Drama,
Komödie,
Romanze
| Großbritannien / USA 2008
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| Produktion: Indien
Bleibt die Frage, was eine westliche Produktion zu einer ganz und gar indischen Geschichte beitragen kann? Colson ist der Meinung, dass der visuelle Look eines Films und die Art, wie er erzählt wird, durch die Perspektive eines Außenstehenden sehr stark geprägt wird, weil er Dinge wahrnimmt, die für die Einheimischen völlig selbstverständlich und dadurch unsichtbar sind: „Darum ist es dem Engländer Sam Mendes in „American Beauty“ auf so wunderbare Weise gelungen, die spießigen Randbezirke Amerikas zu zeigen, oder dem Taiwanesen Ang Lee Jane Austens England in „Sinn und Sinnlichkeit“. Als Außenstehender hat man einen frischen Blick für die Farben, für das Außergewöhnliche und Pulsierende, für das man in der eigenen Kultur abstumpft. Die Lebendigkeit des Films hat sehr viel mit der Neugier und Aufmerksamkeit zu tun, die ein Fremder all den Dingen entgegenbringt, die für die Einheimischen ganz alltäglich sind.“
Die Ankunft in Indien löste bei den Teammitgliedern einen wahrhaftigen Kulturschock aus, als sie urplötzlich der enormen Energie Mumbais ausgesetzt waren: „Ich war noch nie zuvor in Indien“, berichtet Boyle. „Mein Vater war im Krieg dort stationiert und hat mir unglaublich viel erzählt, ich wollte also schon immer mal dorthin. Die Extreme, denen man dort ausgesetzt ist, machen Indien zu einem außergewöhnlichen Ort. Allerdings heißt das auch, das die Herausforderungen größer sind, als man sich vorstellen kann.“.
Normalerweise sei das Filmemachen sehr stark durch Kontrolle bestimmt – ein Regisseur gehe meist davon aus, dass er sein ganzes Umfeld präzise manipulieren kann, um genau die Vision herzustellen, die er im Kopf habe. „Doch in Indien greift dieses Konzept nicht“, sagt Boyle. „Diese Art der Kontrolle gibt es da einfach nicht, allein bei dem Versuch würde man verrückt werden und könnte sich spätestens nach einer Woche von den Klippen stürzen. Man muss sich treiben lassen und sehen, was passiert. An manchen Tagen hat man das Gefühl, dass das nie etwas wird, und plötzlich ergibt doch alles wieder Sinn. Wenn man sich diesem Ort anvertraut, belohnt er einen.“
Mit 18 Jahren reiste Beaufoy sehr viel durch Indien, doch als er jetzt, 20 Jahre später, wieder zurückkehrte, war nichts mehr so, wie er es kannte: „Indien hat sich seitdem enorm verändert. Für meine Recherchen spazierte ich einfach nur durch die Straßen und ließ alles auf mich wirken. Die schrecklichsten und melodramatischsten Geschichten sprangen mich geradezu an. Ich las etwas in einer Zeitung und fuhr in die entsprechende Gegend, nahm ihre besondere Atmosphäre in mich auf und begann dann, meine Geschichten darum herum zu spinnen.“
Während sich die verschiedenen Departments auf den Dreh vorbereiteten, begann Boyle mit einem kleinen Team bereits damit, die Proben wie richtige Einstellungen aufzunehmen, um möglichst viel Drehzeit aus ihrem Aufenthalt in Indien herauszuholen. In der Hoffnung, dass einige der Aufnahmen bereits verwendet werden könnten, schlug Boyle vor, dass die Proben nicht an einem neutralen Ort stattfinden sollten, sondern bereits an den vorgesehenen Drehorten: „Das war eine wunderbare Art, sich auf den Dreh einzustimmen“, sagt Colson, „alle waren da, die Ausrüstung war da, also begannen wir einfach zu drehen. Auf diese Weise konnten die jeweiligen Departments alle logistischen oder kreativen Fragen sehr früh klären, was einen enormen Zeitgewinn für den eigentlichen Dreh bedeutete. Sonst ist es ja immer so, dass sich alle in der ersten Woche erst langsam wieder an die Arbeit gewöhnen müssen, denn für die meisten liegt der letzte Dreh schon wieder eine Weile zurück, sie sind etwas eingerostet. Wir konnten eigentlich nur gewinnen.“
Boyle legte Dev Patel nahe, bereits vor Drehbeginn einige Zeit in Mumbai zu verbringen, und lud ihn schon zur Locationsuche ein. Seine Erlebnisse halfen Patel, sich in seine Figur einzufühlen und seinen Akzent zu verfeinern: „Eine Weile in den Slums einzutauchen, half mir ungeheuer, den Hintergrund meiner Rolle aufzubauen“, erzählt Patel. „So konnte ich am eigenen Leib spüren, wie Jamal aufgewachsen ist. An einem der Drehorte sah Danny ein paar Kids, die auf der Straße trommelten, um sich auf das Ganesha-Festival vorzubereiten, und Danny ermunterte mich, mein T-Shirt umzudrehen, weil es ein riesiges Logo hatte, und einfach mitzumachen. Gesagt, getan, sie haben mir eine Trommel umgehängt, jemand hat für mich übersetzt, und ich legte los. Und Anthony, der Kameramann, nahm das Ganze mit einer kleinen Digicam auf, ohne dabei allzu viel Aufmerksamkeit zu erregen.“
Das Tulip Star, ein leerstehendes Fünf-Sterne-Hotel – laut Colson ein richtig unheimlicher Ort –, befand sich in der Nähe der Produktion, und Boyle schlug vor, für die Szene mit den Schauspielern dorthin zu gehen. „Im Skript stand nichts von einem leeren Hotel, doch das gab den Szenen einen zusätzlichen Bedeutungslevel, und außerdem konnten wir zwei Tage einsparen, die dann für andere Einstellungen zur Verfügung standen.“