Es begann mit der Suche nach Formen der Verweigerung und des Widerstands in unserer Gesellschaft. Über das Thema Schulverweigerung stieß ich letztlich auf eine Clique von Straßenfußballern, in der auch Valentina spielte. Ich fand in Valentina und Suli ein kongeniales Paar für den Film. Auf der einen Seite Valentinas scheinbar freie Art zu Leben und ihre unglaubliche Energie, die Freundin, die sich sorgt und auf der anderen Seite die äußeren Zwänge. Es ist eine doppelte Form der Verweigerung: die Gesellschaft verweigert sich ihr, nimmt sie nicht auf, und sie verweigert sich den gesellschaftlichen Ansprüchen, mit denen sie konfrontiert wird.
Wie haben Sie Suli und Valentina kennen gelernt und für den Film gewinnen können? Gab es ein Schlüsselerlebnis?
Ich habe Valentina auf einem Bolzplatz in München Sendling das erste Mal getroffen, bei einem Straßenfußball-Turnier. Valentina war mit ihrer Mannschaft, den Harras Ladies da, bei denen sie damals schon Spielführerin war. Ich sah sie auf dem Platz agieren und war ziemlich schnell davon überzeugt, dass sie eine Rolle in dem Film spielen sollte. Mit präzise aggressiver Eleganz dirigierte sie damals die Mädchen-Gang über den Platz. Suli lernte ich wenig später als eine ihrer besten Freundinnen kennen. Die beiden gefielen mir als ungleiches Paar, durch ihre Unterschiedlichkeit ergänzten sie einander sehr gut.
Warum, glauben Sie, haben die beiden Mädchen sich bereit erklärt, den Film mit Ihnen zu machen?
Das ist eine Sache des Vertrauens, das hat sich zwischen uns sehr schnell eingestellt. Aber man muss auch viel Zeit investieren. Ich habe mit allen Jugendlichen, die im Film vorkommen, viel Zeit vorher verbracht, habe die Familien besucht, mit den Müttern gesprochen, – die Väter waren meist abwesend. Ich habe ihnen das Vorhaben beschrieben und mit den Jugendlichen Pläne geschmiedet. Valentinas Mutter habe ich vor den Dreharbeiten oft in der Flüchtlingsunterkunft besucht, sie hat mir jedes Mal einen ihrer selbstgebackenen Kuchen serviert, wir haben viel diskutiert, über Politik und natürlich über ihre Situation in Deutschland; um den Film ging es bald nicht mehr. Und ich habe viel fotografiert. Ich wurde für eine gewisse Zeit sogar Hausfotograf der Flüchtlingsunterkunft, jeder wollte ein, zwei Bilder haben. So entstand auch die Fotoausstellung zum Film. Die Mutter hat mir ihre Tochter für diesen Film anvertraut, obwohl sie das wahrscheinlich nicht offiziell hätte machen müssen, da Valentina sowieso tut, was sie will. Bei Suli war das etwas anders, ihre Mutter war zwar von meinem Vorhaben angetan, wollte aber nicht, dass ihre Tochter in der Schule gestört wird, so haben wir uns zeitlich arrangieren müssen. Überhaupt hatte es Suli schwerer, sich freie Zeit für den Dreh zu nehmen. Das Vertrauen zwischen uns war aber ebenso da.
Beschreiben Sie die Arbeit mit ihnen. Hat sich die Idee / die Richtung des Films bei der Arbeit mit den Mädchen verändert?
Ja, es gab zwar eine Art Buch, oder eher ein gut ausgearbeitetes Treatment, mit genauen visuellen Vorstellungen vom Film. Aber die Gewichtung der einzelnen Geschichten hat sich erst im Laufe der Dreharbeiten ergeben. Die beiden Mädchen haben als Freundinnenpaar immer mehr Platz eingenommen. Die Zusammenarbeit mit ihnen, das gegenseitige Vertrauen war einfach sehr gut, und so konnte ich mit ihnen sehr viel besser arbeiten und präziser erzählen, als das bei den anderen Jugendlichen der Fall war. So rückte die Freundinnen-Geschichte allmählich ins Zentrum des Films und ich konnte mit ihr das erzählen, was ich im Grunde schon ganz zu Anfang wollte, das „Gesellschaftsspiel der Verweigerungen“.
Die Kamera von Martin Farkas hebt sich von anderen Dokumentarfilmen ab, warum und was war Ihnen dabei besonders wichtig?
Wir haben viel über die Ästhetik des Films gesprochen. Die Erzählhaltung sollte dokumentarisch bleiben, beobachtend, aber wissend sollte die Kamera ihren Weg durch die Geschichten finden. Es sollte keine Interviews, eher Gespräche geben; es sollte untereinander geredet oder telefoniert werden und in die Kamera, also mit mir gesprochen werden. Mir ist dabei die Konzentration wichtig, mit der die Bilder eingefangen werden, trotz der oft auch spontanen Momente in der dokumentarischen Arbeit. Darüber haben wir viel gesprochen. Ebenso über die Orte im Film und die Verknüpfung der Figuren mit den Orten, an denen sie agieren. Ich fotografiere vor einem Film sehr viel, um so bei der Entwicklung des Stoffes schon einen Zugang auch zu der ästhetischen Erzählform zu finden. Die Zusammenarbeit mit Martin war sehr gut, ich hatte schnell das Gefühl, der versteht mich nicht nur, sondern setzt das auch sehr gut um. Er hat das Gespür, für das Unausgesprochene, für das, was dazwischen liegt - das suche ich.
Wie war Ihre Herangehensweise im Sinne des dokumentarischen Arbeitens? Und spiegelt sich das auch in der dokumentarischen Inszenierung wieder und was bezwecken Sie damit?
Ich will vor allem Filme fürs Kino machen, ob sich die nun mehr aus Dokumentarischem speist, oder eher fiktiv ist, bleibt dabei zunächst egal. Bei DRAUSSEN BLEIBEN bin ich einen Weg gegangen, der so durch die besondere Zusammenarbeit mit den beiden Hauptfiguren möglich wurde. Ich suche nach Verdichtung. Und durch diese Art der Verdichtung dokumentarischer Momente erhoffe ich mir, eine entsprechende Erzählform zu finden, die in ihrer Intensität so weder in der klassisch dokumentarischen, noch in der rein fiktiven Form erfahrbar wird. Es ist das Spiel mit dem Moment, in dem der Mensch aus seiner ihm eigenen Rolle heraus tritt, das interessiert mich, aber auch immer die Suche nach neuen Erzählformen, wie Fassbinder das beispielsweise mit dem Anti-Theater versucht hat.