Donnerstag | 31. Mai 2012 | 21:04 Uhr
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    Abenteuer, Familie | Deutschland 2009
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      • | Interview mit Paul Maar

      • Wie „werkgetreu" erfolgte die Umsetzung Ihrer Buchvorlage für die Leinwand? Wurden Schwerpunkte anders gesetzt, welche Elemente hinzugefügt oder weggelassen?

        Im Buch kann ich meine Geschichte gemächlich ausbreiten, mit Details ausschmücken, kann mir Abschweifungen erlauben. Der Film muss in 90 Minuten die ganze Geschichte erzählen und sich auf deren Kern konzentrieren. Nebenhandlungen, Nebenpersonen müssen diesen Bedingungen zwangsläufig zum Opfer fallen. So fehlt im Film etwa Lippels Leidenschaft für Sammelpunkte, die als running gag die ganze Buchgeschichte durchzieht. Auch seine liebenswerte Nachbarin, Frau Jeschke, musste draußen bleiben.

        Auf der anderen Seite haben wir im Film Konflikte verschärft. Im Buch verreisen Lippels Eltern für eine Woche und lassen den Jungen in der Obhut von Frau Jakob, deren Niedertracht sich im Lauf der Geschichte herauskristallisiert. Hätten wir diese Konstellation in den Film übernommen, hätte es die Zuschauer nicht elementar berührt. Sie hätten gewusst: Nach spätestens 88 Filmminuten werden Lippels Eltern wieder zurückkommen und Lippels Leidenszeit hat ein Ende.

        Im Film flirtet Lippels alleinerziehender Vater vor seiner Abreise mit der attraktiven Frau Jakob, die sich Hoffnung macht, die zukünftige Stiefmutter Lippels zu werden. Dadurch bleibt der Ausgang des Films offen: Wird es Lippel gelingen, diese Frau loszuwerden oder wird er ihr nun jahrelang ausgesetzt sein?


        Lippel hat - wie viele Kinder - Angst vor der Dunkelheit. Haben Sie als erfahrener Vater einen Anti-Angst-Tipp für Knirpse, die sich nicht bis in den Orient träumen können, um dort Mut zu sammeln?

        Viele Kinder haben Angst vor der Dunkelheit und bitten darum, dass in ihrem Schlafzimmer ein kleines Lämpchen brennen darf oder dass die Zimmertür einen Spaltbreit aufsteht. Ich meine, dass man diese Angst nicht zu wichtig nehmen und nicht Dutzende Strategien anwenden sollte, ihnen diese Angst auszutreiben. Man kann sie einfach akzeptieren. Sie verliert sich früher oder später von selbst.


        LIPPELS TRAUM ist ein Loblied auf die Kraft der Fantasie. Ist die Fantasie in Ihren Augen der wichtigste Motor für eine gesunde kindliche Entwicklung? Gibt es denn noch genug Fantasie in unserem Erwachsenenleben?

        Als Beweis für die Kraft der kindlichen Fantasie kann ich einen Ausspruch unseres kleinen Enkelsohns zitieren: „Weißt du, eigentlich brauche ich gar keine Spielsachen. Ich kann alles auch im Gedanken spielen.“

        Von Erich Kästner stammt der bedauernde Satz: „Manche Erwachsene legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut.“ Ich wünsche mir wirklich, dass manche Erwachsene diesen ihren Hut noch auf dem Kopf trügen.


        Wieviel „Märchen aus 1001 Nacht" stecken in Lippels Traumorient?

        Das Märchen vom stummen Prinzen, dessen erste 30 Zeilen Lippel im Buch liest (bevor es Frau Jakob konfisziert), ist ein Originalzitat aus „1001 Nacht“. Alle anderen orientalischen Abenteuer sind – wenn auch im Geist der Originalgeschichte - fürs Buch frei erfunden.


        Im Film ist Lippels Vater Nobelkoch, Sie entwickeln Ihre Drehbücher in wochenlangen „Klausurtagungen" gemeinsam mit Ulrich Limmer und bekochen ihn dabei. Haben Sie ein Geheimrezept nach dessen Genuss die Ideen nur so aus der Feder fließen?

        Dazu muss ich sagen, dass auch Ulrich Limmer ein guter Koch ist und seine Kochkünste den meinen nicht nachstehen. Ich erinnere mich zum Beispiel an seinen hervorragenden Rinderbraten. Wir haben allerdings festgestellt, dass die Ideen am besten fließen, wenn der Magen nicht zu sehr gefüllt und somit schwer ist. Da empfiehlt sich zum Beispiel ein leichter Chicoree-Salat:
        Chicoree der Länge nach durchschneiden, den festen Strunk entfernen, dann den Chicoree in feine Streifen schneiden und in lauwarmen Wasser mit einem Schuss Essig wässern (damit er die Bitterkeit verliert). In der Zwischenzeit einen Apfel schälen und in kleine Stücke schneiden. Eine halbe, kleine Zwiebel würfeln. Einen Becher Sahne mit dem Saft zweier Mandarinen vermischen, etwas Zitronensaft, Salz und weißen Pfeffer zufügen. Nun den Chicoree unter kaltem Wasser waschen, abtropfen lassen, zusammen mit den Äpfeln und Zwiebelwürfeln in eine Schüssel geben, mit der Sahne übergießen und durchmischen. Dazu essen wir dann gerösteten Reis, und sind uns einig, dass dieses leichte Gericht nicht alle Kreativität verstopft hat.


        Sie beide arbeiten schon zum vierten Mal zusammen. Was ist die Basis Ihrer erfolgreichen Zusammenarbeit und welches Projekt steht nach LIPPELS TRAUM als nächstes an?

        Diese „Basis“ lässt sich schlecht auf einen Nenner bringen. Ich schätze, es ist die gegenseitige Wertschätzung, ein nahezu deckungsgleiches Humor­verständnis, und der Wille, die beste Idee für eine Szene, für einen plot zu finden, egal ob der Einfall dazu nun von Ulrich Limmer oder von mir kommt. Und was zukünftige Projekte anbelangt: Darüber soll man (alter Autoren-Aberglaube!) möglichst nicht zu viel und nicht zu früh reden. Sonst verwirklichen sie sich nicht.

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