Donnerstag | 31. Mai 2012 | 23:51 Uhr
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  • FILMDETAILS | Kirschblüten - Hanami
  • Kirschblüten - Hanami

    Drama, Romanze | Deutschland 2007
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      • | Interview mit Doris Dörrie (Regie und Drehbuc

      • Für Rudi hatte ich immer ein Bild von Peter Lorre von hinten in „M - eine Stadt sucht einen Mörder“ im Kopf – er trägt Mantel und Hut, ist gedrungen, hat etwas von einem Stein. Ein Mann mit hochgezogener Schulter, der eigentlich völlig erstarrt ist - deshalb trägt Rudi auch immer Hut und Mantel.


        Als Rudi um seine Frau heftig trauert, beginnt er irgendwann, den Rock von Trudi zu tragen, ihre Halskette, was geschieht da mit ihm?

        Der Prozess der Trauer ist wohl eine Integration. Also erstmal ist da das unendliche Leiden darüber, dass man körperlich separiert ist und den anderen körperlich nicht mehr wieder finden wird. Dann ist es eine Form der geglückten, inneren Integration, dass man irgendwann den anderen in sich trägt. Dann nimmt man einen inneren Dialog auf, der auch weiter besteht, den kann auch nichts zerstören, den behält man. Und Rudi findet Trudi wieder, findet den Dialog mit ihr in sich, stärker als er ihn am Ende real noch gehabt hat. Er findet das wieder, was er mit Trudi mal hatte, einen inneren Dialog, den man hat, wenn man lange zusammenlebt. Der aber oft verschüttet wird, durch Alltag, Erstarrung und durch Faulheit.
        Das Thema Vergänglichkeit ist unerschöpflich, keiner von uns kommt damit klar. Das einzige was konstant ist, ist, dass nichts konstant ist. Nichts bleibt so wie es ist. Das will keiner, das zeichnet unsere menschliche Natur aus - und das produziert viel Leiden. Wir wollen den schönen Augenblick festhalten ... das hat für mich auch viel mit dem Filmemachen zu tun, diese Vergänglichkeit, das Herstellen von Momenten, die zerfließen und nicht mehr da sind, und gleichzeitig das Festhalten davon.


        Aber KIRSCHBLÜTEN - HANAMI ist auch ein Film über die Liebe.

        Natürlich ist es ein Liebesfilm, aber die Liebe ist vergänglich. Man muss der Liebe die Chance geben, sich in ihrem größten Schmerz und ihrer Kraft zu zeigen. Deshalb sitzen die Japaner unter den Kirschblüten, weil die Schönheit ungeheuerlich ist, wenn sie aufblühen. Gleichzeitig ist der Schmerz darüber, dass dieses Aufblühen nur so kurz ist, auch sehr groß. Man muss den Moment erwischen, wo sie aufblühen, deswegen stehen überall die Kirschblütenbeobachter unter den Bäumen. Denn wenn man diesen Moment verpasst, dann war’s das, für ein ganzes Jahr oder für immer. Wer weiß, ob man wieder einen Kirschbaum sieht. Deswegen muss man sich ran halten mit der Liebe, man muss ihr die Möglichkeit geben aufzublühen und man muss dann auch da sein, wenn sie aufblühen will: man muss sie wahrnehmen. Der Kirschblüte muss man die Gelegenheit geben, aufzublühen. Und darum geht’s, dass jeder Mensch, jede Pflanze, jedes Tier diesen Moment bekommt, wo man sich wirklich entfalten und zeigen kann. Aber was oft passiert mit uns in der Routine, auch mit Rudi, ist, dass der Deckel immer drauf bleibt, und wir unser wahres Selbst und unsere eigentliche Schönheit nie entfalten, nie voll erblühen können wie die Kirschblüte.


        Was hat Sie zu diesem Film inspiriert?

        Viele verschiedene Dinge. Teile meiner eigenen Geschichte, und dann die alten japanischen Filme, Ozu natürlich, seine Familiengeschichten, und meine Begeisterung für Japan und Butoh. Entscheidend war jedoch, dass ich diesen Film so ähnlich drehen wollte wie ERLEUCHTUNG GARANTIERT. Also nicht so festgezurrt, nicht mit einem riesigen Team, sondern mit der Möglichkeit, alles in Bewegung zu halten. Ich bin deshalb letztes Jahr nach Japan gefahren, habe dort die Motive gesucht und das Allgäu dann dazu gesetzt. Dort wohne ich auch, kenne mich aus. Parallel dazu hab ich Butoh kennen gelernt, habe einen Workshop mit Tadashi Endo gemacht, und habe versucht diesen Tanz zu lernen, zu verstehen.


        Was ist Butoh?

        Butoh entstand in der japanischen Hippiebewegung. Kazuo Ono hat versucht, deutschen Ausdruckstanz mit japanischen Formen zu verbinden. Butohtänzer sind noch heute komplette Außenseiter, auch in Japan kennen das nur Leute, die sich um Kunst und Kultur kümmern. Die Masse kennt das nicht. Butoh hat viel mit Entstehen und Vergehen zu tun: mit Geboren werden und Sterben. Die Vergänglichkeit ist das Thema von Butoh und ist auch das Thema des Films.


        Elmar Wepper und Hannelore Elsner spielen ungeschminkt, frei...

        Für so ein Projekt kann man nur Schauspieler mit Löwenherzen besetzen. Elmar Wepper hab ich beim FISCHER kennen gelernt und habe gesehen, was für ein Löwenherz dieser Mann hat. Wie offen und frei dieser Mann ist und wie neugierig. Ich habe dieses Drehbuch dann für ihn geschrieben, er hat alles andere sehr stark definiert und er brauchte dann eine Frau, die mindestens so stark ist wie er, wenn nicht sogar stärker - zumindest im ersten Teil. Der ganze Film geht von Elmar aus, den ich überwältigend finde.


        Sie haben mit einer kleinen Kamera gedreht, mitten in Tokio, im Allgäu, oft wurde improvisiert.

        Das ist immer die Balance zwischen genau und gleichzeitig offen zu sein. Dazu braucht man viel Erfahrung und gleichzeitig ist es wie ein ständiges Training von Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Es macht riesigen Spaß, wenn man merkt, die Fiktion und die Realität haben einen gemeinsamen Pulsschlag. Dann geschehen wunderbare Dinge. Ein kleines Beispiel: an der Ostsee wollte ich natürlich Trauerwetter, bleierner Himmel, grau gepeitschtes Meer, wie es halt fast immer an der Ostsee ist. Aber dann war knallblauer Himmel, es war Badestimmung im April, überall nur nackte Menschen und Bikinis. Dann haben wir sofort drauf reagiert und die Trauergäste sind in ihren schwarzen Kleidern an den Strand gegangen und das war am Ende viel besser, denn es ist besonders tragisch, wenn das Wetter nicht zur Stimmung passt. Das ist nur ein kleines Beispiel, aber was immer des Weges kam, haben wir versucht einzubauen und zuzulassen.

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