Manchmal wird gesagt, dass nicht du eine Geschichte findest, sondern die Geschichte dich findet. Das mag in diesem Fall zugetroffen haben. Eines sonnigen Nachmittags in Brüssel wurde ich gefragt, ob ich nicht ein Buch schreiben wolle. „Ein Buch für Jugendliche, die nicht lesen.“, sagten sie. „Wie passend.“, sagte ich. „Denn ich bin ein Autor, der nicht schreibt.“
Etwa zu der Zeit hatte sich ein 17-jähriger Junge von der Gravensteenburg in Gent in den Tod gestürzt. Es stellte sich heraus, dass der Junge eine leichte Form von Autismus hatte. Und dass der Junge virtuell gemobbt und zu Tode gequält wurde. Einige Tage später las ich ein Interview mit der Mutter des Jungen. „Ich werde niemals darüber hinwegkommen.“, sagte sie. Noch in der Nacht begann ich eine Geschichte zu schreiben. Ein Buch, das ihr zwar keinen wirklichen Trost spenden würde, aber ihr doch ein gewisses Maß an Sympathie und Verständnis bieten könnte. Es sollte eine Geschichte über die Pein und Qualen derer sein, die sich nicht selbst wehren können. Ich tippte den Titel: „Niets Was Alles Wat Hij Zei“ (Zu Deutsch: „Nichts war alles, was er sagte“). Aber es musste ein Buch sein, das auch gelesen wurde. Ein packendes Buch. Etwas, das voller Spannung war, mit einem überraschenden Element, eine Art Thriller.
Wie ein Film, dachte ich. Jeder mag einen Film. Einige Zeit später traf ich Roel Vanderstukken. Er schlug vor, diese Geschichte zu einem Einpersonenstück für die Bühne zu adaptieren. Wir arbeiteten gemeinsam an dem Monolog und gaben ihm den simplen Titel „Niets“ („Nichts“). Unser Budget war im Grunde auch nichts. Aber dank der Hilfe einer Menge guter Seelen und fantastischer Schauspieler wurde es eine Mischung aus Theater, Fernsehen, Videospiel und sogar Kurzfilm. Alles wird durch die Musik von Praga Khan zusammengehalten. Roel lieferte die Schauspielleistung seines Lebens und es geschah ein kleines Wunder. Erst nach einer Rekorde brechenden Anzahl von fast 250 ausverkauften Vorstellungen nahm er seine letzten Standing Ovations entgegen.
Und als ob das nicht genug für einen Tagtraum wäre, wurde mir danach die Möglichkeit gegeben, meinen ersten Film zu drehen. Mit niemand geringerem als der führenden Filmproduktionsfirma in Belgien: MMG. Und einem absoluten Dreamteam von erfahrenen Filmprofis auf der einen Seite und auf der anderen einer fast kompletten Riege großartiger Schauspieler, die bereits bei der Bühnenversion dabei waren. Mit der Ausnahme von Roel, der leider für die Rolle mittlerweile zu „alt“ war. Während des Castings entdeckten wir zwei Supertalente, die sicher viele Jahre lang in der flämischen Filmbranche arbeiten werden: der fantastische Greg Timmermans und die zauberhafte Laura Verlinden. Zur Besetzung gehören einige meiner Lieblingsschauspieler: Titus De Voogdt, Johan Heldenbergh und Tania Van de Sanden, sogar Pol Goossen wollte dabei sein.
Im Alter von 23 Jahren interviewte ich einen meiner größten Kinohelden, Jim Jarmusch, und er gab mir eine Lebensweisheit, die mehr oder weniger zu meinem Lebensmotto wurde: ‘If you don’t know where you’re going, it’s a lot harder to get lost.’ Ich habe nie offen zu träumen gewagt, dass ich einmal selbst Filme drehe, auch wenn es immer mein heimlicher Wunsch war und ich mein ganzes Leben auf dieses Ziel hingearbeitet habe. Doch plötzlich findet man eine Geschichte. Oder die Geschichte findet dich. Man sagt, ein Filmkritiker ist jemand, der den Weg kennt, aber nicht weiß, wie man Auto fährt. Es war für mich ein echter Kick, endlich die Gelegenheit zu bekommen, das Auto zu fahren. Ich bin all denen auf ewig dankbar, die es mir beigebracht und mir dabei geholfen haben zu fahren. Es war eine Fahrt, die ich niemals vergessen werde. Jetzt kann ich nur noch mit meinem ganzen Herzen hoffen, dass das Publikum Bens Reise auf die gleiche Weise erleben wird.