Donnerstag | 31. Mai 2012 | 23:55 Uhr
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    Drama | Deutschland 2008
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      • | Interview Dennis Gansel (Regie und Drehbuch)

      • Nach NAPOLA hast Du mit DIE WELLE erneut ein Thema aus dem Nationalsozialismus aufgegriffen. Ist das Zufall oder Dein Steckenpferd?

        Das ist auf jeden Fall ein Steckenpferd! Die Frage, ob Faschismus wieder möglich ist, wie das System Faschismus funktioniert, wie Verführung funktioniert, das finde ich extrem interessant. Das hängt mit meiner Familiengeschichte zusammen. Mein Großvater hat als Offizier selbst seine Rolle im Dritten Reich gespielt, die mein Vater und seine zwei Brüder extrem kritisch gesehen haben. Und ich habe mich als Jugendlicher immer gefragt, wie ich mich wohl damals verhalten hätte. In NAPOLA lautet das Thema „Wie hat das damals funktioniert? Wie hat Verführung im Dritten Reich funktioniert?“. Und in DIE WELLE geht es darum „Wie würde Verführung heutzutage funktionieren? Wie funktioniert Faschismus? Ist das heutzutage noch möglich? Könnte so was passieren an einer deutschen Schule im Hier und Jetzt?“


        Was hat Dich an dem Experiment THE THIRD WAVE so fasziniert, dass Du die Ereignisse verfilmen wolltest?

        Ich kann mich noch genau erinnern, als ich das Buch DIE WELLE gelesen habe. Das erste, was man sich natürlich direkt nach der Lektüre fragt ist, „Wer wäre ich gewesen? Hätte ich mitgemacht? Und natürlich sagt man sich immer, na ja also damals Ende der 60er in den USA, da war ein Thema. Aber heutzutage, in Deutschland: no way. Aber ich glaube, dass es schon ein bisschen tiefer geht. Und das war natürlich auch die Prämisse für uns zu sagen, wir setzen das eben nach Deutschland, in die heutige Zeit und gehen der Frage „ist so was möglich?“ nach.


        Wie seid Ihr bei Euren Recherchen vorgegangen?

        Wir hatten natürlich die Originalprotokolle von Ron Jones. Wir wussten also ziemlich genau, wie der Versuch ablief. Wir haben dann aber beschlossen, dass wir es nach Deutschland adaptieren. Das bedeutet, dass man sich überlegt, was macht denn Deutschland aus und was können wir über Deutschland erzählen. Und da wir beide in ähnlichen Verhältnissen groß geworden sind, haben wir gesagt, wir beschreiben einfach die Schule, auf die wir selber gegangen sind. Und es gibt Charaktere im Film, mit denen ich selber zur Schule gegangen bin, mit denen Peter Thorwarth zur Schule gegangen ist. Es kommen Lehrer vor, die wir gerne gehabt hätten und die, die wir hatten. Der Blick ins wahre Leben hat uns sehr geholfen. Und aus diesen Charakteren heraus haben wir dann die Geschichte entwickelt. So, wie wir uns das vorgestellt haben, welche Schritte wahrscheinlich gewesen wären und in sich logisch sind.


        Ist der Erfolg des Experiments Deines Erachtens von der Akzeptanz und Beliebtheit des Lehrers abhängig?

        Es hilft natürlich, wenn man einen extremen Charismatiker als Lehrer hat. Jemanden, der wirklich eine Führungsperson ist, der Führungsqualitäten hat, der überzeugen kann, den die Schüler lieben. Ich bin der Meinung, dass das System, das er aufbaut, dieses System Faschismus, in sich psychologisch so perfide ist, dass es überall wieder passieren kann. Dass eben Leute, die vorher nichts zu sagen hatten, plötzlich ihre kleinen Verantwortungsbereiche haben. Dass es eine Gemeinschaft gibt, dass es eine Qualität innerhalb der Klassengemeinschaft gibt. Dass starke Unterschiede, die vorher geherrscht haben, gleich gemacht werden und dass jeder die Chance hat, vermeintlich aus sich herauszukommen. Das ist etwas, das überall funktioniert. Gerade in einem Schulsystem. Und jeder, der eine Schule in Deutschland besucht hat, weiß, wie es läuft. Dass die Leute, die gut aussehen, die Leute, die was zu sagen haben, einfach in dieser Hackordnung ganz oben sind. Und dass viele, die vielleicht etwas stiller sind oder Leute, auf den zweiten Blick, einfach nicht so zum Zuge kommen. Und ich bin fest davon überzeugt, wenn sich so ein System von einem Tag auf den anderen umdreht - dass so was sofort wieder funktionieren kann.


        Unsere heutige Gesellschaft ist geprägt vom Individualismus. Inwiefern kann der Trend, sich von der Masse abzuheben, Experimente wie DIE WELLE erst ermöglichen?

        Ich hab mir in meiner Jugend immer stark gewünscht, dass es irgendwas gibt, womit ich mich identifizieren kann. Ich hab dafür sehr meine Eltern bewundert, die 68er waren, ein gemeinsames Ziel hatten, die Gesellschaft wirklich aktiv zu verändern und etwas voranzubringen. Ich bin in den 80er und 90er Jahren groß geworden und da gab es tausend Gruppierungen, aber es gab überhaupt keine politische Richtung mehr. Etwas, wofür man sich wirklich engagieren konnte. Ich hab das extrem vermisst. Und ich glaube, dass geht den Jugendlichen heute ganz genauso. Es kann ja nicht sein, dass man sich nur noch durch Klamotten und Musik definiert. Ich glaube, die Leute sehnen sich ganz stark nach Inhalten und das Bedürfnis nimmt immer stärker zu. Dieser Drang zur Individualisierung und immer weitergehenden Atomisierung von verschiedensten Gruppen, das kann auf Dauer keine Zukunft haben. Irgendwann entsteht ein enormes Vakuum. Und die Gefahr ist natürlich, dass gerade irgendein –ismus wieder kommt und versucht dieses Vakuum aufzufüllen.


        Ron Jones ist begeistert von DIE WELLE. Was bedeutet Dir das?

        Das bedeutet uns natürlich enorm viel. Das ist für uns einfach der Mann, der das Experiment gestartet hat. Das sind ja größtenteils alles Erlebnisse von ihm. Auf eine gewisse Art war es fast unheimlich. Denn wir haben uns entschieden, dass Rainer (Jürgen Vogel) mit seiner Frau (Christiane Paul) auf einem Hausboot wohnt, dass seine Frau auch Lehrerin ist und dass es bestimmte Streitsituationen gibt. Und als ich Ron Jones die ersten Bilder im Schneideraum gezeigt habe, sagte er: „Das ist unglaublich. Ich habe damals im Baumhaus gewohnt und ich hatte mit meiner Frau die und die Dialoge, die sind original im Film!“ Das konnten wir ja gar nicht wissen, das haben wir einfach intuitiv reingeschrieben. Während der Drehbucharbeit sind Szenen herausgekommen, die jetzt sehr dieser wirklichen Situation von Ron Jones Ende der 60er Jahre entsprechen. Das ist für uns natürlich fantastisch. Weil wir immer bemüht sind, bei aller Fiktionalität von so einem Stoff, von den psychologischen Abläufen und von den Charakteren her so glaubhaft wie möglich zu sein. Deshalb ist eine Aussage von Ron Jones, der sagt, die Geschichte glaube ich zu 100 Prozent, natürlich für mich das größte Lob was man bekommen kann.

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