Der Film beginnt wie das Buch. Ein weißes, gleißendes Licht, ein Tanz von Farben ohne Tiefenschärfe. Gesichter von Fremden tauchen auf, sie sprechen mit ihm, mit uns. Jean-Dominique Bauby erfährt, dass er im Krankenhaus ist, angeschlossen an Maschinen, die ihm helfen zu atmen. Ein Mann in Arztkittel nähert sich ihm. Unverblümt setzt er ihn über die Situation in Kenntnis. Bauby hatte einen Hirnschlag und hat zwei Monate im Koma gelegen. Der Doktor erklärt, dass er an einer sehr seltenen Krankheit leidet: dem so genannten Locked-In-Syndrom. Es beeinträchtigt den Hirnstamm, die wesentliche Verbindung zwischen dem Gehirn und dem Nervensystem. Der Patient ist völlig gelähmt – in seinem Körper gefangen wie in einer Taucherglocke. In Baubys Fall funktioniert nur noch sein linkes Augenlid. Es ist das letzte Fenster zur Welt und seine einzige Möglichkeit zur Kommunikation.
Doch ihm sind die Phantasie und die Erinnerung geblieben. Der Schmetterling. Er beginnt zu schreiben, fliegt in seinem inneren Monolog von der Komik zur Tragik, von der Weisheit zur Auflehnung und wieder zurück und beginnt schließlich seine Geschichte zu erzählen. Nicht wie in einem klassischen Interview, sondern als Buch, als Roman. Er formuliert erst seine Sätze, dann diktiert er sie nach einem von seiner Therapeutin eigens entwickelten Buchstabiersystem, Buchstabe für Buchstabe.
Ein Jahr und zwei Monate in Zimmer 119 des Berck Maritime Hospital, dann waren seine „Reisenotizen“ vollendet. Jean-Dominique Bauby starb wenige Tage nach ihrem Erscheinen. SCHMETTERLING UND TAUCHERGLOCKE („Le Scaphandre et le Papillon“) kam bei Les Éditions Robert Laffont 1997 (in Deutschland bei dtv 1998) heraus und war ein großer Erfolg. Das Buch wurde in viele Sprachen übersetzt und bewegte mit seiner Geschichte Leser auf der ganzen Welt.
Bauby selbst betrachtete seine Krankheit als Akt des Schicksals. Er hatte sein Leben als Journalist mit frenetischer Leidenschaft geführt und dabei die essenziellen Momente und Wesen seines Lebens lange Zeit nicht erkannt. Es blieb schwer für ihn, seine Schuldgefühle abzuschütteln. Ungefähr ein Jahr vor dem Hirnschlag hatte er seine Familie verlassen, seine Kinder und deren Mutter – und er hatte noch gar keine Zeit gehabt, wirklich ein neues Leben zu beginnen. In der Krankheit fand er einen neuen Weg zu seiner Familie.
Vor seinem Hirnschlag hatte er mit dem Verlag Les Éditions Robert Laffont einen Vertrag über eine moderne Adaption, eine weibliche Version, des Dumas-Klassikers „Der Graf von Monte Christo“ abgeschlossen. Im Buch fragt er sich selbstironisch, ob der Hirnschlag eine schreckliche Strafe dafür sei: „Man tändelt nicht mit Meisterwerken. Die Götter der Literatur und der Neurologie haben anders darüber entschieden“. Jean-Dominique sah sich selbst als Noirtier de Villefort, eine dunkle Figur aus „Der Graf von Monte Christo“, als Hüter dunkler Geheimnisse, zum Schweigen verdammt und gefangen in einem Rollstuhl, nur mit seinen Augen kommunizierend.
Doch die Kraft seiner eigenen Geschichte machte ihn zu einem Schriftsteller. Sein Schicksal verwandelte ihn in einen Künstler. Mit seinem Schreiben verlängerte Jean-Dominique Bauby sein Innenleben. Die Kraft der Träume erlaubte ihm, jegliche Grenze zu überwinden. Kurz vor seinem Tod, nahm er seiner Frau das Versprechen ab, einer Verfilmung zuzustimmen.
Die einzigartige Qualität und Kühnheit von SCHMETTERLING UND TAUCHERGLOCKE schließt eine klassische oder direkte Adaption aus. Um einen so bewegenden Roman auf die Leinwand zu bringen, ist ein starker ästhetischer Sinn erforderlich – und ein etwas anderer Blick in die Konstruktion der Kunstform Film.
Nachdem die Produzentin Kathleen Kennedy (DreamWorks) die Rechte an dem Buch erwarb, engagierte sie den Drehbuchautor Ronald Harwood, der bereits die Bücher zu Roman Polanskis „Der Pianist“ (The Pianist, 2002) und „Oliver Twist“ (2005) geschrieben hatte. Die innere Reise von Jean-Dominique Bauby war einzigartig und um sie verfilmen, erschien es Kathleen Kennedy sinnvoll, abseits von den klassischen Regisseuren einen Künstler wie Julian Schnabel für die Inszenierung in Betracht zu ziehen.
Und es stellte sich heraus, dass Julian Schnabel das Buch bereits auf eine sehr persönliche Weise entdeckt hatte – über einen Freund, der mittlerweile verstorben ist. Ihn interessierte vor allem die Off-Screen-Erzähltechnik, mit dem Publikum als einziger Vertrauter des Helden. Niemand im Film weiß, was in Baubys Kopf vor sich geht – nur der Leser und der Zuschauer.
Zuerst war das Hollywoodstudio Universal an Bord, dann fand das Projekt seinen Weg zur europäischen Produktionsfirma Pathé, die gemeinsam mit Jon Kilik, dem Produzenten aller bisherigen Filme von Julian Schnabel, die Verantwortung für die Produktion übernahmen. Hinter der Kamera sollte Janusz Kaminski, der viele Spielberg-Filme fotografiert hatte, stehen.
Julian Schnabel entschied sich diesen Film zu machen, nicht nur weil das Thema gut in sein Gesamtwerk passt, sondern weil es ihn auf einer sehr persönlichen Ebene berührte. Besonders bewegte ihn das Verhältnis von Jean-Dominique Bauby und dessen Vater – und so sind die Szenen zwischen Vater und Sohn im Film auch besonders intensiv.
Die erste Hälfte ist ausschließlich aus der Perspektive von Jean-Dominique Bauby gedreht. Die Bilder sind manchmal bewusst unscharf, manchmal brillant und farbig, dann wieder matt und verwackelt. Julian Schnabel dreht wie er malt, hautnah, direkt. Die Erotik der Nahaufnahmen von Mündern, Hüften, Nacken weckt Assoziationen an seine Gemälde. Die Sets, sind magisch. Jean-Dominique Bauby hatte die „immer menschenleeren Terrassen“ in einem Seitengebäude des Berck Maritime Hospital „Cinecitta“ getauft. Er schätzte den poetischen Off-Beat-Charme des Ortes, die „imaginäre Photographie“ eines Filmstudios.
Die Musik illustriert musikalisch die Stimmung des Helden, dokumentiert den Wechsel zwischen Momenten der Verwirrung und Momenten der Wiedergeburt. Julian Schnabel glaubt, dass Jean-Dominiques Leben erst nach dem Unfall beginnt, wenn ihm klar wird, wer er eigentlich ist. Er ist wiedergeboren als Schmetterling.
Der erste Teil wird in der ersten Person erzählt. Durch das Rezitieren des Alphabets und das Blinzeln mit dem linken Augenlid kommuniziert Jean- Dominique Bauby mit seinen Mitmenschen. „Mein erstes Wort ist ‚ich’. Ich fange mit mir selbst an.“ Mit der geblinzelten Schreibtechnik kann er aus sich herausgehen, der Taucherglocke entkommen, aus dem Wasser auftauchen. Er kann durch die Welt streifen, die Zeitläufe bestimmen, ein großes Publikum erreichen.
Der zweite Teil ist aus der Außenperspektive erzählt und zeigt Jean-Dominique Bauby in seinem neuen Leben und wie er durch seine Arbeit als Schriftsteller zurück zu seiner Würde und so zurück ins Leben findet. Mathieu Amalrics Interpretation ist einzigartig – gespalten zwischen der Bewältigung des eingeschränkten Körpers und dem ausschließlich geblinzelten Ausdruck von Gefühl. Der Film schließt jedoch den Humor nicht aus, er ist so absurd wie notwendig. SCHMETTERLING UND TAUCHERGLOCKE ist eine Lektion über das Leben, nicht in einem moralischen Sinn, sondern durch die Botschaft, die der Film hat: Man sollte jeden Moment seines Lebens nutzen.