Fünf Teile gibt es nun bereits von der SAW-Reihe, an ein Ende ist nicht zu denken. Das Geheimnis ihres Erfolges liegt auch in der Mixtur aus Wiederholung und Variation, mit der die Macher die Fans immer wieder in Atem halten. So wie in jedem Teil die Opfer von Jigsaw mit grausamen Gerätschaften konfrontiert werden, so steigt der Zuschauer immer tiefer in Gedankenwelt und Seelenwelt des Psychokillers ein. Sequels hat es immer gegeben, besonders im Horrorbereich. Doch während in anderen Schockern – von Halloween bis Freitag, der 13. – der Psychokiller oft ohne zwingende Logik durch die Endlosschleife gejagt wird, baut jeder der SAW-Teile auf dem vorangegangenen auf.
Mit jeder Weiterschreibung der SAW-Saga offenbart sich ein wenig mehr der verqueren Philosophie und des vertrackten Plans, den der geniale Finstermann Jigsaw verfolgte – und der nun nach seinem Tod vom seinen Jünger weiter verfolgt wird. Für die Fans der Reihe ist der von Tobin Bell kongenial verkörperte Killer längst ein Vertrauter geworden – ein Vertrauter, der doch immer wieder neue Facetten seiner Persönlichkeit zeigt.
So gesehen ist jede SAW-Episode für Überraschungen gut. Das liegt auch daran, dass die Verantwortlichen der Horror-Reihe ihre Lektionen aus den neuen Erzähltechniken des US-Fernsehens gelernt haben. Galt das TV früher als Kino zweiter Klasse, hat das Medium in den letzten Jahren ganz neue narrative Formen entwickelt.
In Serien wie „Alias“ oder „Lost“, wie „Desperate Housewives“ oder „24“ wird das Serielle nicht für die Wiederkehr des Immergleichen genutzt, sondern zur Verdichtung, Vertiefung oder Verschachtelung der jeweiligen Konflikte. Von Folge zu Folge steigt der Zuschauer tiefer hinab in die Geschichten und Charaktere – der klassische 90-Minüter kann da kaum mithalten.
Die Macher des SAW-Serials nun ahmen, obwohl ihre Produktion pro forma an herkömmliche Horrorsequels erinnern, in gewisser Hinsicht die modernen dramaturgischen Strategien des amerikanischen Fernsehens nach. Jeder Teil für sich mag extreme Spannung und grausamen Grusel versprechen – um ihm wirklich folgen zu können, muss man die ganze Saga kennen. Non-linear und labyrinthisch kommt auch SAW V daher. Bis zurück in den ersten Teil verweisen die Flashbacks – die losen Enden der Erzählung werden neu verknüpft und sorgen für überraschende Erkenntnisse. So präsentiert sich der Psychopath Jigsaw hier nun als rigoroser Erzieher. Denn durch das diesmal besonders fein verzahnte Rückblendengeflecht steigt der Zuschauer noch tiefer in die Denk- und Handlungsweise von Jigsaw ein.
Kurz vor seinem Ableben hat er Detective Mark Hoffman (Costas Mandylor) in seinen Feldzug eingeweiht gegen das, wie er es nennt, „korrupte Rechtssystem, das Mörder immer wieder zurück auf die Straße befördert.“ Der Polizist hat einst selbst seine Schwester durch ein Gewaltverbrechen verloren, den Täter hat er in blindem Hass qualvoll zu Tode gefoltert. Nun wird der Racheengel, der lediglich Blut sehen will, von Jigsaw darüber belehrt, dass es eine höhere Form der Gerechtigkeit gibt: „Jeder verdient seine Chance“, raunt der alte und dem Tode nahe Herr seinem Nachfolger in einer zentralen Szene zu. Wer hätte das gedacht: Der Jigsaw-Killer, Erfinder perfidester Tötungstechniken, glaubt an den guten Kern auch in den schlechtesten Menschen.
Dass die immer neuen und höllisch überraschenden Wendungen im unübersichtlichen SAW-Kosmos plausibel ausgebreitet werden, liegt auch daran, dass es innerhalb der Crew eine gewisse Kontinuität gibt. Schon von Anfang an betreuen Mark Burg und Oren Koules als Produzenten die Reihe. Sie sorgen dafür, dass bei allem Gleichmaß auch neue Impulse Eingang finden. So rücken Mitglieder aus der SAW-Stammmannschaft, die mit den Besonderheiten des Unternehmens schon vertraut sind, immer wieder in andere Positionen auf.
Diesmal zum Beispiel übernahm der Ausstatter David Hackl, der maßgeblich die Foltergerätschaften der vorangegangen vier Episoden mit ausgetüftelt hat, die Regie. Bei SAW VI indes, so wurde gerade bekannt gegeben, wird Kevin Greutert für die Inszenierung verantwortlich zeichnen. Der Chef-Cutter hat bislang für den visionären Schnitt gesorgt und der Reihe ihren eigentümlich harten Rhythmus vorgegeben.
Auch hier ahmen die Verantwortlichen von SAW also auf höchst kreative Weise das Fernsehen samt dessen durchlässigeren Hierarchien nach. Eine kluge Taktik, um die Horror-Saga auch in Zukunft offen für neue Impulse zu halten.