PETER KROBATH: Um einen Titel von Milan Kundera zu variieren: In 42plus geht es um die unerträgliche Schwierigkeit des Seins, die aber auf unglaublich leichte Weise erzählt wird.
SABINE DERFLINGER: Um die Schwierigkeit des Seins zu einem bestimmtem Zeitpunkt im Leben. Wahrscheinlich geht es auch darum, wie viel Lüge und wie viel Wahrheit das Leben erträgt.
Wie ist dieses Drehbuch entstanden?
Da ich bis dato Filme über Menschen gemacht habe, die in existenzieller Not sind, wollte ich diesmal einen Film über Menschen machen, die äußerlich alles haben, denen dafür aber irgendwas anderes fehlt. Die sind viel zu sehr mit der Glückssuche beschäftigt, als dass sie sich selber glücklich fühlen könnten. Denen fehlt die innere Zufriedenheit.
Wie kamen Sie auf Claudia Michelsen für die Hauptfigur der Christine?
Claudia Michelsen schien mir als Person eine Frau zu verkörpern, die patent ist und mit beiden Beinen im Leben steht, wo der Kontrast zu dem, was dann im Urlaub passiert, einfach groß ist. Im Film sehen wir ja nur das, was diese Menschen in den Ferien erleben, aber gleichzeitig müssen wir auch wissen, wie ihr normales Leben verläuft. Und Claudia Michelsen verkörpert für mich exakt das Bild dieser Frau, der man gar nicht zutraut, dass sie sich so benehmen würde, wie sie sich dann im Urlaub eben doch benimmt. Eine Frau, die ihr Leben offenbar im Griff hat, und nichtsdestotrotz gibt es eben auch Sehnsüchte, die nicht erfüllt sind, und gewisse Fragen, die sich damit stellen.
Angeblich war es Ihnen am Set ein großes Bedürfnis, die Geschichte nur ja nicht zu dramatisch anzulegen. Es sollte immer leicht bleiben.
Ich wollte, dass die dramatischen Momente angemessen sind. Die Auseinandersetzungen sollten immer auch zu einer Alltäglichkeit zurückkehren. Man sollte sehen, dass es schwierig ist, wenn Lebenslügen aufgedeckt werden, man sollte aber auch sehen, dass erwachsene Menschen durchaus auch fähig sind, über so etwas hinwegzukommen. Diese Art von zwischenmenschlichen Dingen sind nicht die große Katastrophe, sondern sie sind das Leben an sich. So ist das halt.
So eine Geschichte kann im Kino sehr leicht auch in Mord oder Selbstmord enden.
Das wollten wir bewusst vermeiden. Wenn man eine Geschichte über das Leben schreibt, muss unweigerlich auch der Tod vorkommen. Das ist eine dramaturgische Regel – aber der wollten wir uns entziehen. Deshalb kommt der Tod zwar vor, aber nur ganz peripher, so reduziert wie möglich. Wir wollten keine Mord und Totschlag-Geschichte machen. Diese Charaktere haben eine Sprache, sie wissen über ihr Leben Bescheid, sie sind selbstreflexiv, trotzdem haben sie ihre Probleme miteinander. Solche alltäglichen Tragödien treten auf, aber sie sind auch irgendwann wieder vorbei, wirklich große Tragödien schauen anders aus. Das ist der Lernprozess dieser Figuren. Man muss eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit Situationen entwickeln, die im Moment vielleicht tragisch ausschauen, aber wenn man später einmal zurückblickt, gehören sie einfach nur zum Leben.
Wenn man diesen Film anschaut, hat man das Gefühl, dass es in diesem Ensemble eine hohe Form der Intimität gibt.
Der Drehort gab natürlich eine ganz besondere Energie. Dieses tolle Haus in seiner merkwürdigen Mischung aus Schönheit und Abgefucktheit. Auch die Insel hatte eine große Kraft. Aber so wie immer, habe ich mit den Schauspielern sehr unterschiedlich gearbeitet. Ich habe sie alleine, aber auch in Konstellationen getroffen. Ich habe, so wie es im Film auch ist, manchen Geheimnisse gegeben und den anderen diese Geheimnisse nicht verraten. Also Dinge kreiert, die dem normalen Leben entsprechen.
Wie sind Sie an die Erotik heran gegangen?
Es war von Anfang an klar, dass in diesem Film sehr viel über Sex geredet wird. Also war mir auch klar, dass ich das nicht auch noch zeigen will. Ich wollte keine Bebilderung der Gespräche. Insofern war mir auf der erotischen Ebene das Momentum des Geheimnisses wichtig. Dass die Erotik nicht beim expliziten Sex vorkommt, sondern schon vorher. Die Dialogszenen sollten erotisch sein, während man die Bettszenen dann gar nicht mehr sieht. Das sollte sich verlagern.
Beschreibt 42plus eine Zeiterscheinung?
Natürlich sind das heutige Figuren in dem Sinne, dass die Freiheit der 60er Jahre auch schon wieder überwunden ist, dass gewisse Klarheit herrscht über Moralvorstellungen. In dem Sinn ist der Film sehr heutig. Aber in den Grundfragen, die er stellt, ist er dann wieder sehr zeitlos. So wie das mit der Liebe im Allgemeinen sein soll. In einem gewissen Alter sehnt man sich nach der Ursprünglichkeit der Liebe zurück.
Wenn man 42plus in einem Satz beschreiben will, könnte man von der älteren Frau sprechen, die sich im Urlaub in einen jüngeren Mann verliebt, oder von der Realität, die unweigerlich in die Idylle einbricht. Dieser Moment kommt ganz besonders bei Christines Tochter zum Tragen, die selbst sehr idyllisch ihre erste Liebe erlebt, gleichzeitig kriegt sie aber vorgeführt...
...wie verlogen das alles ist. Und was passiert, wenn alles zusammenbricht. Es kommt der Moment, wo sich die Verhältnisse umkehren. Wo die Mutter plötzlich wie die Tochter und die Tochter plötzlich wie die Mutter reagiert. Nicht zuletzt glaube ich aber auch, dass gerade dieser Bruch der Idylle der Tochter auch die Möglichkeit gibt, einen Schritt erwachsener zu werden. Insofern finde ich das auch nicht tragisch. Deshalb bleibt auch der humorige Grundton im Film.
Was fällt Ihnen ein, wenn Sie jetzt ganz spontan an diese sechs Wochen Dreharbeiten auf Ischia zurück denken?
Wie schön es war, in diesem Haus zu drehen. Wie schön es war, so eine konzentrierte Atmosphäre zu haben. Wie schön es war, ein Motiv zu haben, wo die Natur so spürbar ist. Wo die Menschen, sowohl die Schauspieler als auch das Team, in eine ganz eigene Stimmung gekommen sind. Wo es nur noch darum ging, die Szenen auf den Punkt zu bringen, wo sie hingehören. Das war wunderschön.