigen Jamal spielt, erinnert sich an den Verwandlungsprozess: „Wir sollten alle ins Büro zu den Make-up-Leuten kommen. Damals hatte ich im Gegensatz zu den anderen beiden Jamals richtig lockige Haare, und ich fragte mich, wie das gehen sollte, dass wir denselben Menschen darstellen. Doch nach einer Stunde im Make-up-Wagen, in dem sie mir die Haare geglättet haben, war ich kaum wiederzuerkennen. Der Produktionsassistent fragte sogar, ob ich Tanays Bruder sei.“