Zeichentrick,
Dokumentation
| Deutschland / Frankreich / Israel 2008
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| Die Protaginisten
BOAZ REIN-BUSKILA
Aris Freund, der von aggressiven Hunden träumt
Er ist nicht gerade der typische Buchhalter, und doch ist seine Arbeit seine ganze Welt. Daher war es klar, dass der Traum von den Hunden, die kommen, um ihn zu töten, draußen vor der Firma spielen musste, in der er ein Juniorpartner ist. Boaz' Forderung, Ari müsse ihm helfen, eine Lösung für seine Alpträume zu finden, ist ein Standardmuster im Rahmen ihrer Beziehung, ein Muster, das seit 30 Jahren immer wieder auftaucht. Als ob – so jedenfalls ist es Boaz' unerschütterliche Vorstellung – Individuen, deren Geschäft die Fantasie ist, sich näher an der wirklichen Welt befinden als jene, deren Geschäft Mathematik ist. Boaz’ Besessenheit in Bezug auf seine Träume gleicht sehr seiner Besessenheit in Bezug auf Mathematik, Statistiken, Zahlen aller Art sowie allen Dingen, denen eine absolute Wahrheit innewohnt und über die es keine Diskussionen gibt. Er weigerte er sich, im Film aufzutreten, und seine Geschichte wird von einem professionellen Schauspieler gesprochen. Sein Gesicht ist reine Fiktion. Doch Boaz’ Äußerungen waren einer der Gründe dafür, dass Ari die einmalige Form für Waltz With Bashir entwickelte.
ORI SIVAN
Aris bester Freund, Filmemacher und Hobby-Psychiater
Er ist zweifellos Aris bester Freund und die Person, die ihm nach seiner eigenen Familie am nächsten steht. Seit sie gemeinsam in Haifa aufgewachsen sind, ist Ori Aris persönlicher Seelenklempner, ein Stehgreif-Therapeut, der immer zur Verfügung steht, wenn es um Probleme geht, die mit Liebe, Freundschaft, Traumata oder Verdrängtem aller Art zu tun haben. Und das alles ungeachtet der Tatsache, dass Ori tagsüber ein in Israel hoch angesehener Regisseur von Fernsehfilmen und -serien ist. Ihre Freundschaft, die im Alter von 13 Jahren begann, nahm eine interessante Wendung, als sie zusammen die Filmschule an der Universität von Tel Aviv besuchten und ihre ersten beiden Filme Comfortably Numb und Saint Clara gemeinsam inszenierten. Bis heute arbeiten sie bei Fernsehserien zusammen, und eine davon diente HBO als Vorlage für ein US-Remake. Ori ist ein Familienmensch. Er zieht fünf Kinder in einer abgelegenen Siedlung in der Negev-Wüste im Westen Israels groß.
RONNY DAYAG
Panzersoldat, auch genannt „Der Schwimmer“
Einst, vor etwa vierzig Jahren, machten sich acht Wettbewerber in kleinen Segelbooten daran, in einem gnadenlosen Rennen die Welt zu umrunden, um den „Golden Globe“ zu gewinnen. Vor und nach dem Rennen wurden sie von einem renommierten Psychiater untersucht. Der Psychiater benutzte den widersprüchlichen Begriff „beunruhigend normal“, um seine Diagnose des Gewinners in Worte zu fassen. Der Mann hatte ein Jahr lang in einer acht Meter langen Nussschale die schrecklichsten Stürme, ständige Todesangst und Schwärme hungriger Haie ertragen. Nichtsdestotrotz fand man ihn so normal und frei von jeglichem Trauma, dass der Psychiater, der die Diagnose gestellt hatte, jeglichen Glauben an seinen Beruf verlor, in dem er als Genie galt. Als Ronny Dayag die Rechercheurin für Waltz With Bashir für ein Vorab- Interview traf, lautete seine erste Reaktion: „Zweiundzwanzig Jahre habe ich auf diesen Telefonanruf gewartet – darauf, dass jemand kommt und meine Geschichte aufschreibt.“ In jedem Krieg gibt es die unterschiedlichsten Anti-Helden, aber unser Ronny ist der Anti-Held par excellence. Der Mann, der das Schlachtfeld verließ und nach Hause schwamm, ist heute ein anerkannter Ernährungswissenschaftler, ein Doktor der organischen Chemie, Manager eines riesigen Labors in Tnuva, das der Firma gehört, die als Mono polist die israelische Milchwirtschaft beherrscht. Als die Rechercheurin ihn verlies, völlig schockiert von seiner Kriegs- Geschichte, hatte sie nur eines über ihn zu sagen: „Er ist so normal, dass ich total beunruhigt bin.“ Die unglaubliche Geschichte, die im Film verknappt wiedergegeben wird (und doch die meiste Leinwandzeit von allen Interviewten in Anspruch nimmt), lässt einen tief in Gedanken versinken: Wie kann es sein, dass dieser Mann, der – den Tod vor Augen – der Hölle um Haaresbreite entkommen ist, aus der ganzen Sache so beunruhigend normal hervorgegangen ist? Und wenn er tatsächlich heil und gelassen aus der Sache herausgekommen ist, was sagt das aus über uns und unsere kleinen Traumata, die wir durchleben, und über die wir uns ständig beschweren?
CARMI CNA'AN
Aris Freund, der in Holland lebt
Waren Ari und Carmi wirklich enger befreundet, als sie noch Teenager waren, im Gegensatz zu ihrer jetzigen Beziehung als Mittvierziger? Haben Sie sich so kühl und distanziert behandelt wie es in Waltz With Bashir den Anschein hat? Gute Frage. Es darf bezweifelt werden, ob die zweifache Begegnung im Film darauf eine Antwort geben kann. Manchmal trübt eine Trennung von zwanzig Jahren oder mehr eine Freundschaft und ist verantwortlich dafür, dass all die Ereignisse verblassen, die sie als Jugendliche erlebt haben. Carmi hat es weit gebracht. Am Gymnasium war er ein genialer Schüler, der in allem, für was auch immer er sich entschied, Erfolg hatte. Er entschied sich für den New-Age-Weg, lange bevor irgend jemand wusste, was New Age bedeutet. Wenn man heute darüber nachdenkt, kann man deutlich erkennen, dass Carmi Mitte der achtziger Jahre ein Pionier war. Wütend ließ er alles hinter sich und lebte lange Jahre in einem Ashram in Indien. Er verinnerlichte und perfektionierte den so genannten „Buddhismus light“, den Bhagwan Shree Rajneesh, der berühmte Guru in der Stadt Poona, für die kapitalistische westliche Welt orchestriert hatte, und brachte die frohe Botschaft aus Indien nach Zentral-Europa. Was heute für junge Israelis, die ihren Militärdienst hinter sich haben, eine offensichtliche Option zu sein scheint, wurde damals als „selbstmörderisch“ betrachtet. Carmi bezahlte dafür mit langjähriger Trennung von seiner Familie in Israel. Doch in den letzten Jahren hat er ein neues Interesse an allem entwickelt, was er vor zwanzig Jahren verlassen hat. Eine holländische Frau und drei Kinder haben ihn von dem Land ferngehalten, in dem er geboren wurde, und vielleicht haben ihm die Begegnungen mit Ari Unbehagen und Kummer bereitet. Im letzten Moment, zwei Tage vor Beginn der Dreharbeiten, weigerte Carmi sich, sein Gesicht im Film zu zeigen, und seine Geschichte wird von einem professionellen Schauspieler erzählt.
SHMUEL FRENKEL
Der Patchouli-Liebhaber
Kurz vor der Welturaufführung von Waltz With Bashir nimmt Shmuel Frenkel zum ersten Mal am „Iron Man“- Wettbewerb in Frankfurt, Deutschland, teil. Er schwimmt vier Kilometer, fährt achtzig Kilometer Fahrrad und läuft dann noch über die volle Marathon- Distanz. Ein simpler Triathlon-Wett - bewerb oder ein Marathon-Lauf im höllisch heißen Juli sind nicht mehr genug. Physische Herausforderungen verflüchtigen sich vor seinen Augen. Er betrachtet Aktivitäten, die körperliche Anstrengungen und geistige Ausdauer erfordern, als nicht weiter der Rede wert. Frenkel blieb noch lange Jahre in der Armee, nachdem er an jener verfluchten Kreuzung in West-Beirut Walzer getanzt hatte. Er spezialisierte sich auf verschiedene Martial Arts, und acht Jahre hintereinander war er israelischer Champion in einer exzentrischen Variante, die als „Dennis' Survival“ bekannt ist. Im Wesentlichen geht es dabei darum, sich gegenseitig so lange die Schädel einzuschlagen, bis einer sich ergibt. Alles ist erlaubt! Frenkel ist der älteste Mitstreiter, der je diesen Wettbewerb gewonnen hat, und dabei begann er erst zu trainieren, nachdem er schon dreißig geworden war. Wer auch immer mit Frenkel in der Armee gedient hat, kennt auch seine Frau Miri sehr gut, die ihn ungeachtet der strengen Militärbestimmungen während seiner gesamten Dienstzeit begleitet hat, außer wenn er zu Kommando unternehmen abkommandiert war. Irgendwie fand sie immer eine Möglichkeit, am Ende des Tages in seinem Zelt auf ihn zu warten oder sich heimlich mitten in der Nacht an den abgelegensten Orten dieses Planeten zu ihm zu schleichen. Miri, die er Yoko nennt, war immer da. Niemand hat je herausbekommen, wie sie das geschaffthat. Ach ja, die beiden sind glücklich verheiratet und haben fünf Kinder.
RON BEN-YISHAI
Fernseh-Journalist
Zweifellos der größte und wichtigste israelische Kriegsberichterstatter aller Zeiten, ein Mann, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere zu einer wahren Legende wurde. Ron Ben-Yishai wurde dreimal verwundet, während er über blutige Schlachten berichtete, zweimal während des Zermürbungskriegs in den späten Sechzigern, und einmal im Kosovo. Und als ob das noch nicht genug wäre, wurde ihm die Ehrenmedaille des Generalstabschefs verliehen, die höchst Auszeichnung für Tapferkeit, die ein israelischer Soldat erhalten kann, weil er in ein heftiges ägyptisches Bombardement geriet, während er beim Yom-Kippur-Krieg für das Fernsehen berichtete und dabei eigenhändig viele verwundete Soldaten rettete. Kein Zweifel, dieser Mann ist eine Legende! Er hat sich dem kollektiven israelischen Gedächtnis eingeprägt durch vierzig Jahre Berichterstattung, vom Sechs-Tage-Krieg und von allen anderen israelischen Kriegen bis heute, und durch seine Berichte aus Bagdad, während im Hintergrund des Bildes Dinge passierten, die einem das Blut in den Adern gefrieren ließen. Daher ist es nur natürlich, dass Ari sich gut an ihn in West-Beirut erinnert – wie er angstfrei und aufrecht durch den Kugelhagel marschiert, die Hölle mit offenen Augen betrachtend, ganz gelassen. Höchstwahrscheinlich haben viele ehemalige israelische Soldaten aus zu vielen Kriegen das gleiche Bild dieses Mannes vor Augen. Ron Ben-Yishai hat einen hohen Preis bezahlt für das nächtliche Telefongespräch, in dem er Verteidigungsminister Arik Sharon von dem Massaker in den Flüchtlingslagern Sabra und Shatila berichtete. Sharon, der es vorzog, in dieser Nacht nichts zu unternehmen, um das Massaker zu stoppen, hat das nie vergessen, und zwanzig Jahre lang sorgte er dafür, dass Ron Ben-Yishai bei der Israeli National Broadcasting Corporation nicht in eine verantwortungsvolle Position befördert wurde.
DROR HARAZI
Panzerkommandant in der Sabra- und Shatila-Zone
Dror Harazis größter Traum seines Lebens war, Armeegeneral zu werden wie sein Vater. Viele Familienmitglieder waren Militärs. Doch irgendwie wollte es das Schicksal anders, und Harazi fand sich an jenem grausamen Nachmittag vor den Toren des Flüchtlingslagers Shatila wieder. Er war an der Front mit der Panzer-Schwadron, die er kommandierte.
Und obwohl er alles tat, um auf die Situation aufmerksam zu machen, wurde er schließlich zum ultimativen Opfer des Systems. Der kleine Mann, der Torwächter, der Mann, der letztlich immer den Preis für Verbrechen bezahlt, an denen größere – weit größere – Männer die Schuld tragen. Harazi wurde vorzeitig aus der Armee entlassen, unehrenhaft, praktisch ohne Erklärungen. Es war bequem, ihm die Schuld zu geben, einem stillen und passiven Mann, der diese Schmach jetzt sein ganzes Leben lang mit sich herumtragen muss. Das lässt einen nicht mehr los. Wenn man nur auf ihn gehört hätte, hätten hunderte oder tausende von Leben gerettet werden können. Harazi betrachtet seine Mitwirkung in Waltz With Bashir als eine Notwendigkeit, als einen Aufschrei, als einen weiteren Versuch, seine Geschichte zu erzählen, obwohl er ganz genau weiß, dass jetzt nichts mehr die Geschichte ändern kann.