Wayne Wang stieß durch eine Reihe von Zufällen auf „A Thousand Years of Good Prayers“. Im Büro von Zoetrope traf er letztes Jahr auf den „All-Story“-Cutter Michael Ray, der ihm Yiun Lis Erstveröffentlichung, die Kurzgeschichtensammlung „A Thousand Years of Good Prayers“ in die Hand drückte. Dann, später am selben Tag, ging Wang zu einem Treffen im Center for Asian American Media (CAAM), dessen Geschäftsführer Stephen Gong eine Tochter hat, die die gleiche Schule besuchte wie Yiun Lis Kinder. Nachdem er die Kurzgeschichten gelesen hatte, entschied sich Wang dafür, die Titelgeschichte zu verfilmen, da sie ihn an all die Filme Ozus erinnerte, die Wang als Filmstudent so bewunderte.
Als Wang sich mit Yiyun Li wegen seines Films in Verbindung setzte, bat er sie, das Drehbuch zu schreiben. Li hatte zwar zu diesem Zeitpunkt noch keinerlei Erfahrungen im Filmgeschäft, aber Wang hat wenig mehr getan hat, als sie mit Software für die Drehbuchentwicklung zu versorgen und sie dazu zu drängen, sich die technische Seite des Drehbuchschreibens selbst beizubringen. Dann gibt er ihr noch ein paar gute Skripte zum Lesen. Während des Schreibens gingen sie die Kurzgeschichte Schritt für Schritt durch, suchten die Stellen, die ihnen gefielen und diskutierten, welcher zusätzlicher Elemente es bedarf, um das Buch zum Leben zu erwecken. Ihr Skript war dann schließlich auch sehr nahe an der zugrunde liegenden Kurzgeschichte.
Als nächstes musste sich Wang entscheiden, wo er den Film spielen lassen wollte. Die Geschichte spielt nur vage irgendwo im mittleren Westen – Wang vermutete, dass es wahrscheinlich Iowa sein dürfte, wo Li ihren Abschluss in Immunologie erhielt, bevor sie ihr Magister im Iowa Writer’s Workshop bekam. Wayne entschloss sich für Spokane, Washington. Die Städte im östlichen Teil Washingtons haben, was politische und soziale Einstellungen angeht, mehr gemein mit dem benachbarten Idaho als die Städte im westlichen Teil des Staates. Spokane lässt Mittel Amerika auf die gleiche Weise zum Leben erwecken, wie es Iowa tut. Wang hatte Spokane mit Hilfe von North by Northwest Productions gescoutet, einer Produktionsfirma, die in dieser Region schon sehr viele Erfahrungen mit Spielfilmen sammeln konnte. Als sich Wang mit Richard Cowen, dem Präsidenten der Firma traf, war er tief beeindruckt von deren Hingabe an einen derart kleinen, unabhängigen Film wie „Mr. Shi“.
Spokan stellte sich als idealer Drehort für den Film heraus. Nach Wangs Angaben hat die Stadt eine Unmenge an großen Appartement-Komplexen die ihn so faszinierten, dass einen davon als den Ort aussuchte, an dem Yilan, die Tochter, leben sollte. Außerdem gibt es in Spokane eine große Präsenz von von Immigranten, darunter Chinesen, Russen und Iraner, um das Aufeinandertreffen dieser Kulturen gemäß der Buchvorlage glaubhaft darzustellen. Und schließlich war Wang von der Tatsache beeindruckt, dass Spokane für viele Amerikaner japanischer Abstammung der nächstgelegene Anlaufpunkt im Landesinnern war, um der Inhaftierung während des zweiten Weltkriegs zu entgehen.
Einmal in Spokane angekommen, wurde Wang bald klar, dass professionelle Schauspieler rar waren. Aus der Not heraus entschied er sich dazu, hauptsächlich mit Laien zu arbeiten. Gerade diese Personen verleihen dem Film jedoch sehr viel an Konsistenz und Echtheit. Das Bikini-Mädchen am Pool, das sich mit Shi unterhält, hatte tatsächlich einen Abschluss als Forensikerin und war zu der Zeit als sie im Film mitspielte gerade ohne Beschäftigung. Auch der Manager des Wohnkomplexes war wirklich ehemaliger CIA-Mitarbeiter und steuerte seine eigenen Familiengeschichten bei. Die beiden Mormonen, die Shi besuchen, sind dies auch im wahren Leben. Und obwohl der Eigentümer des Antiquitätenladens ein Schauspieler ist, ist die Geschichte über das Messer, das General Custer in seiner letzen Schlacht benutzte, eine Anekdote vom echten Besitzer des Ladens.
Wie bei den Laiendarstellern hatte auch das Leben des Schauspielers Henry O Parallelen zu der Rolle, die er spielte. Während ihrer ersten Gespräche bemerkte Wang großen Übereinstimmungen zwischen Henrys komplizierter persönlicher Geschichte während der Kulturrevolution und der von Mr. Shi. Obwohl Henry nie die genauen Umstände erzählte, war doch klar, dass er als Intellektueller verfolgt und aus seiner Anstellung im Theater „entfernt“ wurde. Es war ebenfalls klar, dass man ihn später bat, zurück zu kehren, er aber ablehnte. Henry lebt allerdings schon so lange in den Staaten, dass er während des Drehs Schwierigkeiten hatte, wie ein Chinese zu klingen, der gerade erst aus Peking angekommen ist. Er wurde tatkräftig unterstützt von Yiyun Lis gutem Ohr für authentisches Anfänger- Englisch und war sehr penibel, gebrochenes Englisch so gut nachzuahmen, wie er nur konnte.
Die Gespräche auf der Parkbank, die nur teilweise untertitelt in Mandarin, Farsi und sehr rudimentärem Englisch geführt werden, sind der emotionale Höhepunkt von „Mr. Shi“. Ihre Mimik und Gestik, und nicht ihre Unfähigkeit, mit einander zu sprechen, sind laut Wang die Ursache für die emotionale Verbindung, die das ultimative Ziel ihres Austauschs ist. Seit seinem ersten Film „Chan ist verschwunden“ hat Wang Szenen ohne Untertitel sehr geschätzt. Er hofft, dass der Zuschauer sich auf andere Hinweise als die der Worte verlässt, um die Beredsamkeit des Kontakts unter Mitmenschen wertzuschätzen.
Die richtige Schauspielerin für die Rolle von Yilan zu finden, war eine ebenso gewaltige Aufgabe. Sie musste sowohl fließend Mandarin sprechen, als auch gerade erlangtes, fließendes Englisch. Schließlich ließ Wang noch mal alle Schauspielerinnen vor seinem geistigen Auge Revue passieren, die bei ihm für „Töchter des Himmels“ vorsprachen und mitspielten. Er erinnerte sich an Faye Yu, die die Rolle der Ying Ying spielte, des jungen Mädchens, die ihr eigens Kind wegen ihres gewalttätigen Mannes ertränkte. Damals war Faye noch sehr jung, noch Studentin an der Schauspielschule in Peking, und sprach fast kein Englisch. Wang hatte erfahren, dass Faye kurz nach „Töchter des Himmels“ nach LA gezogen war, um Englisch zu lernen, dann aber wieder nach China zurückkehrte, um ihre Schauspielkarriere voranzubringen. Er machte sie durch einen Freund ausfindig und telefonierte mit ihr. Sobald er hörte, wie gut ihr Englisch war, sagte er ihr die Rolle zu Nachdem er das Gefühl hatte, dass die Schauspieler passend besetzt wurden, war Wangs größte Herausforderung, die Darsteller während des Filmens dazu zu ermutigen, sich weniger auf das Schauspielern zu konzentrieren, Vielmehr animierte er sie dazu, ihre Rollen mit Leben zu füllen. Er und sein Kameramann beobachteten die Darsteller immer außerhalb des Sets, um nach kleinen Eigenheiten und Bewegungen Ausschau zu halten, die ganz natürlich in ihre Darstellungen einfließen konnten. Täglich ertappte sich Wang dabei, Teile des Skripts zu ändern und Szenen drehen zu wollen, die noch nicht einmal geschrieben waren. Sein lebendiger Ansatz zu filmen entstand aus dem Wunsch heraus, der komplexen Geschichte eines Vaters, der versucht, hinter das Geheimnis des Schweigens seiner Tochter zu kommen, mehr Authentizität und Spontaneität zu verleihen.
Für Wang war das bedächtige Tempo von „Mr. Shi“ eine bewusste und notwendige Entscheidung. Er fand diesen Rhythmus notwendig für einen Film, der seine Figuren dabei beobachtet, wie sie von Herzen kommende Gespräche führen, in denen sie lernen miteinander zu kommunizieren. Wang vermutet, dass diese Veränderung seines Filmemachens daher rührt, das es sich bei seinen letzten Filmen ausschließlich um große Studioproduktionen handelte. In diesen Filmen gibt es eine letzte straffende Schnittphase (den sog. „Pacing Pass“), in der alle Pausen und ruhigen Momente, die für das Vorangehen der Handlung unnötig scheinen, entfernt werden. Im Gegensatz dazu möchte Wang diesem Film (und seinen Zuschauern) die Möglichkeit geben, sich „Zeit zu nehmen“, sich einen gelegentlichen Seufzer zu erlauben, und damit zu einem tiefern und umfassenderen Verständnis der eigenen natürlichen Selbstentfaltung zu kommen.
Produktionsdesigner Vincent De Felice hat sehr viel Recherchearbeit über junge chinesische Immigranten geleistet, vor allem über jene aus dem akademischen Umfeld. Die Recherchefotos belegten, wie die Appartements nach Außen hin absichtlich so gestaltet waren, um einen westlichen und modernen Eindruck zu erwecken. Wenn man jedoch näher hinsah, wurde deutlich, dass die persönlichsten und wertvollsten Gegenstände immer chinesische waren. Er entwickelte ein Szenenbild, das jene Wohnräume eins zu eins wiedergeben sollte. Sein Ziel war es, Yilans Appartement kulturell präzise darzustellen, dabei aber gleichzeitig durch die Gestaltung die Tiefe und Gefühlszustände der Figuren zu unterstreichen. „Mr. Shi“ wurde von Kameramann Patrick Lindenmaier mit einer High-End HD Videokamera gedreht. Lindenmaier besteht auf einer senkrechten Symmetrie, die zuweilen sehr streng ist. Der daraus resultierende Eindruck von Stabilität, ergänzt die Bodenständigkeit und Gelassenheit, die die Figuren zu finden versuchen.
Die andere visuelle Idee, die Wang und Lindenmaier intensiv umzusetzen versuchten, war es, eine Strategie zu entwickeln, die die körperliche Trennung zwischen Vater und Tochter auszudrücken vermochte. Das Appartement war bewusst sehr gewöhnlich und spärlich in Stil und Details. Das wichtigste Detail, nach dem sie suchten, war die präzise Positionierung einer Wand zwischen Küche und Wohnzimmer. Während die Szenen beim Abendessen voranschritten, intensivierte sich diese visuelle Trennung Stufe für Stufe über den ganzen Film hinweg.
Wang ist nicht gerne abergläubisch, aber er bemerkte, dass man unbedingt ein Wort darüber verlieren sollte, wie gut alle während der Produktion miteinander auskamen und wie glatt alles gelaufen ist. Am letzten Drehtag von „Mr. Shi“, direkt nach der letzten Szene, frischte der Wind derart auf, dass es Wang nicht möglich war, eine letzte Variation der Totalen zu filmen. Faye Yu kam darufhin auf Wang zu und bemerkte, dass dieses mysteriöse Omen „tausend Jahre guter Gebete für den Film bedeuten müssen.“