Zeichentrick,
Dokumentation
| Deutschland / Frankreich / Israel 2008
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| Interview mit Ari Folman (Regie)
Herr Folman, haben Sie dieses Projekt von Anfang an als animierten Dokumentarfilm geplant?
Ja, in der Tat. Waltz With Bashir war immer als animierter Dokumentarfilm gedacht. Die Idee für den Film hatte ich schon seit mehreren Jahren im Kopf, aber ich war gar nicht glücklich mit der Vorstellung, das auf Video drehen zu müssen.
Wie hätte das ausgesehen?
Männer im mittleren Alter, die vor einem schwarzen Hintergrund interviewt werden und Geschichten erzählen, die vor über 25 Jahren passiert sind, ohne Archivmaterial, das ihre Stories belegen würde. Das wäre so langweilig geworden! Dann kam ich schließlich darauf, das könne man nur mit fantastisch gezeichneten animierten Bildern machen. Krieg ist so surreal, und unsere Erinnerung ist so trickreich, dass ich dachte, es wäre besser, diese Reise in die Erinnerung mit der Hilfe hervorragender Illustratoren anzutreten.
Was war zuerst da – das Verlangen, einen Dokumentarfilm zu machen, oder das Verlangen, einen Animationsfilm zu machen?
Meine Absicht war von Anfang an, einen animierten Dokumentarfilm zu machen. Nachdem ich schon zahlreiche Dokumentationen gedreht hatte, war es richtig aufregend, sich an eine animierte Dokumentation heranzuwagen. In meiner TV-Dokumentarserie The Material That Love Is Made Of [deutsch etwa: „Der Stoff, aus dem Liebe gemacht ist“] hatte ich ein Experiment versucht. Jede Episode begann mit einer dreiminü - tigen animierten Szene, in der ein Wissenschaftler über „die Wissenschaft der Liebe“ sprach. Es handelte sich um einfache Flash-Animation, aber es funktionierte so gut, dass ich zu dem Schluss kam, eine lange animierte Dokumentation könnte ebenfalls funktionieren.
Was können Sie uns über den Animations-Prozess sagen, der für den Film benutzt wurde?
Er wurde zunächst als Videofilm gedreht, basierend auf einem 90 Seiten langen Drehbuch. Gefilmt wurde im Studio, und da raus wurde ein 90- minütiger Videofilm geschnitten. Anhand dieses Videofilms wurde ein Storyboard erstellt, und dann wurden 2300 Illustra tionen gezeichnet, die anschließend animiert wurden. Der Animations Prozess wurde von Chef-Animateur Yoni Goodman in unserem Studio „Bridgit Folman Film Gang“ erfunden. Es ist eine Kombination aus Flash Animation, klassischer Animation und 3D. Es ist mir wichtig klarzustellen, dass dieser Film nicht durch Rotoscope-Animation entstanden ist, das heißt, dass wir das reale Video nicht illustriert und übermalt haben. Wir haben die Bilder mit Hilfe des großen Talents von Art Director David Polonsky und seiner drei Assistenten von Grund auf neu gezeichnet.
Basiert der Film auf tatsächlichen persönlichen Erfahrungen?
Die Geschichte gibt meine persönlichen Erfahrungen wider. Sie schildert das, was ich von dem Moment an durchgemacht habe, als mir klar wurde, dass größere Teile meines Lebens komplett aus meinem Gedächtnis gelöscht waren. Während der vier Jahre, die ich an Waltz With Bashir arbeitete, durchlebte ich eine größere psychologische Krise. Ich entdeckte eine Menge heftiger Sachen in Bezug auf meine Vergangenheit, und gleichzeitig haben meine Frau und ich in diesen Jahren drei Kinder in die Welt gesetzt. Wenn sie aufgewachsen sind und diesen Film sehen, hilft ihnen das vielleicht, die richtige Entscheidung zu treffen – damit meine ich, nie an einem Krieg teilzunehmen, unter gar keinen Umständen.
Hatte es einen therapeutischen Wert für Sie den Film zu machen?
Eine Reise zu unternehmen, bei der es darum geht, eine traumatische Erinnerung aus der Vergangenheit zu klären, bedeutet meist, sich zu einer Langzeit-Therapie zu verpflichten. Meine Therapie dauerte so lange wie die Produktion von Waltz With Bashir: vier Jahre. Dabei gab es eine Entwicklung von düsterer Depression als Ergebnis der Dinge, die man entdeckte, hin zu einer Euphorie darüber, dass der Film schließlich in die Produktion ging und dass die Animation vom Team schneller als erwartet bewerkstelligt wurde. Wenn ich der Typ wäre, der Psychotherapie als Allheilmittel betrachtet, dann würde ich schwören, dass der Film Wunder in Bezug auf meine Persönlichkeit vollbracht hat. Ich würde sagen, das Filmemachen war richtig gut, der Therapie-Aspekt aber eher anstrengend.
Handelt es sich bei den Interviewten um reale Personen, die sich selbst spielen?
Sieben von den neun Interviewten sind die wirklichen Leute. Sie wurden in einem Studio interviewt und gefilmt. Aus persönlichen Gründen wollten Boaz (mein Freund, der den Traum mit den Hunden hatte) und Carmi (mein Freund, der in Holland lebt) nicht vor der Kamera erscheinen, also wurden sie von Schauspielern dargestellt. Ihre Aussagen aber sind real.
Gibt es andere, die ähnliche Erfahrungen wie Sie gemacht haben?
Selbstverständlich. Ich bin nicht allein hier draußen. Ich glaube, Tausende von israelischen Ex-Soldaten haben ihre Erinnerungen tief begraben. Es kann sein, dass sie den Rest ihres Lebens verbringen, ohne dass etwas passiert. Aber eines Tages könnte es aus ihnen herausplatzen und wer-weiß-was für Folgen haben. Denn genau darum geht es beim posttraumatischen Stress-Syndrom.
Wie sehen Sie das Massaker von Sabra und Shatila heute?
So, wie ich es schon immer betrachtet habe: es war das Schlimmste, was Menschen anderen Menschen antun konnten. Eines jedenfalls ist sicher: die christlichen Milizen der Falangisten sind für das Massaker voll verantwortlich. Die israelischen Soldaten hatten nichts damit zu tun. Was die israelische Regierung anbetrifft – nur sie kennt das volle Ausmaß ihrer Verantwortlichkeit. Nur die Regierungsmitglieder wissen, ob sie vorab über die geplante gewalttätige Rache informiert wurden.
Und wie stehen Sie zum Krieg?
Indem ich Waltz With Bashir aus der Sicht eines einfachen Soldaten gemacht habe, bin zu einer Schlussfolgerung gekommen: Krieg ist so unglaublich unnütz. Und er hat nichts damit zu tun, was man in amerikanischen Filmen sieht. Kein Glamour, keine Glorie. Nur junge Männer, die ins Nirgendwo gehen, die auf Menschen schießen, die sie nicht kennen, und die dann nach Hause gehen und zu vergessen versuchen. Manchmal gelingt es ihnen. Meist gelingt es ihnen nicht.