Was hat Sie an dieser Geschichte gereizt, warum wollten Sie diesen Film machen?
Ich habe lange damit geliebäugelt, eine Komödie zu drehen. Das ausschlagende Erlebnis war aber der
Winter 2005/2006, wo mein Film KOMM NÄHER und Filme wie REQUIEM und KNALLHART in die Kinos kamen – wunderbare Filme, aber eben „knallhart“. Die Winter in Deutschland sind so lang, hart und deprimierend, dass ich dachte, ich muss einen Film für den Winter machen, der die Menschen zum Lachen bringt. Wenn es hier in Berlin permanent grau ist, gehe ich selbst durch Tiefen, muss mich unendlich aufraffen – aus meinem eigenen inneren Bedürfnis heraus wurde mir klar: Wir brauchen lustige Filme im Winter! Und dann kam die Produzentin Manuela Stehr von X Filme mit diesem Stoff auf mich zu.
Was ist das Besondere daran?
Die Komödien, die mir immer mal wieder angeboten wurden, waren mir meist nicht intelligent genug. Bei diesem Buch war das anders, ich habe mich kaputtgelacht beim Lesen. Das war der ausschlaggebende Moment. Dass mir dieses ganze Thema selbst auch nah ist, wurde mir erst nach und nach klar. In unserer Welt sind wir dauernd mit dem Thema „Patchwork-Familie“ konfrontiert. Die „polynukleare“ Familie, wie es so schön im Film heißt, ist überall!
Wie viel von Ihnen steckt da drin?
Einiges kommt mir bekannt vor. Ich lebe auch in einer Patchwork-Familie.
Sie kommen ja eher aus der dramatischen Ecke. War Komik eine neue Erfahrung?
Das schließt sich nicht aus: Hinter den lustigen und auch sehr bösen Geschichten des Films liegt ein absolutes, echtes Drama, und auch ganz viel Gefühl! Was die beiden Hauptfiguren durchmachen, tut richtig weh. Es ist eine Komödie, die nicht nur albern ist, sondern eine zweite Ebene hat. Ich wollte bei der Umsetzung auf beides gehen, Gefühl zeigen, aber auch Komik. So unterhaltsam wie möglich sein, ohne flach zu werden, so etwas habe ich immer gesucht.
Die Grenzen zwischen Witz und Ernst sind manchmal fließend ...
Ja, wie im Leben. Es kann richtig ernst werden in guten Komödien und in Dramen auch mal lustig. Zumindest war mir das bei meinen bisherigen Dramen sehr wichtig.
Gibt es Komödien-Vorbilder?
Der Meister ist natürlich Billy Wilder, THE APARTMENT etwa ist im Grunde total traurig. Auch die dänischen Komödien haben einen guten Ansatz, das Drama oder die Ernsthaftigkeit des Lebens so einzufangen, dass man trotzdem in der nächsten Sekunde wieder lachen kann. Ein Film wie ADAMS ÄPFEL etwa hat die Grenzen einer schwarzen Komödie ganz schön gedehnt ...
In welchem sozialen Milieu sind Ihre Figuren angesiedelt?
Ganz bewusst im Mittelstand, nicht in der Upper-Class. Nicht alle haben supercoole Berufe, ein Paar ist Lehrer, ein anderer hat eine Baufirma. Natürlich haben manche mehr Geld, wie Eva, aber es ist kein Leben in einer „Schöner Wohnen“-Pappwelt. Das sieht man auch am Szenenbild: Die Wohnung ist nicht gestylt, sondern ein Einfamilienhaushalt mit Kindern, mit Kitsch und Kunst an den Wänden – ein freundlicher, „normaler“ Familienhaushalt.
Ist es ein Kennzeichen all Ihrer Filme, den Alltag so realitätsnah wie möglich darzustellen?
Das ist mir wichtig. Obwohl, wie in einer Komödie üblich, die Charaktere auch teilweise überzeichnet sind, kommen sie doch als echte Menschen rüber, mit Schwächen und Stärken – nicht als Kunstfiguren. Weihnachten ist ja auch nicht gerade Alltag.
Komödie gilt als das schwierigste Genre – würden Sie dem zustimmen?
Das finde ich nicht grundsätzlich. Aber: Bei der Komödie muss das Timing absolut stimmen, das ist noch wichtiger als sonst. Auch beim Drama muss es stimmen, aber da kann man es sich vielleicht eher leisten, mal etwas zu vermasseln, man hat Zeit, Gefühle entstehen zu lassen. Bei einer Komödie wollen die Zuschauer lachen. Dieser Wunsch muss bedient werden, die Gags müssen gut gebaut sein. Der Kaktus wird zum Beispiel mit jedem Auftauchen lauter belacht.
War die Arbeit mit den Schauspielern anders, müssen sie für Komik mehr motiviert werden?
Unser Hauptdarsteller Heino Ferch hat ein echtes Talent für Komödien-Timing. Wir hatten eine stille
Übereinkunft, auf die wir uns mit Blickkontakt beziehen konnten, eine Art Regieanweisung im
Hintergrund: „Es ist eine Nummer, aber wir machen keine draus!“ Das ist ein zentraler Satz für meine
Arbeit mit den Schauspielern im diesem Film.
Also eher unterspielen als übertrieben agieren?
Ja, gerade bei den witzigen Stellen! Ich habe das aber nicht dogmatisch durchgezogen, z.B. bei der
Schlägerei: Das ist eine Nummer, und wir haben auch eine draus gemacht. Aber ich wünsche mir von
meinen Schauspielern grundsätzlich ein eher realistisches Spiel.
Sie inszenieren turbulente emotionale Ausbrüche. Wie haben Sie die aus den Schauspielern rausgeholt?
Es passiert wenig von außen, der Film muss sich aus sich selbst heraus tragen. Das einfachste Mittel: Man muss genau wissen, was die Situation ist, was man von den anderen haben will. Ich ermuntere die Schauspieler, aus dem Moment zu agieren, nicht jeder Take muss gleich sein. Eine große Lebendigkeit ist wichtig und geht mir in jedem Fall über Perfektion.
Sie gelten als Regisseurin, die auch gerne improvisiert ...
Ich lasse mich gerne von dem überraschen, was die Schauspieler anbieten, aber ich muss natürlich die
gesamte Szene im Auge behalten. Vor den Gesamtproben habe ich mit jedem auch einzeln geprobt. Die Richtung gebe ich vor, dann bin ich offen, was jeder aus seiner Persönlichkeit heraus einbringt. Meist sind das positive Überraschungen.
Wir haben auch improvisiert, die Dialoge waren nicht in Stein gemeißelt. Viele Szenen waren sehr auf den Punkt, da haben wir wenig verändert, aber in manchen Szenen war noch Luft, die sich dann die Schauspieler zu Eigen gemacht haben. Zum Beispiel für Gunnars Kommentar: „Wo kommt denn die Palme her?“ – er war eingeschlafen während der Szene. Oder als Jan zu Eva sagt: „Wie geht’s deinem Vater?“ Eva: „Der ist doch tot“. Es gab einige witzige Episoden, die gar nicht alle aufgenommen werden konnten.
Welche Schwierigkeiten liegen in einem solchen Ensemblefilm?
Schon das Casting war ein wochenlanger Prozess, bei dem wir darauf achten mussten, wie sich die Puzzlestücke zusammenfügen. Am Anfang der Probenzeit hatte ich Bedenken, wie ich es schaffen soll, auf jeden Einzelnen und alle gleichzeitig zu achten. Das Interessante ist, dass sich im Laufe des Drehs meine Gehirnkapazität erweitert hat. Das Gehirn lernt ja mit der Erfahrung.
Sie haben mehr oder weniger an einer Location gedreht, es gab so etwas wie die Einheit von Raum und Zeit wie am Theater. Ist das Bereicherung oder Einschränkung?
Am Anfang hatten wir fünf Tage Außendreh in Köln, danach waren wir nur noch im Studio. Aber das hat mich nicht gestört, es ist wie ein „normaler Job“ – du gehst jeden Tag an den gleichen Ort. Eine Herausforderung war die filmische Auflösung der Szenen und die Bilder in den immergleichen Räumen immer wieder interessant werden zu lassen. Ich habe Theaterregisseure beneidet, die haben nur eine Kameraeinstellung. Für die Schauspieler war es allerdings sehr anstrengend. Z.B. die Essen-Szene um den großen Tisch wurde den ganzen Tag gedreht, und nach 10, 12 Stunden hat irgend einer immer sein Close up am Ende, während die anderen das schon 30 mal gespielt haben. Ich bin froh, dass ich Vollprofis hatte, die dann immer noch ihre nahe Nahaufnahme hinkriegen. Und zum Glück hatte keiner einen Studiokoller.
Wie sind die vielen verschiedenen Darsteller miteinander ausgekommen?
Die allermeisten hatten sehr viel Spaß miteinander. Mein Regiestuhl stand in der Küche, wenn ich erschöpft war bin ich zu den Schauspielern in die Sofaecke gegangen. Da war immer gute Stimmung.
Sara ist eine sehr vielschichtige Frauenfigur. Wie sehen Sie ihre Rolle?
Sara ist eine starke, liebende Frau, die JA sagt zum Leben, zu Kindern und Männern. Allerdings hat sie auch gerne die Kontrolle und übersieht manchmal die Bedürfnisse ihres Mannes. Im dramaturgischen Sinne ist sie der Antagonist, Jan ist der Protagonist. Deshalb ist der Film komisch, weil sie ihm das alles zumutet – er ist der Arme, und das ist sein Joker. Aber am Ende sind sie quitt.
Steckt in der Figur der Sara auch Kritik an einem Typ Frau, der alles will, maßlos ist in ihrer Liebe und gar nicht merkt, was sie bei anderen anrichtet?
Ich werte Menschen nicht und maße mir auch nicht an, mit einem Film Kritik an einem bestimmten Typ Frau zu üben. Sara ist eine spannende Figur, weil sie anders ist. Nicht jede Frau sagt, ich will nicht mehr arbeiten, sondern viele Kinder haben, die Kontrolle übernehmen zuhause. Sie ist liebevoll, zärtlich, sexy. Aber auch egoistisch... Doch sie will für alle das Beste. Und dann sogar noch ein Baby, ein Kind der Liebe, wie alle anderen auch. Aber sie macht natürlich Fehler. Als Regisseurin bin ich froh dass sie so ist, wie sie ist, eine Filmfigur muss sich nicht perfekt verhalten, das ist langweilig. Mit ihr – und Martina Gedeck spielt das grandios – kann es auch eine richtige, tolle Liebesgeschichte geben, und das ist mir wichtig, denn ich bin so ein Liebesgeschichten-Fan! Liebe macht Vergebung möglich, das gefällt mir als Teilaussage.
Was wird eigentlich aus den Kindern solcher Puzzle-Familien? Kriegen die mehr mit fürs Leben
oder haben sie es schwerer?
Das kann man nicht verallgemeinern, es kommt immer darauf an, wie sicher und geborgen sie sich fühlen, wie respektiert. Das kann in der Patchwork- ebenso funktionieren wie in der herkömmlichen Familie. Auf jeden Fall ist es wichtig für Kinder, Mutter und Vater zu haben. Der Ersatzpapa kann den echten Papa nie wirklich ersetzen. Wenn sich ein Elternteil vom Kind emotional verabschiedet, gibt es Probleme. Der Film vermittelt: Man kann bei Sara schon glücklich aufwachsen, auch wenn nicht alles perfekt ist. Und das kommt der Realität doch wieder sehr nahe ...
Wie war das Kamera-Konzept?
Hans Fromm hat sehr viel mit Handkamera gedreht, auch wenn man das nicht unbedingt sieht, denn er vollbringt das Kunststück, sie sehr ruhig zu führen. Trotzdem wirken die Einstellungen dadurch nicht statisch, sondern haben mehr Authentizität und Lebendigkeit. Die Kamera folgt dem Geschehen, die Idee dahinter war: sie lässt sich überraschen und geht mit.
Die Musik hat wieder Loy Wesselburg komponiert ...
Ja, mein Haus- und Hofkomponist, der sehr gut konzeptionell arbeiten kann. Ursprünglich wollte er alles von sizilianischen Trauermusikern einspielen lassen, die haben eine Wahnsinnspower. Während des Drehs überraschte er mich dann mit der Ankündigung, es würden sardische Tenöre, nur noch Stimmen und Gesang. Ganz so haben wir das dann nicht umgesetzt, aber einiges davon ist eingegangen, z.B. in die Saunaszene und ins Action Thema.
Zum Schluss die Frage aller Fragen: Warum Weihnachten?
Weihnachten ist das Fest der Liebe... und der Name der Liebe ist Sara! Es ist nun mal unser heiligstes Familienfest. Ich glaube nicht, dass Jan sich so geärgert hätte, wenn Sara ihre Ex-Männer zu Ostern eingeladen hätte. Es musste einfach der Heilige Abend sein! Manuela Stehr und ich haben lange übers Essen diskutiert, denn jeder isst etwas anderes: Würstchen, Kartoffelsalat, Truthahn, Ente... Und auch die Bräuche sind ganz unterschiedlich: Ist die Bescherung vor oder nach dem Essen, müsste man nicht in die Kirche gehen etc. Wir haben einen Konsens gesucht über ein deutsches Mittelklasse-Weihnachtsfest – gar nicht so leicht, und ganz schön komisch...