Als Sie das Drehbuch gelesen haben, dachten Sie da gleich: Das will ich spielen?
Ich habe das Buch mit großem Vergnügen gelesen. Für mich funktioniert Komik über Drama und Drama über Komik. Diese Wechselwirkung ist es, die mich persönlich amüsiert. Die Situationskomik in MEINE SCHÖNE BESCHERUNG hat einen tieferen Hintergrund, ist nicht Slapstick, nicht flapsig, sondern hat einen Anker. Man spürt, das ist Dynamit, da explodiert gleich etwas. Ich habe ja überhaupt nur zwei Komödien gemacht bisher, eine fürs Fernsehen und vor zehn Jahren „2 Männer, 2 Frauen, 4 Probleme“. In dieser ganzen Zeit gab es so gut wie keine Anfragen für etwas Komödiantisches, und wenn doch, war mir das zu seicht, zu nett – zu harmlos. MEINE SCHÖNE BESCHERUNG ist ein toller Ensemblefilm, und so etwas wird einem selten angeboten.
Sie spielen ja sonst eher die harten Kerle, Einzelkämpfer oder auch historische Figuren. Imagewechsel ist vielleicht zu viel gesagt – aber ist die Rolle auch ein kleiner Befreiungsschlag?
Durchaus. Ich war eher auf das dramatische Fach festgelegt, auf den Helden oder Verantwortungsträger. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, spiele ich natürlich auch andere Rollen, sehr bewusst. Ich fand es persönlich sehr spannend, „just a normal guy“ zu spielen und bin Vanessa Jopp und Manuela Stehr sehr dankbar, die mir vertraut haben. Es war an der Zeit, so etwas zu machen. Kino darf böser, schamloser sein als Fernsehen. Was wir gemacht haben, ist tief schwarzer Humor. Außerdem freue ich mich sehr, dass es wieder eine Zusammenarbeit mit X Filme gibt. Ich war bei den Anfängen dabei, bei den ersten Filmen unter dem X von Wolfgang Becker (DAS LEBEN IST EINE BAUSTELLE) und vor allem Tom Tykwers WINTERSCHLÄFER. Dieser Film ist nach wie vor eines meiner Lieblingsprojekte.
Wie haben Sie sich auf Ihre Rolle vorbereitet, war Ihnen die Figur schnell vertraut?
Ich habe mich sofort solidarisiert mit diesem Typen, der eine „Leiche im Keller“ hat. Ich konnte ihm in allem zustimmen. Er ist im Grunde eine tragische Figur, und ich bin nicht komisch, weil ich komisch spiele, sondern weil es jede Sekunde einen ernsten Anlass, einen Konflikt gibt. Eine verzweifelte Suche nach der Wahrheit an diesem Weihnachtstag. Für Jan ist das von Anfang an ein Alptraum – die Männer, die er sowieso sehen und ihre ständige unterschwellige Anmache ertragen muss, wenn sie ihre Kinder besuchen, stehen jetzt auch noch am Heiligen Abend vor seiner Tür. Er leidet ernsthaft.
Ihnen gelingt beides – man lacht über Sie, spürt aber auch sehr wohl die Verzweiflung Ihrer Figur...
Danke. Ja, man muss zulassen, dass man sich in die Situationen reinfallen, sich immer wieder von einem nassen Lappen erwischen lässt. Das ist, glaube ich, Situationskomik. Wenn Jan versucht, herauszufinden, wer denn nun der Vater ist, landet er jedes Mal wieder mit dem Gesicht an der Wand. Ich musste dran arbeiten, dass ich voller Überzeugung die Linke hinhalte, um dann rechts auch noch eine draufzubekommen.
Wie disponiert man sich dafür – oder haben Sie ein angeborenes Slapstick-Talent?
Das weiß ich nicht. Ich glaube, ich habe ein gutes Timing-Gefühl, das ist ganz wichtig für Komödien. Außerdem gab es mehrmals Probeaufnahmen als Anspielpartner und ich hatte lange Zeit, mich mit der Figur zu beschäftigen und mit Vanessa und verschiedenen Partnern einzelne Zimmer des Hauses der Figur Jan zu betreten und auszuloten. Wir haben, was ich immer sehr begrüße, eine ganze Woche mit der gesamten Truppe geprobt, die großen Szenen gestellt und uns intensiv mit dem Verhältnis untereinander beschäftigt. Vanessa ist ein Mensch, der sehr viel aufnehmen kann, genau weiß, was sie will.
Gibt sie konkrete Anweisungen? Sie gilt als Regisseurin, die auch gern Improvisation zulässt.
Ja, das auch, auf jeden Fall. Sie hat ein sehr gutes Gespür dafür, wenn’s stimmt, wenn’s passt. Wie temperiert die Beziehungen untereinander sein sollen. Die Figuren waren klar herausgearbeitet. Das fordert sie auch ein, was ich sehr gut finde. Sie hat größtmögliche Freiheit gegeben bei dezenter Führung.
Ist Komik schwieriger als Drama?
Anders. Ich glaube aber, dass ein Film, der als ernsthafte Komödie zünden soll, sehr schwer zu schreiben ist. Im dramatischen Fach hat man mehr Freiheit. Der Comedy-Autor muss einen Rhythmus vorgeben, es geht um präzise gesetzte Unverschämtheiten. Das Verhaltensmuster untereinander, um das Zentrum Sara herum, ist absurd. Da haben sich die Autoren eine verflixte Patsche ausgedacht, alle müssen mitmachen, auch wenn sie’s eigentlich nicht so gut finden – bis auf sie, die Übermutter Sara. Der Film hat viele verschiedene Ebenen, Angelpunkte, die fast alle Menschen betreffen: Treue, Untreue, Weihnachten, Kinder, Liebe, Vertrauen, Beziehungen, Großfamilien... Komik ist immer tragisch und Tragik immer komisch – diese Wechselwirkung ist elementar. Und: Die Situationen müssen absolut wasserdicht sein, um den Reflex des Lachens beim Zuschauer zu provozieren und die Bedingungslosigkeit, mit der die Figuren ernst genommen werden müssen. Da braucht es einen hervorragenden Regisseur. Es ist Vanessas erste Komödie, sie hat ein großes Händchen dafür.
Haben Sie Komödien-Vorbilder?
Mein privater Gusto sind Billy Wilder, und eigentlich fast alles, was Jack Lemon und Walter Matthau zusammen gedreht haben – EIN SELTSAMES PAAR – das ist so komisch, weil es furchtbar ist. Aber auch bei Woody Allen gibt es wunderbare Familienfeste in Manhattan, Thanksgiving-Szenen auf ganzen Etagen, wo zu vorgerückter Stunde und mit gestiegenem Alkoholpegel die Dramen kommen. Es ist zwar eine ganz andere Baustelle, aber auch Vinterbergs DAS FEST hat für mich eine ähnliche Konstellationen.
Wie finden Sie das Ende?
Schön und versöhnlich. Es ist ein intelligenter Unterhaltungsfilm für ein erwachsenes Publikum, das mit dem Thema „Patchwork-Familie“ etwas anfangen kann.