Das London, welches in LIEBE AUF DEN ZWEITEN BLICK gezeigt wird, dürfte alle überraschen, die die Stadt gut kennen – oder gut kennen zu glaubten. Anstatt bekannte Sehenswürdigkeiten wie Big Ben und Buckingham Palace ins Bild zu rücken, entschieden sich die Filmemacher für einen Insiderblick auf die britische Hauptstadt. Harvey und Kate spazieren durch die Stadt, um sich besser kennenzulernen und präsentieren London so als einen Ort, in den – und in dem – man sich verliebt.
„Es ist eine sehr romantische Stadt“, sagt die waschechte Londonerin Emma Thompson. „Sie steckt voller unglaublicher Ecken und Winkel und Ansichten und Aussichten. Ich empfinde schnell Heimweh nach London, deshalb war es ein großes Vergnügen für mich, hier zu drehen. Der Film ist so was wie ein Valentinsgeschenk an die Stadt.“
Die Spaziergänge führen das Paar durch die ganze Stadt, vom morgendlichen Innenhof des Somerset House, einem riesigen Palast aus dem 16. Jahrhundert, bis zur Südseite der Themse in der Sonne des Spätnachmittags. Da man die Stadt durch Harveys Augen sehen soll, für den alles neu aussieht, konnte Hopkins London zeigen, wie man die Stadt noch nie zuvor auf der Leinwand gesehen hat. „Unser London wirkt eleganter als in anderen Filmen“, sagt der Regisseur. „Ich wollte die Stadt so einfangen, wie sie auf einen wirkt, wenn man sie zwar gut kennt, aber lange fort war und sie jetzt mit ganz anderen Augen sieht.“
Diesen frischen Blick auf eine Stadt zu erlangen, die zu den ältesten und meistfotografierten der Welt gehört, sei schwer gewesen, wie Produktionsdesigner Jon Henson sagt, der bereits oft in London gedreht hat. „Wir suchten permanent nach neuen Orten, oder Plätzen, die wir zwar kannten, aber in einem anderen Licht zeigen konnten. Am Ende lief es darauf hinaus, die richtigen Elemente auszuwählen. Joel schwebte ein internationaler London-Look vor, deshalb wollte er weniger die Sehenswürdigkeiten denn Orte in den Vordergrund rücken, die sich genauso gut in Prag oder Paris befinden konnten. Wir fanden die historischen Ecken der Stadt romantischer.“
„Es kommt einem wirklich so vor, als würde man mit den Figuren in Paris die Seine entlang spazieren“, sagt Tim Perell über den Bummel des Paares an der Themse. „Das Southbank Centre und der ganze Weg dort gehören zum modernen London. Und auf der anderen Seite des Flusses sieht man das alte London, St. Paul’s Cathedral und diese anderen großartigen historischen Gebäude. Im Hintergrund wiederum sieht man diese gewaltigen Kräne, die andeuten, wohin sich London entwickeln wird. Ich finde, das ist einer der spektakulärsten Orte der ganzen Stadt.“
Tatsächlich wurde es zur optischen Leitphilosophie des Films, London wie Paris aussehen zu lassen. „Es sollte nicht wie eine Postkarte oder ein Bild aus einem Urlaubsprospekt wirken, aber doch wie ein sehr romantischer Hintergrund, vor dem sich zwei Menschen ineinander verlieben können“, sagt Produzentin Nicola Usborne. „Uns schwebte ein Film über zwei Menschen vor, die sich innerhalb eines Wochenendes kennenlernen und verlieben und das Ganze in einem ikonografischen London.“
„Es gibt eine zauberhafte Szene, in der Harvey vor Kates Abendschule auf sie wartet, und wir stießen auf dieses herbstliche, knapp zwei Meter hohe Gras, das sich sanft im Wind wog“, sagt Hopkins. „Davor platzierten wir Harvey einfach. Er ist ohnehin ziemlich wehmütig und grüblerisch. Ihn also vor diesem Gras sitzen zu sehen, war einfach ein unglaublich wirkungsvolles Bild. Wir waren voll auf die herbstlichen Farben in dieser Szene fixiert und verwendeten sie auch beim Rest des Films.“
Hoffman rechnet es Hopkins und Kameramann John De Borman hoch an, dass sie ihm halfen, London in einem neuen Licht zu sehen. „Sie haben zielsicher die romantischste Seite Londons entdeckt. Die Drehorte wurden sehr sorgfältig von Leuten ausgewählt, die die Stadt kennen wie ihre Westentasche. Ich bin in den letzten dreißig Jahren häufig dort gewesen, aber einige der Locations habe ich vorher noch nie gesehen.“
Perell meint, dass sich der visuelle Umgang mit den Drehorten auch auf die Hauptfiguren übertrug. „Dustin und Emma sollten sehr sexy und schön aussehen. Leute ihres Alters werden im Kino selten in ein schönes und sexy Licht gerückt, weshalb es uns umso wichtiger war. Emma trägt den ganzen Film über eine grüne Uniform, doch wir haben sie so maßschneidern und anpassen lassen, das sie dadurch ausgesprochen sexy wirkt“.
Was die Filmemacher keinesfalls drehen wollten, war eine „zuckrige romantische Komödie“, sagt Perell. „So sehr ich solche Filme auch mag, für unsere Geschichte passte es einfach nicht. Andererseits handelt es sich auch nicht um einen kleinen, britischen Independentfilm. Unser Publikum ist anspruchsvoll, deshalb braucht der Film einen bestimmten Look und eine besondere Schönheit. Er soll ausgesprochen elegant wirken, toll und prächtig, aber auch authentisch aussehen und so echt wirken wie die Performances und gleichzeitig glanzvoll.“
Aus London stammte auch die ’ideale Crew’, wie die Filmemacher sie nennen. „Sie reagierten alle sehr positiv auf das Skript“, sagt Hopkins. „Jeder konnte mit dem Drehbuch sofort etwas anfangen und ich hatte das Gefühl, dass wir alle denselben Film drehen wollten.“
Kameramann John De Borman hat schon alles gedreht, raue Independentfilme wie Hideous Kinky (Marrakesch, 1998) genauso wie Hochglanz-Romanzen à la Shall We Dance (Darf ich bitten?, 2004). Diese Bandbreite prädestinierte ihn geradezu für LIEBE AUF DEN ZWEITEN BLICK. „Er war die perfekte Wahl“, so Perell. „Wir wussten, dass Joel voll und ganz mit den Darstellern beschäftigt sein würde und jemanden benötigte, der für ihn ein Fels in der Brandung ist und ihm beim Dreh bestens unterstützt. Außerdem ist John jemand, auf dessen Erfahrung und Klugheit Dustin und Emma vertrauen konnten.“ Hopkins sagt, er wäre vom ersten Tag an auf De Bormans Fachkenntnis angewiesen. „Ich sagte zu John: ’Das ist ein großer Schritt für mich. Ich arbeite zum ersten Mal mit A-Klasse-Schauspielern. Ich bin nervös und brauche dich, damit du Verantwortung für die Bilder übernimmst’.“
Produktionsdesigner Henson sagt, der Film sei in drei Welten aufgeteilt: „Es gibt Harveys Welt, Kates Welt und die Welt von Harveys Tochter. Harvey ist sehr erschöpft, sein Job bietet ihm keinerlei Perspektive mehr. Wir wählten viele beige und staubige Farbtöne, abgewetzte Möbel. Alles, was in seinem Aufnahmestudio steht, ist hoffnungslos veraltet. Seine Welt ist einfach aus der Mode gekommen im Vergleich zu der seiner Tochter, bei der sich alles spiegelt und teuer ist, auf Hochglanz getrimmt. Kates Welt wiederum ist sehr naturverbunden und bodenständig. Dieser Kontrast und diese Gegenüberstellung sorgt hoffentlich für Dynamik.“
„LIEBE AUF DEN ZWEITEN BLICK ist sehr romantisch“, sagt Nicola Usborne. „Wir beobachten zwei Menschen, die den Glauben an die Liebe längst verloren haben, und ihn dann plötzlich wiederfinden. Ich denke, sie werden diese neu entdeckte Liebe fortsetzen. Sicher wird es auf ihrem gemeinsamen Weg zu Problemen kommen, aber ich glaube, dass man das Kino nach diesem Film hoffnungsvoll, optimistisch und in romantischer Stimmung verlässt. Wir haben immer Witze darüber gemacht, dass Joel keinen Film mit einem traurigen Ende drehen kann. Er hat eine sehr romantische Ader.“
Thompson sagt, der Standpunkt des Films sei sehr einfach. „Er handelt von Liebe, von menschlicher Bindung, von zwei Personen, die sich zu einem Zeitpunkt in ihrem Leben für die Liebe entscheiden, in dem es ihnen nicht gerade leicht fällt. Für Harvey ist es die letzte Chance. Und vielleicht – wahrscheinlich sogar – auch für Kate. Klar, sie hat ihr eigenes Leben, zieht ihr Ding durch, kümmert sich um ihre Mutter, und macht das alles ganz hervorragend. Vielleicht wird sie das Buch schreiben und vielleicht, vielleicht, vielleicht… Und dann passiert etwas, das ihr Leben aufhellt.“
Hoffman näherte sich Harvey und seinem Gefühlsdilemma sehr persönlich. „Ich spielte ihn einfach so, wie ich mir mein eigenes Leben vorstelle, hätte ich meine Frau Lisa nicht getroffen, mit der ich seit fast 34 Jahren zusammenlebe“, sagt er. „Diese Herangehensweise war allerdings gar nicht so schwer, denn nach den ersten schmerzhaften Liebeserfahrungen denkt doch jeder, er sei nicht für die Liebe geschaffen.“
Sogar die zwanzigjährige Liane Balaban fand den Film enorm inspirierend. „Das ist eine sehr erwachsene Liebesgeschichte über Menschen mit viel Lebenserfahrung, nicht diese typische Boy-meets-Girl-loses-Girl-Story. Ihre Beziehung ist viel komplexer und interessanter als die in den meisten anderen Filmen. Der Film sagt doch nur, dass man immer eine Chance hat und versuchen sollte, seine Situation zu verbessern, wie aussichtslos sie auch erscheinen mag“, sagt die Schauspielerin. „Selbst wenn man glaubt, das Ende der Fahnenstange erreicht zu haben, geht es noch ein Stückchen weiter.“
„Mich interessieren keine Mittzwanziger, die sich verlieben, denn die sind noch gar nicht so weit“, sagt Joel Hopkins. „Beziehungen, wie die in unserem Film, werden nicht oft gezeigt. Dabei sind sie auf eine Art faszinierend, wie es Mittzwanziger niemals sein könnten. Es dauert einfach seine Zeit, bevor man weiß, wer man ist und wo man steht, und ich vermute, dass die Beiden sehr, sehr lange dafür gebraucht haben. Aber jetzt sind sie endlich so weit, um sich zu verlieben!“