Was hat Sie an PERSEPOLIS besonders angesprochen? Kannten Sie die Comics von Marjane Satrapi bereits?
Ich mochte Marjanes Bücher, ihren Zeichenstil und ihren Sinn für Humor. Außerdem war es das erste Mal, dass ich darum gebeten wurde, den Soundtrack für einen abendfüllenden Film zu komponieren. Und die Tatsache, dass es sich dabei um einen Animationsfilm handelte, machte die Herausforderung nur noch größer. Weil die Produktion eines solchen Films in der Regel sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, weil permanent angepasst, umgeschnitten und feingeschliffen werden muss… Besonders wenn man mit Vincent arbeitet, der nie hundertprozentig zufrieden ist. Deshalb wusste ich, dass auch ich mich würde anpassen müssen.
Wo und wie lernten Sie Vincent Paronnaud kennen?
Auf den Schultoiletten in Pau! Er übte gerade Beat-Boxen mit einem Freund. Wir lernten uns also bereits über die Musik kennen und spielten gemeinsam in verschiedenen Bands, bevor wir Mitte der 90er Shunatao gründeten.
Wie würden Sie die Musik von Shunatao beschreiben?
Nun, das ist ein bisschen schwierig, weil wir bereits sieben Alben veröffentlicht haben und sich die Musik von Platte zu Platte dramatisch verändert hat. Sagen wir einfach, dass es sich um Rock mit einigen Blues-, Jazz-, und Electro-Einflüssen handelt…
Was für ein Musiker ist Vincent? Welches Instrument spielt er?
Die Gitarre. Er ist ein sehr begabter Musiker mit einer Menge Ideen. Für den Film schlug ich beispielsweise sehr lebhafte Musik vor, um Marjanes Gefühle zu unterstreichen, wenn sie ihre Freude am Shoppen und an Supermärkten in Wien entdeckt. Er mochte die Idee, dass man so die Tatsache unterstreichen könnte, dass das ihre liebste Freizeitbeschäftigung ist, weil ihre Langeweile immer größer wird. Dann beschloss er, dass sich die Musik wiederholen sollte wie beim Platten-Scratching. Das ist so typisch für Vincent! Das Einzige, was es dann herauszufinden gilt, ist, wann man mit dem gescratchten Teil beginnt und wie man beim richtigen Bild wieder damit aufhört… Das ist schon ein Haufen Arbeit!
Was haben Ihnen Marjane und Vincent über die Musik erzählt, die sie sich für PERSEPOLIS vorstellten?
Zuerst habe ich mit Vincent darüber gesprochen. Vincents Instruktionen waren klar: Keine Weltmusik und nichts zu Orientalisches. Er sagte zu mir: „Tu nicht so, als seiest Du Peter Gabriel. Mach einfach das, was Du am besten kannst.“
Haben Sie mit den Büchern gearbeitet? Mit dem Drehbuch? Oder gleich mit den Bildern?
Eigentlich mit Allem. Als mir Vincent vom Filmprojekt erzählte, habe ich die Comics noch einmal gelesen und angefangen, ein bisschen herumzuprobieren. Dann konnte ich endlich mit den Animatics* arbeiten, die man mir immer geschickt hat, wenn eine Szene fertig war. Ich habe meine Arbeit dann daran angepasst. Was zunächst ein bisschen verstörend war, aber sehr schnell sehr aufregend wurde.
Die Welt von PERSEPOLIS ist extrem vielschichtig und bewegt sich zwischen Drama und Einbildung, Ironie und Emotion. Haben Sie versucht, diese Palette auch mit Ihrer Musik auszudrücken oder im Gegenteil eher daran gearbeitet, eine gewisse Einheit herzustellen?
Von beidem ein bisschen. Man kann sagen, dass der Film in vier Teile zerfällt, weshalb ich naturgemäß auch vier verschiedene musikalische Stimmungslagen kreiert habe. Die ersten beiden sind ziemlich besonnen und setzen hauptsächlich auf Streichinstrumente. Die Traumsequenzen und Dialoge mit Gott sind noch einfach gehalten: Klavier und ein paar Streicher. Spaß machte es in der ersten Filmhälfte auch, die Leute beim Tanz zu Discomusik zu sehen. Das musste schließlich so klingen wie iranische Discomusik oder zumindest wie das, was ich dafür hielt. Für andere Szenen habe ich mich von einer iranischen Rock-CD inspirieren lassen, die mir Marjane geliehen hat. Der dritte und vielschichtigste Teil ist die Wien-Episode mit ihren Rock-Konzerten, den Hippies im Wald mit ihren Gitarren, den Nachtclubs, usw. Musik spielt eine sehr aktive Rolle im Film. Sie wird zum Teil des Schauplatzes und der Handlung. In einem Nachtclub sagt sogar einer der Charaktere: „Was für Scheiß-Musik!“, was eine echte Herausforderung darstellt, eine ästhetische Fingerübung, die für einen Musiker sehr aufregend sein kann.
*(Animatic: Ein animiertes Drehbuch in Bildern, das eine erste Idee über Regie und Kamerabewegungen vermittelt.)