Als ausgebildeter Darsteller, Designer und Regisseur nimmt Mike Leigh seit Mitte der 60er Jahre in unvergleichlich innovativer Weise maßgeblichen Einfluss auf die künstlerische Entwicklung nicht nur des britischen Kinos. Er inszenierte Theaterstücke und TV-Filme, aber seine Vorliebe gilt dem Kino: „Bis in die 80er Jahre hinein fand der britische Film fast nur im Fernsehen statt“, erklärt er. „Inzwischen hat sich die Situation aber gebessert, auch durch europäische Co-Produktionen, die eine kontinuierliche Arbeit ermöglichen. Meine Leidenschaft galt von Anfang an dem Kino, das Fernsehen war nur eine Notlösung“.
Seine Herangehensweise an ein Filmprojekt kann als intuitiv und prozessual beschrieben werden. „Ich entdecke den Film, während ich ihn mache“, formuliert es Leigh selbst. Seine Filme sind Schauspielerfilme. Die Arbeit mit den Schauspielern steht für ihn im Vordergrund, dabei nutzt er die Theatererfahrungen aus seinen Anfängen: „Meine spezifische und exakte Art der Vorbereitung ändert sich nicht. Ich lasse die Schauspieler untereinander Beziehungen entwickeln, Nachforschungen machen, lasse sie improvisieren. Wir erfinden die Charaktere gemeinsam, das erleichtert die Identifikation.“ Lange vor Drehbeginn starten die Proben, gewöhnen sich Darsteller und Team aneinander. „In dieser Zeit entsteht erst allmählich das Skript. Sobald die Dreharbeiten beginnen, wird nicht mehr improvisiert. Dann muss alles sitzen.“
Leighs Filme spielen sich nicht in den Kreisen der Reichen und Schönen oder des Großbürgertums ab, sondern fast ausschließlich im Milieu der Unterschicht und unteren Mittelschicht. Sie schildern den Alltag der sogenannten „kleinen Leute“. Seine Affinität zur Working Class erklärt er wie folgt: „Ich bin in einem Arbeiterviertel aufgewachsen. Auch wenn ich zur Mittelschicht gehöre, habe ich den Bezug zu diesen Menschen nicht verloren. Ich gehe mit offenen Augen durchs Leben und fahre meine Antennen aus, höre zu und registriere, was um mich herum passiert. Dabei stößt man auf Ungerechtigkeiten.“ Und nachdenklich fügt er hinzu: „Wir dürfen nie vergessen, wie privilegiert wir eigentlich sind.“
Leighs künstlerisches Credo heißt Realismus: „Meine Filme“, so formuliert es der Regisseur selbst, „sollen wie Dokumentarfilme sein. Wenn man Kameramann bei einer Wochenschau ist und ein echtes Ereignis filmen soll, ist einem klar, dass diese Welt tatsächlich existiert, egal ob man es jetzt filmt oder nicht. In meinen Filmen möchte ich eine Welt schaffen, die genauso wahrhaftig ist, etwas, das so dreidimensional und echt aussieht, dass man mit dem Messer reinstechen möchte.“ Leighs Zugriff auf die Wirklichkeit besticht dabei durch Detailfreude. Er setzt Kategorien von Gut und Böse außer Kraft, weckt Zuneigung und Zärtlichkeit für seine hilflosen Helden und kommt dabei ohne den erhobenen moralischen Zeigefinger aus. „Ich treffe in meinen Filmen keine moralischen Urteile“, stellt der Regisseur klar, „ich ziehe keine Schlüsse. Ich stelle Fragen, ich beunruhige den Zuschauer, ich mache ihm ein schlechtes Gewissen, lege Bomben, aber ich liefere keine Antworten. Ich weigere mich, Antworten zu geben, denn ich kenne die Antworten nicht.“ Seine sorgfältigen Milieurecherchen, sein unverwechselbarer tragikomischer Blick auf das Leben sowie sein ausgeprägtes Stilempfinden bewirken, dass später auf der Leinwand alles wohlkalkuliert und durchdacht erscheint. Seine Methode verschafft sowohl der Crew als auch den Darstellern Freiräume und lässt während des Drehs eine intensive und zugleich familiäre Arbeitsatmosphäre entstehen. Er hat nichts gegen Stars, aber: „Egozentrik und Egotrips kann ich nicht gebrauchen. Jeder muss sich dem Ensemble zugehörig fühlen. Ein Zwei-Klassen-System gibt es bei mir nicht.“
Die inhaltliche und ästhetische Stimmigkeit der Filmkunstwerke des engagierten Briten wurde in der Vergangenheit nicht zuletzt auch dadurch unterstützt, dass seine Geldgeber ihm bei der Realisierung stets freie Hand ließen. Diese Tatsache ist nicht hoch genug einzuschätzen, da der inzwischen 65-jährige Leigh für seine unkonventionelle Arbeitsweise bekannt ist. An seiner Seite steht seit über zwanzig Jahren der Produzent Simon Channing Williams. Das Duo traf sich erstmals 1980 im Zusammenhang des BBC-Projektes „Grown Ups“, bei dem Williams als Regie-Assistent fungierte. 1988 gründeten sie die gemeinsame Produktionsfirma „Thin Man Films“. Williams kümmert sich vor allem um die Finanzierung der gemeinsamen Filmprojekte durch vornehmlich europäische Partner.
Den professionellen Geschichtenerzähler Leigh reizt das ganze Gefühlsspektrum. Auf die Frage nach seinem Menschenbild zuckt er mit den Schultern: „Ich fände es wundervoll, wenn der Mensch total ehrlich, kreativ und gut wäre. Einfach ein Ganzes. Aber in dieser Welt kann man das Optimum nicht erreichen. Das Leben verhindert, dass wir wirklich perfekt sein können.“