Donnerstag | 31. Mai 2012 | 09:34 Uhr
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  • Milk

    Drama, Biografie | USA 2008
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      • | Produktion: Die Dreharbeiten

      • Dustin Lance Black erzählt: „Am ersten Drehtag konnte ich mich endlich entspannen. Endlich wurde das wahr, wofür ich jahrelang gearbeitet hatte. Ich fing an zu weinen, als ich an diesem Tag einen Regenbogen sah – und auch Cleve Jones standen Tränen in den Augen.“ Jones fügt hinzu: „Das Wetter war so schlimm wie nur irgend möglich, es war kalt und regnete in Strömen. Wir waren im Excelsior-Viertel, um die erste Szene zu drehen. Zwei Minuten, bevor wir mit dem ersten Take starten wollten, kam die Sonne zwischen den Wolken hervor und ein riesiger Regenbogen spannte sich über den Himmel. Das ist ein Zeichen, dachte ich.“

        Gus Van Sant und sein Kameramann Harris Savides ließen sich vom Wetter nicht beeindrucken, und von den Konventionen einer Kino-Großproduktion ebenso wenig. Beim fünften Film, den sie gemeinsam drehten, merkt Van Sant an: „Bislang war noch jeder Film, den Harris und ich unternommen haben, eine Reise ins Unbekannte, insofern, als wir uns immer wieder von neuem überlegt haben, wie wir die Geschichte filmen.“ Und trotz der Größe der Produktion verzichteten Regisseur und Kameramann auch hier auf Storyboards, sondern verließen sich auf ihre gemeinschaftliche und forschende Herangehensweise. Van Sant fügt hinzu: „Zu Beginn gibt es jedes Mal unendlich viele Möglichkeiten; der nächste Schritt ist dann, dass wir uns die Möglichkeiten näher anschauen, die uns interessierten. Manchmal sind es auch Filme oder Fotos, die uns als Fixpunkte dienen. Wir gucken uns alles an, und landen zuletzt bei einer Handvoll von Ideen, die uns gefallen.“

        Bruce Cohen berichtet: „Ganz klar, MILK war für uns auch deshalb so spannend, weil es darum ging, den Look der 70er Jahre nachzustellen. Gus schlug Harris Savides vor, und wir sagten nur: ja, bitte! Er hatte ja nicht nur zusammen mit Gus großartige Arbeiten abgeliefert, sondern auch vorher schon in ‚American Gangster’ und ‚Zodiac’ die 70er ins Bild gesetzt. Dass Harris diese Filme drehte, war uns Garantie dafür, dass man sich als Zuschauer mitten ins Geschehen hinein versetzt fühlt und nicht etwa denkt: ‚Ach, ist das schon lange her!’“

        Black berichtet vom Set über Van Sant: „Sein Regiestil ist so anders als alle, die ich bis dahin kennen gelernt hatte. Er weiß genau, wenn er in den Hintergrund treten und einfach zuschauen kann, wie sich die Dinge entwickeln. Und er stößt immer wieder auf Unerwartetes, weil er es den Schauspielern und der Crew erlaubt, Sachen zu entdecken.“ Und Dan Jinks merkt an: „Hier haben wir es mit einem Regisseur zu tun, der niemals etwas sagt, nur um klarzustellen, dass er das Sagen hat. Er meldet sich nur, wenn es nötig ist, und dann hört auch jeder zu. Auch wenn es nur wenige Worte sind: man versteht sofort, worauf er hinaus will.“ Auch Emile Hirsch war, wie alle Darsteller, sehr von Van Sants Arbeitsweise angetan: „Gus zwingt einen dazu, selbständig zu arbeiten. Und deswegen werden Schauspieler bei ihm auch immer dazu gebracht, sich etwas zu trauen und sich auf ihren Instinkt zu verlassen. Es ist wirklich etwas besonderes, mit ihm zusammenzuarbeiten.“

        MILK wurde komplett an Originalschauplätzen in San Francisco gedreht. Den Filmemachern war klar, dass der Dreh nirgendwo anders stattfinden konnte. „Der Film verströmt die Energie dieser Stadt“, sagt Dustin Lance Black: „Er musste so gemacht werden, und er musste dort gemacht werden.“

        Bürgermeister Gavin Newsom und die Filmkommission der Stadt sorgten dafür, dass die Produktion überall in San Francisco drehen konnte, eine Drehgenehmigung für das Rathaus eingeschlossen. MILK profitierte vom Filmförderungsprogramm der Stadt, „Scene In San Francisco“, das seit 2001 existiert. Newsom nennt Harvey Milks Geschichte „eine, die erzählt werden muss. Seine Vision und sein Erbe bewirken heute echten gesellschaftlichen Wandel.“

        Bruce Cohen erzählt von der Jagd nach den am besten geeigneten Drehorten: „Wir suchten nach einem Ort, um ‚Castro Camera’ aufzubauen – und schließlich landeten wir genau an jenem Ort: 575 Castro Street. Wir gingen rein und sagten: Dürften wir sie wohl für ein paar Wochen rausschmeißen – wir würden hier gern drehen?’ Das Haus in Harveys Laden zurückzuverwandeln, so wie er in den 70er Jahren aussah, war wie eine Zeitreise; so als ob alles heute noch mal geschähe.“

        Die Besitzer des Hauses Nr. 575, das heute einen Laden für Geschenkartikel namens „Give“ beherbergt, spielten mit, und so konnten Produktionsdesigner Bill Groom und sein Team loslegen. „Wir haben alle Innenwände neu verkleidet, um nichts zu beschädigen“, verrät Dan Jinks: „Aber das Aussehen ist ganz genau so, wie ‚Castro Camera’ damals ausgesehen hat.“

        Die Ausstatter leisteten ganze Arbeit, wie sich Art Director Charlie Beal erinnert: „Eines Tages kamen drei Touristinnen zur Tür hinein, die eine Batterie für ihre Kamera kaufen wollten“, sagt er: „In dem Moment fühlte ich mich wirklich, als ob Harvey da wäre und ihnen gleich Formulare zur Registrierung als Wähler rüberreichen würde.“ Michael London bestätigt: „Die ganze Crew hat perfekte Arbeit abgeliefert – nicht, um damit anzugeben, sondern damit sich jeder tatsächlich in diese Welt hineinversetzen konnte. Im Fotoladen zu stehen, war für mich ein Höhepunkt am Set; das hat wirklich das alte San Francisco von 1978 heraufbeschworen.“ Was ganz im Sinne des Regisseurs war, wie Jinks anmerkt: „Für Gus musste alles genau stimmen. Wenn wir ein Ladenschild aufgehängt haben, dann deshalb, weil es in dem Jahr, in dem die Szene spielt, da auch wirklich hing – alles richtete sich streng nach dem, was die Recherche ergeben hatte.“

        Auch Kostümbildner Danny Glicker und sein Team nutzten die vielen vorhandenen Fotos. Glicker sagt: „Ich habe, wo immer es ging, Kleidungsstücke verwendet, die wirklich von damals stammten. Hautenge Jeans aus den 70ern für alle zu besorgen, war eine ziemliche Aufgabe. Manchmal wussten wir ganz anständige Summen für Levi’s aus den 70ern bezahlen.“ Und auch er profitierte von Cleve Jones’ Erinnerungsvermögen: „Eine der ersten Sachen, die Cleve Jones mir erzählt hat, zieht sich durch den ganzen Film: Harvey trug immer dieselben paar Klamotten. Als er neue Sachen brauchte, um seine Karriere als Politiker zu verfolgen, kaufte er einige Anzüge in einem Secondand-Laden, die er von da an immer trug. Seine Schuhe hatten immer löchrige Sohlen – und als er nach den tödlichen Schüssen aus seinem Büro herausgetragen wurde, sah Cleve nur die Löcher in den Sohlen und wusste, dass der Tote Harvey war... Wir hatten ein ganzes Dossier über Harvey, und für jede Szene das entsprechende Outfit zusammengestellt.“

        Auch einige der anderen Schauspieler ließen sich von der Recherche inspirieren. Glicker sagt: „Manche trugen einzelne Stücke, die ihre realen Vorbilder besessen hatten. Alison Pill trug in vielen ihrer Szenen einen Ohrring, den Anne Kronenberg damals oft getragen hatte, Lucas Gabreel trug eine alte Weste von Danny Nicoletta und – was mich besonders berührt hat – Jonathan, der Sohn von George Moscone, brachte uns eine Krawatte seines Vaters mit, damit Victor Garber sie in der Szene, in der er Harvey auf sein Amt einschwört, tragen konnte.“

        Am 8. Februar 2008 wurde eine der wichtigsten Szenen des Films gedreht: der von Kerzenschein beleuchtete Gedenkmarsch zu Ehren von Harvey Milk, für den seinerzeit zehntausende Menschen zusammenkamen, um so ihre Trauer und ihre Wut über die Ermordung von Milk und Bürgermeister Moscone zum Ausdruck zu bringen. Es wurden mehrere tausend Statisten engagiert; und es nahmen, wie Cleve Jones, auch manche derjenigen teil, die auch in der Nacht des 27. November 1978 dabei gewesen waren. London sagt: „Es war wie vor 30 Jahren. Leute strömten regelrecht zusammen. Die Leute waren nicht da, weil sie unbedingt in einem Film mitspielen wollten, sondern weil sie immer noch diesen Verlust empfanden.“

        Auch an den anderen Drehtagen war es für die heutigen Bewohner von San Francisco eine besondere Erfahrung, Teile ihrer Stadt in die Vergangenheit zurück katapultiert zu sehen. Passanten erlebten immer wieder Überraschungsmomente, wenn sie plötzlich vor längst vergangenen legendären Brennpunkten wie dem Plattenladen Aquarius Records standen. Passanten blieben stehen, erzählten Geschichten tauschten Erinnerungen aus – wie zu Lebzeiten führte Harvey Milk Menschen zusammen.

        Gus Van Sant sagt abschließend: „So viele Bewohner der Stadt haben uns geholfen – es war wundervoll. Sie sind richtig mitgegangen und haben uns toll unterstützt. Danke, San Francisco!“

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