Donnerstag | 31. Mai 2012 | 09:40 Uhr
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  • Der Baader Meinhof Komplex

    Drama, Zeitgeschehen | Deutschland 2008
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      • | Interview mit Uli Edel (Regie)

      • Was hat Sie an DER BAADER MEINHOF KOMPLEX gereizt?

        Als mir Bernd die Regie zu DER BAADER MEINHOF KOMPLEX anbot, war meine erste Reaktion: Wer zum Teufel sonst soll das erzählen? Das war unsere Generation. Diese Geschichte hat mich beschäftigt wie keine andere. Sie war, nicht nur für mich, die größte deutsche Tragödie der Nachkriegszeit.
        Bernd und ich kennen uns seit 1970, als wir gemeinsam die Filmhochschule besuchten. Da gab es die Apo schon nicht mehr. Aber da ich zwei Jahre älter bin als er, hatte ich die Jahre 1968 und 1969 schon an der Uni München miterlebt. Ich studierte dort Theaterwissenschaften und Germanistik, gehörte einer politischen Theatergruppe an und rannte jeden zweiten Tag auf irgendeine Kundgebung, Versammlung oder Demonstration. Es war eine emotional extrem aufgeladene Zeit, die ich zu Beginn unseres Films auch einzufangen versuchte. Ich war ein unheilbarer Revolutions­romantiker, wie so viele damals. Und natürlich habe ich auch die Anfänge der RAF mit grossem Interesse verfolgt. Es war spannend, dass sich da welche so weit vorwagten. Der Schock und die große Verunsicherung kamen erst 1972, als die ersten Bomben explodierten und es die ersten Toten und Verletzten gab.


        Wie haben Sie sich diesem Stoff genähert?

        Das war erst einmal Erinnerungsarbeit. Dann habe ich alles gelesen, was zu diesem Thema zu haben war. Ich habe mit Ex-Terroristen gesprochen, zum Teil sehr ausführlich. Allerdings erinnerten sich diese in einer Weise, die die eigene Schuld und Verstrickung abschwächte. Es ist ja schließlich auch 30, inzwischen 40 Jahre her. Das war wie bei der Generation meiner Eltern. Die haben sich schon 15 Jahre nach dem Krieg an nichts mehr erinnert, was ihre Rolle im Dritten Reich betraf. Da ist ein Verdrängungsprozess entstanden, der für sie die Dinge so zurecht­gelegt hat, dass sie damit leben konnten.


        Wie würden Sie Ihr Regiekonzept von DER BAADER MEINHOF KOMPLEX definieren?

        Authentizität, nicht „Genrekino“, war für mich angesagt. „Cinema verite“ würden die Franzosen sagen. Alles vermeiden, was man als Regisseur im „Genrekino“ tun würde! Das heißt: Kein „Kinolicht“! Wir haben z.B. in Innenräumen mit dem vorgefundenen Licht gedreht. Wenn nötig, das vorhandene nur verstärkt. Auch keine gezirkelten Kamerafahrten oder ausgefallene Kamerapositionen. Alles wurde aus der Hand gedreht, das gab den Schauspielern größtmögliche Freiheit. Die Kamera richtete sich nach ihnen, nicht umgekehrt. Wenn irgendwie möglich, habe ich an den Originalschauplätzen gedreht – z.B. die Polizeiübergriffe am 2. Juni 1967 vor der Deutschen Oper Berlin, der Vietnamkongress in der TU Berlin und der RAF-Prozess im echten Gerichtssaal von Stammheim. Auf CGI, also digital erzeugte, visuelle Effekte, habe ich so weit wie möglich verzichtet.


        Die Schießereien sind manchmal sehr gewalttätig, wie im Genrekino...

        Wir haben uns bei der Inszenierung der Schießereien genau nach den Polizeiberichten gerichtet. So wurden beispielsweise bei der Schleyer Entführung am Tatort in den Körpern der Toten bis zu 25 Einschüsse gefunden. Die Täter gingen mit einer unbeschreiblichen Brutalität vor. Insgesamt 119 Kugeln feuerten sie auf Schleyers Begleitmannschaft. Bei Buback waren es 15 Schüsse und genau die habe ich gezeigt. Auch die Schüsse bei der Baader Verhaftung waren abgezählt. Das sind keine Erfindungen oder Übertreibungen, es wurde so viel geschossen.


        Was war das für ein Gefühl, an Originalschauplätzen zu drehen?

        Als wir Ohnesorgs Tod unter den Arkaden an der „Krummen Strasse“ nachgestellt haben, konnte ich das kaum inszenieren, so hat es mir die Kehle zugeschnürt. Bei den Schüssen auf Rudi Dutschke war das ganze Team so sehr emotionalisiert, dass einige vom Drehort gehen mussten. In der TU Berlin, wo der Vietnamkongress stattgefunden hat und Rudi seine berühmte Rede hält, haben die 1500 Berliner Jugendlichen im Auditorium einen ganzen Tag mit einer solchen Begeisterung „Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh“ skandiert, dass man glauben konnte, die Zeit sei 40 Jahre zurückgedreht. Auch dass wir den Prozess in Stammheim drehen konnten, gab mir und den Schauspielern ein sicheres Gefühl. Martina Gedeck, Johanna Wokalek, Moritz Bleibtreu und Niels Bruno Schmidt saßen auf denselben Bänken, auf denen schon Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe vor 30 Jahren saßen. Man unterbrach sogar für uns einen anderen Terroristenprozess, der gerade dort stattfand: bezeichnenderweise waren es diesmal Al Qaida-Mitglieder...


        Gibt es eine Verbindung zwischen CHRISTIANE F. – WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO, LETZTE AUSFAHRT BROOKLYN und DER BAADER MEINHOF KOMPLEX?

        Für mich ist DER BAADER MEINHOF KOMPLEX der dritte Teil einer Trilogie über das Thema Gewalt. In LETZTE AUSFAHRT BROOKLYN ist von sozialer Gewalt, in DER BAADER MEINHOF KOMPLEX von politischer Gewalt die Rede. Und CHRISTIANE F. handelt von jener Gewalt, die wir uns selbst zufügen. Wenn man sich CHRISTIANE F. genauer anschaut, kann man in der Fixerwohnung über ihrem Bett ein einziges Bild sehen. Es ist das Portrait von Ulrike Meinhof! Ich habe es damals selbst da hin gehängt, ohne genau zu wissen, warum es gerade Ulrike sein musste. Heute weiß ich es.

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