Drama,
Komödie,
Romanze
| Großbritannien / USA 2008
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| Produktion: Mumbai
Als Boyle in Mumbai ankam, faszinierte ihn der harsche Kontrast zwischen der extremen Armut und dem enormen technischen Fortschritt. „Ich war schon in vielen verschiedenen Slums der Welt, wie zum Beispiel in Kibera in Kenia. Doch hier ist alles ganz anders, allein der Geruch, der einem sofort in die Nase steigt, diese unglaubliche süßsaure Mischung aus Exkrementen und Safran. Es gibt frappierende Gegensätze: So ist Indien auf dem Gebiet der Atomkraft eine der führenden Nationen, das Land rangiert unter den Nuklearmächten der Welt auf dem sechsten oder achten Platz, aber es gibt keine öffentlichen Toiletten.“
Zu den Schauplätzen gehörten Dharavi, der größte Slum von Indien, und Juhu, einer der lebendigsten Slums, der im Westen der Stadt, in der Nähe des Flughafens, gelegen ist, wo ihn jeder sehen kann, der Mumbai anfliegt. Allein hier lebt rund eine Million Menschen, die Bevölkerung der Großstadtregion von Mumbai beläuft sich zusammen mit den Randbezirken auf 22 Millionen und vergrößert sich in derart alarmierendem Maße, dass sie 2020 wohl 30 Millionen erreichten wird. Das Team drehte innerhalb und außerhalb der Slums von Dharavi und in der Nähe des Flusses Mahim, der von einer riesigen Pipeline gespeist wird, die mitten durch die Slums läuft.
„Wir haben so viele echte Slumbewohner in unseren Film geholt wie möglich“, sagt Danny Boyle. „Die Slums gleichen einer blühenden und geschäftigen Mini-Metropole. Die Demokratisierung Indiens führte dazu, dass sie sich zu politisch maßgebenden Orten entwickeln, ganz einfach weil durch die enormen Bevölkerungszahlen auf sehr kleiner Fläche sehr viele Wählerstimmen zusammenkommen. Ironischerweise stellen die Ärmsten der Armen also eine unglaubliche politische Macht dar, was wiederum dazu führt, dass viele Leute gegen die geplante Räumung sind: Weil die Wohnfläche in Mumbai sehr begrenzt ist, werden sie vermutlich in das Meilen entfernte New Mumbai verlegt, wozu sie natürlich keine Lust haben. Viel wichtiger als anständige Wohnungen sind den Bewohnern ihre weitläufigen Familien, mit Großeltern, Onkeln und Cousinen, die sich alle gegenseitig unterstützen und helfen. Für die Politiker wird es zu einer großen Herausforderung, bessere Wohnbedingungen zu schaffen und trotzdem den Bedürfnissen der Bewohner in ihren engen Gemeinschaften gerecht zu werden.“
Wegen der extremen Schauplätze mit ihrem flirrenden Menschengewirr an den verschiedensten Drehorten musste Boyle mit seiner Kameracrew und dem mit vielen Preisen ausgezeichneten Kameramann Anthony Dod Mantle von vornherein immer mehrere Kamerapositionen und Drehmethoden in Betracht ziehen. Ursprünglich sollte ein Teil des Films mit hoch entwickelten SI-2K-Digitalkameras aufgenommen werden und der Rest auf herkömmlichem Filmmaterial, doch Boyle stemmte sich entschieden dagegen, die großen und schwerfälligen 35-mm-Kameras in die Slums mitzunehmen. Die kleineren und flexibleren Digitalkameras erlaubten ihm, sehr viel schneller und unauffälliger in den Alltag von Mumbai einzutauchen. Boyle tastete sich langsam an den richtigen Arbeitsprozess heran: „Am Anfang haben wir klassische Filmkameras ausprobiert, doch das Ergebnis gefiel uns nicht. Ich wollte, dass die Zuschauer von der Stadt völlig aufgesogen werden. Statt von außen darauf zu schauen, sollten sie ganz unmittelbar hineingezogen werden. In Indien stoppt das Leben nur im Zeitraum zwischen 2 und 4 Uhr morgens, zu jeder anderen Zeit ist die Stadt eine wimmelnde Woge von Menschen.“
Insbesondere die Verfolgungsszenen am Anfang des Films wurden Stück für Stück gedreht und über längere Zeit hinweg nach und nach aufgebaut. Wann immer es möglich war, kehrte die Crew an den Drehort zurück, um einen weiteren Teil der Verfolgungsjagd zu drehen. Obwohl die digitalen SI-2K-Kameras einen Kreiselkompass hatten, um sie zu stabilisieren, waren sie immer noch so klein, dass Anthony Dod Mantle in den engen Straßen der Slums aus der Hand drehen konnte. So war es möglich, das um das Team pulsierende Leben aufzunehmen, ohne dass es die Passanten mitbekamen, befangen wurden und sich unnatürlich bewegten. Zusätzlich kam eine sogenannte Canon-Cam zum Einsatz, das ist eine Canon-Fotokamera, die pro Sekunde zwölf Bilder aufnimmt. Wenn die Leute so eine Kamera sehen, haben sie gar nicht den Eindruck, dass gefilmt wird: „Wer immer die Kamera bediente, hatte ein Festplattenlaufwerk auf den Rücken geschnallt, das die Bilder der Handkamera aufzeichnete. Anthony sah wie ein unbeholfener Tourist aus Dänemark aus, der durch die Slums schlendert“, lacht Boyle, „doch in Wirklichkeit hat er einen aufwendigen Spielfilm gedreht. So haben wir mit ganz verschiedenen Techniken gearbeitet.“
„Wann immer es möglich war, drehten wir an Originalschauplätzen“, sagt Colson. „Der Film ist ein Märchen, und wie in den besten Märchen gibt es auch darin Licht und Schatten: Das Drehbuch führte uns an die verschiedensten Orte, in einem Moment waren wir am Taj Mahal, einem der schönsten Orte der Welt, im nächsten waren wir an ziemlich rauen, schmutzigen Plätzen. Es war eine echte Odyssee.“ Viktoria Terminus ist ein Bahnhof im Herzen von Mumbai und eines der bleibenden Wahrzeichen, die die britische Kolonialregierung hinterlassen hat. Dort wurde die Tanzszene gedreht, die unter den Schlusscredits zu sehen ist. „Die Bahngleise sind die Lebensadern Indiens“, erzählt Boyle, „eine Unmenge von Menschen sterben dort jedes Jahr, weil die Leute sich außen an die völlig überfüllten Züge hängen. Die Menschen leben und arbeiten direkt an den Gleisen, und sie haben diese unglaubliche Technik für das Trocknen ihrer Wäsche. Sie legen sie auf den Boden, mit einem Stein auf jeder Ecke, und wenn die Züge vorbeifahren, blasen sie warmen Wind unter die Kleider, wodurch sie in wenigen Minuten trocknen. Doch das ist auch ungeheuer gefährlich, weil die Züge mit hohen Geschwindigkeiten vorbeirasen.“