| Interview mit Bernd Eichinger (Drehbuch, Produktio
Wie kam es dazu, dass Sie DER BAADER MEINHOF KOMPLEX verfilmt haben?
Ich wollte schon 1978 einen Film über Ulrike Meinhof drehen. Aber damals war das Thema deutscher Terrorismus noch nicht genügend recherchiert und es war auch zu vielschichtig für mich als jungen Filmemacher. Erst jetzt fühle ich mich erfahren genug, um dieses zentrale Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte anzugehen. Die Geschichte der RAF ist ein Thema, das mich seit meiner Jugend beschäftigt. Die Studentenbewegung der späten 60er habe ich als etwas sehr Positives erlebt. Das Aufbrechen von autoritären Strukturen, die Solidarisierung unter den Jugendlichen, die Suche nach neuen Lebensformen, weg vom Mief der Kleinfamilie – all das hat mich fasziniert und geprägt. Als dann aber die Diskussionen über Gewalt anfingen, habe ich auf einmal das Ziel nicht mehr gesehen. Als die Bewegung militant wurde, wurde sie auch autoritär. Und wenn mir jemand mit selbstangemaßter Autorität begegnet, kann ich ihn nicht mehr ernst nehmen. Trotzdem gab es viele Leute in meinem unmittelbaren Umfeld, die diese Militanz befürwortet haben. Und gerade weil ich das nie nachvollziehen konnte, ist es für mich ein Faszinosum geblieben. Einerseits bin ich abgestoßen davon, andererseits kann ich nicht davon lassen, weil ich es verstehen will. Insofern war die Motivation, „Der Baader Meinhof Komplex“ zu verfilmen, die gleiche wie bei DER UNTERGANG.
Warum haben Sie sich für den Film Stefan Austs Buch zur Vorlage genommen?
Stefan Austs „Der Baader Meinhof Komplex“ ist ein Standardwerk. Sein Buch ist die einzige wirklich kompetente Zusammenfassung der Ereignisse von 1967 bis zum „Deutschen Herbst“1977 im Zusammenhang der Geschichte der RAF.
Warum haben Sie sich für Uli Edel als Regisseur entschieden?
Zunächst einmal wollte ich für diesen Stoff unbedingt einen deutschen Regisseur, der mit der Thematik vertraut ist. Dazu kam noch, dass ich von Anfang an wusste, dass der Film mit vielen Regeln der Dramaturgie brechen würde. In diesem Film gibt es keine Helden, keine Identifikationsfiguren, keine klaren Sympathieträger, keine stringente Handlung. Es ist einzig und allein die Ungeheuerlichkeit der Ereignisse, die den Zuschauer mitreißt. Ich wusste, der Film würde auf das Publikum wie ein wilder Strom wirken müssen, bei dem man weiß: irgendwann kommt der Wasserfall, und es wird ein gewaltsames Ende geben. Um einen solchen Film zu machen, braucht man einen Regisseur, der tagtäglich am Set einen enormen Druck aufbauen kann. Es musste ein Regisseur sein, der mit einer großen Crew, einer riesigen Truppe an Schauspielern und mehreren tausend Komparsen einen wilden Kurs fahren kann, ohne dass es ihn aus der Bahn trägt und ohne dass er die Kontrolle verliert. Solche Regisseure gibt es in der ganzen Welt nur sehr wenige, und Uli Edel ist einer davon. Wir haben uns 1970 an unserem ersten Tag an der Filmhochschule in München kennen gelernt. Wir sind sozusagen seit unserer Stunde Null als Filmemacher befreundet. Ich kenne jeden Zentimeter Film, den Uli belichtet hat – auch seine Hochzeits- und Urlaubsfilme. Wir haben CHRISTIANE F. – WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO und LETZTE AUSFAHRT BROOKLYN zusammen gemacht. Ich habe absolutes Vertrauen zu ihm, ich weiß, wie er tickt und ich kann mit Gewissheit sagen: Uli ist einer der besten lebenden Regisseure weltweit.
Wie schon bei DER UNTERGANG haben Sie auch zu DER BAADER MEINHOF KOMPLEX das Drehbuch geschrieben. Worin bestanden hier die Herausforderungen?
Die erste Frage war: Wie gieße ich zehn Jahre Zeitgeschichte in eine im Kino erlebbare Form? Eine traditionelle Herangehensweise war da ausgeschlossen. Statt dessen habe ich mich einer zerrissenen Form der Dramaturgie bedient, was ich auch „Fetzendramaturgie“ nenne. Der Film besteht aus lauter Puzzleteilen, die der Zuschauer letztendlich selbst zu einem Gesamtbild zusammensetzen muss. Figuren tauchen auf, viele von ihnen bleiben namenlos, und wenn sie keine weitere Rolle in der Zeitgeschichte spielen, verschwinden sie auch wieder. Es gibt niemanden, mit dem sich der Zuschauer identifizieren kann, denn ich wollte den Film nicht emotional an einer Figur festmachen. Wenn ich das getan hätte, hätte ich die Interpretation des Films zwangsläufig gleich mitgeliefert. Aber genau das wollte ich vermeiden. Vielmehr wollte ich, dass der Film Fragen stellt, ohne die Antworten mitzuliefern. Das sollte kein Lehrfilm über den deutschen Terrorismus werden mit der vorgekauten Moral zum Schluss zum Mitschreiben. Das Ganze heißt DER BAADER MEINHOF KOMPLEX und nicht der „Baader Meinhof Simplex“.
Wie viel künstlerische Freiheit haben Sie sich beim Drehbuch genommen?
Gerade wenn man es mit einem Stoff zu tun hat, bei dem Menschen in realiter getötet wurden und getötet haben, dann sind Recherche und Präzision die oberste Verantwortung des Filmemachers. Einzig und allein die Figur von Horst Herolds Assistenten ist erfunden. Bei den Dialogen habe ich mich, so weit es ging, auf Originaltexte und überlieferte Inhalte gestützt. Allerdings habe ich den Polit-Jargon, der in den 70ern in der linken Szene üblich war, reduziert, einfach um die Dialoge für den heutigen Zuschauer verständlich zu halten.
Wie kam die Besetzung der drei Hauptrollen zustande?
Es gab nur sehr wenige Schauspieler, die für die Hauptrollen in Frage kamen. Nicht viele Schauspieler können so komplexe und changierende Figuren wie Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin spielen. Außerdem müssen gewisse Anmutungen der realen Personen, die sie verkörpern – also z.B. das Alter - stimmen. Außerdem musste die Chemie zwischen den dreien stimmen, denn wenn diese drei sich nicht getroffen hätten, wäre der Verlauf der Geschichte wahrscheinlich ein anderer gewesen.
Im Film stehen nicht so sehr die Theorien als die Taten der RAF im Vordergrund. Warum?
Das war eine ganz bewusste Entscheidung. Erstens teile ich Stefan Austs Bestreben zu fragen: Was genau ist da eigentlich passiert? Zweitens war es die RAF, die sich für den Kampf und gegen die politische Debatte entschieden hat, so ist es denn nur konsequent, dass wir im Film ähnlich vorgehen. Außerdem bin ich der Überzeugung, dass sich Menschen letztendlich nicht über das definieren, was sie sagen, sondern über das, was sie tun. Hinzu kommt, die Sprache der RAF ist wie Beton.