„Diese Reise führt ins Nichts. Insofern bin ich am Ziel angelangt. Das Unbekannte war es, was ich gesucht hatte. Auf dem Jakobsweg hatte mir im Jahr 3 vor Kerkeling eine Japanerin von Shikoku erzählt. Pilgern ist immer ein Aufbruch ins Ungewisse, ins Alltags-Ferne, ins Religiöse, in Mythos, Mystik und Magie. Das geht noch intensiver dort, wo man nichts versteht, etwa weil alles in fremden Zeichen geschrieben ist. Wo es kein Verstehen gibt, hören Selbstverständlichkeiten auf.
Nicht weiß ich, wie tief man sich japanisch korrekt verbeugt (tief!), isst (hastig!), die Nase putzt (nicht schnäuzen, hochziehen!), badet (erst schrubben, dann tunken!). Dabei ist hier wichtiger als anderswo, alles richtig zu machen. Ein gewisser Autismus mag dem Japaner wesensgemäß sein. Jedenfalls ist auch das Pilgern stärker reglementiert als anderswo: Sutren rezitieren, Münzen spenden, Rituale vor den Tempeln, das Ritual der Waschung oder des Abendessens. Die Tapsigkeit des Ausländers wirkt da automatisch rebellisch oder clownesk – zumal der Ausländer an sich bereits ein Exotikum abgibt. Davon gibt es hier im Jahr vielleicht ein Dutzend.
Um jedem Vorwurf zuvorzukommen, lächle ich. Ich lächle reflexhaft das Lächeln dessen, der auf Wohlwollen angewiesen ist. Ich lächle, obwohl ich mich ständig verlaufe, weil die roten Pfeile, die an Lampen und Stämmen kleben, so klein sind, dass man sie erst sieht, wenn man weiß, wo sie sind. Mein Weg ist der Irrweg. Dauernd lasse ich mir auf der Karte meinen Standpunkt erklären, verstehe nichts, reime mir etwas zusammen, stets falsch. (...)
Als Pilger wird man nicht schlau, sondern egozentrisch. Ein Pilger ist immer hungrig, ein schwarzes Loch, das zufällige Phänomene verschlingt, um sie zu Sinngebilden zu verdauen. Es muss Sinn ergeben, dieses endlose Latschen. Jede Blase, jeder Stich, jede Prellung muss zu irgendetwas gut sein. Sinnpflaster lindern. Allein sein ist schön – solange man als Alleinseiender gewürdigt wird. An dieser Stelle springen Religionen bei und füttern die Schlunde mit Sinnzeichen.“