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    Abenteuer, Komödie | Deutschland 2008
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      • | Der Regisseur über den Film

      • „Ich bin Jahrgang 1965 und fühle mich zur ,Generation Boot‘ zugehörig“, sagt Regisseur Sven Unterwaldt. „Wolfgang Petersens Film kam 1981 ins Kino und hat sicher dazu beigetragen, dass ich Regisseur werden wollte. Noch mehr begeisterte mich dann die fünfstündige Fernsehfassung, die ich in meiner Heimatstadt Lübeck sogar auf der Leinwand sehen konnte. Petersen war bereits Vorbild für mich, seit er sich mit berühmten ,Tatort‘-Episoden wie ,Reifeprüfung‘ profiliert hatte. Mit dem ,Boot‘ präsentierte er nun Weltkino, es folgten dann ,Die unendliche Geschichte‘ etc. – das machte richtig Lust, diesen Beruf zu ergreifen.“

        Unterwaldt weiter: „Nach Papas Kino à la „Wenn die tollen Tanten kommen“ und dem jungen deutschen Film mit Wenders und Fassbinder war dies ein neues Kapitel im deutschen Film: ein großes, anspruchsvolles aufwändiges, packendes Kinoabenteuer auf internationalem Niveau. Das hatte es vorher nicht gegeben. ,Das Boot‘ lief in einer Zeit an, in der mich das deutsche Kino sehr wenig interessierte. Ich schaute mir lieber amerikanische Filme an. Umso begeisterter war ich, als mit dem ,Boot‘ ein Film in die Kinos kam, der in jeder Hinsicht Weltformat hatte.“


        „Das Boot“ – ein deutscher Kinomythos

        Petersen zeigt anfangs durchaus die Heldenverehrung, die die U-Bootfahrer erlebten, wenn sie in schicken Uniformen an Bord antraten und mit Marschmusik aus dem Hafen geleitet wurden. Der Kontrast zur anschließenden Realität des Krieges ist umso stärker. Es ging Petersen nicht darum, die Kriegsschuld zu diskutieren, die Soldaten als Kriegsverbrecher zu zeigen. Vielmehr stellt er eine Gruppe blutjunger Männer in den Mittelpunkt, die durch Propaganda verführt und für eine größenwahnsinnige Idee sinnlos geopfert werden.

        Dafür steht besonders der begeisterte Kriegsberichterstatter Leutnant Werner (Herbert Grönemeyer), der zunächst vorhat, einen flammenden Heldenbericht über die U-Bootfahrer zu verfassen, bis er dem Tod ins Auge sieht und den Irrsinn des Konzepts erkennt.

        Etliche Filmkritiker verrissen den Film, waren uneins, ob der Film als traditioneller „Kriegsfilm“ oder als „Anti-Kriegsfilm“ einzustufen sei. Doch das Publikum reagierte begeistert: 3,8 Millionen Zuschauer sahen den Film in den deutschen Kinos. Bei Produktionskosten von DM 25 Millionen spielte er 160 Millionen ein. Und auch in den USA erwies sich die Präsentation des Films bei der Uraufführung als wahrer Triumphzug: Als der Film in Los Angeles zum ersten Mal gezeigt wurde, klatschten die Zuschauer, als im Vorspann eingeblendet wird, dass von 40.000 deutschen U-Boot-Fahrern 30.000 nicht zurückgekehrt seien. Doch der Film kehrte dann die Stimmung des Publikums ins komplette Gegenteil: Petersen wurde anschließend begeistert gefeiert. Produzent Günter Rohrbachs Erklärung für den Erfolg: Das Boot ist eine Mischung aus Käfig, Tier und Waffe – diese ungewöhnliche Kombination trug zur außerordentlichen Publikumswirkung bei.
        Der Film wurde 1983 in sechs Oscar-Kategorien nominiert: Regie, Drehbuch, Schnitt, Kamera, Ton und Tonschnitt. Nie zuvor hatte ein fremdsprachiger Film derart viele Oscar-Nominierungen auf sich vereinigt. Und nach wie vor hält „Das Boot“ den Rekord als erfolgreichster deutscher Film in den USA.

        „Was mich so fasziniert: Petersen macht eine klare Aussage gegen den Krieg, verpackt das aber in eine mitreißende Story“, sagt Sven Unterwaldt. „Dagegen finde ich andere Filme wenig überzeugend, die ihr anspruchsvolles Thema so schwer verdaulich aufbereiten, dass sich nur Intellektuelle durchquälen mögen. Petersens Thema ist sehr wichtig, aber er gestaltet es mit Hollywood-Mitteln derart spannend, dass er damit ein viel größeres Publikum nicht nur erreicht, sondern auch beeindruckt. Denn wir werden unentrinnbar mit hineingezogen in die klaustrophobische Enge des Boots – vor allem nach der fünfstündigen Fassung kommt man aus dem Kino und atmet erstmal tief durch, fühlt sich wie befreit und freut sich, dass man festen Boden unter den Füßen hat. Das ist für mich eine Regieleistung, die mich ungeheuer beeindruckt, die Vorbildcharakter hat.“

        Nicht nur die ,Boot‘-Story liefert Motive für „U-900“, auch bei der Besetzung „zitiert“ Unterwaldt sein Vorbild: Jan Fedder, der diesmal den legendären Kapitänleutnant Rönberg spielt, war im „Boot“ als Pilgrim zu sehen. Ebenso bewusst besetzte Unterwaldt zwei Söhne von inzwischen berühmten „Boot“-Veteranen: Martin Semmelrogges (II. Wachoffizier an Bord von U-96) Sohn Dustin spielt den Funker Tillkowski, und Ralph Richters (Frenssen an Bord von U-96) Sohn Maxwell ist in „U-900“ als Tillkowskis Kamerad Jensen zu sehen. Die beiden werden im Film bewusst als Duo präsentiert, das sich ständig streitet und den Außenseiter Messerschmidt (Maxim Mehmet; angelehnt an Leutnant Werner/Herbert Grönemeyer) aufs Korn nimmt.

        Eine weitere direkte Anlehnung an das Original ist Maschinist Albert (Unterwaldt-Spezi Axel Neumann, der bereits in „Siegfried“ und „7 Zwerge – Der Wald ist nicht genug“ dabei war), quasi eine Verbeugung vor Erwin Leder, der in „Das Boot“ das „Bordgespenst“ Johann spielte. In vielen Einstellungen wird Petersens Film zitiert, zum Beispiel wenn die Kamera den nackten Hintern eines Matrosen einfängt.

        „Ich entwickelte mich im Laufe der Vorbereitung zu einem echten U-Boot-Experten“, berichtet Unterwaldt. „Wir haben umfangreich recherchiert über den U-Boot-Typ VIIC, den Petersen in ,Das Boot‘ verwendet und der der meist verbreitete Typ der deutschen Flotte war. Auch wir verwenden dieses Modell.“

        Der U-Boot-Typ VIIC war 67 Meter lang und hatte an der breitesten Stelle einen Durchmesser von 6,5 Metern. Die vom Werk garantierte Tauchtiefe betrug 90 Meter. Bei normaler Überwasserfahrt hatte das Boot eine Reichweite von 8850 Seemeilen. Es konnte bis zu 14 Torpedos laden. Höchstgeschwindigkeit: über Wasser 17,3 Knoten (32 km/h), unter Wasser 7,6 Knoten (14 km/h). Besatzung: 50 Mann.

        Lothar-Günther Buchheim, Autor des Romans, der Petersen als Vorlage diente, hatte den U-Boot-Krieg selbst erlebt – er verewigte sich in der Figur des Kriegsberichterstatters Leutnant Werner (Grönemeyer). Neben dem Roman veröffentlichte er drei Bildbände zum Thema, die Unterwaldt und sein Team als Anschauungsmaterial benutzten. Darin wird wirklich jede Einzelheit des Lebens an Bord erklärt: Was macht der Maschinengast, was macht der Dieselmaat? Wie funktioniert das Tiefenruder? Dem Filmteam stand zudem ein hervorragender Marinefachberater zur Verfügung, der selbst zur See gefahren ist und beim Dreh ständig dabei war. „Er musste mir jede Einzelheit minutiös erklären“, sagt Unterwaldt. „Denn genau wie Petersen habe ich den Ehrgeiz, auch Fachleute unter den Zuschauern in dem Sinne zu beeindrucken, dass alle Details stimmen.“

        Unterwaldt wendet sich nach den Grimmschen Märchen in den beiden Zwergenfilmen und Tom Gerhardt als „Siegfried“ zum dritten Mal einem deutschen Mythos zu. Ist das Zufall oder Methode?

        „Das habe ich mich auch schon gefragt“, sagt der Regisseur. „Als Lebensentwurf geplant war das jedenfalls nicht. Es liegt wohl eher daran, dass ich ein großer Filmfan bin. Einerseits bin ich heute Filmemacher, andererseits bleibe ich weiter begeisterter Filmkonsument – ähnlich wie Quentin Tarantino, der kein Hehl aus seiner Begeisterung für die B-Filme der 70er-Jahre macht. Ich mag sehr viele Genres, liebte damals die berühmten russischen oder tschechischen Märchenfilme wie ,Rumburak‘ – also machte ich einen Märchenfilm. ,Siegfried‘ entstand aus meinem Faible für die großen Heldenepen. Und ebenso schätzte ich ,Das Boot‘. Als Filmemacher versuche ich das umzusetzen, was mich als Kinozuschauer fasziniert hat.“

        „Ich habe großes Glück, dass sich Filme mit meinem Anspruch an Ausstattung und Detail heute überhaupt realisieren lassen“, fährt Unterwaldt fort. „Vor zehn, 15 Jahren war das noch kaum denkbar. Damals sahen die erfolgreichen deutschen Filme wie Fernsehproduktionen aus: ,Männer‘, ,Der bewegte Mann‘, ,Nach fünf im Urwald‘, ,Workaholic‘. Die kosteten ein Drittel des Budgets meiner Filme heute. Doch derzeit schaut sich das Kinopublikum gern aufwändige Produktionen an, weil ja im Vergleich auch die Fernsehproduktionen viel besser geworden sind – ich erwähne in diesem Zusammenhang nur die tollen TV-Filme von Nico Hofmann. Daher muss man im Kino noch eine Schippe drauflegen, um die Zuschauer zu beeindrucken, um sie in fremde Zeiten und Welten zu entführen, sodass sie das Gefühl bekommen, dass sich das Kinoticket auch lohnt. Also: Für die Produzenten sind meine Filme nicht gerade Schnäppchen – ich versuche sie immer zu überzeugen, dass sich die Investition lohnt.“


        Dürfen Nazis komisch sein?

        „,U-900‘ ist keine politische Komödie, wir zeigen die Nazis eher im Stil von ,Indiana Jones‘, als pure Bösewichte“, sagt Unterwaldt. „Der Amerikaner Steven Spielberg darf das – aber dürfen wir als Deutsche das auch: Nazis ,nur‘ als Schurken in einer Abenteuerkomödie präsentieren?

        Oder geht das nur als Satire wie in Dani Levys ,Mein Führer‘? Stilistisch war mein konkretes Vorbild eher Ernst Lubitschs ,Sein oder Nichtsein‘: Die Mitglieder der Schauspielertruppe in dieser klassischen Komödie sind keine Helden, sie wollen die Welt nicht verändern, haben keine politischen Absichten, sie wollen einfach Theater spielen und überleben – und werden dabei von den Nazis gejagt. Atze verhält sich ganz ähnlich: Er will sich einfach nur irgendwie durch diese Zeit wurschteln und sich möglichst aus allem heraushalten. Aber er merkt im Verlauf der Handlung: So einfach geht das nicht.“
        Sven Unterwaldt weiter: „Ich bin überzeugt: Auch wir dürfen die Nazis komisch zeigen. Im deutschen Film erleben wir einerseits die politische Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich: ,Napola‘, ,Sophie Scholl‘, ,Der letzte Zug‘ und weitere sehr wichtige Filme. Aber man darf nicht vergessen: In diese Filme gehen nur Zuschauer, die ohnehin schon die richtige politische Einstellung haben. Dagegen machen wir Filme für Zuschauer, unter denen manche vielleicht sogar für rechtes Gedankengut empfänglich sind. Das heißt: Wir machen Popcorn-Kino, in dem wir aber klar Flagge zeigen nach dem Motto: Die Nazis sind die Bösewichte, die nicht einmal eine moralische Grundposition haben, denn wir machen sie nach Strich und Faden lächerlich. Selbst der Obernazi verrät am Ende seine Ideale. Sie haben keinerlei Anstand, taugen also überhaupt nicht als Vorbild.

        Einfach gestrickte Zuschauer mögen oft denken: ,Bösewichte sind echt cool in ihren schwarzen Ledermänteln.‘ In diesem Sinne tauchen Nazi-Embleme zum Beispiel in ,Sin City‘ auf.

        Solch ein Interesse wecken unsere Nazis dagegen überhaupt nicht. Unsere Schurken sind einfach nur dumm wie die Nazis in ,Blues Brothers‘, die von den Helden von der Brücke gefegt werden: Sie sind eindeutige Loser. Auch das ist ein Bekenntnis gegen Rechts. Ob im Popcorn-Kino oder Intellektuellenfilm – man darf keine Gelegenheit auslassen, um Stimmung gegen Rechts zu machen. Und wenn das auf die Aussage ,Nazis sind doof‘ reduziert wird, dann ist das meiner Meinung nach in diesem Fall genau richtig.“

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