Donnerstag | 31. Mai 2012 | 17:06 Uhr
Sie befinden sich hier: KINO | Startseite > Datenbank > Filmdetails > Filminfos
  • FILMDETAILS | So ist Paris
  • So ist Paris

    Drama, Komödie, Romanze | Frankreich 2008
    WERBUNG
      • | Interview mit Cédric Klapisch

      • Was hat Sie zu SO IST PARIS inspiriert?

        Ich habe in den letzten Jahren viel im Ausland gedreht, in London, St. Petersburg, Barcelona ... und hatte Lust, mit meiner Arbeit nach Hause zurückzukehren, von meiner Stadt zu erzählen. Die Stadt Paris war zwar schon häufiger Schauplatz meiner Filme (etwa in „Kleine Fische, große Fische“ und „... und jeder sucht sein Kätzchen“), aber sie war nie das Thema. Ich hatte ein bisschen den Eindruck, wie die Katze um den heißen Brei herumzuschleichen, und dann hielt ich den richtigen Zeitpunkt für gekommen.


        Der Stadt und ihren Einwohnern werden auch negative Eigenschaften zugeschrieben. Wie stehen Sie dazu?

        Es stimmt, dass oft ein negatives Bild von Paris und den Parisern gezeichnet wird. Als in Paris ansässiger Mensch wird man schnell als Snob abgestempelt, als eingebildet, bourgeois oder unangenehm, mit einem Zug zum Nörgler obendrein. Und all das ist auch nicht direkt falsch. Die Pariser sind nie wirklich zufrieden. Aber das ist generell eine französische Spezialität: Auch an französischen Helden à la Gabin oder Delon oder Figuren von Céline, Léo Malet oder Tardi kann man das ablesen. Zu Hause zieht der Pariser ein Gesicht, hat Weltschmerz, er täuscht sich nie und ist immer entrüstet. In dieser Einstellung liegt auch etwas Schönes, und sie ist ziemlich gesund. Paris, das ist die Stadt der kultivierten Schwermut. Es gibt eine Melancholie, die bizarrerweise Teil des Lebens ist, Reaktion darauf, nicht Resignation. Die großen Stunden der Stadt, das sind die Revolution von 1789, die Kommune, die Befreiung, Mai ´68 ... Paris ist bekannt für seine – gesunden – Ausbrüche.


        Sind Sie selbst in Paris geboren?

        Nein, in Neuilly-sur-Seine. Dort bin ich drei Tage geblieben. Und das waren drei Tage zu viel! Danach habe ich zehn Jahre lang in der Nähe der Place de Contrescarpe im 5. Arrondissement gewohnt. Der Park, in den ich nach der Grundschule immer gegangen bin, waren die Arènes de Lutèce mit dem alten römischen Amphitheater, dem ältesten erhaltenen Bauwerk der Stadt. Wenn man als Kind am ältesten Ort der Stadt gespielt hat, dann ergibt das eine seltsame Verbindung zwischen der eigenen Kindheit und der Kindheit von Paris. Wie viele Stunden habe ich dort verbracht! Das Ergebnis ist eine extrem enge, fast organische Beziehung zu dieser Stadt.


        Was haben die Pariser Ihrer Meinung nach für ein Verhältnis zu ihrer Stadt?

        Ich glaube, es gibt immer einen Grund zu vergessen, dass es ein Privileg ist, hier zu wohnen. Andererseits glaube ich auch, dass alle Pariser diese Augenblicke der Heiterkeit und des Glücks kennen, wenn sie zum Beispiel die Seine überqueren und nach rechts und nach links schauen und sich sagen: „Wahnsinn! Wo bin ich hier eigentlich?“ Es ist kein Zufall, dass Paris die Stadt mit den meisten Besuchern auf der Welt ist.


        Sie haben Paris schon häufig gefilmt – fällt Ihnen das immer noch leicht?

        Ich bin ja der Ansicht, je häufiger Fotografen wie Willy Ronis, Robert Doisneau, Cartier-Bresson, Depardon oder William Klein Paris abgelichtet haben, desto besser wurden ihre Aufnahmen. Paris hat etwas Unerschöpfliches. Daher verausgabe ich mich nicht. Ich glaube, gerade weil ich Paris so oft gefilmt habe, beginne ich gerade erst zu verstehen, wie man das macht.


        Wie würden Sie SO IST PARIS in kurzen Worten beschreiben?

        Es ist die Geschichte eines Parisers, der durch eine einschneidende Veränderung einen neuen, anderen Blick auf die Menschen gewinnt, denen er begegnet. In dieser neuen Situation gewinnt das Leben plötzlich an Wert, das Leben der Mitmenschen ebenso wie das der gesamten Stadt. Auf dem Métro-Plan ist Paris ein Geflecht von Kreuzungen. Um ein Porträt dieser Stadt zeichnen zu können, muss man in alle Richtungen gehen, nicht nur in eine. Man muss die Komplexität der Stadt respektieren. Diese wuchernde Form verleiht ihr ihren Überfluss, sie ist das Lebendige an Paris.


        Sprechen wir von all den Figuren, die sich in SO IST PARIS begegnen ...

        Es gibt in einer Stadt wie Paris viele verschiedene Menschen und Welten, die ohne Verbindung nebeneinander existieren, soziale Klassen, die nicht miteinander in Berührung kommen, doch es gibt auch Überschneidungen zwischen den verschiedenen Welten und Milieus. Oft sogar innerhalb einer Familie, durch Geschwisterbeziehungen.
        In meinem Film gibt es drei verschiedene Geschwisterpaare. Einmal einen Bruder und eine Schwester, Juliette Binoche und Romain Duris: Sie ist Sozialarbeiterin und befasst sich mit Problemen der Allgemeinheit, er ist Tänzer und lebt in einer Welt mit komplett anderen Wichtigkeiten. Dann gibt es die beiden Schwestern aus dem 16. Arrondissement, Audrey Marnay und Annelise Hesme: Sie arbeiten beide in der Modebranche und leben ein sorgloses, abgesichertes Leben in Paris. Und nicht zuletzt die beiden Brüder Verneuil, dargestellt von Fabrice Luchini und François Cluzet: Der eine ist Architekt und baut die Biologische Fakultät „Paris Diderot“, ist also eher der Gegenwart zugewandt, der andere ist ein auf Paris spezialisierter Historiker und damit auf die Vergangenheit ausgerichtet.
        Daneben gibt es andere Gruppen von Menschen, die mehr oder weniger miteinander verbunden sind: Etwa die Gemüsehändler, die zwischen Rungis und Ménilmontant pendeln. Auch einige eher isolierte Individuen treten auf: die Bäckerin, die verzweifelt versucht, eine junge Angestellte zu finden, der Kameruner Benoît, der Afrika durchquert, um zu seinem Bruder nach Paris zu gelangen, Laetitia, die junge Studentin.
        Ich versuche zu zeigen, dass an einem Ort, an dem es so viele Gegensätze und getrennte Welten gibt, immer eine enorme Komplexität herrscht. Neben Einsamkeit gibt es auch Solidarität, oder die Leben der Menschen kreuzen sich zufällig. Ein Film beschreibt oft den Weg einer bestimmt Figur. Hier folgt man mehreren Individuen, also mehreren Wegen. Und durch die Möglichkeiten der Montage entstehen Wechselwirkungen zwischen den Problemen der unterschiedlichen Charaktere. Mir kam es von Anfang darauf an, aus all diesen Elementen eine zusammenhängende Geschichte entstehen zu lassen.


        In SO IST PARIS wirken viele Darsteller mit, mit denen Sie noch nie gearbeitet hatten ...

        Es gibt bestimmte Darsteller, die in meinen Filmen immer wieder auftauchen, wie Romain Duris oder Zinedine Soualem, aber es gibt darin immer auch zahlreiche neue Akteure, denn in jedem Film möchte ich neue Gesichter entdecken.
        Als ich mir gesagt habe, ich nenne den Film PARIS (so der Originaltitel), war mir klar, dass er der Stadt gleichen muss, in der das Banale und das Monumentale sich abwechseln, farblos wirkende Straßen neben grandiosen, spektakulären Szenerien existieren. Die Seine zu überqueren oder am Eiffelturm vorbeizugehen, das ist für jeden Pariser immer ein besonderer Moment. Auch wenn das einerseits ein Klischee ist, ist es andererseits ebenso ein Element unseres Alltags, und das kann niemals ganz banal sein. Auch das musste ich zeigen. Bei den Schauspielern galt letztendlich dasselbe. Ich brauchte unbekannte Gesichter, aber auch Kinogrößen. Bei der Arbeit mit Darstellern wie Romain Duris, Juliette Binoche, Fabrice Luchini, Albert Dupontel, François Cluzet, Julie Ferrier, Gilles Lelouche, Mélanie Laurent, Zinedine Soualem – da bewegt man sich nicht im Banalen, da bewegt man sich im Außergewöhnlichen, im Grandiosen. Daher die Entscheidung, lieber in Cinemascope als in HD zu drehen: Ich hatte den Wunsch, die Dinge zu verzaubern, denn Paris hat diese mythische, grandiose Seite.


        In einem Flashback sieht man Romain Duris als Tänzer im Moulin Rouge. Hat er Sie überrascht?

        Ich komme aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Ich habe sechs Filme mit ihm gedreht, und jedes Mal überrascht er mich von Neuem. Es war ein verrückter Moment, dieser Tag war irgendwie verklärt, denn es war Romains letzter Drehtag, also kein unbedeutender Augenblick.
        Ihn so tanzen zu sehen, mitzuerleben, mit welcher unglaublichen Leichtigkeit er sich diesem Universum, diesem Kostüm, diesem Charakter, dieser Choreographie anvertraut hatte, war sehr aufwühlend. Er hatte beides, dieses Aufmerksamkeit heischende Getue eines Tänzers, der versucht, an Jobs zu kommen, und gleichzeitig diese klassische Ausstrahlung eines Moulin-Rouge-Tänzers. Fantastisch, wie er beide Aspekte verkörpert hat. Wenn man einen Film über Paris macht, in dem das Moulin Rouge eine Rolle spielt und eine der Hauptfiguren dort Tänzer ist, lädt man sich eine Menge Verantwortung auf. Wenn das im Film funktioniert und nicht unglaubwürdig oder plump erscheint, dann ist das nur Romain zu verdanken.


        Für Juliette Binoche und Sie war es die erste Zusammenarbeit ...

        Was sie in diesem Film leistet, ist atemberaubend. Sie besitzt eine ungeheure Großzügigkeit, und ich halte sie für eine großartige Schauspielerin.


        Machen Sie Filme für ein großes Publikum?

        Ja, mir ist es wichtig, die Menschen mit meinen Filmen zu erreichen. Ich richte mich an ein großes Publikum, aber ich würde niemals eine Szene schreiben, um beim Publikum anzubiedern.


        Sie gehören zu den wenigen Filmemachern in Frankreich, die zwar Erfolg an der Kinokasse haben, aber trotzdem als Autorenfilmer gelten ...

        Das sehen nicht alle so! Aber ich betrachte das inzwischen mit einer gewissen Gelassenheit. Ich habe das Glück, Filme machen zu können, die mir am Herzen liegen. Ich möchte mit Schauspielern arbeiten, Geschichten erfinden, Filme drehen, mit meinem Filmteam zusammen etwas entwickeln... Das alles ist für mich unersetzlich. Wie andere mich beurteilen, ist da eher sekundär.

      • | Userwertung

      Wertung: 0.0/10 (0 votes)

      • | Cinefacts bei Facebook
      Facebook Logo
        • | WEITERE INFOS
            •   AKTIONEN
              • | SAMMLUNG
              • 1 User hat den Film gesehen
              •   Balzac