Donnerstag | 31. Mai 2012 | 23:56 Uhr
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    Drama | Deutschland 2008
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      • | Interview Ron Jones (US-Lehrer / Initiator des Exp

      • Sie haben während Ihres Setbesuchs in Berlin Ausschnitte von DIE WELLE gesehen. Wie war Ihr erster Eindruck?

        Ich hatte das Gefühl, als wäre ich selbst im Klassenzimmer! Als wäre ich ein Teil davon und würde das Ganze nicht nur von Außen betrachten. Aber der Film hat noch etwas anderes. Etwas, das ich nicht verstehen kann, weil ich nie darüber berichtet habe. Im Film ist eine Dynamik, die auch an meiner Schule existiert hat. Ja, die vielleicht in jeder Schule zu finden ist. Und das ist auch in diesem Film.


        Der Regisseur Dennis Gansel trat lange vor Drehbeginn mit Ihnen in Kontakt. Wie lief die Zusammenarbeit ab?

        Dennis und ich haben in Emails und Briefen kommuniziert, es war wunderbar! Ich habe mich sehr geehrt gefühlt, als er mir das Drehbuch zuschickte. Wir haben uns in den Briefen darüber ausgetauscht, was im Klassenzimmer genau vor sich geht, was wir da beobachten und warum wir anderen vertrauen. Es war, als würde ich mit Dennis jemanden treffen, den ich schon lange kenne. Die Briefe gingen hin und her. Mit Peter war es genau das gleiche. Wir Autoren wissen, wir leben in einer kippeligen Welt und versuchen eben das Ganze zu verstehen.


        Was bedeutet es Ihnen, dass Ihre Erlebnisse jetzt in Deutschland verfilmt wurden?

        Die deutsche Kultur ist einzigartig. Die Deutschen sind die einzigen, die mir bekannt sind, die sich wirklich mit ihren Taten auseinandersetzen. Ihr beschäftigt euch damit, weil ihr verhindern wollt, dass es sich wiederholt. Wann auch immer in meinem Land etwas passiert ist, wie Hiroshima oder Nagasaki, wischen wir unsere Schuld sofort beiseite. Wir wollen uns nicht damit befassen. Wir beschäftigen uns nicht mit Rassismus und Gewalt. Die Deutschen sind anders. Ihr schaut Euch die Ereignisse von DIE WELLE an und versucht zu verstehen, warum wir unsere Freiheit aufgeben – nur weil wir denken, dann besser zu sein als andere. Das ist eine Lektion, die wir alle sehen, hören und uns darüber unterhalten sollten.


        Hatte das Experiment denn berufliche Konsequenzen für Sie?

        Ich wurde drei Jahre nach dem Experiment von der Schule verwiesen. Allerdings nicht wegen THE THIRD WAVE, sondern weil ich mich für Bürgerrechte und für das Ende des Vietnamkriegs eingesetzt habe. Mir wurde die Erlaubnis entzogen, an einer öffentlichen High School zu unterrichten. Mein Leben nahm damit eine Wendung, die ich nicht erwartet hatte. Ich habe mich einfach als einen guten Geschichtslehrer und Basketballtrainer gesehen, der sich um seine Familie kümmert – wunderbar! Aber, das war mir nicht möglich.


        Wann wurde Ihnen klar, dass Sie mit diesem Experiment zu weit gegangen sind?

        Eines Tages folgte mir Robert in das Lehrerzimmer. Ein anderer Lehrer, einen ähnlichen Charakter habe ich übrigens im Film gesehen, forderte ihn auf, das Lehrerzimmer zu verlassen, da es nur für Lehrer vorgesehen ist. Da sah Robert ihn an und sagte „Ich bin kein Schüler, ich bin ein Bodyguard.“ In diesem Moment wusste ich, dass ich diese unsichtbare Linie überschritten hatte. Es war nicht nur ein Spiel, es war real. Und ich begriff, dass auch ich diese Linie überschritten hatte. Denn ich unterrichtete nicht einfach mehr zu diesem Thema Faschismus. Ich genoss es, ein Führer zu sein. Und das war beängstigend. Das Experiment verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Es startete mit 30 Schülern und innerhalb einer Woche waren es 300, die Erkennungs-Armbänder trugen und die Schule übernehmen wollten.


        Waren Sie überrascht, wie weit Ihre Schüler gingen?

        Ich verteilte Mitgliedskarten an die Schüler. Drei von den Karten waren mit einem roten Kreuz markiert. Diese Schüler mussten mir berichten, wer sich in unserer Gemeinschaft gegen die THE THIRD WAVE richtet. Sie erzählten mir alles, sie erzählten mir von ihren Eltern... es war verrückt! Am Ende hatte ich Tonnen von Informationen – die ich nutzen konnte oder nicht. Ich hätte durchs Klassenzimmer gehen können und einen Schüler auf seine negative Äußerung über THE THIRD WAVE ansprechen. Er wäre schockiert gewesen, hätten nichts machen können. Ich meine, sie haben ihre besten Freunde verraten! Das war auch ein Teil von THE THIRD WAVE.


        Wie reagierte Ihre Ehefrau, die ebenfalls Lehrerin ist, auf das Experiment?

        Meine Frau unterrichtete zu dieser Zeit auf der Grundschule. Wir waren zwei junge Lehrer, voller Ideen und Energie. Sie war zum Glück diejenige, die realisierte, was da vor sich ging. Vielleicht sind es ja Frauen, die unser Schicksal retten... Meine Frau sagte mir, dass es nicht gut ist, was ich da mache. Dass ich nicht weiß, wohin das führt, dass ich Menschen verletze und dass THE THIRD WAVE gefährlich ist. Sie war diejenige, die mich zurückpfiff und aufforderte, das Experiment abzubrechen. Tja, jeder sollte von einer tollen Frau umgeben sein, die sagt, bis hier hin und nicht weiter!


        Denken Sie, das Experiment hat funktioniert, weil Sie als Lehrer bei Ihren Schülern äußerst beliebt waren?

        Oh nein! Das Experiment funktioniert, weil die meisten von uns einsam sind. Weil sie keine Familie haben, keine Gemeinschaft, kein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe. Und dann kommt ein junger Lehrer und sagt, ich kann Dir das geben.


        Könnte dieses Experiment heute wieder funktionieren?

        Es funktioniert heute immer noch, an jeder Schule! Die Leute fragen mich immer, ob ich glaube, dass THE THIRD WAVE heute wieder passieren könnte. Hey, geht zu eurer Schule vor Ort. Wo findet ihr da Demokratie? Wir sprechen immer nur von Demokratie und erleben es aber nicht. Wir entscheiden nicht, welche Bücher gelesen werden, welche Themen behandelt werden, wie man anderen helfen kann, bessere Bürger zu werden. An diesen Ideen wird nicht gearbeitet. Man folgt stur dem Lehrplan, weil einem gesagt wird, dass das so seine Richtigkeit hat. Oder man macht die Probe aufs Exempel, dann wird man versetzt. Das ist Kontrolle. Aber, nicht du hast die Kontrolle, sondern ein anderer hat die Kontrolle.

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