FILMDETAILS | Underdogs - Harte Jungs habens echt nicht leicht
Underdogs - Harte Jungs habens echt nicht leicht
Drama
| Deutschland 2007
WERBUNG
| Interview mit Regisseur Jan-Hinrik Drevs
Erzählen Sie bitte, wie der Film zustanden gekommen ist!
Ich habe im Jahr 2000 einen von drei Filmen der Reihe „Dogsworld“ für die ARD gedreht. Darin ging es um die besonderen Eigenschaften von Hunden. Wir haben herausragende Leistungen gefilmt: Hunde, die Epilepsieanfälle voraussagen, oder Hunde, die Krebsgeschwüre riechen können. Und dabei trafen wir auch auf dieses spezielle Programm, bei dem Insassen in einem New Yorker Gefängnis Blindenführhunde ausbilden. Als ich dieses Gefängnis betrat, dachte ich zuerst: Oh Gott, wie kann man in einer solchen Hochsicherheitswelt Hunde halten? Dann kamen wir in einen weiter hinten liegenden Abschnitt des Gebäudes, in dem die Insassen untergebracht waren, die Hunde hatten. Und dort herrschte eine vollkommen andere Atmosphäre als im restlichen Knast! Das war schon sehr beeindruckend. Nach der ersten Begeisterung für das Programm, als wir ein paar Tage dort gedreht hatten, merkte man, dass noch viel mehr dahinter steckte: Diese Leute bauen eine sehr enge Beziehung zu den Tieren auf, teilweise mehr als sie es wollen. Und dann müssen sie das Tier abgeben, wenn es ausgebildet ist. Als ich mit den Insassen sprach, merkte ich, dass deswegen sehr große emotionale Konflikte entstehen können. Das hat mich so sehr bewegt, dass ich unbedingt etwas Längeres darüber machen wollte – einen Spielfilm. Mit dieser Idee ging ich zu Wüste Film, und sie konnten sich das auch vorstellen!
Sind Sie selbst Hundebesitzer?
Ja, wir haben zwei Hunde. Holle, das ist die Hündin die mir damals quasi den Job verschafft hat, „Dogsworld“ zu drehen, weil sie mir die Hundewelt sozusagen erst eröffnet hat. Und während des Drehs von UNDERDOGS haben wir uns noch einen zweiten Hund angeschafft – Klaus, einen der Filmhunde. Wobei man eher sagen sollte, er hat sich uns angeschafft.
Muss man denn nicht auch Angst haben, dass die Häftlinge den Hunden etwas antun, wenn sie früher gewalttätig waren?
Generell herrscht im Knast natürlich eine große Härte und eine latente Gewaltbereitschaft. Das stimmt. Gefühle sind eigentlich tabu. Das sagt dir da jeder. Wenn du Gefühle zeigst, zeigst du Schwäche. Dementsprechend ist das Motto der Häftlinge: Halt` dich hart und lass dich nicht knacken. Wenn jetzt aber einem so ein Hund auf dem Schoß sitzt, der einfach eine große Liebe hat, und dem es völlig egal ist, was man früher gemacht hat, jemanden getötet oder Einbrüche getätigt, dann kann man gar nicht anders, als eine Beziehung aufzubauen. Und das ist manchmal viel mehr als die Gefangenen erwarten... Ich habe in all den Recherchen und Gesprächen, die wir dort geführt haben, nie gehört, dass es in den Ausbildungsprogrammen Gewalt gegenüber den Hunden gegeben hätte. Nirgendwo. Weil... das einfach ein sehr unerwarteter Freund ist. Außerdem werden die Gefangenen für die Programme auch sehr genau ausgewählt - danach, wie sie sich verhalten haben, was sie gemacht haben. Sie müssen auch mindestens noch zwei Jahre sitzen, damit sie überhaupt eine Beziehung aufbauen können zu dem Hund...sie werden also streng überprüft. Und wenn so etwas auch nur ansatzweise passieren würde, fliegen sie sofort aus dem Programm.
Was haben Sie über Hunde gelernt bei dem Dreh?
Das eine, was ich über Hunde gelernt habe, ist, dass Hunde sozusagen „Routinejunkies“ sind. Dieses Projekt ist deshalb so erfolgreich, weil es nirgendwo sonst auf der Welt eine größere Alltagsroutine gibt, als im Knast. 5 Uhr aufstehen, 6 Uhr Training, 11 Uhr Mittagessen, 13 Uhr Training und so weiter. Und Hunde lieben nichts mehr als Regelmäßigkeit. Darauf können sie sich einstellen, da können sie gut lernen... und sie haben hier eine hundertprozentige Bezugsperson – ebenso wie nachher als Blindenhund – das ist eine wunderbare Voraussetzung. Aber es gibt noch so viel über Hunde zu lernen. Das Spannendste für mich war: Wie kann ein Tier einen Menschen verändern, ihn erst zum Menschen werden lassen? Darum geht es ja in unserem Film.
So wie bei Mosk, der ja durch den Hund den Weg zu seinen Gefühlen findet...
Genau. Die Figur des Mosk war inspiriert durch jemanden, den ich in den USA bei diesem Programm kennen gelernt hatte und vor dem ich erstmal Riesenrespekt hatte: Er ist ein Riesenkerl mit breiten Schultern, tätowierten Unterarmen – das Klischee eines Schwerverbrechers. Aber als ich mit ihm unterhielt, merkte ich, dass er ein butterweicher Kerl war, der – mittlerweile – zu seinen Gefühlen steht. Er hat erzählt, dass das anfangs nicht so war, dass sich das geändert hat durch den Hund. Und diese Geschichte erzählen wir auch bei Mosk. In einem Film muss es immer eine Entwicklung geben, das versuchen wir darzustellen. Aber nicht so, dass aus dem Teufelchen ein Engelchen wird, sondern dass es innerhalb seiner Persönlichkeit eine Entwicklung gibt... dass er sich emotional öffnet, erst dem Tier und dann ansatzweise auch Menschen gegenüber. Man kann sich vorstellen, dass sich durch den Hund sein Leben verändert.
Wie würden Sie die Beziehung zwischen Mosk und der Direktorin Gloria beschreiben?
Die Geschichte zwischen den beiden steht immer an der Schwelle zu einer Liebesgeschichte. Er ist ihre Herausforderung, und sie seine. Da man mit den Hunden nur bedingt reden kann, braucht man eine Figur, mit der er konfrontiert wird, von der er gespiegelt wird. Und das ist die Direktorin. Sie etabliert das Programm, sie ist für ihn der Kontakt zur Außenwelt. Aber die wahre Liebesgeschichte ist eben zwischen Mosk und Grappa, seiner Hündin. Daneben hat keine andere Beziehung wirklich Platz. Das ist wie bei King Kong. Mensch und Tier lieben sich. Nur dass unser Tier etwas freundlicher ist...
Bei guten Filmen möchte man ja immer wissen, was mit den Figuren passiert, wenn der Film zu Ende ist...
Vielleicht erfahren wir das in UNDERDOGS II? Nein, Mosk wird seine Strafe absitzen, das wird noch ein paar Jahre dauern, und er wird durch das Programm neues Selbstbewusstsein bekommen.
Haben sich alle Schauspieler mit den Hunden gut verstanden?
Ja, bevor der Dreh losging hatten wir gemeinsame Trainingseinheiten mit Hunden und Schauspielern. Denn mir war es sehr wichtig, dass die Hunde nicht permanent zum Hundetrainer schauen! Der Anspruch war, dass Schauspieler und Hunde sich aneinandergewöhnen, sich kennen lernen und auch gemeinsam lernen, was sie für die Geschichte können müssen. Dafür mussten wir uns teilweise ein bisschen anstrengen. Wir hatten aber einen tollen Hundetrainer und das hat alles prima geklappt.
Sagen Sie bitte etwas zum Casting - auch die kleineren Nebenrollen wie Kiriakov mit dem russischen Dramaturgen, Schauspieler und Regisseur Wladimir Tarasjanz sind ja hervorragend besetzt.
Kida Ramadan, Torsten Merten, Ingo Naujoks und, und, und. Wir sind sehr glücklich und stolz auf unseren Cast. Das Ensemble ist großartig. Aber die größte Herausforderung war natürlich die Hauptfigur, nach der haben wir sehr lange gesucht. Wir hatten das Glück, dass wir großartige Schauspieler casten konnten, denn das Drehbuch kam extrem gut an. Wir mussten aber jemanden finden, der sowohl von der Figur, als auch vom Alter und seinen spielerischen Fähigkeit da hinein passt. Thomas Sarbacher ist nicht nur ein fantastischer Schauspieler, sondern er brachte auch noch die ganze Körperlichkeit mit. Er war gewillt, eine Menge Krafttraining auf sich zu nehmen, was er jetzt immer noch merkt – an einigen Verletzungen, die er sich dabei geholt hat... Er zeigte sehr großes Engagement und passte einfach wie die Faust auf´s Auge in diese Rolle.
Sie haben in einer echten JVA gedreht...
Wir haben in der JVA Bützow gedreht, nach langem Suchen war das die beste Anstalt für unsere Zwecke. Denn das ist nicht nur ein typisches und visuell sehr spannendes Gefängnis, es hat auch eine engagierte Direktorin, die den Mut hatte, uns da rein zu lassen. Wir haben knapp 20 Tage im geschlossenen Vollzug gedreht! Meiner Kenntnis nach so viel, wie kein anderes deutsches Filmteam vor uns. Das bedeutet: Morgens reinschließen, mittags rausschließen, nachmittags wieder reinschließen, abends rausschließen lassen – das hätten sich nicht viele Gefängnisdirektoren zugetraut, weil es auch ein großes Risiko ist. Uns war dieses Risiko bewusst, und wir haben uns bemüht, die Häftlinge so viel in die Dreharbeiten mit einzubeziehen, wie es nur irgendwie ging. Zum einen haben wir sie als Statisten gebucht: In allen Massenszenen, immer wenn außer unseren sechs Darstellern Gefangene zu sehen sind, sind das echte JVA-Bützow-Insassen. Diese haben ein Casting durchlaufen und dann mit großer Euphorie mitgemacht! Obwohl wir ihnen nicht soviel bezahlen durften, denn die Gefängnisgesetze besagen, dass die Gefangenen mit gefängnisinterner Arbeit nur eine bestimmte Summe einnehmen dürfen, weniger, als wir normalerweise unseren Statisten gezahlt hätten. Also gab es noch Naturalien obendrauf – nach dem Dreh bekam jeder Statist immer Tabak und ein Paket Kaffee... Darum waren wir wohl auch relativ gut gelitten in dem Knast... nach der letzten Szene standen sie dann an den Fenstern und haben geklatscht...wir haben zurückgeklatscht. Das war alles sehr positiv, sie haben fantastisch mitgearbeitet. Und zum anderen haben sie auch Kulissen gebaut, eine ganze Zelle, die wir dann nutzten, um im Studio zu drehen. Wer baut schon bessere Zellen, als Knackis selbst?
Sie haben auch selbst als Schauspieler gearbeitet – hilft das beim Inszenieren?
Ich halte es für extrem wichtig, dass Regisseure auch die andere Seite der Kamera kennen lernen, in irgendeiner Form, und wenn es nur als Statist ist – ich mache das immer wieder in kleinen Rollen, einfach auch, um mich daran zu erinnern, was es für die Schauspieler bedeutet, stundenlang zu warten, um dann plötzlich voll da sein zu müssen. In absolut jeder Situation das Beste zu geben. Ich finde das wichtig für mich als Regisseur, um zu sehen, was man falsch und richtig machen kann. Es gibt ja viel zu lernen: von den Kollegen, oder durch die immer anderen Situationen am Set. Und außerdem macht’s mir richtig Spaß!