Donnerstag | 31. Mai 2012 | 20:40 Uhr
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    Dokumentation | Frankreich 2006
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      • | Interview mit Nicolas Philibert

      • Welche Berufserfahrungen hatten Sie, bevor Sie Regieassistent bei René Allio für MOI PIERRE RIVIERE... wurden?

        Ich war im Sommer 1970 Praktikant bei LES CAMISARDS von René Allio gewesen. Das war während meines ersten Jahrs an der Universtät in Genoble. Ich war 19 und träumte davon, "beim Film" zu sein, ohne zu wissen, was genau ich dort tun wollte. Anfang Juli hörte ich, daß ein Film in den Cevennen gedreht werden sollte. Mit einem Freund fuhr ich per Anhalter nach Florac. Als wir zwei Tage später im Produktionsbüro auftauchten, sagte man uns, es würden nur Praktikanten aus der Gegend genommen, um Hotelkosten zu sparen. Also logen wir und sagten, wir kämen aus der Nähe und es funktionierte! Über drei Monate war ich abwechselnd Bote der Dekorations-Crew, Bühnenarbeiter-Assistent, Dekorations-Assistent und Statist.

        Dann kehrte ich nach Grenoble und zu meinem Studium zurück, aber zwei Jahre später entschloss ich mich, nach Paris zu ziehen. René Allio bereitete wieder einen neuen Film vor: RUDE JOURNEE POUR LA REINE, für den ich als für die Requisiten verantwortlicher Dekorations-Assistent engagiert wurde. Ich wußte nicht viel über diese Arbeit, aber irgendwie kam ich zurecht. Im Jahr darauf arbeitete ich für Alain Tanner und Claude Goretta und dan kam die Erfahrung von MOI PIERRE RIVIERE ...

        Warum war dieser Film so wichtig für Sie?

        Ich hatte kaum Erfahrung als Regie-Assistent und fand mich plötzlich in einer riesigen Verantwortung: das Drehbuch versprach komplexe Dreharbeiten mit einer großen Zahl von Charakteren, Kindern, Tieren, zahlreichen Sets, Kostümen... und einem sehr engen Budget. Und die Entscheidung, die Hauptrollen, jedenfalls die Bauern, also den Mörder, seine Famile, die Nachbarn und die Zeugen Bauern aus der Gegend und nicht professionellen Schauspielern anzuvertrauen, gab der ganzen Unternmehmung eine einmalige menschliche Dimension. Wir mußten auf dem Land herumreisen auf der Suche nach unseren Darstellern, die Skepsis überwinden, die das Projekt hervorrief, es glaubhaft machen und sie so in ein Abenteuer involvieren, auf das sie alle nicht vorbereitet waren. Mit Gerard Mordillat, dem anderen Regieassistenten, verbachte ich so fast drei Monate auf dem Weg von Hof zu Hof, von Kirchweih-Festen zu Gewerkschaftsversammlungen, um die Schauspieler zu finden und sie von unserem Vorhaben zu überzeugen. Es war eine faszinierende Erfahrung, aber es war auch sehr beschwerlich, wenn man bedenkt, dass wir drei Wochen vor dem geplanten Drehbeginn noch nicht wußten, ob wir würden drehen können, weil zuwenig Geld da war. Und dann kam der Drehbeginn, nach verschiedenen Verzögerungen wegen der finanziellen Probleme, die bis zum Schluß anhielten. Die gemeinsame Erfahrung der Filmleute, die fast alle aus Paris kamen und der Leute vom Land in der Normandie war eine sehr starke.

        Die Drehbedingungen waren hart, das Wetter unzuverlässig und die Tage lang, aber ich glaube, dass alle, die an diesem Abenteuer teilnahmen, es als etwas Besonderes empfanden. Der Film setzte sich ab von der üblichen Darstellung ländlicher Welt im Kino, die oft spöttisch oder verächtlich war. Jede herablassende Annäherung lag uns fern. Allio forderte genau so viel von seinen Laien-Schauspielern wie von den Professionellen und hatte ebensoviel Vertrauen in ihre Fähigkeiten, wie in die der professionellen Schauspieler, die die Besetzung abrundeten.

        Deshalb hatten wir im Team nie das Gefühl einer Trennung zwischen dem Aufnahmestab und den Leuten vom Land. Jeder von uns hatte seinen eigenen Beitrag bei der Realisierung des Projekts zu leisten. Später, im Rückblick, wurde mir klar, welches Glück ich gehabt hatte, an dieser außergewöhnlichen Erfahrung teilzunehmen, die völlig einzigartig im französischen Film war.

        Der Film ist im Laufe der Jahre immer bei mir geblieben. Es hat vielleicht sogar meine eigene Arbeit wie eine unterirdischer "riviere" (Fluss) bewässert. Wahrscheinlich, weil Fiktion und Dokumentation in ihm so eng verflochten waren.


        Blieben Sie in den folgenden Jahren in Kontakt mit den Schauspieler aus Allios Film?

        Ein Jahr nach den Dreharbeiten fuhren einige von uns in die Normandie, um den Film dort vorzustellen. Aber danach verloren wir sie aus den Augen und ich habe sie nicht wieder gesehen, abgesehen von Claude Hébert, der Pierre Rivière gespielt hatte. Er arbeitete einige Jahre als Schauspieler. Er lebte in Paris, und ich traf ihn häufig bei Allio. Dann, Mitte der 80er Jahre, verließ Claude Paris für immer, und ich sah ihn nie wieder. Im Frühling 2000, bevor ich anfing, ETRE ET AVOIR zu drehen, fuhr ich in die Normandie zurück, wo ich Joseph und Roger traf. Es war ein freundschaftliches Wiedersehen und im Hinterkopf begann ich, über einen Film mit ihnen allen nachzudenken.


        Wann entschieden Sie sich, mit der Arbeit an diesem Projektzu beginnen und wie reagierten die Protagonisten?

        Ende 2004 lud die Fémis* mich ein, den Studenten einen Film meiner Wahl zu präsentieren. Ich wählte RIVIÈRE. Keiner von ihnen hatte ihn gesehen. Die meisten hatten von Allio weniger als zehn Jahre nach seinem Tod noch nicht einmal gehört. Das erschütterte mich. Nach der Vorstellung, anstelle der üblichen Diskussion, las ich Ihnen eine Stunde lang Texte vor: Notizen von Allio über seinen Film, Extrakte aus seinen "Tagebüchern"...

        Sie entdeckten einen Filmemacher, ein außergewöhnliches und faszinierendes Werk und sie waren begeistert.

        Ich ging nach Hause, und entschied mich, diesen Film zu machen. In den letzten dreißig Jahren habe ich einige Fotos und Dokumente von RIVIÈRE aufbewahrt: den Drehplan, meine Kopie des Drehbuches... Das war der Beginn.


        Anfang Januar stieg ich in einen Zug nach Caen, mietete ein Auto und fing an, sie alle zu besuchen.

        Das war sehr bewegend! Die Erinnerungen an unsrere gemeinsame Erfahrung waren unglaublich lebendig. Jeder hatte gelebt, hatte glückliche Zeiten und weniger glücklich verbracht, aber sie alle sprachen über diese Erfahrung mit einem intensiven Gefühl der Dankbarkeit. Ein paar Wochen später, als ich meine Idee erwähnte, einen Film mit ihnen zu machen, hatten sie genausowenig eine Vorstellung davon, was ich vorhatte, wie ich sebst. Aber sie vertrauten mir. Sie waren meiner Arbeit gefolgt, kannten einige meiner Filme und waren höchst loyal gegenüber Allio und seiner Mannschaft geblieben, sie erinnerten sich klar an alle Mitglieder des Teams.


        Welche Entscheidungen haben Ihre Arbeit geleitet, als das Projekt anfing, Gestalt anzunehmen?

        Vom allerersten Augenblick war es klar, dass es ein Film mit Wurzeln in meinen eigenen Erinnerungen sein würde, erzählt in der ersten Person und dass es einen Off-Kommentar von mir geben würde.

        Gleichzeitig wollte ich einen Film in der Gegenwart, nicht eine gefilmten Pilgerreise machen. Und im Gegensatz zu meinen vorherigen Filmen, die sich fast alle auf einen einzigen Ort konzentrierten, wollte ich dieses Mal eine mehr gebrochene und freiere Form, in der es möglich sein würde, von einer Zeit zur anderen so flüssig wie möglich zu wechseln. Ich stellte mir vor, dass ein gemeinsamer Kern - der Film von Allio - eine Menge von Charakteren, Geschichten, Einstellungen, und verschiedener Sequenzen ermöglichen würde: Off-Kommentar, Interviews, Dokumente, Ausschnitte, Direct Cinema Sequenzen, Landschaften...

        Aber alles war noch ziemlich vage und erst während des Drehens und in der Montage entstand diese gewachsene Struktur.


        Sie sprechen häufig über Ihre Vorliebe für Improvisation. Wie funktionierte das in diesem Film?

        Hier folgt RÜCKKEHR IN DIE NORMANDIE meiner üblichen Art der Annäherung. Die Ideen kamen während des Filmens und, außer an bestimmtem Orten wie dem Gefängnis, dem Gerichtsgebäude oder den Calvados-Archiven, wo wir nur zu festgelegten Terminen drehen konnten, wurde der Dreh größtenteils entsprechend den Begegnungen und Gesprächen improvisiert.

        Im Allgemeinen bereite ich nicht gerne zu viel vor. Wenn alles vorher ausgearbeitet wird, fehlt die Hauptsache: es muss ein Element des Unbekannten geben. Die Tatsache der Notwendigkeit, den Film Tag für Tag zu erfinden, um ihn bis zum wirklichen Ende zu bringen, läßt gleichzeitig ein Gefühl der Freiheit und der Zerbrechlichkeit entstehen, das mich stimuliert und Konzentration erzeugt. Während der Montage ist es dasselbe. Ich hatte 60 Stunden Film, mit anderen Worten zehn oder Hunderte von Kombinationen. Und doch ist am Ende nur ein Film möglich: der, den man in sich trägt.

        Jedoch vermied ich die Falle, einen Film für Cineasten oder ein Publikum, das die ursprüngliche Geschichte bereits kannte zu machen. Er sollte zu jedem sprechen. Wenn Sie den Film von Allio nicht gesehen oder niemals über den Fall Rivière gehört haben, ist das egal. Diese Geschichte hat eine fast ewige Dimension und könnte irgendwo stattgefunden haben: Vor langer Zeit, irgendwo auf dem Land, wurde ein Film über ein Verbrechen mit nicht-professionellen Schauspielern gedreht. Seitdem ist das Leben weitergegangem, aber nicht genau so, wie vorher...


        Der Film ist so gebaut, dass wir nie wissen, was das nächste Bild sein wird...

        Das ist ein Ergebnis seiner fragmentarischen Natur, der unterschiedlichen Zeitebenen und der verwendeten Materialien. Da der Film mehrere Geschichten parallel erzählt, reflektieren sie einander, vermischen und bereichern sich gegenseitig.


        Die Beziehung zwischen den Protagonisten ist zuweilen ausführlich erzählt und an anderen Stellen weniger deutlich. Deshalb ist meine Verwendung von Auschnitten aus MOI, PIERRE RIVIÈRE... wichtig.

        Sie platzen rein, wenn wir sie am wenigsten erwarten, weil ich sie nie dazu benutze, ein Interview zu illustrieren. Jedes Mal, wenn wir von meinen Bildern auf die von Allio umschalten, findet der Übergang auf der Gefühlsebene statt: er folgt einer erfundenen, fast traumhaften Logik, als ob das Auftauchen von Pierre Rivière auf den Rest ausstrahlt. Während der Film fortschreitet, begreifen wir, dass er wie aus Torten-Schichten zusammengesetzt ist: verschiedene überlagerte Ebenen, die untereinander verbunden sind. Im Grunde wollte ich an einer Art Paradox arbeiten: der Dreh von Allios Film sollte das Zentrum meines Films sein, aber nicht sein Ende. Er sollte andere Fragen reflektieren. Über das Kino, über unsere Welt, über unsere Beziehungen mit anderen, zu unseren Vätern ...

        Diese Fragmentierung erlaubt Ihnen, von einem Thema zum anderen zu gehen, als ob der Film durch eine Aneinanderreihung von Ideen fortschreitet...


        Der Film verlässt allmählich die Zwangsjacke, in die ein Dokumentarfilm gewöhnlich gezwungen wird: sein Thema. Es wird durch Begegnungen und Sequenzen bestimmt, die uns immer wieder in andere Richtungen lenken...

        Es geht um Annie und Charles, die über die Krankheit ihrer Tochter sprechen; um Nicole, die Ex- Militante, der die Bäckerei in Athis gehört hatte, und um ihren Kampf, nach dem Unfall wieder Sprechen zu lernen, um Joseph, der noch immer seinen eigenen Cidre macht; um die Arbeiter im Éclair-Kopierwerk; um das Gefängnis in Caen, wo Pierre Rivière sich erhängte, etc. ...


        Mit solch einer Menge von Elementen ist es schwer, den Film begrenzen. Gegenwart und Vergangenheit, Gedächtnis, Verrücktheit, das Schreiben, die Rede, Krankheit, der lauernde Tod, vorübergehende Zeit, das Gesetz, die Übertragung...

        Der Film betrifft all jene Dinge und viele andere, die nicht trennbar sind. Wie im wirklichen Leben, wo Intensität und Unbedeutendes häufig gleichzeitig stattfinden. Aber es ist in erster Linie ein Film über das Kino, über Sehnsucht, Hartnäckigkeit und die Fähigkeit, Brücken zu bauen und Bindungen stiften. Die meisten Interviews beschwören diese kollektive Dimension, wenn der Film zu der gemeinsamen Erfahrung des Kinos zurückkehrt. Wir begreifen, dass auch für die Protagonisten die Dreharbeiten des Films von Allio eine entscheidende und sogar grundsätzliche Erfahrung war, genau so wie für mich. Sowohl weil sie Leute zusammenbrachten, die sich sonst nicht getroffen hätten, als auch, weil sie uns irgendwie wachsen ließen.


        Ihr Off-Kommentar beschreibt die Vorbereitungen des Films von Allio ausführlich, aber Sie sagen kaum etwas über die Dreharbeiten selbst...

        Ich fand es interessanter, über die Probleme zu sprechen, die uns begegnet waren und darüber hinaus über die Hartnäckigkeit, die alle Filmemacher brauchen, um ihre Ziele zu erreichen, wenn ihre Projekte künstlerischen Ehrgeiz haben und von den ausgefahrenen Wegen abweichen. Die Kluft zwischen reichen und armen Filmen ist in den letzten Jahren gewachsen, aber es gab sie schon vor dreißig Jahren. Ich habe vier mal mit mit René Allio gearbeitet und ich sah ihn immer unglaubliche Energie aufwenden, um seine Filme machen zu können und seine Schulden zu bezahlen. Die breite Öffentlichkeit sieht gewöhnlich nur die glamouröse Seite des Kinos, als ob das alles wäre, was es zu sehen gibt! Ich wollte eine Ecke des Schleiers lüften. Die Sequenz im Éclair-Kopierwerk zeigt auch die andere Seite: die Chemie-Industrie, die Macht des Marktes, die Rentenfonds und diese Leute, die fixe Stunden arbeiten, mit Pausen, wie am Fließband...


        Die Schlußsequenz bleibt sehr diskret. Wir erfahren nichts über Ihren Vater...

        Mein Vater war Professor der Philosophie und liebte das Kino. Neben seinen Universitätsvorträgen gab er wöchentliche eine "öffentliche Filmkunst - Klasse " vor einem vollgestopften Hörsaal, in dem er Filme von Bergman, Dreyer, Antonioni, Bresson usw. zeigte und analysierte. Ich muss Ihnen nicht erzählen, wo meine Liebe zum Kinos herkommt! Michel Philibert, René Allio... Aber da wir uns hier schon mit Fragen der Vaterschaft befassen, sollte ich hinzufügen, dass Teile der im Film verwendeten Musik von einen jungen französischen Jazzer sind, Jean-Philippe Viret, und andere Musik von André Veil, einem Industriellen aus der Lorraine und Amateurkomponisten, dem ich als Kind stundenlang abends zuhörte, wenn er an seinem Klavier komponierte. Er war mein Großvater mütterlicherseits.

        *Die Fémis (Ecole Nationale Supérieure des métiers de l'image et du son) ist die bedeutendste und größte französische Filmhochschule in Paris.

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