Seit ich vor sieben Jahren nach Berlin gezogen bin, habe ich Momente gesammelt, die für mich den Charakter dieser Stadt ausmachen. Ich verliebte mich in ihre Schmuddeligkeit, ihre Faulheit, ihre Rotzigkeit, ihre Hässlichkeit ... in all das, was halt eine harmonische Liebesbeziehung letztendlich ausmacht. Es waren Fragmente von selbst erlebten Situationen, sowie wilden Fantasiespinnereien oder Zeitungsartikel, die ich dann zu einem Netz verwebte. Und plötzlich war da eine Geschichte, die erzählt werden musste. Das Drehbuch selbst entstand in sechs Wochen. Alles basierte auf der Idee, einen Film zu machen über eine Stadt, die mit unseren kalten, kapitalistischen Werten einfach nicht richtig klar kommen will und sich stattdessen hinter verträumten Idealen oder radikalem Eigensinn verschanzt.
In welchen Szenen oder Stadtvierteln sind sie auf die soziale Realität für ihren Stoff gestoßen?
Ich selber bin kein Filmemacher, der zuhause sitzt und sich Karl May-Stories ausbrütet. Mich faszinieren Menschen auf sehr undogmatische Weise und ich bewege mich gerne in den unterschiedlichsten Szenen. Von Altersheimen bis S/MClubs ist mir alles willkommen, was mir mehr vom Menschsein verraten kann. Die Abgründe inspirieren mich dabei oft am intensivsten - da sie nicht selten die größten Ehrlichkeiten bergen. Da Berlin das Las Vegas der Subkulturen ist,
fokussierte ich mein Interesse auch auf diese. Stadtviertel waren mir dabei alle willkommen.
Wie funktionierte die Zusammenarbeit mit den Drehbuchautoren, die jeweils eine der fünf Episoden entwickelt haben?
Ich habe die Figuren und den ungefähren Fahrplan entworfen: Menschen ohne Geld, die sich auf eigentümliche Weise bereichern wollen, verlieren, und dabei etwas anderes entdecken. Dann gab ich die Ideen weiter an befreundete Autoren (übrigens lustigerweise allesamt Schweizer), die dann kurze Plots oder ganze Exopsés entwarfen. Die entwickelte ich dann wieder weiter, glich sie stilistisch einander an und schrieb das Buch. Mir war es wichtig, keinen klassischen Autoren-Film zu machen, sondern Inspirationen von allen Seiten her zuzulassen und mehr als eine Art Ideen-Fänger zu agieren.
Sie haben ihre persönlichen Ersparnisse in diesen Film gesteckt. Was hat sie dazu bewogen „Schwarze Schafe“ ohne jede Förderung zu realisieren?
Meinem Produktionspartner und Kameramann Olivier Kolb und mir war es ein Anliegen, absolut frei agieren zu können und uns keinen Maulkorb umbinden zu lassen. Wenn man schreibt und weiß, dass man nur selbst hinter dem Text stehen muss, schreibt man anders, als wenn man mit Förderanstalten, TV-Redakteuren und Produzenten klar kommen muss. Wir wollten unsere Fantasie in keiner Weise prostituieren und auch keine Kompromisse eingehen. So entschieden wir uns, gar nicht erst Gelder zu beantragen und mit sehr wenig Budget, dafür mit total anarchistischem Geist loszulegen. Ich habe diese Entscheidung nie bereut.
Welche konkreten Auswirkungen auf die Produktionsweise hatte dieses radikale low-budget-Prinzip?
Wir waren enorm glücklich, talentierte Mitarbeiter gefunden zu haben, die die Fähigkeit besitzen, aus nichts viel zu machen. Man wird zur Reduktion gezwungen, doch diese fördert oft nur die Kreativität. Auf Technik haben wir fast komplett verzichtet. Da gab es keine Möglichkeit mehr für wilde Kamerafahrten und ausgeklügelte Lichtkompositionen. Dafür konzentriert man sich stärker auf das, was wirklich erzählt werden soll: die Essenz. Wir hatten allerdings eine sehr präzise Vorstellung, wie wir in der Postproduktion mit dem Film-Material umgehen wollten, um trotz den Umständen einen Film zu erschaffen, der den Zuschauer auch ästhetisch anspricht und dem Inhalt gerecht wird.
Gehörte dazu auch „Schwarze Schafe“ in schwarz/weiß zu drehen?
Für schwarz/weiß entschieden wir uns einerseits, da wir fairerweise dem Zuschauer eine gewisse Distanz zum Erzählten gehen wollten. Die subversiven und radikalen Szenen sind somit besser verdaulich. Der Zuschauer soll nicht kotzen - er soll lachen. Gleichzeitig gefiel es uns, über die aktuelle Gegenwart zu berichten, dem Betrachter aber das Gefühl zu geben, sie finde in einer fernen, von Nostalgie beseelten Vergangenheit statt. Da waren aber auch noch technische Gründe: Ich bin kein Freund von DV-Farben. Mit der schlechten Tiefenschärfe etc. kann ich leben - mit der Farbqualität schlecht.
Wie ist es ihnen gelungen, so viele bekannte Schauspieler ohne Gage für "Schwarze Schafe“ zu gewinnen?
Den Schauspielern, die mich interessierten, ging es ähnlich wie uns. Sie waren allesamt etwas gelangweilt von den immergleichen, politisch korrekten Produktionen und Produktionsweisen. Sie wollten auch mal wieder experimentieren und unkonventionelle Wege wagen. Und sie liebten die Stories, die wir ihnen vorgaben. Einige der Schauspieler arbeiten eng mit Frank Castorf zusammen, dessen Arbeit ich sehr bewundere. Für sie war das kein weiter Sprung von der Bühne vor unsere Kamera.
Hätten sie diesen Stoff auch in einer anderen Stadt verwirklichen können?
Wohl kaum. 'Schwarze Schafe' ist Berlin. Vielleicht könnte ich 'Graue Hengste' in Zürich drehen, wo ich aufgewachsen bin. Oder 'Grüne Pelikane' in Rio ... oh, das wäre eine schöne Idee.