„Mich hat das Thema einfach nicht losgelassen. Weil ich mich immer gefragt habe: Wäre das heute noch möglich? Ist es in Deutschland möglich, wo wir so aufgeklärt sind, wo wir soviel über Diktaturen, über das Dritte Reich gelernt haben? Funktioniert das heute immer noch? Und das war einfach eine Frage, die fand ich so spannend, der wollte ich nachgehen.“
Dennis Gansel
Die Idee, das Experiment DIE WELLE ins Kino zu bringen, entstand bei einem Abend unter Freunden. Der Regisseur Dennis Gansel erwähnte in einem Gespräch, dass er die Ereignisse, die sich 1967 in einer High School in Kalifornien zugetragen haben, so spannend findet, dass er sie gerne verfilmen würde. „Wir haben nie wieder darüber gesprochen“, erinnert sich Produzent Christian Becker, „es blieb dennoch im Kopf hängen. Deshalb habe ich versucht, an die Rechte zu kommen. Zuerst ohne es Dennis zu sagen, um keine großen Erwartungen aufzubauen.“ Die Reise ging quer durch die ganze Welt: Vom deutschen und englischen Buchverlag zum Autor des Jugendbuchklassikers DIE WELLE, Morton Rhue, über amerikanische Produktionsfirmen und verschiedenen Agenten. Bis Becker mit seinem Rat Pack-Team schließlich bei der Sony landete und nach zwei Jahren die Rechte mit Hilfe des Constantin-Vorstandes Martin Moszkowicz erwerben konnte. Ron Jones, der Initiator des Experiments, zeigte sich über die Hartnäckigkeit des deutschen Produzenten beeindruckt: „Christian ist unglaublich. Ich meine, wer opfert über zwei Jahre lang seine Energie und Zeit, um einem Traum nachzujagen? Genau das brauchen wir! Zig amerikanische Produzenten wollten den Stoff seit Jahren verfilmen und haben die Rechte nicht bekommen… Und dann brauchen wir Leute wie Dennis Gansel und Peter Thorwarth, die diesen Traum realisieren.“
Die Arbeit am Drehbuch entwickelte sich für Dennis Gansel und Peter Thorwarth, der während des Schreibens mit an Bord geholt wurde, zu einem Ausflug in die Vergangenheit. Genauer gesagt, in die Schulzeit in Hannover und Unna. „Wir versuchen wirklich Leute aus dem Leben heraus zu beschreiben. Eine Karo, ein Jens oder ein Dennis – das sind alles Charaktere, die entweder Peter Thorwarth oder mir entsprechen oder Leuten, mit denen wir selber zu Schule gegangen sind. Wir haben versucht, keine Kunstcharaktere zu schaffen, sondern Leute, die so existieren.“ Bestätigung, dass sie sich auf dem richtigen Weg befinden, erhielten sie von dem Mann, der das selbst erlebt hat. Ron Jones besuchte im Sommer 2007 die Dreharbeiten in Deutschland und fühlte sich in das Jahr 1967 zurückversetzt: „Hier am Set zu sein und die Darsteller zu beobachten, das ist, als würde ich Geister sehen.“
Die Filmemacher waren sich schnell einig, dass die Geschichte in einer fiktiven Stadt spielen muss. Nina Maag, ausführende Produzentin der Rat Pack Film: „Wir haben den Stoff bewusst in ein relativ intaktes Umfeld gesetzt, wo die Leute finanziell wenig Druck haben und die Kinder für unsere Zeit noch behütet aufwachsen können.
Die Autoren entschieden sich, das Experiment nicht mit dem Thema Faschismus zu starten – wie 1967 an der amerikanischen High School. „Das Thema Autokratie ist im Grunde nur ein Subbegriff von Diktatur“ so Dennis Gansel. „Natürlich geht es irgendwann in den Begriff Faschismus über. Ein Lehrer, der anfängt mit „Unser Thema ist Faschismus.“, der offenbart gleich sehr viel. Das Thema Autokratie hingegen hört sich erst harmlos an, ist aber vom sozialen Mechanismus her ähnlich“ Die Drehbuchautoren wussten natürlich, dass Nationalsozialismus ein wichtiges und umfangreiches Thema im deutschen Lehrplan darstellt. Genau dort setzten sie an: „Bei mir in der Schule war der Nationalsozialismus und das Dritte Reich ständig ein Thema. In Geschichte, Politik, Religion, Deutsch und sogar in Bio. Irgendwann stumpft man ab und will es einfach nicht mehr hören. Daraus resultiert eine gewisse Gleichgültigkeit bis hin Überheblichkeit - wir haben es kapiert, das kann uns nicht wieder passieren - und genau darin sehe ich die Gefahr“, so Peter Thorwarth.
Allen Beteiligten war klar, dass mit der Glaubwürdigkeit der Hauptfigur die Geschichte steht oder fällt. Die Filmemacher überlegten sich, wen sie selbst gerne als Lehrer gehabt hätten – und landeten bei Jürgen Vogel. Als dieser seine Zusage signalisierte, wurde die Rolle auf ihn zugeschrieben.
„Wir haben gesagt, das muss ein liberaler und sehr offener Lehrer sein, dem die Schüler vertrauen. Jemand der dann selber in das Experiment hineingezogen wird. Letztlich wurde aus der Figur ein Alt-Rocker, was übrigens Ron Jones auch ist. Er bezeichnet sich als Anarchist, das wussten wir noch gar nicht,“ so Nina Maag. „Er ist tatsächlich damals ein sehr liberaler Lehrer gewesen und so haben wir auch unsere Lehrerfigur angelegt: Jemand, der über den zweiten Bildungsweg reingeht, der nicht so ein spießiger Lehrer ist. Jemand, der auch Sport macht, der locker mit den Kids redet, der sich duzen lässt. Die Klasse geht gern in seinen Unterricht und die Schüler schreiben sich freiwillig in ein relativ schwieriges Thema ein“. Christiane Paul schien perfekt für die Rolle von „Anke Wenger“: eine Figur, die selbstbewusst und energisch aber auch sehr warmherzig angelegt wurde. Die Schwangerschaft der Schauspielerin übernahmen die Autoren kurzerhand ins Drehbuch.
Das Casting der Schüler nahm viel Zeit in Anspruch. Knapp ein Jahr suchten die Filmemacher im deutschsprachigen Raum nach jungen Schauspielern bis sie ihre perfekte Schulklasse zusammen hatten. Einige der jugendlichen Darsteller, mussten auch beim Wasserball eine glaubwürdige Figur abgeben. „Ich habe nach extrem charismatischen Schauspielern gesucht, die die Rolle gut ausfüllen können“, so Dennis Gansel. Einige der männlichen Hauptrollen sollten zudem eine gewisse Sportlichkeit mitbringen und in der Lage sein, binnen kurzer Zeit Wasserball zu erlernen.
Nicht ganz einfach hatte es die Crew während der Dreharbeiten der Wasserball-Szenen. Denn in dem Hallenbad in Berlin-Reinickendorf schnellte das Thermometer flugs auf 40 Grad. Kombiniert mit einer Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent entwickelten sich die Drehtage zu einer schweißtreibenden Angelegenheit für Crew und Darsteller.
Die Hitzeattacken wurden bei dem ein oder anderen Team- oder Stabmitglied vom „Schulkoller“ abgelöst: Der Löwenanteil der Dreharbeiten fand auf einem Schulgelände statt, was bei vielen Assoziationen zur eigenen Schulzeit auslöste. „Für mich war es sehr komisch, in der Schule zu sitzen. Ich hatte wirklich wieder dieses Gefühl, im Unterricht zu sein!“ amüsierte sich Cristina Do Rego. Max Riemelt ging es genau so: „Auf jeden Fall! Man sitzt im Klassenraum und ich bin gleich müde geworden. Man kommt total zurück in sein altes Schema. Ich hab sofort wieder angefangen zu malen. Das habe ich früher auch immer gemacht. Die schlechte Luft hat dann den Rest gemacht.“
Großartig, findet Regisseur Dennis Gansel. Denn „Ich weiß noch ganz genau wie das Gefühl war, mit 17 in der Schulklasse zu sein, wie man zu den Lehrern gestanden hat und wie man drauf war nach der Klassenfahrt. In wen man verliebt war und mit wem man eine kleine Fehde hatte, die Freundschaften... Ich hab das Leben selten so intensiv erlebt wie damals in der Oberstufe. Und Christian, Peter und ich wollten genau dieses Gefühl wieder kreieren. Je glaubhafter und reeller es ist, umso besser. Wir versuchen genau das über die Leinwand zu vermitteln.“
Das Gefühl, ganz nah dran zu sein, Teil dieser Klasse und des Experiments zu sein, setzten Dennis Gansel und der Kameramann Torsten Breuer bildlich um. „Ich hatte das Gefühl, als wäre ich selbst im Klassenzimmer. Als wäre ich ein Teil davon und würde das Ganze nicht nur von Außen betrachten“, beschrieb Ron Jones sein Gefühl, nachdem er erste Ausschnitte des Films gesehen hatte.
Auf der Suche nach dem Hauptmotiv klapperten die Filmemacher mit dem Ausstatter Knut Loewe dutzende Schulen in Berlin und Umgebung ab. Ein modernes Gymnasium sollte es sein. Fündig wurden sie schließlich im Brandenburgischen Dallgow-Döberitz. Das dortige Marie Curie-Gymnasium erwies sich als perfekte Kulisse für DIE WELLE. Zahlreiche Schüler des Gymnasiums drückten während ihrer Sommerferien mit Begeisterung als Komparsen die Schulbank. Für Besucher verschmolzen die Komparsen und Darsteller zu einem „Schülermeer“. Ein Zeichen für Nina Maag, dass das Konzept mit Kostümbildnerin Ivana Milos aufgegangen ist. „Wir wollten keinen Film über 17-Jährige machen, die so aussehen, wie wir uns das mit Mitte 30 vorstellen. Sondern so, wie die Schüler tatsächlich heute rumlaufen.“ Für die Recherche besuchten sie vor Drehbeginn zahlreiche Schulen und Pausenhöfe.
Nach 38 Drehtagen im Juli und August 2007 fiel die letzte Klappe. „Diese Dreharbeiten sind wahnsinnig glatt verlaufen – obwohl der Film so aufwändig ist, wir uns so viel Mühe mit dem Casting und Motiven gemacht haben, so viele Gedanken gemacht haben“, so das Resümee von Christian Becker. „Es war wirklich eine tolle Zeit. Das Team war super, wir hatten alle einen Riesen-Spaß. Das Ganze war sehr familiär. Man sieht auch dem Film an, dass wirklich viel Spaß dahinter steckt und etwas sehr Organisches entstanden ist – vor und hinter der Kamera. Das lässt die Geschichte sehr realistisch erscheinen.“