Seit meinem Film „Le Péril jeune“, in dem Romain Duris 1995 die Hauptrolle spielte, ist dies der sechste Film, in dem ich ihm eine Rolle anvertraue. In 14 Jahren haben wir eine besondere Beziehung zueinander entwickelt, in der sich Freundschaft und berufliche Erfahrung vermengen. Wenn man sich so lange kennt, hat man den Vorteil, sich ohne viele Worte verständigen zu können. Außerdem schlagen wir ohnehin immer die gleiche Richtung ein. Nach „L’Auberge Espagnole – Barcelona für ein Jahr“ und „Wiedersehen in St. Petersburg“ wollten Romain und ich die Figur des Xavier gerne hinter uns lassen. Schauspielerisch war das kein Problem, denn Romain hat viel gelernt, während er auch mit anderen Regisseuren in unterschiedliche Welten eingetaucht ist. Außer seinem Talent brauchten wir nichts als einen neuen Haarschnitt, um Pierre entstehen zu lassen, einen ehemaligen Profitänzer, der früher im Moulin Rouge aufgetreten ist. Seit der Dreißigjährige an einem Herzleiden erkrankt ist, lebt er mit der Angst und Energie dessen, der weiß, dass seine Tage gezählt sind. Diese Figur fesselt, gerade weil sie den anderen zugewandt ist. In seiner Verkörperung des Pierre hat Romain mir Seiten und Emotionen gezeigt, die ich zuvor noch bei keinen Dreharbeiten an ihm gesehen hatte. Nach der Ungezwungenheit unserer vorhergehenden gemeinsamen Drehs war es überraschend zu erleben, dass unser Verhältnis plötzlich angespannter war. Ich glaube, dass das wichtig war, weil er seiner Figur so die nötige Ernsthaftigkeit verleihen konnte, und dass wir Pierres Leiden auf diese Weise unbewusst unseren Respekt gezollt haben.
Elise (Juliette Binoche) – Die unendlich Großzügige
Elise arbeitet als Sozialarbeiterin und ist alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Um ihren Beruf ausüben zu können, hat sie sich ein dickes Fell zugelegt, doch in Wahrheit ist sie diejenige, die ein wenig Hilfe gebrauchen könnte. Diese Mischung aus Stärke und Zerbrechlichkeit passte sehr gut zu Juliette Binoche. Ich hatte sie 1986 kennengelernt, während ich als Beleuchter am Set von „Die Nacht ist jung“ von Leos Carax arbeitete, und habe 20 Jahre auf eine Gelegenheit gewartet, mit ihr zu drehen! Da ich sie zudem gern mit Romain Duris zusammenbringen wollte, habe ich noch beim Schreiben entschieden, dass sie Pierres Schwester darstellen sollte. Er spielt die Grille, sie die Ameise. Bei den Dreharbeiten hat Juliette Binoche mir einmal mehr gezeigt, was für eine tolle Schauspielerin sie ist und dass sie sich sehr stark einbringt. An ihren Striptease werde ich mich noch lange erinnern. Solche Szenen sind sehr schwierig, da sie schnell Gefahr laufen, lächerlich zu wirken. Doch Juliette hat sich furchtlos bis an den Rand des Abgrunds gewagt, ohne abzustürzen. Sie ist nicht einschüchternd, aber sie nötigt einem Bewunderung und Respekt ab!
Roland (Fabrice Luchini) – Der Professor in Aufruhr
Für die Rolle des Professors, der gerade mitten in einer Lebenskrise steckt, kam niemand anderes in Frage als Fabrice Luchini! Ebenso wie Roland Verneuil, dieser Historiker mit dem Spezialgebiet Paris, der von einem Fernsehsender gebeten wird, sein Wissen in einer allgemein verständlichen Sprache an das Publikum weiterzugeben, ist auch Fabrice ein extrem gebildeter Mensch, der sich bemüht, seinem Gegenüber komplexe Fragestellungen nachvollziehbar zu machen. Aufgrund seiner Meisterschaft und seiner Redegewandtheit schafft er es spielend, Nietzsche clownesk und Schopenhauer total modern erscheinen zu lassen. Seit „Kleine Fische, große Fische“ von 1993 hatte ich Lust, wieder mit ihm zu arbeiten, weil ich ein großer Fan seines zugleich extrovertierten und gehemmten Stils bin. Luchini ist ein Perfektionist, der jedes Wort, jede Betonung auf die Goldwaage legt. Er kann mich um zwei Uhr nachts anrufen, um mit mir einen bestimmten Satz durchzugehen. Ich erinnere mich an eine Szene, in der ich ihn gebeten hatte, enttäuscht zu gucken, nachdem er nur den Anrufbeantworter seiner Liebsten erreicht hat. Er befragte mich genauestens dazu, wie schlimm diese Enttäuschung sein solle, und bewies mir eindrucksvoll, dass das Gefühl des Unglücklichseins sehr unterschiedlich ausfallen kann, je nachdem, ob man einen Tag oder eine Woche ohne die Liebe eines anderen Menschen zubringen musste. Ich war baff.
Laetitia (Mélanie Laurent) – Die ewige Studentin
Laetitia ist die typische ewige Pariser Studentin. Man spürt, dass sie intelligent und aufrichtig ist, und dennoch ist sie es, die ihrem Professor, Roland Verneuil, den Kopf verdrehen wird. Es zeichnet die Persönlichkeit und das Talent von Mélanie Laurent aus, dass sie es vermeidet, diese Figur einfach als ein Biest erscheinen zu lassen. Ich kannte Mélanie zwar als meine Nachbarin (wir haben zwei Jahre lang auf der gleichen Etage gewohnt), hatte aber nicht gesehen, was sie in Philippe Liorets „Keine Sorge, mir geht’s gut“ als Schauspielerin geleistet hat. Doch beim Casting hat sie sich die Rolle der Laetitia dank ihrer Natürlichkeit und ihres unglaublichen Talents sofort gesichert. Ihr Spiel ist so präzise, dass es einem, selbst wenn man sie aus der Ferne durch eine Glasscheibe filmt, noch erlaubt, alle Nuancen ihrer Persönlichkeit zu erkennen. Mélanies Kunst ist wie Mikrochirurgie.
Franky (Gilles Lellouche) – Der Grobe mit dem weichen Kern
Franky verkörpert zugleich den Charme und die Makel der Virilität. Die Frauen fühlen sich von seiner Brutalität angezogen, unter der sie doch auch leiden. Für einen Mann wie mich ist es beunruhigend und ärgerlich mitzubekommen, dass die Frauen immer die bösen Jungs attraktiver finden, während man uns beigebracht hat, sanft und höflich zu sein. Gilles Lellouche bringt diese Ambiguität hervorragend rüber. Er spielt einen raubeinigen, sehr männlichen, impulsiven Fischhändler, der ein Stück weit auch den Playboy der Markthallen gibt. Er ist ein Freund von Jean, der von Albert Dupontel gespielt wird, und hat ein Auge auf dessen Exfrau – Caroline, gespielt von Julie Ferrier – geworfen. Da er eine starke Szene mit ihr drehen musste, in der Franky die Frau, die er eigentlich liebt, schlecht behandelt, war er doppelt aufmerksam Julie gegenüber, so als hätte er das Gefühl, sich dafür entschuldigen zu müssen. Ebenso wie die anderen Schauspieler stellt auch Gilles seine Figur sehr nuanciert dar. Die Rollen sind ja ohnehin wie Kleider; sie müssen bei der Arbeit angepasst werden, bis sie richtig sitzen. Und der Film ist wie eine Partitur; die man einen Ton höher oder tiefer singen kann.
Mourad (Zinedine Soualem) – Der Gemüsehändler mit dem sanftmütigen Blick
Da Zinedine Soualem in jedem meiner Filme mitgespielt hat (vom sanftmütigen Zurückgebliebenen in „... und jeder sucht sein Kätzchen“ bis zum Flurnachbarn in „L’Auberge Espagnole – Wiedersehen in St Petersburg“), wäre ein Dreh ohne ihn inzwischen eine traurige Angelegenheit. Er ist ein sehr guter Freund. Und an seinem Spiel liebe ich diese bodenständige Seite. In SO IST PARIS spielt er neben Albert Dupontel und Gilles Lellouche einen Gemüsehändler, der morgens seine Ware auf dem Großmarkt in Rungis abholt. Wenn ich auch nicht sagen möchte, dass Paris in diesem Film die Hauptfigur ist, hat diese Stadt doch gleichwohl etwas von einem menschlichen Körper. Sie hat ein Herz, Arterien, einen Kreislauf, Lungen, und man sagt, Rungis sei der Bauch von Paris.