Mittwoch | 30. Mai 2012 | 23:11 Uhr
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    Komödie | Deutschland 2007
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      • | Interview mit Regisseur Marc Meyer

      • Wie würden Sie Ihren Film beschreiben und welchem Genre würden Sie ihn zuordnen?

        Mein Ziel war es, mit WIR SAGEN DU! SCHATZ. eine warme, sehr menschliche Geschichte zu erzählen. Nach dem Motto: Sehnsucht trifft Neurose. Eine Familie, die keine Familie ist, sich dann aber gerade deswegen wie eine verhält. Das ist eine absurde Situation, aber ich glaube, dieses Gefühl kennen viele: Was mache ich hier eigentlich, mit diesen Menschen, mit denen ich "verwandt" oder "vertraut" bin? Und noch schlimmer: Was würde ich ohne sie machen? Und in diesen Fragen steckt natürlich viel Tragik - und auch viel Komik. Im Film nutze ich die Möglichkeit, dies noch ein Stück weiter zu führen, in dem ich die Prämisse aufstelle: Eine Familie, eine menschliche Gemeinschaft überhaupt, ist eine Zwangsgemeinschaft. Ob wir wollen oder nicht. Deswegen klaut sich Oliver eine Familie. Insofern ist WIR SAGEN DU! SCHATZ. zweierlei: Eine Versuchsanordnung um die Frage, ob und wie man zusammen glücklich wird? Und eine Komödie mit einem Haufen tragischer Figuren die versuchen, ihr nun unabänderliches Beziehungsleben zu meistern. Und manchmal klappt das. Und manchmal eben nicht.


        Wie sind Sie auf die Geschichte gekommen?

        Ich bin Single. Ohne Kinder. Im Prenzlauer Berg.


        Das heißt?

        Ich sehe jeden Tag das Konzept einer modernen Familie auf der Straße. Und frage mich: Was soll das bedeuten? Was habe ich damit zu tun? Beziehungsweise: Warum habe ich damit nichts zu tun? Sie müssen sich das so vorstellen: Ich kann keinen Schritt vor meine Haustür setzen, ohne förmlich auf Kinder und ihre Eltern zu treten. Und abends sitze ich dann allein beim Bier oder vor einem weißen Blatt Papier. Da macht man sich Gedanken.


        Wie würden Sie Ihre Hauptfigur charakterisieren?

        Oliver Eckstein ist für mich ein moderner Sisyphos. Er versucht etwas, das zum Scheitern verurteilt ist: Das Glück, oder: die Befreiung vom Leid, als immer währenden Zustand zu erlangen. Wir wissen: Das ist eine kipplige Angelegenheit. Das kann nicht klappen. Der Stein rollt immer wieder ins Tal. Und in diesem Sinne ist Oliver eben auch ein Mensch wie Du und ich: Er kann nicht ohne seine Sehnsucht leben. Er steht immer wieder auf, macht einfach weiter. Weil sonst wäre er tot. Und vielleicht geht es ja gar nicht darum, dass der Stein oben liegen bleibt. Oder wie Albert Camus in Olivers Lieblingsbuch sagt: "Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen." Was übrigens auch der Satz war, den Samuel Finzi und ich uns gegenseitig an den Kopf geworfen haben, wenn wir in der Rollenarbeit an kipplige Punkte kamen.


        Wie war die Zusammenarbeit mit den Schauspielern?

        Ganz unterschiedlich und sehr aufregend. Jeder hatte seine eigene Art und mir kam es darauf an, eine funktionierende Gemeinschaft aus ihnen zu machen. Es ist ja fast ein Ensemblefilm. Insofern hatte ich eine ähnliche Aufgabe als Regisseur zu bewältigen wie Oliver Eckstein in der Geschichte. Samuel Finzi war diesbezüglich dann eben auch mein natürlicher Anker. Ich hatte wirklich sehr lange gesucht nach der idealen Besetzung für die Hauptfigur. Vergeblich. Eigentlich hatte ich mich schon damit abgefunden, umschreiben zu müssen. Bis ich den Finzi an der Volksbühne spielen sah. Wir hatten von Anfang an eine sehr neugierige, sehr spielerische Art des Miteinanders; der Finzi hat einen unglaublichen Spieltrieb und eine enorme schauspielerische Phantasie. Je tiefer er in die Rolle hineingeschlüpft ist, umso mehr habe ich dann erkennen können - und müssen - was das tatsächlich für ein Mensch ist, dieser Oliver Eckstein. Das war spannend und herausfordernd. Es wird ja auch schnell zu einer Alter Ego Frage, wenn man Buch und Inszenierung zusammen macht. Nicht immer konnte ich die klare Grenze zwischen Finzi, Eckstein und Meyer ohne weiteres ausmachen. Es passte wie die Faust aufs Auge. Insofern war die Arbeit mit Samuel Finzi gerade zu einem Abenteuer, dass ich sehr genossen habe. Und die Arbeit mit den anderen Schauspielern war ebenso an- wie aufregend. Meine große Angst war immer, den vielen Text und die oft recht skurrilen Figuren nicht wirklich zum Leben erwecken zu können. Zum Teil hatten wir zwar schon miteinander gearbeitet oder kannten uns persönlich. Mit Anna Maria Mühe, Margot Nagel und Harald Warmbrunn hatte ich schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt Kontakt, wir hatten zusammen einen Probedreh gemacht. Aber dies war nun mein erster langer Spielfilm, wir hatten viele Ensemble-Szenen inklusive Hund, Kind und Baby. Das alles an insgesamt 20 Drehtagen, mehr gab unser Budget nicht her. Anfangs dachte ich, das könnte ein Problem werden. Habe ich mich Gott-sei-Dank getäuscht. Es kam dann wie auf der Pferdekoppel: Nachdem wir uns beschnuppert hatten, liefen wir alle in derselben Herde, wenn man so sagen kann. Nina Kronjäger das Muttertier, mal besorgt, mal rebellisch. Anna Maria Mühe das Fohlen, das längst keines mehr ist. Die beiden "Alten", Margot Nagel und Harald Warmbrunn, schlicht und ergreifend einmalige "Zirkuspferdchen", die mit ihrer endlosen Erfahrung mir wirklich sehr viel Sicherheit gegeben haben. Kurzum: Ein ideales Gespann. Die musste ich weder peitschen noch an die Kandare nehmen. Die konnte ich einfach laufen lassen.


        Welche Szene war die schwierigste? Und welche ist Ihnen am leichtesten gefallen?

        Eine leichte Szene gab es nicht. Ehrlich. Ist ja so: Selbst wenn du denkst, das machen wir jetzt mal rucki zucki - ohne die richtige Konzentration kriegst du nur Mist. Auch deswegen hatten wir uns einen sehr rigiden Drehplan vorgegeben. Hoher Druck, hohe Konzentration. Hat gut geklappt. In gewisser Weise ist dann auch die komplizierteste Szene die letztlich leichteste geworden: Das Schlittschuhlaufen auf dem Platten-Dach. Laut Drehbuch war die Szene Acht Seiten/Minuten lang, es gab einen extrem hohen logistischen Aufwand, besondere Sicherheitsrisiken, alle Darsteller inklusive Kind und Hund waren in der Szene, viel Text und viel Action. Und eine Schlüsselszene war es sowieso. Ohne dieses Bild würde der Film keinen Sinn machen. Wir hatten zwei Drehtage dafür angesetzt. Neun Tonnen Eis mussten 20 Etagen hoch geschleppt und auf dem Dach verteilt werden. Am Drehtag stellte sich plötzlich heraus, dass zwei Schauspieler nicht schwindelfrei waren. Am Schlimmsten aber: Damit das Eis nicht schmilzt, durften nicht mehr als 4 Grad plus sein. Wir hatten an diesem Drehtag, es war der 18. November, 16 Grad plus. Als ich morgens zum Set kam, war klar, dass wir für die gesamte Dachszene einen halben Tag haben, maximal. Also bin ich zu den Schauspielern in die Garderobe gegangen, wir haben eine Trockenprobe vorm Maskenspiegel gemacht und einen Zauberspruch gegen Höhenangst aufgesagt, die Schlittschuh angezogen und dann die Szene gedreht nach dem Prinzip "Blue in the Face". Bis das Eis geschmolzen war. Um 14 Uhr war das Dach unter Wasser und alle Bilder sicher im Kasten. Im Nachhinein ganz leicht.


        Ihr Film hat etwas durchaus Märchenhaftes. Zudem spielt die Geschichte zu Weihnachten. Gibt es eine Message? Möchten Sie Ihrem Publikum etwas Bestimmtes sagen?

        Ich möchte eher, dass der Film mit dem Publikum in ein Gespräch kommt, etwas lostritt, einen Gedanken, ein Gefühl. Es also in diesem Sinne zur Unterhaltung kommt. Darin bestehen für mich der Sinn und die Aufgabe, eine Geschichte zu erzählen. Auch zu Weihnachten.


        Trotzdem: Hat eine Geschichte, zumal sie ihr eine mythenhafte Figur wie Sisyphos zu Grunde legen, nicht automatisch eine Aussage, die sie als Erzähler zumindest beeinflussen?

        Hm, das mag richtig sein. Aber als Erzähler vertraut man natürlich lieber darauf, dass die fertige Geschichte für jeden Zuschauer einen eigenen Reim ergibt. Vielleicht so: Ich glaube, die wenigsten Menschen sind in der Lage, ihr Glück und ihr Leid miteinander zu teilen. Daher dieser Trend, ja: dieser Hang zur Vereinsamung - und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Vielleicht ist das eine Frage des Zeitgeistes. Vielleicht war das schon immer so. Das weiß ich nicht. Man sagt ja: "Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteiltes Glück ist doppeltes Glück". Darum geht es. Um diese Momente des Glücks. Und des Leids. Und deren Wiederkehr. Ist das eine Message?

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