FILMDETAILS | Saint Jacques... - Pilgern auf französisch
Saint Jacques... - Pilgern auf französisch
Drama,
Komödie
| Frankreich 2005
WERBUNG
| Hintergrund
Das Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela, am Ende der Welt im spanischen Galizien, wurde ab der Jahrtausendwende zum Zielpunkt einer Pilgerbewegung, die über Jahrhunderte nicht abreißen sollte und heute eine regelrechte Renaissance erlebt. 1982 besuchten nicht weniger als sechs Millionen Pilger das Jakobusgrab in Galizien, 1987 hat der Europarat eine Kampagne zur Wiederbelebung des Santiago-Reisekults und zur Restaurierung der alten europäischen Jakobsrouten in die Wege geleitet. Die Erinnerung an die Glanzzeiten der Pilgerfahrt wird wach, von denen die islamischen Gegner Zeugnis ablegen. Im 12. Jahrhundert berichtet der Gesandte des Almoraviden-Emirs Ali ben Jusuf seinem Herrn: "Die Menge der christlichen Pilger, die nach Santiago de Compostela gehen und wieder zurückkommen, ist so groß, dass sie kaum den Weg nach Westen offenlassen."
Am Anfang steht die Legende. In Erfüllung des Missionsauftrags Jesu habe der Apostel Jakobus in Spanien den Glauben verkündet. Später sei er nach Palästina zurückgekehrt, wo er als erster der Apostel das Martyrium erlitt. Seine Jünger hätten
den Leichnam aus Angst vor den Juden auf dem Seeweg nach Spanien gebracht.
Dort seien sie in der Nähe der Küstenstadt Iria Flavia (heute El Padrón) gelandet. An einem "arca marmorea" oder ähnlich genannten Ort habe Jakobus seine letzte Ruhe gefunden. Das Grab sei später in Vergessenheit geraten und erst zu Beginn des 9.
Jahrhunderts unter Bischof Theodomir (+841) durch den Hinweis eines leuchtenden Sterns wiederentdeckt worden. Schon 844 soll der Heilige den christlichen Heeren in der Schlacht von Clavijo zum Sieg über die Mauren verholfen haben.
Im Laufe der Zeit nimmt die Legende immer mehr Gestalt an und gewinnt europäische Dimensionen. Die Reliefs auf dem Karlsschrein in Aachen zeigen, wie eine funkelnde Milchstraße Karl dem Großen im Traum den Weg nach Santiago weist. Diese Vision
führte auch zur Bezeichnung der Pilgerstraße als "Sternenweg". Der Spanienfeldzug Karls (mit der später im Rolandslied episch ausgestalteten Niederlage seiner Nachhut bei Roncesvalles) dient so der Befreiung des "Sternenwegs" von den
Mauren.
Überregionale Bedeutung gewinnt die Jakobusverehrung und die entsprechende Pilgerfahrt ab dem 10. Jahrhundert. Der erste namentlich bekannte Pilger ist Bischof Godeschalk von Le Puy, der 951 Santiago aufsucht. Im Hochmittelalter steht die Stadt ranggleich neben den Fernpilgerzentren Rom und Jerusalem. Jakobus "Matamoros", der Maurentöter, wird zur spirituellen Symbolfigur der Reconquista, der
christlichen Rückeroberung des islamischen Spanien, die sich bald mit der Kreuzzugsbewegung verbindet. Den Reconquistakämpfern gewähren die Päpste denselben Ablaß wie den Streitern für die Befreiung des Hl. Grabes in Jerusalem.
Wer in der Reconquista kämpfte - wie viele französische Ritter -, besuchte das Grab des spanischen Nationalpatrons. Die wachsende Mobilität der Gesellschaft ab dem 11. Jahrhundert, die Reliquienfrömmigkeit und der Wunderglaube des
mittelalterlichen Menschen führen zu einem ungeahnten Anwachsen der Pilgerströme vor allem aus Frankreich, Deutschland und auch England. Gerade Frankreich hat das größte Kontingent der Pilger gestellt. Der spanische Abschnitt des Pilgerwegs trägt bald den Namen "camino frances".
Der Weg nach Santiago de Compostela ist ein Weggeflecht, das sich über ganz Europa erstreckt, in vier großen Wegen von Paris, Vézelay, Le Puy und Arles durch Frankreich zieht, bei Roncesvalles und Somport die Pyrenäen überquert und sich bei
Puente la Reina zur großen Pilgerstraße, dem "camino frances" durch Nordspanien, vereinigt. Die romanische Kunst hat entlang dieser Pilgerstraßen bedeutende Pilgerbasiliken geschaffen. Klöster, nicht zuletzt aus dem Verband von Cluny, Kanonikerstifte und Bruderschaften sorgten für die Infrastruktur des Reisens.
Pilgerhospize und Herbergen entstanden, Brücken und neuangelegte Straßen sorgten für eine Bewältigung der Pilgerströme. Pilgerfahrt und Handel förderten sich gegenseitig. Mißbräuche konnten nicht ausbleiben. Ein Pilgerführer aus dem 12. Jahrhundert, der "Liber Sancti Jacobi" bzw. "Codex Calixtinus", führt beredte Klage über betrügerische Wirte, räuberische Kleriker, falsche Beichtväter, unehrliche Geldwechsler, ungerechte Zöllner, warnt vor Straßenräubern und mit genauer
Ortsangabe vor Dirnen, "die zwischen der Mino-Brücke und Palas del Rey an waldreichen Orten den Pilgern häufig entgegentreten."
Die Pilgerfahrt wurde nicht vom Adel oder Klerus getragen, sondern von der großen anonymen Masse der einfachen und unbekannten Leute. In Legende und Kult muss Jakobus dem mittelalterlichen Menschen als moderner, attraktiver Heiliger erschienen sein, dessen Verehrung noch nicht in liturgischen Formen erstickt war wie der Petrus- und Pauluskult in Rom.
Was hat den mittelalterlichen Menschen bewogen, sich auf eine so lange, über Hunderte von Kilometern gehende und gefahrvolle Fahrt zu begeben? Reiselust und Fernweh, der Zug nach dem äußersten Rand der Welt, spielten sicherlich eine Rolle, waren aber eingebunden in die spirituell-religiöse Dimension. Das ganze Leben des Christen war Pilgerfahrt; er ist noch unterwegs zu seiner ewigen Bestimmung bei Gott.
Dieses Unterwegssein in der Nachfolge Christi kann sich in dem Wunsch konkretisieren, die Orte des irdischen Lebens Christi aufzusuchen (Jerusalem) oder zu einer Stätte zu pilgern, die durch ein
Apostelgrab geheiligt ist (Rom, Santiago de Compostela). Zudem konnte man durch eine Pilgerfahrt sein Seelenheil trotz begangener Sünden sichern, war sie doch mit einem Ablass verbunden. Dazu kommt als wichtiger Faktor die Reliquienverehrung.
Den Reliquien eines Heiligen werden übernatürliche Kräfte beigemessen. Die Reliquien galten als echt, wenn sie Wunder wirkten. Die Heilung von Leib und Seele als Lohn für den Besuch des Apostelgrabes wird entsprechend in den Pilgerführern und Berichten immer wieder hervorgehoben. Jakobus wirkte Wunder. Körperliche oder andere Gebrechen veranlassten zu einer Bittwallfahrt; andere zogen nach Santiago, um dem Apostel für eine wunderbare Errettung zu danken und ein entsprechendes Gelübde zu erfüllen. Vor allem im Spätmittelalter gibt es auch den Typ der Buß oder Strafwallfahrt, zu der ein Missetäter von kirchlichen oder auch weltlichen Instanzen verurteilt wird. Sogar die Form der Delegationspilger, die stellvertretend für einen anderen oder im Auftrag einer Gruppe pilgern, ist anzutreffen.
Begab sich ein Pilger auf die gefahrvolle Reise, mußte er zuerst seine persönlichen Angelegenheiten ordnen und Vorsorge für sein Seelenheil im Falle des Todes treffen. In der klassischen Pilgerkleidung mit Hut, Stab, Tasche und Umhang (die spätere "Pelerine") zog er dann auf einem der vier Hauptwege durch Frankreich und ab Puente la Reina jeneits der Pyrenäen den "camino frances". Auf dem Paß von Roncesvalles verrichtete er ein Gebet und stellte ein Kreuz auf. An der galizischen Grenze bekam er einen Stein, den er zur Kalkgewinnung mit nach Santiago nahm.
Nach einem wohl notwendigen Bad kurz vor Santiago verbrachte der Pilger dann die erste Nacht wachend und betend in der Kathedrale. Berühren und Küssen von Kathedrale, Altar und Apostelschrein standen auf dem Programm, ebenso die Übergabe der mitgebrachten Gaben. Vor der Heimreise erhielt der Pilger als Zeichen seiner erfolgten Pilgerfahrt die Jakobsmuschel, die er sich an Hut oder Mantel heftete.
Der Sternenweg nach Santiago de Compostela diente wie kein anderer der Integration Europas. Die Pilger kamen aus Frankreich und Deutschland, aus Italien, Griechenland, den Niederlanden, England und Skandinavien. In ihrer Bedeutung für das Zusammenwachsen des Abendlandes, die gemeinsame religiöse Ausrichtung, das Aufblühen von Handel und Gewerbe, Kunst und Wissenschaft kann die große
gesamteuropäische Pilgerfahrt kaum hoch genug gewertet werden.