Warum habt ihr GEGENÜBER als Titel für diesen Film gewählt?
Es geht um ein Paar, um Georg und Anne. Die beiden stehen sich in ihrer Beziehung gegenüber, in direkter Konfrontation. Sie ringen geradezu um ein Gegenüber. Das Paar hat sich in seiner Beziehung derart isoliert, dass beiden ausschließlich der Partner als Projektionsfläche bleibt. Da werden die eigenen Erwartungen und Frustrationen zu einem erheblichen Konfliktpotential. Zum anderen spielt der Titel mit der Behauptung, dass diese Geschichte überall passieren kann – wahrscheinlich auch bei dir gegenüber.
Im Mittelpunkt des Films steht ein Paar, das in einem langjährigen, teilweise mit außerordentlicher Härte geführten Konflikt miteinander verbunden ist. Was hat dich an dieser Konstellation gereizt?
Die Geschichte beschreibt letztendlich die extreme Zuspitzung eines grundsätzlich gewöhnlichen Paarkonfliktes, da knallt es gewaltig. Das Grundmuster solcher Konflikte kennen und leben wir alle im Kleinen: Die sich verselbständigegden Probleme einer Beziehung, die unter normalbürgerlichen Konventionen auftauchen können... Das fängt mit den kleinen Nachlässigkeiten des Alltags an. In einer Beziehung gewöhnt man sich an alles, und das ist zunächst mal eine unheimliche Stärke. Ohne die könnte man es in einer zwischenmenschlichen Beziehung ja gar nicht aushalten. Aber diese zwangsläufige Entwicklung birgt natürlich auch das Risiko, sich an zuviel zu gewöhnen und so unempfindlich zu werden für gute wie für schlechte Reize. Irgendwann fängt dann einer von beiden an, die Einsätze zu erhöhen, um überhaupt wieder etwas zu spüren. Und damit wächst die Gefahr, in einen Teufelskreis zu geraten: Wenn dieser Punkt erreicht ist, muss man sich immer mehr gewöhnen und gleichzeitig immer mehr zulangen, um sich Gehör zu verschaffen, um Routinen zu durchbrechen. Damit beschreibst du einen wichtigen Kern dieser Geschichte: Es geht auch um körperliche Gewalt. In GEGENÜBER geht es vor allem um Abhängigkeiten, um Liebe, um Angst... Gewalt ist nur ein Kern der Geschichte. Es geht in diesem Film nicht vordergründig um die körperliche Aggression. Aber an ihr entzündet sich das Drama der Geschichte immer wieder neu, die Scham der Protagonisten, deren Erleben der eigenen Unfähigkeiten. Die beiden stehen in ihrer Beziehung, in der beide nach außen alles verstecken, unter einem ungeheuren Druck. Aus der Situation gibt es kaum einen Ausweg.
Wie hast du dieses Thema als Filmstoff für dich entdeckt?
Am Anfang aller Überlegungen zu diesem Film stand, dass ich irgendwann über eine Zeitungsmeldung gestolpert bin. Die Meldung war winzig klein und berichtete von einer dänischen Studie über körperliche Gewalt. Diese Studie sprach davon, dass weibliche Gewalt in Beziehungen viel weiter verbreitet sei, als man das gemeinhin annehmen würde. Mehr noch als die schiere Sensation der Nachricht hat mich in dem Moment das merkwürdige Verhältnis von der Wichtigkeit der Nachricht zur Größe der Meldung interessiert. Man hatte die Nachricht geradezu versteckt. Und das zeigt doch, dass diese Form der Gewalt in unserer Gesellschaft kein Thema ist, kein Thema sein darf. Mal ganz unabhängig davon, wie das Verhältnis männlicher zu weiblichen Tätern nun wirklich ist. Ob 60 zu 40 oder 80 zu 20, das ist hier eigentlich völlig unerheblich. Hier geht es auch nicht um eine Botschaft, sondern um ein menschliches Leben im Halbdunkel, das natürlich zugespitzt ist. Wichtig ist, dass das Thema in der Gesellschaft offensichtlich verborgen wird. So werden Menschen, die in so einer Situation leben, ja erst recht dazu gezwungen, ihre Probleme zu verstecken. Und damit sinken die Chancen, aus diesem Gewaltverhältnis auszubrechen. Wir haben viel recherchiert. In einem vergleichsweise anonymen Medium wie dem Internet ist so ein Gewaltthema schon sehr viel präsenter. Und wir haben Menschen getroffen, die unter ähnlichen Bedingungen gelebt haben. Mich hat gereizt, eine solche Konfliktbeziehung, die für mich vor allem eine Fortschreibung ganz normaler Verhältnisse unter unglücklichen Vorzeichen ist, als Geschichte zu erzählen. GEGENÜBER kann man nicht nur auf das Thema Gewalt reduzieren. Der Film blickt auch bewusst nicht aus sozialkritischer Sicht auf dieses Phänomen. GEGENÜBER ist die Geschichte von zwei Menschen, die zwischen dem Wunsch nach Verschwinden und Aufmerksamkeit hin und her schwanken.
Gibt es in dem Konflikt zwischen Anne und Georg ein Opfer, einen Täter?
Nein, in dieser Form nicht. Für mich war das Paar selbst – also die Konstellation der beiden Protagonisten – die Hauptfigur. Da kreisen zwei Menschen in ihrem Horror und in ihren Sehnsüchten allein um sich selbst und den Anderen. Taten und Reaktionen bedingen sich immer gegenseitig. Eine Unterscheidung in Opfer und Täter ist der falsche Weg, um zu verstehen, was da vor sich geht.
Trotzdem zeigt dein Film zwei Figuren aus der Mitte unserer Gesellschaft: Beide arbeiten im Staatsdienst, haben ihre Kinder großgezogen...
Es war mir ganz wichtig, die Figuren im Mittelbau unserer Gesellschaft zu verorten: Georg ist Polizist, Anne Grundschullehrerin. Beide sind keine abgestempelten Verlierertypen. Wobei, wenn man sich das mal genauer anschaut, bilden Grundschullehrerinnen und Polizisten ja heute nicht mehr unbedingt die Mitte unserer Gesellschaft. Unsere Gesellschaft fußt zwar auf Menschen, die Erziehungsaufgaben übernehmen. Das tun beide Berufe ja auf ihre Art. Trotzdem hat die Gesellschaft diese Menschen ungeheuer vernachlässigt. Das spürt man auch an den Figuren im Film. Trotzdem stehen sie für eine Gesellschaft, die nach bestimmten Regeln, Vorstellungen von Moral, Arbeits- und Aufopferungsbereitschaft funktioniert. Sie stehen auch dafür, wie unser Land sich traditionell selbst sieht oder bis vor wenigen Jahren noch selbst gesehen hat. Eigentlich stehen sie eher für den Kern der alten Bundesrepublik. Und die gibt es ja nicht mehr, auf die schauen wir ja heute wie auf die Reste einer untergegangenen Kultur. Für die Geschichte war mir außerdem wichtig, dass beide schon vom Beruf her dazu in der Lage sein sollten, mit Konflikten und Problemen professionell umzugehen. Aber das heißt ja noch lange nicht, dass man das im Privatleben auch kann.
Wie war es für dich, deine Hauptdarsteller in solch emotionalen Grenzbereichen zu inszenieren?
Victoria und Matthias sind ganz hervorragende Schauspieler. Was ich an den beiden aber auch von Anfang an unheimlich geschätzt habe, war mein Empfinden, dass sie „Bürger“ geblieben sind. Sie definieren sich eben nicht nur über ihren Beruf als Schauspieler. Sie definieren sich sehr stark als Familienmenschen, als Teil der Gesellschaft. Das ist sehr wichtig für den Film. Wir sind darüber dem Privaten wieder näher gekommen. Ich hatte das Gefühl, dass beide sich wirklich auf diesen Film einlassen und nicht eine Kunstfigur erschaffen, die sie dann vor sich her schieben. So konnten wir offen über den Film sprechen. Mir ging es auch gar nicht darum, Dialoge und Ideen, die man vorher im luftleeren Raum erschaffen hat, strikt beizubehalten. Für mein Gefühl muss man sich in jedem Moment des Filmemachens aufs neue auf den Moment, die Menschen und die Möglichkeiten einlassen. Auch um all die Erfahrungen der anderen angemessen miteinzubeziehen, was so ungeheuer wertvoll ist. So war auch die Zusammenarbeit mit Bernhard Keller den Kameramann, gerade in vielen Momenten des Drehens, ungeheuer bereichernd und wunderbar.
Was waren die erzählerischen und visuellen Grundideen?
Ich wollte die Form des Films nicht unbedingt in den Vordergrund rücken. Das klingt etwas paradox, weil die Form natürlich zugleich entscheidend ist. Unser Ziel war es also, eine filmische Ebene zu schaffen, die erlebbar, aber nicht überpräsent und eitel ist. Vor allem war mir wichtig, dass der Film den Charakter des Privaten bekommt – also keinen überhöhten, aber auch keinen „dokumentarischen“ Charakter. Mit privat meine ich den Blick, mit dem man zum Beispiel seine Familie beim Weihnachtsfest fotografiert. Deshalb haben Bernhard Keller und ich auch Licht und Farben bewußt warm gehalten, mit roten und gelben Hauttönen wie auf alten Weihnachtsfotos, die ohne Blitz aufgenommen sind. Wir wollten auf diese Weise weg von Bildern, die scheinbar sachlich sind und durch die der Zuschauer zwangsläufig von außen auf das Geschehen schaut. Wir durften aber auf der anderen Seite auch nicht so distanzlos werden, dass wir die Figuren bloßstellen. Aus dieser Haltung heraus haben wir unter anderem entschieden, dass die Kamera nach Möglichkeit nie vor den Figuren in einem Raum ist, wir uns also mit den Hauptfiguren in dieser Geschichte bewegen – um so die Isolation der Figuren in ihrer Welt miterleben und die Zwangsläufigkeit der Ereignisse mit ihnen durchleben zu können. Klassisches Identifikationskino wäre in dieser Welt einfach nicht richtig gewesen. Durch die Erzählperspektive sollte der Zuschauer keine Möglichkeit bekommen, aus der Geschichte auszusteigen und in einer Nebenfigur zu reflektieren, was da mit dem Paar passiert. Wir bleiben in der heftig changierenden Realität von Anne und Georg. Wir wären dem Kern des Lebens dieser Figuren sonst nicht nahe gekommen. Dass die beiden sich nicht von sich selbst distanzieren, ihre eigene Rolle in dieser Beziehung nicht mehr bedenken können, vielleicht sogar Angst vor der Stille des eigenen Reflektierens haben, das macht das Drama ja gerade aus.